Keinerlei Vorschriften habe man ihr beim NDR gemacht, erzählt die Radiokollegin von ihrer Arbeit als auf Tanz spezialisierte Kulturjournalistin für den Hörfunk, fast keine, nur die: „Die Person John Neumeier ist sakrosankt in dieser Stadt. Berichte übers Hamburger Ballett müssen also immer einen positiven Dreh haben.“ Vielleicht hat die Kollegin etwas falsch verstanden, vielleicht hat sie sich aus irgendeinem Grund über den zuständigen Redakteur geärgert, es gibt viele Begründungen, weswegen man ihren Satz nicht auf die Goldwaage legen sollte, allein, es hilft nichts: Seit diesem Satz habe ich Probleme mit Neumeier.

Ich bin sicher kein Spezialist für klassisches Ballett. In Wahrheit bin ich, geprägt von Pina Bausch und William Forsythe, fürs klassische Ballett, für die schöne Bewegung, den atemberaubenden Körper, die „Erkenntnis, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist“ (Fritz J. Raddatz angesichts Rudolf Nurejews) längst verloren. Aber ich muss nur eine kurze Passage aus Neumeiers „Liliom“ sehen, um zu kapieren, dass diese Bühnenästhetik zwar die Formen klassischen Balletts benutzt, selbst aber gar nicht besonders klassisch ist. Neumeier choreographiert Spitzentanz, er zitiert die russische Ballettästhetik, die er verehrt, er übernimmt auch die streng hierarchische Ordnung der klassischen Compagnien, vor allem erzählt er eine Geschichte. Aber nicht alles an seiner Choreographie ist schöner Schein, er stellt auch mal einen Tänzer in Jeans und Muscleshirt auf die Bühne, wo es inhaltlich Sinn macht, eine gewisse Rauheit darf ruhig vorkommen, selbst ein Stolperer sollte zwar vermieden werden, wenn er aber doch mal passiert: meine Güte! Allerdings kommt das unglaubliche Niveau dieser Tänzer dazu, allen voran Anna Polikarpova, der Hamburger Star, der in „Liliom“ als Frau Muskat nicht wirklich zeigen kann, was er kann, und sich bewundernswert souverän in die zweite Reihe einfügt, dazu kommt eine Bühne, die mit kleinsten Mitteln eine Stimmung zwischen träumerischer Jahrmarktskulisse und „Dreigroschenoper“-artigem Sozialrealismus herstellt, dazu kommt nicht zuletzt die Musik, eine Auftragskomposition von Michel Legrand für Orchester, Big Band und Akkordeon, in der sich Neoklassik, Swing und Folkloristisches einen spannenden, manchmal bewusst misstönenden, manchmal atemberaubenden Wettstreit liefern – und man kommt nicht umhin, sich von dieser Ästhetik, dieser Virtuosität mitreißen zu lassen.

Das Problem fängt dort an, wo man sich mit dem Stück auseinandersetzt. Ferenc Molnárs „Liliom“ ist ja nicht einfach nur ein Stoff, es ist ein Theaterstück, das zwar (wegen akuten Kitschverdachts) kaum an Schauspielbühnen gespielt wird, gerade in Hamburg aber vor zehn Jahren in der Inszenierung Michael Thalheimers am Thalia einen Skandal verursachte. Die harte, karge Inszenierung zeigte Figuren, die näher am Tier waren als am Menschen, Figuren, die gar keine andere Chance hatten außer der Gewalt, wobei die Gewalt am Ende auch nichts gut werden ließ. Es ist unfair, die Thalheimer-Inszenierung mit der Neumeier-Choreographie zu vergleichen, es sind ja ganz andere Genres, aber die Arbeit von Thalheimer ist noch so präsent, nicht nur in Hamburg, man hat sie vor Augen, es geht nicht anders: den massigen Peter Kurth, die ungelenke Fritzi Haberlandt, wie sie verzweifelt an der Bühnenwand zu vögeln versuchen, mehr ein Stürzen, Fallen, Rammeln denn ein Schweben. Und dann stellt man durchaus fest, dass Neumeiers Interpretation desselben Themas, man will nicht sagen: verlogen ist, aber dass ihr doch etwas fehlt.
Der Tanz, in dem ich mich auskenne, ist Tanz, der seine Mittel immer bewusst macht: Wenn in Pina Bauschs „Frühlingsopfer“ die Tänzer gegen den Mulchboden ankämpfen, dann sieht man, dass diese Ästhetik harte Arbeit ist, wenn, im ganz radikalen Fall, Jochen Roller mit „Perform Performing“ den ökonomischen Entstehungsprozess des Stückes selbst reflektiert, dann sieht man, dass es hier um etwas geht. Das muss nicht immer so sein, die eigenen Mittel auszustellen muss nicht der Königsweg bleiben, nur: Wenn jemand wie ich durch diese „nackte“, antiillusorische Tanzästhetik geprägt ist, dann schaut er eben irritiert, wenn ein Stück die Befreiung von den Körperfesseln propagiert. Oder zumindest so tut als könnte sie es. Und wenn Carsten Jung, ein extrem attraktiver Mann in enger Lederhose und mit nacktem Oberkörper ein Solo im Gegenlicht tanzt, dann denke ich eben: Hübsch, ein Freddie-Mercury-Zitat. Nur dass diese Ästhetik gar nicht an Freddie Mercury denkt, sie denkt auch nicht in Zitaten. Sie meint alles zutiefst ernst.

Wie sehr diese Arbeitsweise an ihre Grenzen stößt, merkt man an der sozialen Verortung des Stücks. Neumeier holt Molnárs „Liliom“ aus dem Kontext des Jahrhundertwende-Budapests und versetzt es in die USA der 1930er-Jahre. Das macht er konsequent, er verwandelt aber mit seiner Vorliebe für Detailgenauigkeit den Sozialrealismus in ein Museum. Fatal wird das in den Szenen auf dem Arbeitsamt: Neumeier baut eine eindrucksvolle Depressionszeitästhetik nach, inclusive Schiebermützen und „Will work for food“-Transparenten. Und das bepelzte Publikum in der Hamburgischen Staatsoper, das bis knapp 100 Euro für seine Karte gezahlt hat, schaut sich das an und denkt: „Schon schlimm, es gab da eine Zeit, da scheint es Massenarbeitslosigkeit gegeben zu haben, lange her und weit weg!“
Und dann wird getanzt.

26. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Regenbogenschwäne · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Ach, das ist doof. Natürlich will ich nicht über einen Film lästern, den ich gar nicht gesehen habe, einerseits. Andererseits jubeln momentan alle ohne Unterlass über „Black Swan“, so dass ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, mir mit Natalie Portman den Abend zu versauen. Denn ein Abendversauen würde es werden, davon bin ich überzeugt, seit ich gelesen habe, was John Neumeier (mit dem ich eigentlich wenig anfangen kann) im Hamburger Abendblatt (mit dem ich auch wenig anfangen kann) über „Black Swan“ sagt. Er sagt:

Die ganze Ballettwelt wird als eine Welt von Kranken dargestellt, in der monströse Menschen junge Mädchen ausnutzen, die natürlich alle magersüchtig sind. Das stimmt doch alles nicht. Ballett ist eine Kunst, in der viele verschiedene Künstler Platz haben. Nicht nur Frauen im Alter von 17 bis 24 Jahren, die sich noch dazu jeden Tag quälen. (…) Man sieht nur den Auftritt vom weißen Schwan und sie (Natalie Portman, FS) macht die ersten Armbewegungen, die im Übrigen nicht mal auf der Musik draufliegen. Dann sieht man 15 Sekunden vom schwarzen Schwan und (sic) das Corps de Ballett huscht über die Bühne. Irgendwann gibt es auch noch ein bisschen modernen Tanz. Mit offenen Haaren. Warum diese Szene kommt, wird aber nicht klar. (…) „Schwanensee“ ist eine traditionelle Choreografie, aufgebaut wie eine Pyramide. Oben die Primaballerina und der Haupttänzer, darunter Nebenrollen, kleine Rollen und das Corps de Ballett. Ein moderner Choreograf arbeitet eher vertikal, mit allen Tänzern.

Das lese ich. Und habe keinen Bock mehr, mir den Film anzuschauen. „Aber“, werfen die Fans ein, zu Recht, „es geht in ‚Black Swan‘ doch gar nicht um Ballett, das hat Neumeier überhaupt nicht verstanden, es geht um Ehrgeiz und Selbstzerstörung.“ Ah, so. Pathologischer Ehrgeiz, das hat Elfriede Jelinek zwar schon vor 28 Jahren in „Die Klavierspielerin“ beschrieben, und Michael Haneke fand immerhin vor zehn Jahren beeindruckende filmische Bilder für den Komplex, aber, ach, egal, es stimmt ja wohl, „Black Swan“ ist ein toller Film, schauen möchte ich ihn trotzdem nicht. Erstmal.

Erstmal möchte ich ein Tanztheater empfehlen, „The Offside Rules“ von Constanza Macras‘ Compagnie Dorky Park, noch bis kommenden Samstag auf Kampnagel. Ein tolles Stück, produziert vom Goethe Institut Johannesburg anlässlich der Fußball-WM in Südafrika vergangenes Jahr, und ich empfehle es, obwohl ich zu Fußball bekanntermaßen keinen Zugang habe. Es geht um Differenz, um Aggression, um soziale Segregation, die ganze Bevölkerungsgruppen mit einem Schlag ins Abseits stellt. Um Fußball geht es, trotz des Aufführungsanlasses, trotz der Ästhetik, trotz einzelner Handlungsstränge eher nicht.
Das um diverse südafrikanische Tänzer erweiterte Dorky-Park-Ensemble ist eigentlich keine Tanzgruppe mehr, es gibt hier keine schönen Menschen, die schöne Bewegungen vollführen, es gibt höchstens noch körperbewusste Menschen, die sich ziemlich beeindruckend bewegen: eine füllige Tänzerin, bei der ziemlich viel Fleisch erst wallt, dann zittert, irgendwann fließt, schön. Ein beängstigend dünner Tänzer, dessen ausgemergelter Körper am Ende ein Blasebalg ist, der kaum noch Luft hat. Tänzer, die barfuß tanzen, Tänzer in Gummistiefeln. Darf alles.
„The Offside Rules“ ist ein Stück über die Rainbow Nation, über Südafrika, im weiteren Sinne: ein Stück über Multikulturalismus. Die Qualität dieses Stücks ist, dass Macras den Multikulturalismus zwar als alternativlos erkennt, seine Probleme aber nicht verschweigt, Gewalt, Aggression, Unverständnis tauchen ebenso auf wie harmonische Momente. Einmal steht eine halbnackte Tänzerin an der Rampe und erzählt eine atemberaubende Geschichte von der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, Macras‘ Heimat, als das von der Militärdikatur regierte Land eine harmonisches Fußballfest inszenierte. „Ich hasse Weltmeisterschaften“, schließt die Tänzerin, „weil sie den Klassenkampf aufheben.“ Nur damit mal klargestellt ist, dass die Grenzen nicht zwischen den Zivilisationen, Nationen, Religionen verlaufen, sondern immer noch zwischen oben und unten. So etwas kann Tanztheater nämlich auch erzählen, jenseits von Geschichten über schwarze und weiße Schwäne, ich mein‘ ja bloß.

Natürlich kann man Constanza Macras vorwerfen, dass hier eine argentinische Choreografin mit Wohnsitz Berlin ein Stück in Johannesburg macht, das ich mir in einem freien Theater in Hamburg anschaue: Jetset-Kunst. Aber der Vorwurf geht ins Leere: Zu Ende gedacht ähnelt er der Diskussion, die Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung aufmachte, als der Nigerianer Okwui Enwezor zum neuen Leiter des Münchner Hauses der Kunst berufen wurde: Ruthe fragte sich, ob Enwezor eher Afrikaner sei oder eher New Yorker (sein bisheriger Wohnsitz) und was das für das Ausstellungsprogramm in München bedeuten würde. In letzter Konsequenz eine rassistische Überlegung, die verkennt, dass Leute wie Enwezor Kategorien wie Herkunft oder Ethnie nicht negieren, aber dekonstruieren.
Ich auf jeden Fall höre in der U-Bahn nach Hause Ethnoclub von der angolanisch-portugiesischen Band Buraka Som Sistema. Musik, die unterschiedliche Einflüsse aufnimmt, europäische Elektronik, afrikanische Rhythmen, das Aggropotenzial des brasilianischen Baile Funk, die all das aufnimmt und es dann abspielt, nicht als harmonische Mischung, sondern als dunkles Scharren, durchsetzt von Störgeräuschen und Rückkopplungen. Ich auf jeden Fall bin beseelt, ein wenig. Ich auf jeden Fall werde mir irgendwann sicher noch „Black Swan“ anschauen, versprochen.