Jahrelang habe ich Ende eines Jahres zurückgeschaut. In Tabellenform: Was war gut, was war schlecht, passierte irgendwas Außergewöhnliches? Diese tabellarische Rückschau habe ich so exzessiv betrieben, dass Mark auch angesteckt wurde, aktuell sagt er sogar, dass ich ihn motiviert hätte, was mich natürlich unter Zugzwang setzt, ebenfalls den Rückblick in Angriff zu nehmen.

Das Problem dabei ist aber: Ich habe überhaupt keine Lust.

Mir gefallen diese Tabellen nicht mehr, ich meine, es gibt etwas Tabellenartiges, drüben, bei Les Flâneurs, aber das ist etwas anderes, das ist kollektiv, da macht die Form durchaus Sinn. Für ein persönliches Blog gefällt mir aber besser, wie Isabel das Thema anging: Quasi wie ein Brief, man erzählt zum Abschied des Jahres ein bisschen, was so war, und hinterher sagt man Tschüss. Ich aber habe nicht wirklich was zu erzählen.

Das frustrierte mich ein bisschen an 2013: Es war ein Jahr, in dem mit meinem Leben nicht wirklich was passierte. Beruflich etwa: 2012 begann ich, neben dem Job frei zu arbeiten, das hatte ein bisschen den Zauber eines Nauanfangs, das war phasenweise großartig. 2013 hingegen konsolidierte ich diese Nebenjobs, ich veröffentlichte recht viel, einiges auch auf einem Niveau, auf das ich durchaus stolz bin, aber es passierte einfach nichts groß anders mehr. (Ich hatte auch keine Zeit, anderes passieren zu lassen.) Immerhin verdiente ich recht ordentlich. Und, okay: Ich begann, ehrenamtlich in einer Jury zu sitzen, das war doch noch was neues, das mir zudem bis heute großen Spaß macht.

Es gab Reisen, mit der schönen, klugen Frau. Wir konnten uns mit Madrid eine Großstadt erlaufen, die uns bislang vollkommen unbekannt war. Wir konnten feststellen, dass ein absolut unspektakuläres Urlaubsziel wie die Rhön der schönste Ort überhaupt sein kann, wenn Stimmung und Wetter und Herz mitmachen. Wir konnten ein verlängertes Wochenende ans Ende der Welt fahren, in ein Gutshaus an einem mecklenburgischen See. Wir konnten auf den letzten Metern des Jahres noch ein frühlingshaftes Weihnachten erleben, im Allgäu, mit Bergwanderung und echten Bergen, die das sind, was mir hier in Norddeutschland zutiefst fehlt: Abwechslung am Horizont.

Immer wieder Kultur, klar, das ist mein Beruf. Spannendes Theater: „Swamp Club“ von Philippe Quesne. Oder „Schwarze Augen, Maria“ von Signa (das ich für die Nachtkritik rezensiert habe). Ein guter Kinojahrgang, mit Filmen wie Noah Baumbachs großartigem „Frances Ha“, mit Jacques Audiards „De rouille et d’os“, mit Jan-Ole Gersters „Ohboy“ (die beiden letzten Filme sind schon von 2012, ich habe sie aber erst 2013 gesehen, für mich sind es 13er-Filme), mit Abdellatif Kechiches „La vie d’Adéle“. Außerdem habe ich die wunderbare Fernsehserie „Girls“ für mich entdeckt, die vorletzte Staffel „Breaking Bad“ war atemberaubend, „True Blood“ schwächelte ein wenig, egal.

Gelesen habe ich auch. Comics: Gabrielle Bells „Die Voyeure“ war toll, ebenso „Die große Odaliske“ von Bastien Vivès, Florent Ruppert und Jerome Mulot. Bücher hingegen … Ach. Ich und Bücher. Genauso: Ich und Musik, das wird nichts mehr. Ich hatte schöne Konzerterlebnisse, ja. Janelle Monáe im Mojo, Miss Li auf dem Dockville, Tocotronic im Thalia Theater, Gustav im Pudel, das war beglückend, aber mit Musikhören habe ich es irgendwie nicht mehr so, Musik höre ich in der Bahn, damit die Fahrt vorbei geht. Tut mir leid, das war mal anders.

Ich finde es toll, dass wir es geschafft haben, Les Flâneurs auf den Weg zu bringen. Ich finde es toll, da mit anderen Menschen gemeinsam etwas entstehen zu lassen, und ich weiß, dass darunter vor allem die Bandschublade leidet: Gute Blogposts landen, wenn es passt, einfach erstmal bei den Flâneuren.

Ich weiß, dass 2013 kein schlechtes Jahr war. Es war einfach nur ein Jahr, das, ach, ich weiß nicht. Es war das Jahr, in dem ich meinen Frieden mit Hamburg gemacht habe, meinen Frieden auch irgendwie mit der Welt, es war ein Jahr, mit dem man in all seiner Ereignislosigkeit schon zufrieden sein konnte. Ich wurde alt, 2013.

(Wirklich schön: das Kind, das Kollegin K. Anfang des Jahres bekam. Und das so niedlich ist, ich würde am liebsten ohne Unterbrechung Instagram mit Babyfotos zuschütten, aber K. hat es mir verboten.)

Nein, Janelle Monáe, es liegt nicht an dir. Es liegt an mir, an meiner schlechten Laune, man. soll. einfach. nicht. zerstritten. auf. ein. konzert. gehen. Es liegt am Publikum, Hamburg halt, O-Ton C.: „So ein Musikliebhaber-Publikum, das immer noch Michael Jackson und den Jackson 5 hinterhertrauert“ (sic) (das allerdings in Bezug auf das Berliner Konzert am Vortag, Deutschland halt). Es liegt daran, dass es Getränke nur in diesen ekligen Plastikbechern gab. Es liegt daran, dass man kaum etwas sah (O-Ton K.: „Das ist immer das Problem mit HipHop-, Soul- und Funk-Konzerten, ach, grundsätzlich mit Konzerten, die ein Publikum mit Migrationshintergrund anziehen: Big Hair!“). Es liegt am Sound, der über eine halbe Stunde breiig durch die Halle suppte, ein Indie-Laden wie das uebel & gefährlich gerät eben an seine Grenzen, angesichts deines eklektizistischen Souls, nein?
Es liegt nicht daran, dass sich niemand Mühe gegeben hätte, aber: Wenn da Leute auf der Bühne längere Zeit eskalieren, und im Publikum eskaliert rein gar nichts, dann wirkt das ein wenig, hm, bemüht. Wie ein vorgespielter Orgasmus. Es liegt nicht an der Band, dass die Gitarre ein Rocktier bedient, das tut, als sei es Eddie van Halen in den frühen Achtzigern, wusste ich ja schon vorher. Wahrscheinlich liegt es wirklich: an mir. Dass mir so unglaublich langweilig war, während des Konzerts.

Ganz sicher aber liegt es nicht an der Musik. Songs wie „Tightrope“, „Sincerely, Jane“, „Cold War“, „Come alive (War of the roses)“ sind einfach zu toll, als dass ein missglückter Abend sie kaputt machen könnte. Und mal ehrlich: Macht ein einziger, irgendwie nicht so toller Sex denn eine Beziehung kaputt?

Eben.