Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Ich lese ja praktisch keine Krimis. Die interessieren mich nicht besonders, auch wenn ich weiß, dass es da literarisch recht anspruchsvolle Exemplare gibt: Es gibt auch literarisch überaus anspruchsvolle Science-Fiction-Romane, die lese ich praktisch auch nicht, weil sie mich nicht interessieren. Meine Güte, ich lese schon nicht alles, was mich interessieren würde, weil ich keine Zeit habe, weswegen soll ich dann Sachen lesen, die mich nicht interessieren? Zumal ich glaube, dass „Der Sturm“, ein sogenannter „Schwedenkrimi“ von Per Johannson auch nicht wirklich zu den literarisch spannendsten Beispielen zählt. Jedenfalls, Per Johannson ist ein Pseudonym. Und zwar von Thomas Steinfeld und Martin Winkler, und Thomas Steinfeld ist Feuilletonchef der geschätzten Süddeutschen Zeitung. In „Der Sturm“ wird ein Journalist ermordet, und dieser Journalist trägt die Züge von Frank Schirrmacher, Feuilletonist und Mitherausgeber der weniger geschätzten aber geachteten Frankfurter Allgemeinen Zeitung, so genau habe ich das nicht verstanden, und, wie gesagt, es interessiert mich eigentlich auch nicht besonders. Alles in allem ist „Der Sturm“ wohl so eine Art Hahnenkampf unter so Journalisten-Alphatierchen, und wenn mich etwas noch weniger interessiert als Kriminalromane, dann sind das Alphatierchen.

Jan Fleischhauer, notorisch unorigineller Rechtsausleger beim Spiegel hat das in einem für Fleischhauer-Verhältnisse ganz amüsanten Text so ähnlich analysiert. Es geht weniger um den Roman (der, wie ich annehme, das Lesen nicht lohnt, andererseits, woher nehme ich eigentlich diese Arroganz?), es geht über weite Strecken um die Person Schirrmacher, und weswegen Fleischhauer dem kritisch gegenüber steht, schließlich auch, weswegen er ihn eigentlich bewundert. (Man müsste sich wirklich mal Gedanken darüber machen, inwiefern dieser typisch rechte Hass auf alles Fremde in Wahrheit ein entsetzlich verkehrt sublimiertes homoerotisches Begehren darstellt.)

Und dann, in den letzten beiden Absätzen seines Textes, schmeißt Fleischhauer alles um. Plötzlich geht es nicht mehr um Schirrmacher und Steinfeld und Schwedenkrimis, plötzlich geht es ums Feuilleton. Fleischhauer schreibt:

Feuilleton ist in erster Linie Peergroup-Journalismus: Der eigentliche Adressat sind nicht die Leser, von denen der Chefredakteur ständig quasselt, sondern die Kollegen in den anderen Kulturabteilungen, also etwa 200 bis 300 Leute, die hoffentlich gehörig davon beeindruckt sind, wie virtuos man die Pussy Riots durch die Adorno-Mühle gedreht oder ein völlig unauffälliges Bürogebäude zum hässlichsten Hochhaus Berlins erklärt hat.

Man teilt sich die Vorurteile, die Kneipen und praktischerweise auch die Wohnviertel, also etwa fünf Kilometer rund um das Grill Royal in der Mitte der Hauptstadt. Kein Wunder, dass sich umgekehrt jemand allein durch die Tatsache verdächtig macht, wenn er dort nicht verkehrt, sondern lieber an seinem See am nächsten Bestseller sitzt. Das ist zwar ebenfalls elitär, aber auf eine so exzentrische Weise, dass es für diese Art kleinkollektiver Dünkelhaftigkeit völlig ungeeignet bleibt

Ich weiß nicht, weswegen Fleischhauer das macht. Ich fürchte, er saß am Ende seines Texts und stellte fest: „Meine Güte, ich habe einen ganzen Artikel geschrieben, und ich habe bisher kein einziges Mal auf eine Verschwörung hingewiesen, auf linke Eliten, die sich zusammenrotten und dem gesunden Volksempfinden mittels Political Correctness vorschreiben, was es zu denken hat! Das geht nicht, da muss ich noch ein Feindbild konstruieren, und weil Islam, Feministinnen oder Grüne partout nicht in meinen Text passen, nehme ich eben das Feuilleton.“ Wenn ich, Falk Schreiber, da mal aus meinem Nähkästchen plaudern darf: Ich glaube, der Adressat meiner Texte sind sehr wohl die Leser. Eigentlich war es in jeder Kulturredaktion, in der ich bislang war (und so wenige sind das ja nun nicht) so, dass einem immer eingebläut wurde, dass man bei seinen Texten nicht an ein Fachpublikum zu denken habe, auch nicht an die Redakteurskollegen, sondern bitte immer an die Leser. Und in der Regel wurde das auch immer befolgt. Ich glaube, der einzige, der diesem Ratschlag nicht folgt, ist der politische Feuilletonist Jan Fleischhauer: Der schreibt nicht für Leser, der schreibt dafür, dass Kollegen wie ich den Artikel lesen und sich beleidigt fühlen.

Wenn man allerdings die Kommentare unter dem Text liest, dann stellt man fest, dass Fleischhauer durchaus einen Nerv getroffen zu haben scheint. Journalisten sind per se schon nicht wahnsinnig beliebt in der Bevölkerung, aber besonders unbeliebt unter den unbeliebten Journalisten sind anscheinend die Feuilletonisten. „Das bestätigt meine wildesten Vorurteile gegen Journalisten des ‚Kulturteils‘ der Medien. Wie armselig und lächerlich ist das denn …… . Wie kann so ein Schreiberling denken, irgendwen außerhalb seines Biotops interessiert seinen Hass gegen einen Konkurrenten? Einfach nur abgrundtief infantil!“ schreibt „geleeman“. „(Dieser Skandal) ist der untaugliche Versuch der Feuilleton-Zombies dem Leser vorzugaukeln das Feuilleton habe Lebendigkeit. Diese Buchalter der politischen Korrektheit – die es für eine Unverschämtheit halten, dass Physiker ihnen vorschreiben, dass das Jahr 1968 schon der Vergangenheit angehört – schreiben im Feuilleton, weil jedermann/frau weiss, dass sie dort am wenigsten Schaden anrichten können. Außer ihren paar Hundert Gleichgesinnten liest es sowie so niemand und so können sie dort – befreit von der Last der Realität – an ihren Legenden arbeiten. Ärgerlich nur dass man diese ewig gestrigen durch den Kauf einer Zeitung mitfinanzieren muß“, schreibt „HolgerS“. „Wie gut muss es Deutschland gehen, dass wir uns Schirrmacher und Fleischhauer noch leisten können. Wenn es uns wirklich nicht gut ginge, wären das zwei Posten, die schnell von der Lohnliste runter könnten, ohne das ein wirklicher Verlust wäre. ;-)“ schreibt „lini71“. So immer weiter, Feuilleton ist „links“, nutzlos, bald kommt auch der Vorwurf des „Gutmenschentums“, den Fleischhauer-Fans immer schnell zur Hand haben. (Dass das Feuilleton der eher rechten FAZ tatsächlich einen leichten Zug nach links hat – geschenkt. Dass aber das Feuilleton der eher linken taz eher ins Bürgerliche tendiert, wird fröhlich ignoriert.) Könnten sie, dann hätten diese sympathischen Figuren Journalisten wie mich längst arbeitslos gemacht. Könnten sie, dann hätten sie noch ganz andere Dinge mit mir gemacht. Mir ist schlecht.

Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Ich bin also ein schlechter Mensch. Missgünstig, nicht fähig zur Vergebung. Wie der notorische Jan Fleischhauer auf SpOn schreibt:

Zu den Höhepunkten im Vollzug moralischer Politik gehört die Bekundung von Schuld und Reue. Jemand hat einen Fehler begangen, er ist darauf hin tief gefallen, nun bittet er die Öffentlichkeit um Verzeihung. Manchmal fließen in diesen Augenblicken auch Tränen, sie gelten dann als sicherer Beweis, dass die Entschuldigung von Herzen kommt.
Unüberhörbar weisen diese öffentlichen Bitten um Vergebung in den religiösen Bereich zurück, das macht sie so mächtig. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Alltagswelt sind die moralische Energien, von denen der katholische Glaube und mehr noch der Protestantismus lebte, ja nicht einfach abgestorben, sie haben sich lediglich verschoben. An die Stelle des Pietisten ist der moderne Tugendmensch getreten, dessen Glaubenseifer in immer neuen Vorschriften Entlastung findet.

Ich bin ein Pietist. Ich kann nicht mal gut sein lassen, trotz Reue, trotz der Worte „Das bedauere und bereue ich von Herzen“, die derjenige, um den es hier gehen soll, Karl Theodor zu Guttenberg, im Interview mit Giovanni di Lorenzo in der Zeit spricht. Das ist doch eine Entschuldigung, das ist doch ein Schuldeingeständnis, wie hartherzig kann man denn sein, wenn man darauf antwortet: Ich nehme diese Entschuldigung nicht an? Wie pietistisch?

Es geht mir nicht um Schuld.

Mag sein, zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit Zitate nicht korrekt ausgewiesen, bis an die Grenze des Plagiats (wir haben es hier mit Juristen zu tun, da muss man aufpassen, was man wie formuliert). Darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt, vor allem als jemand, der sich selbst einst im Wissenschaftsbereich bewegte und daher weiß, wie schwierig es ist, eine Dissertation zu verfassen. Gegessen. Der Betrüger, der Emporkömmling, der Plagiator, der Doktor: Der ist mir egal, da trete ich nicht nach.
Was aber bleibt, ist die politische Ästhetik hinter Guttenberg. Was bleibt, ist das Bild, das Guttenberg auf dem Times Square zeigt, „Man stellt sich hin, lacht und breitet am besten noch die Arme aus. Was kostet die Welt? 50 Milliarden? Hundert? Egal, der kleine Baron ist endlich in der großen Stadt“, schrieb Kurt Kister damals in der Süddeutschen. Was bleibt, ist die erschreckende Penetranz, mit der die Springermedien alle Kritik an Guttenberg niederbügelten, was bleibt ist die Aggressivität, mit der insbesondere Bild kritische Journalisten mundtot machen wollte: „Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“, das ging sogar dem Stern, eigentlich alles andere als ein Gegner des Personality-Glamour-Getues Guttenbergs, zu weit. Was bleibt, ist die bösartige Niedertracht, mit der sich sein Gespons Stephanie zu Guttenberg medial aus dem Fenster lehnt.

Ich habe Angst vor einem politischen Comeback zu Guttenbergs. Nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit gelogen hat. Nicht weil er politisch auf der anderen Seite steht: Man kann nicht einmal genau sagen, auf welcher Seite zu Guttenberg tatsächlich steht. Ist er ein Rechter? Eigentlich ist er doch eher eine mediale Mischung aus Berlusconi, Putin und Obama, der sich in seiner politischen Rhetorik mal rechts, mal links bedient.
Ich habe Angst. Nimmt man alle momentan verfügbaren Umfragen, nimmt man die Kommantarfunktionen im Netz, selbst bei den Springermedien, so schlägt zu Guttenberg aus der Bevölkerung massive Ablehnung entgegen. Aber anscheinend gibt es interessierte Kreise, in Berlin, in Washington, wo auch immer, die sagen: Das ist uns egal, wir drücken den jetzt durch. Und sei es nicht in der CSU, zu Guttenbergs eigentlicher poltischer Heimat, dann eben in einer anderen, noch zu gründenden Partei. Er selbst gibt im schon zitierten Zeit-Interview Anleitungen, wie sich eine Rechtspartei in der Bundesrepublik aufziehen ließe: „Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken.“ (Eine großartige Volte! Wo das klare Bekenntnis zu Israel, beziehungsweise zu Israel nach Likud-Vorstellungen, doch mittlerweile ein Markenzeichen der deutschen Rechten ist!) „Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.“ Ich darf mal spekulieren: Thilo Sarrazin für Innenpolitik, Hans-Olaf Henkel für Finanzen, Guido Westerwelle für Soziales. Und Guttenberg als programmatisch nach allen Seiten offener Strahlemann für die Außenwirkung. Schon hätten wir die neue Partei, rechts, hässlich und fies.

Ich habe Angst. In einer Welt, in der so jemand ungestraft als „distinguished statesman“ bezeichnet werden darf, wenn auch nur vom rechtskonservativen amerikanischen Center for Strategic and International Studies, in solch einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben.