03. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (November 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , ,

Ich zähle die Google-Anfragen nach „Devid Striesow schwul“ nicht mehr. Sie langweilen mich, sie ärgern mich. Hallo: Striesow ist Schauspieler, und er hat einmal einen Schwulen gespielt, mit einigem Geschick, aber das heißt nicht, dass er tatsächlich schwul ist. Was googlet ihr denn sonst noch so? „Ulrich Tukur Mörder“? „Bruno Ganz Hitler“? Das Ärgerliche an solchen Anfragen: Indem man sie beantwortet, indem man sagt „Nein, Devid Striesow ist nicht schwul, Frau und Kind hat er, und Wikipedia hilft schnell weiter“, stellt man eine Wertung her, nach der Homosexualität etwas Peinliches ist, etwas, das gerade gerückt gehört. Gehört es nicht, sonst ist man ganz schnell auf Bettina-Wulff-NIveau. Außerdem sind andere Googleanfragen ohnehin interessanter.

1. „gießen wordpress uni freundin besuch“ wurde siebenmal gesucht. Das ist spannend, weil sich da eine Geschichte hinter versteckt. Ich war ja an der Uni Gießen, ich hatte da eine Freundin, und nachdem ich nach Berlin gezogen war, fuhr ich trotzdem immer noch hin und wieder dorthin, auf Besuch. Eine weitgehend schöne Geschichte, das.

2. „hoden streicheln“ macht auf jeden Fall Spaß. Äh, alleine, oder zu mehreren?

3. „witze zu martini“ In den Achtzigerjahren entwickelten sich die James-Bond-Filme zur mal mehr, mal weniger lustigen Witzereihe, und weil 007 gerne Martini trinkt, dürften da auch ein paar Witze gemacht worden sein. Mal wieder „Octopussy“ gucken?

4. „hamburg weltmännisch münchen provinziell“ Das will ich aber wohl meinen! (In München sieht man das wohl en wenig anders.)

5. „axel prahl doof“ Ach, das kann ich mir nicht vorstellen, dass der Herr Prahl doof ist. Ich finde ja, der ist ein ganz guter Schauspieler, der leider mit dem Münsteraner „Tatort“ ziemlich doofe Filme dreht. Allerdings scheint er diese Filme selbst recht gut zu finden, was natürlich wieder Rückschlüsse auf Prahls Intelligenz zulässt.

6. „schubladen she she pop zusammenfassung“ Eigentlich würde ich ja sagen: Schaut euch She She Pops tolles Stück „Schubladen“ selbst an, die können ein paar Zuschauer brauchen. Aber ich will mal nicht so sein: Es gab einmal ein Land im Westen, und es gab ein Land im Osten. Diese beiden Länder wurden zusammengespannt. Aber die Bewohner dieser Länder wissen nicht, was sie miteinander reden sollen: Sie haben ja nichts gemein. Ausführlichere Gedanken habe ich mir hier gemacht.

7. „motzen im kommentarbereich“ Das geht mir ja sowas von auf den Keks!

8. „kostenlose deutschsprachige pornofilme von schwulen u ältern omas“ Ich bin immer wieder überrascht, wie genau ausformuliert manche Fetische sind. Hier zum Beispiel: Ich verstehe das richtig, dass sich die Schwulen und die älteren Omas (nebenbei: Sind die nicht immer älter?) treffen sollten? Oder sind die Omas schwul? Das wird in der Anfrage nicht so ganz klar. Außerdem: Die Filme sollten deutschsprachig sein, das ist wichtig, damit man die Handlung versteht. Und kostenlos, jaja, diese Kostenloskultur im Internet, damit macht man auf lange Sicht natürlich mein Einkommensmodell kaputt. Aber vielleicht sattle ich ja auf schwule Oma um.

„Die Folter endet nie/Wir werden dennoch siegen.“

(Tocotronic)

Mein erster James Bond-Film war „Octopussy“ (1983), gleichzeitig auch mein letzter, den ich für die folgenden 29 Jahre im Kino sehen sollte – James Bond war damals ziemlich klasse für mich. Zunächst fand ich diese im Grunde formelhaften Agentenkomödien tatsächlich spannend, nach einer Weile gefiel mir auch die Freizügigkeit der Geschichten (was das mit meinem Frauenbild angerichtet hat, darüber möchte ich mir lieber keine Gedanken machen), dann die Schauwerte der exotischen Drehorte, schließlich auch die kaum verhüllten SM-Bezüge und den Zynismus. Bis ich so 17, 18 war, dann verweigerte ich mich. James Bond zeigte nämlich, so behauptete ich, den Sozialismus im falschen Licht (ich war ein unvorstellbar humorloser Jugendlicher), außerdem war das Frauenbild nach dem Schema „Held vögelt Schönheit, die kurz darauf gemeuchelt wird, und kommentiert das Ganze mit einem lockeren Spruch“ womöglich auch diskutabel. Vor ungefähr zehn Jahren entschloss ich mich dann, dass ich über diesem Frauenbild stehe und dass die Diskussion „Sozialismus oder Kapitalismus“ womöglich nicht unbedingt auf der Folie des Popcornkino geführt werden muss. Und holte nach, was ich in den Jahren der Humorlosigkeit verpasst hatte, schaute DVD um DVD, die Vintage-coolen Filme mit Sean Connery, das gerne vergessene George Lazenby-Gastspiel, die bieder-ironischen Roger-Moore-Komödien, die Actionthriller mit Timothy Dalton und die von der Zeit überholten Pierce Brosnan-Filme, die in einer Epoche spielten, in denen man eigentlich keine coolen Geheimagenten mehr brauchte. Und ich schaute natürlich die Neuerfindung der Serie mit Daniel Craig, als sich James Bond mit Regisseuren wie Marc Forster und Sam Mendes zum anspruchsvollen Kunstkino hin öffnete. Alles auf DVD, bis jetzt. Jetzt schaue ich „Skyfall“, im Kino.

„Skyfall“ wurde fast durch die Bank gelobt, ein ernster Film sei das, das Männerbild werde vom Kopf auf die Füße gestellt, ganz still, ohne blöde Witze würden Geschlechterbeziehungen verhandelt, außerdem sei der Bösewicht Silva (Javier Bardem) die viel interessantere, tiefgründigere Figur. Dazu ist zu sagen: Eigentlich war bislang in jedem halbwegs gelungenen James-Bond-Film der Bösewicht die interessantere Figur, zumindest, solange er nicht allzusehr als Karrikatur des Bösen angelegt war. Und zum auf die Füße gestellten Männerbild, naja … Es gibt eine Szene, in der Silva dem gefesselten Bond (Daniel Craig, der mit gerade mal 44 Jahren schon recht alt daherkommt) durchaus sexuell konnotiert nahe kommt, was von manchen Kritikern als queere Neudeutung der Figur gelesen wurde – ich denke, das ist eine Überinterpretation. Wenngleich man natürlich konstatieren muss, was für ein Quantensprung das sexualpolitisch ist, im Vergleich zum schwulen Killerpärchen Mr Wint (Bruce Glover) und Mr. Kitt (Putter Smith) in „Diamonds are forever“ (1971). Und zur Frage der Geschlechterbeziehungen: Bond gebraucht immer noch Frauen, die (Bérénice Marlohe!) erstens toll aussehen und zweitens nach dem Beischlaf ohne viel Federlesens entsorgt werden, so wirklich eine Entwicklung sehe ich da nicht. Allerdings: Die Formel „1.) Beiläufiger Sex mit eine Figur, die später nicht einmal mehr erwähnt wird 2.) Sex mit einer sympathischen Figur, die kurz darauf von den Bösen umgebracht wird 3.) Sex mit einer Figur, die sich später als Böse entpuppt und kurz vor Schluss von Bond umgebracht wird, gerne auch mit einer sadistischen Wendung und schließlich 4.) abschließender Sex mit einer Figur, die den gesamten Film über nervte, sich zum Schluss aber als Verbündete entpuppt“ wird hier nicht weiter geführt. Eigentlich hat Bond nur einmal Sex (am Anfang, mit einer Strandbekanntschaft in der Türkei, zählt nicht, da ist unser Held ja auch dauerbetrunken), recht unvermittelt, und entsprechend doof ist die Szene in ihrer Unter-der-Dusche-Softporno-Ästhetik auch – zumindest, wenn ich richtig verstanden habe, dass die neu eingeführte Miss Moneypenny (Naomie Harris, Moneypenny ist jetzt dunkelhäutig, solch ein eindeutiges Bekenntnis zum multikulturellen England wäre früher auch nicht möglich gewesen!) Bond nicht vögelt sondern nur rasiert.

Überhaupt macht Regisseur Sam Mendes das gar nicht ungeschickt: Er baut in „Skyfall“ Standardsituationen auf, die er minimal abändert und gibt dem Film damit einen anderen, etwas modernen Dreh. Natürlich werden exotische Locations abgefilmt (obwohl, „exotisch“: Istanbul und Shanghai, da kommt man mittlerweile auch problemlos mit Pauschalarrangements hin), nur um nach ungefähr 50 Minuten in die Londonor U-Bahn abzutauchen, wo dann lehrbuchgerechte aber Bond-untypische Großstadtaction abgefeiert wird. Wie immer hat der Bösewicht ein Versteck auf einer eigenen Insel – wobei es sich in „Skyfall“ um die japanische Insel Hashima handelt, und die ist keine Kommandozentrale des Bösen, sondern nur eine trostlose Ruine. Und der Titelsong Adeles ist beim ersten Hören stilvoller Retrosoul („Langweilig!“ motzt die kluge, schöne Frau, ein wenig hat sie recht), beim zweiten Hören aber ein nicht uncooles Zitat wirklich großer Bond-Songs, das hübsch in eine videoclipartige Titelsequenz eingewoben wird. Um ehrlich zu sein, wünscht man sich ein wenig, dass diese Titelsequenz überhaupt nicht mehr aufhört, immer noch mal ein Crescendo, „Let the Sky fall!“

„Skyfall“ ist natürlich nicht spannend, aber der Film macht Spaß. Man schaut zwei Stunden (verhältnismäßig altmodischer) Action zu, freut sich über mehrere selbstironische Brechungen (wer hat eigentlich den Blödsinn verzapft, dass dieser Film so unglaublich ernsthaft sei?) und amüsiert sich alles in allem nie unter Niveau. Es geht eben um alte Männer (und Frauen: Judy Dench als Bonds Vorgesetzte M hat weitaus mehr zur Handlung beizutragen als sonst), die sich irgendwie gegen das Alter auflehnen: mittels Physis, mittels Emotion, mittels Sex. Ist okay, darf man machen, das ist weitaus mehr als die Pseudocoolness früherer Bond-Entwürfe. Als Neuerfindung einer Figur aber taugte Daniel Craigs Bond-Debüt „Casino Royale“ (2006) mehr als „Skyfall“, ich mein‘ ja bloß.