11. März 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (Februar 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , ,

Erstmal machte ich auf jeden Fall etwas, das dafür sorgt, dass diese Rubrik erst am 11. 3., also erst Mitte März online steht: Ich fuhr in Urlaub. Muss aber auch mal sein. Ansonsten schrieb ich, Überraschung!, mal wieder eine Reihe Presseartikel und, das ist neu, einen Katalogbeitrag.

Für die Nachktkritik war ich zweimal im Hamburger Schauspielhaus. Zum einen in „Schuld“, inszeniert von Karin Henkel:

Eigentlich war der frühe Roman „Schuld und Sühne“ geplant, aber nachdem die Hauptbühne wegen eines Unfalls wochenlang unbespielbar war, lag die gesamte Spielzeitplanung in Trümmern. Henkel zog mit ihrer Produktion in die Nebenbühne Malersaal um und halbierte die Inszenierung: Erstmal wird das Schuldigwerden des gescheiterten Jurastudenten Raskolnikow gezeigt, gut zwei Stunden lang, bis zum echten Mord. Die „Sühne“ aber lässt bis kommende Spielzeit auf sich warten – dann will das gleiche Team den zweiten, umfangreicheren Teil des Romans präsentieren. Entsprechend ist nicht ganz klar, was man unter dem Titel „Schuld“ zu sehen bekommt: eine eigenständige Inszenierung? Oder nur den Auftakt zu etwas, das sich erst in einem Jahr endgültig erfüllt?

Und dann in Christoph Marthalers „Heimweh und Verbrechen“:

Ein wenig scheint der Abend erstarrt zwischen performativer Installation, Musiktheater und fröhlichen Schrägheiten, und dieses Gefühl der Erstarrung sorgt dafür, dass einem die etwas mehr als zwei Stunden zwischendurch gehörig lang werden. Ja, „Heimweh & Verbrechen“ ist ganz wunderbares Nicht-Theater, aber dieses Nicht-Theater ist mittlerweile auch sehr der eigenen Konvention verpflichtet.

Und noch ein dritter Text steht auf der Nachtkritik, zu Wilfried Minks‘ Inszenierung von „Waisen“ am von mir selten besuchten St. Pauli Theater:

Judith Rosmair spielt Helen als Manipulatorin, die keine Sekunde zögert, Sex als Waffe einzusetzen, Johann von Bülow Danny als Duckmäuser, dem die Gelegenheit, seinen Hang zur Gewalttätigkeit auszuleben, mehr oder weniger in den Schoß fällt. Und nicht zuletzt gibt Uwe Bohm Helens Bruder Liam, der blutüberströmt in den romantischen Pärchenabend platzt, aggressiv, intelligent, mit blitzendem Wahnsinn in den Augen. Darstellerisch holpert der Einstieg noch ein wenig, wirkt Kellys Kunstsprache ausgestellt, spätestens in der zweiten Szene hat sich das Trio aber eingespielt, und dann funktioniert der zurückhaltende, weniger auf Effekte als auf Figurenbeziehungen setzende Abend.

Ebenfalls über Theater schreibe ich in Theater heute (Artikel online wie immer nur für Abonnenten verfügbar). Und zwar über die Inszenierung von Hauptmanns „Die Ratten“ am Thalia Theater durch Jette Steckel:

„Theater bildet nicht die Wirklichkeit ab!“ Regisseurin Jette Steckel hat diesen Satz ins Zentrum ihrer Interpretation von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ am Hamburger Thalia gestellt, und weil sie denkt, dass dem Publikum diese Erkenntnis nicht ganz klar ist, wiederholt sie sie immer wieder. Praktisch die gesamte Inszenierung dreht sich um das Spiel mit „echt“ und „künstlich“, und dieses Spiel spielt Steckel als ihrer Mittel bewusste Künstlerin durchaus gekonnt. Das geht so weit, dass Catrin Striebeck als ehemaliger Theaterstar Sidonie Knobbe aus dem Publikum heraus agieren darf: „Ich habe auch einmal hier gespielt!“, kräht sie. „Eigentlich ist das mein Haus!“ Was vor allem deswegen ein gelungener Witz ist, weil die Schauspielerin Striebeck zwar nie am Thalia engagiert war, ihr Vater aber das Haus in den 1980ern leitete, und der Satz „Eigentlich ist das mein Haus“ entsprechend wirklich eine Wahrheit transportiert.

Ein zweiter Text in Theater heute handelt überraschenderweise von Kino. Na gut, von einer Theaterdokumentation, Milo Raus „Die Moskauer Prozesse“:

„Die Moskauer Prozesse“, das sind drei Gerichtsprozesse, die Rau vergangenes Jahr im Sacharow-Zentrum der russischen Hauptstadt nachstellte: gegen die Organisatoren der Ausstellungen „Vorsicht! Religion“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2006) sowie gegen die Punkband Pussy Riot, die vor zwei Jahren eine Mischung aus Polithappening und Minikonzert in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale veranstaltete und so den Zorn von Orthodoxie und Staatsmacht auf sich zog. In der Realität waren die drei Verhandlungen Schauprozesse, die Schuld der Angeklagten stand von vornherein fest.

Über den gleichen Film habe ich auch eine kurze Kritik in der kulturnews geschrieben:

Raus Film „Die Moskauer Prozesse“ dokumentiert nun diese dreitägige Inszenierung: eine Filmdokumentation über Dokumentartheater, das sich seinerseits auf einen Gerichtsprozess, also die juristische Nachbereitung einer Kunstaktion bezieht – Metakino. Besonders weit treibt der Film die Interpretation nicht, im Grunde sehen wir den Zusammenschnitt einzelner Sequenzen der Moskauer Aufführung, einzig kurze Interviews mit der Verteidigerin Anna Stavickaja oder dem Ankläger, dem Journalisten Maxim Schwetschenko, führen übers Theater hinaus.

Außerdem erschien dort auch eine Filmkritik zu „Westen“ von Christian Schwochow:

Frank Lamms Kamera quetscht sich durch die speckigen Gänge, versucht immer wieder hilflose Ausbrüche und stürzt dann doch wieder zurück auf den tristen Boden. Sieht man allerdings von der meisterlichen Kameraarbeit und von den großartigen Schauspielerleistungen ab, hat Christian Schwochow Julia Francks Roman „Lagerfeuer“ recht brav verfilmt und die vielstimmige Handlung auf Nellys Leidensgeschichte verdichtet.

An Büchern besprach ich hier zum einen Roman Grafs Roman „Niedergang“:

Die Bergwanderung, die André und seine Freundin Louise unternehmen, zunächst durch verregnete Zivilisation, dann über sonnenbeschienene Weiden mit unvermitteltem Sex auf der Almwiese, dann durch Fels und Eis, ist eine Analogie auf ein Paar, das eigentlich kein Paar ist. Louise will: Urlaub, Erholung. André will: Grenzerfahrung, den Neandertaler in sich niederringen. Louise will an den See, André auf den Berg, das kann nicht gutgehen.

Außerdem Jacques Tardis Comic „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“:

Tardi, bekannt für surrealistisch aufgeladene Kriminalgeschichten, legt den Bericht als Gespräch zwischen Vater und Sohn an, der Sohn spaziert zeichnend mit dem Vater durch die Szenarien der Gefangenschaft und schafft dadurch einerseits eine Unmittelbarkeit, andererseits eine Distanzierung, die die Einordnung des Gesehenen erleichtert.

Fürs uMag machte ich diesen Monat wenig. Ich schrieb über Münster, in erster Linie, um zu Beweisen, dass man unterhaltsame Texte über etwas schreiben kann, von dem man rein gar nichts versteht. Ob mir das gelungen ist?

Man soll eine Stadt nicht danach beurteilen, wie sie im „Tatort“ auftaucht, das ist so ähnlich als ob man behaupten würde, man kenne den Wilden Westen, weil, man habe ja mal Karl May gelesen. Nur hilft diese Erkenntnis nichts, das Land ist zu groß, zu unübersichtlich, wie soll man sich zurecht finden in den Weiten der Provinz, wenn nicht über den „Tatort“? Wer war denn schonmal in, zum Beispiel, Saarbrücken? Oder in Münster? Der „Tatort“ zeigt uns, wie es dort zugeht, wie die Menschen dort ticken.

Und schließlich machte ich etwas, das ich bisher noch nie gemacht habe: Ich schrieb einen Katalogbeitrag. Für die Tanzplattform Deutschland, die Ende Februar/Anfang März auf Kampnagel stattfand, über die geschätzten Theatermacher Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen:

Seit einem Jahr sind Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen Choreographer in Residence bei der Tanzsparte des Theaters Bremen. Und seit einer Spielzeit unterlaufen sie die Strukturen eines Vierspartenhauses mit subversiver Nonchalance: Ja, es wird getanzt, es wird abstrakt der Raum erkundet. Aber gleichzeitig wird auch erzählt, narrativ gearbeitet, Musik gemacht und ins Publikum hinein agitiert. Das (Tanz-)Theater von Gintersdorfer/Klaßen ist nicht gemacht für die Grenzen einer bestimmten Sparte, es ist grenzenlos.

22. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Alles richtig gemacht · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Was für ein Einstieg. Das Volk tobt, Gitarre und Sampler dröhnen, die Revolutionäre stolpern über die Drehbühne, ackern, prügeln, wärmen sich am offenen Feuer. Und im Hintergrund rotiert eine mehrere Meter hohe Bühnenskulptur, eine Mischung aus Klettergerüst, Todesstern und Firmenlogo (Bühne: Florian Lösche). Minutenlang geht das so, und als endlich die ersten Worte mehr gestammelt als gesprochen werden, hat man kapiert: Wenn Jette Steckel am Hamburger Thalia Büchners „Dantons Tod“ inszeniert, wird einem nichts geschenkt. Weder den Zuschauern noch den Darstellern – noch bevor das Stück richtig begonnen hat, schwirrt den einen schon der Kopf und sind die anderen schweißgebadet.

Die Regisseurin Jette Steckel lässt mich nicht kalt. Weil ich ihre Arbeiten immer perfekt finde, zeitgemäß, durchdacht. Aber leider auch ein wenig einserschülerinnenhaft. Am Thalia zeigt Steckel seit gestern Büchners „Dantons Tod“, und auch diese Inszenierung macht alles richtig, hinterlässt mich aber nicht ganz befriedigt. Auf nachtkritik.de steht, weswegen.

E. war eine Einserschülerin. „Sehr gut“ in Englisch, „sehr gut“ in Sport, „gut“ in Physik, ich bewunderte E., ich war auch ein wenig eifersüchtig auf E., der alles zuzufliegen schien, für die Ehrgeiz ein Naturzustand war und nichts, wozu sie sich zwingen musste. Irgendwann behauptete ich, E. sei eine Streberin: Nichts war gelogener als das. In Wahrheit war es einfach so, dass E. sich Ziele setzte und versuchte, diese Ziele zu erreichen. E.s Leben war grundverschieden von meinem, ich wollte nicht weiter kommen, ich wollte einfach durchkommen. Ich hatte keine Ziele, mein Leben war trial and error, wenn ich Glück hatte, funktionierten meine Pläne, wenn ich Pech hatte, musste ich etwas anderes ausprobieren. E.s Leben war eine Aufgabe, die gemeistert werden wollte, mein Leben war ein Spiel, ist es wahrscheinlich heute noch.
Vor ein paar Jahren begegnete ich E. noch einmal, irgendwie schien sie ihren Weg gemacht zu haben. E. war Gymnasiallehrerin geworden, lebte in der Großstadt, hatte einen netten Mann, hatte Familie. Ein gutes Leben. Und so weit weg von meinem Leben, weiter konnte man sich nicht entfernen. Hatte ich das Gefühl.

Jette Steckel ist, nein, keine Einserschülerin, zumindest weiß ich davon nichts. Jette Steckel ist nur die momentan wahrscheinlich talentierteste junge Theaterregisseurin des Landes, jemand, der jeden Stoff, jedes Stück irgendwie gefasst bekommt, einen atemberaubenden „Don Carlos“, einen Musical-„Woyzeck“ als Publikumshit, als erstes Stück, das ich überhaupt von ihr gesehen habe, 2006 Darja Stockers beeindruckendes, radikal körperliches „Nachtblind“. Von „Nachwuchs“ kann man bei Steckel nicht mehr sprechen, längst inszeniert sie regelmäßig am Deutschen Theater in Berlin, in Köln, München und Wien. Und immer noch am Hamburger Thalia, der Bühne, an der sie vor fünf Jahren angefangen hat. Fünf Jahre, in denen Jette Steckel keinen einzigen Flop hingelegt hat.
Jette Steckel ist die Tochter von Frank-Patrick Steckel, dem ehemaligen Bochumer Intendanten, darin unterscheidet sie sich von E., der nichts in die Wiege gelegt schien, die ihren Erfolg erkämpfen musste. Was nicht heißen soll, dass Jette Steckel ihre Karriere nur ihrem Vater zu verdanken hat, auf keinen Fall, Jette Steckel hat sich ebenfalls jeden ihrer Erfolge erarbeitet (aber vielleicht nicht unbedingt erkämpft). Kurz denke ich, Steckel sei eine Streberin, aber das stimmt nicht, so etwas denkt nur jemand, der sich gar nicht in eine Einserschülerin, Verzeihung: eine junge Erfolgsregisseurin hineindenken kann: Steckels Arbeiten entstehen im Bewusstsein der eigenen Qualität, aber sie umkreisen diese Qualität nicht verbissen, wie sie es bei einer Streberin tun würden. Steckel kann einfach sehr viel, und sie weiß auch, was sie kann, ganz einfach.

Und plötzlich wird es problematisch mit diesem Theater. Nämlich hier: wenn Steckel Camus‘ „Der Fremde“ in der Gaußstraße inszeniert, der Nebenspielstätte des Thalia, an der sie auch schon „Nachtblind“ machte. Steckel dampft das Stück ein auf die Gerichtsverhandlung gegen den Mörder Meursault, und Meursault teilt sie auf die wunderbaren Schauspieler Daniel Lommatzsch, Mirco Kreibich, Julian Greis und Franziska Hartmann auf, es lässt einem den Mund offen stehen, wie die von Szene zu Szene hüpfen, in Sekundenschnelle die Rollen wechseln (wo es doch eigentlich immer dieselbe Rolle ist), und dann wechselt das Licht, und die Drehbühne wird zum wüstenhaften Strandabschnitt, und dann von Gelb zu Rot, und, ach! Und dann spielen Radiohead. Moment: Radiohead?
Und jetzt stocke ich. Plötzlich passt das alles zu gut, all diese klugen Setzungen, diese Brüche. Plötzlich spielen Radiohead, und das ist dann der Tacken, der diese Inszenierung zu perfekt macht. Musik, die das, was auf der Drehbühne passiert, nein, nicht doppelt, sondern gleichzeitig bricht und verstärkt. Plötzlich glaube ich, zu kapieren, was Jette Steckel antreibt: Die will ja gar nichts. Die will nur alles ganz, ganz richtig machen.

Ich habe nie verstanden, was E. eigentlich wollte, mit ihrem Ehrgeiz. Ich glaube, das war das, was E. mir immer fremd bleiben ließ, „die Fremde“: E. wollte einfach nur die Beste sein. Hat sie geschafft, und ich gönne ihr das auch, es ist nur nicht meine Motivation. In keiner Weise.