04. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

In einer Zeit, in der selbst der Bundesgauck pastoral verschwiemelt fordert, stolz auch Deutschland zu sein, in einer Zeit, in der ein in der Blogosphäre breit zitierter Text konstatiert, dass es sich hier im Vergleich zu anderen Ländern doch ganz gut aushalten lasse, in einer Zeit, in der die schwarzrotsenfen Fähnchen des Partynationalismus sich wieder in den Auslagen meiner Stammdrogerie breit machen, finde ich es schön, wenn man einmal festhält, dass einer der wenigen Pluspunkte dieses Landes ist, dass man hier gelernt hat: Differenz ist eine gute Sache. (Ansonsten halte ich es mit der alten Ruhrpott-Weisheit: “Woanders is’ auch scheiße.”) Wie in “Open for everything”, dem wunderbaren aktuellen Stück der argentinisch-deutschen Choreographin Constanza Macras. In der jungen Welt habe ich beschrieben, wie ich es fand. (Leider zu spät, um sich das Gastspiel auf Kampnagel anzuschauen, aber das Stück tourt ja durch Europa.)

Das ist die große Kunst von Constanza Macras: Sie traut sich, Brüche stehen zu lassen und macht sie zum zentralen Element ihrer Ästhetik. Die 1970 in Buenos Aires geborene und seit 1995 in Berlin heimische Choreographin steht damit für ein multikulturelles Tanztheater, das eben nicht dem »Melting Pot« huldigt, sondern einer Vielzahl von Wertsystemen, Ästhetiken, Sprachen, die nebeneinander stehen, sich teilweise widersprechen, sich behindern und bekämpfen. Für Macras ist diese Vielstimmigkeit kein Problem, sie macht vielmehr die Qualität des Großstadtlebens im 21. Jahrhundert aus.

Man kann sich nicht entziehen. Man kann nicht einfach die Nachrichtenseite öffnen, feststellen, was als erste Meldung kommt, nämlich dass der Bundespräsident weiter in der Kritik steht, man kann nicht sagen, och nö, Wulff, ich kann es nicht mehr hören. Man muss sich irgendwie verhalten, weil das Nichtverhalten mittlerweile ebenfalls ein Verhalten ist.

Ich fand das damals nicht besonders toll, als Christian Wulff vor eineinhalb Jahren in einer unwürdigen Hängepartie zum Bundespräsidenten gewählt wurde, ich fand zwar die Alternative Joachim Gauck in seinem blindwütigen Linkenhass noch viel weniger toll, aber, okay, ich dachte mir: Bundespräsident, ist doch egal, wer den Job macht, hat doch ohnehin nichts zu sagen, der Junge. Und wirklich, nur ein einziges Mal fiel mir Wulff in seiner kurzen Amtszeit auf, als er 2010 auf der zentralen Einheitsfeier erklärte, dass der Islam zu Deutschland gehöre, und irgendwie fand ich das ganz okay, für die damalige Zeit, für das damalige Sarrazin-Deutschland. (Dass Wulff kurz darauf auf Staatsbesuch in Ankara erklärte, dass das Christentum entsprechend zur Türkei gehöre, fand ich dann hingegen eher doof. Möchte ich denn wirklich ein Staatsoberhaupt, das überhaupt eine Religion als sinnstiftend für ein Gemeinwesen interpretiert? Andererseits fürchte ich, dass das mit Pastor Gauck nicht unbedigt atheistenfreundlicher abgelaufen wäre.) Kurz: Christian Wulff war mir mehr oder weniger egal.

Das geht jetzt nicht mehr. Wulff steht in der Kritik, weil er bei seinem Hausbau falsche Freunde hatte, die ihm finanziell unter die Arme gegriffen haben oder auch nicht, ist mir gleich. Wulff steht in der Kritik, weil er einen anderen falschen Freund, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann angerufen hat und ihn gebeten hat, einen Artikel über besagten Hausbau nicht zu drucken oder erst einen Tag später zu drucken, interessiert mich nicht. Wulff steht in der Kritik, weil Wulffs Frau Bettina angeblich einst im Rotlichtbereich gearbeitet hat oder weil Wulff nicht zu dieser früheren Tätigkeit stehen würde oder weil in dieser Hinsicht kein Kommentar käme, aber wenn da nichts war, was soll dann kommentiert werden, ach was, geht es hier um Wulff oder um seine Frau oder um was geht es eigentlich wirklich?

Plötzlich wird Wulff zum Thema, das über einen politischen Skandal beziehungsweise einen hochgekochten politischen Skandal hinaus weist. Wulff wird zum Feuilletonthema. Ist es okay, dass ausgerechnet die Bild sich erst als Hüterin der Pressemoral aufspielen darf und dann in ein paar nicht einmal geschickten aber dennoch wirksamen Schachzügen alle übrigen Medien nutzen darf, gegen Wulff zu schießen? (Überhaupt, die Bild! Die machen doch nichts ohne Hintergedanken, was aber könnte Dieckmann als ausgewiesener Rechter für ein Interesse daran haben, Wulff aus dem Amt zu schreiben? Könnte es vielleicht sein, dass eine Redaktion, die über Monate zu den größten Sarrazin-Fans überhaupt zählte, nicht ganz glücklich ist mit einem Bundespräsidenten, der es mit der allgemeinen Islamfeindlichkeit nicht allzu ernst zu nehmen scheint? Oder ist das jetzt eine Verschwörungstheorie?) Darf man darüber lästern, wofür Wulff seine politische Karriere aufs Spiel gesetzt hat, nämlich für ein unglaublich langweiliges Häuschen in einem unglaublich langweiligen Vorort des unglaublich langweiligen Hannovers mit dem unglaublich langweiligen Namen Großburgwedel? Oder ist das dann nur ein Gelästere über den neureichen Kleinbürger, der eben keine Ahnung hat von Stil? Und hätten wir ein anderes politisches Personal, ein adliges vielleicht, einen von und zu Guttenberg vielleicht, dann würden solch ästhetische Entgleisungen wie die großburgwedeler Provinzhölle schon unterbleiben? Oder unterstellt man hier den Kritikern etwas? Und, schließlich, darf man sagen, dass man sich nicht dafür interessiert, womit Bettina Wulff früher ihr Geld verdient hat, oder behauptet man damit schon, dass Rotlicht etwas sei, wofür man sich zu schämen habe? Hat man nicht immer die Klemmschwuppen verachtet, die peinlich betonten, nichts über ihr Sexualleben sagen zu wollten, weil das bitteschön privat sei und sie doch nur nur nicht das böse Wort “schwul” hören wollten? (Und bevor hier irgendwelche Anwälte die Messer wetzen: Ich habe nicht einmal annähernd behauptet, zu wissen, was die Wulffin je beruflich gemacht hat. Ich weiß es nicht. Und ich bin auch nicht scharf darauf, es jemals zu erfahren. Dies hier ist keine üble Nachrede. Es ist noch nicht einmal ein Thema.)

Es macht einen fertig. Weil man sich nicht nicht verhalten kann, zu dem Thema. Und das schlimmste: Diejenigen, die ebenfalls betonen, sich nicht verhalten zu wollen, die sind einem auch nicht wirklich sympathisch. Ich aber, ich will doch nur wieder zurück an den Punkt kommen, an dem mich Christian Wulff nicht mehr interessiert. An den Punkt, an dem Wulff kein Feuilletonthema mehr ist, sondern wieder ein politisches Thema.

Und dann mag er, meinetwegen, zurücktreten. Oder auch nicht, ist mir echt egal.