11. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Was mir die Brüste von Sophia Thomalla sagen · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , ,

Einer der Vorteile von öffentlichen Verkehrsmitteln ist, dass man manchmal auf verwaisten Sitzen Lesestoff findet: mal eine Mopo, mal einen Spiegel, in Bussen der PVG gibt es sogar einen florierenden (und alles andere als unsympathischen) Tauschhandel mit ausgelesenen Büchern. Im Bus der Linie 37 (jener Linie, über die Matthias zumindest früher regelmäßig bloggte) allerdings finde ich heute keinen interessanten Lesestoff, sondern nur das Tageszeitungszeitungssurrogat aus dem Hause Springer, das ich hier ungern verlinke, das ich auch nicht berühren, nein, das ich nicht einmal anschauen möchte.

Von der heutigen Ausgabe allerdings grinsen mich zwei Frauenbrüste an, und da werfe ich dann doch noch einen Blick auf den Nebensitz (so weit, dass ich das Druckerzeugnis anfassen würde, geht mein Interesse aber doch nicht). Diese Brüste gehören anscheinend einer Sophia Thomalla, die ich nicht kenne, die aber, wie ich nach kurzer Recherche rausfinde, die Tochter der Schauspielerinnendarstellerin Simone Thomalla ist, und die ist ein Grund, wenn auch nicht der einzige, weswegen ich mich weigere, den „Tatort“ aus Leipzig zu schauen. Soweit, so uninteressant, ich wende den Blick ab und freue mich auch ein bisschen, als ein bulliger Typ an der Station Reeperbahn zusteigt und die Zeitung voller Verachtung auf den Boden pfeffert.

Nun ist es aber so, dass ich (von Berufs wegen, klar) verhältnismäßig häufig Fotos von nackten Körpern anschaue. Und im Vergleich ist zumindest das Foto der Thomallatochter recht bemerkenswert: weil überhaupt nicht klar ist, was die Fotografin (Irene Schaur, die eine ganze Strecke mit Thomalla für den Playboy fotografiert hat, den Playboy, der, nebenbei erwähnt, auch schonmal prominentere Models hatte als die Töchter von B-Promis) mit diesem Bild eigentlich will. Erst einmal geht es auf dem Bild nicht um Sex. Frau Thomalla ist zwar nackt, die Art, wie sie da sitzt (mit übereinander geschlagenen Beinen, anmutig, aber nicht paarungswillig, lüstern oder obszön) wirkt weniger lasziv als vielmehr verkrampft. Ich meine: die Armhaltung! Thomalla schaut dem Betrachter direkt in die Augen, das hat etwas Aufforderndes, aber auch nicht im sexuellen Sinne, eher so, dass man denkt, sie höre einem in einer angeregten Diskussion zu, man redet sich gerade um Kopf und Kragen, und sie weiß schon, dass sie gleich ein Bonmot bringen wird, das die eigene Argumentation wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt. Was aber nicht schlimm ist, wir sind hier zwar nicht einer Meinung, aber alles in allem geht es um einen gleichberechtigten Austausch von Argumenten, und sie hat einfach die besseren. Angeblich gab es vor einigen Jahren mal den Versuch, Nacktinterviews zu führen – vielleicht ist das Bild ja gar kein künstlerisches Aktfoto, vielleicht haben die Springer-Kollegen ja ein Nacktinterview geführt, und das ist einfach die Bebilderung, ein Foto von der Interviewsituation. (Blöde Idee, okay.)

Aber, gut, das Foto hat nichts mit Sex zu tun, und eigentlich muss es das auch gar nicht – es gibt ja noch andere Situationen, in denen man nackt ist. Unter der Dusche, im Bett, in der Sauna. Auf einem Thron, flankiert von zwei wolfsähnlichen Hunden. Äh, nein, das nun doch nicht. Nichts an diesem Bild passt, nicht die Nacktheit, nicht das eigenartige Ambiente (so ziemlich der gesamte Boulevardjournalismus weiß, dass es sich um das österreichische Schloss Moosham handelt), nicht das Setting. Das Foto ist weder sexy, noch ist es dokumentierend, noch ist es verschwiemelt, es ist eigentlich fast gar nichts. Das einzige, was man dem Foto zu Gute halten kann: Womöglich hat es tatsächlich einen eigenen Wert. Eine unmotivierte Nackte in einer unwirklichen Umgebung, flankiert von eigenartigen Hunden – das kann nur ein Traum sein. Und Irene Schaur wäre dann diejenige, die ein Bild für diesen Traum gefunden hätte, Irene Schaur wäre also eine Surrealistin. Die Renaissance des Surrealismus im Jahr 2012, auf einem Aktfoto in einem Erotikmagazin, das auch schon bessere Tage gesehen hat.

(Ich unterstütze Initiativen wie „Alle gegen Bild“. Und regelmäßiger Bildblog-Leser bin ich auch.)