29. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (August 2013) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , ,

Ja, der Monat ist noch nicht vorbei, schon klar. Aber gleich haben wir ein Wochenende, an dem ich sicher keine Gelegenheit habe, eine kleine Lebensberatung zu schreiben, der Kram würde also bis in den September liegenbleiben, und hinterher sagen alle, ach, Falk, der ist auch unzuverlässig geworden. Muss doch nicht sein. Besucherzahlenmäßig war der August übrigens ein ziemlich guter Monat – was vor allem an ein paar Starblogs lag, die nach hier verlinkten. Da hatte ich dann plötzlich unzählige Besucher, die sich kurz umschauten, feststellten, dass nichts los ist und wieder abzogen. Tja. War aber trotzdem schön, dass ihr da wart. Googler kamen auch, ein paar.

1. ich werde steinbrück wählen Ja? Herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung, zumal die ziemlich gegen den Trend geht. Auch gegen den Trend hier: Ich denke, ich werde Peer Steinbrück nicht wählen (um ehrlich zu sein, kann ich ihn auch gar nicht wählen, ich kann nur mit der Zweitstimme SPD wählen, und die SPD wählt, falls ausreichend Bürger ihr die Zweitstimme geben, Steinbrück zum Kanzler, aber ich verstehe schon, was gemeint ist). Aber natürlich gbt es Gründe, das zu tun: weil eine SPD-geführte Regierung wahrscheinlich gesellschaftspolitischen Irrsinn wie das Betreuungsgeld abschaffen dürfte. Weil Ideen wie die Homoehe bei linken Regierungen in besseren Händen sind als bei rechten. Weil Linke wahrscheinlich eine zeitgemäße Einwanderungspolitik machen dürften. Nur: Einer Steinbrück-Regierung traue ich nicht zu, eine linke Regierung zu sein. Und einer SPD, die sich bei allem Streit hinter einer Figur wie Steinbrück versammelt, traue ich das auch nicht zu. Überhaupt: War die SPD eigentlich je in ihrer Geschichte eine linke Partei, gibt es da Anhaltspunkte? Nein, meine Stimme bekommt sie nicht.

2. dieter meier kassel Es gibt da ein Kunstwerk: 1972 ließ der Schweizer Popmusiker und Konzeptkünstler Dieter Meier während der documenta V eine Tafel am Kassler Hauptbahnhof anbringen mit der Aufschrift „Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“. Am 23. März 1994 stand Meier dann auf besagter Platte. Ist das gemeint?

3. falk schreiber daniel richter interview Es gibt ein Interview, das ich vor einigen Jahren mit Daniel Richter (und Jonathan Meese) geführt habe, gemeinsam mit meiner geschätzten Kollegin Katharina Behrendsen. Das war eines der eigenartigsten, verwirrendsten, unterhaltsamsten Gespräche die ich im Laufe meiner journalistischen Karriere erleben durfte, und es ist tatsächlich sehr, sehr schade, dass besagtes Interview nicht online verfügbar ist. Wobei, viel spannender als das am Ende publizierte Interview war ohnehin das Transkript, ist ja häufig so.

4. hamburg hauptbahnhof nach wilhelmsburh am reihersteig Das Viertel heißt „Wilhelmsburg“ und die Straße heißt „Reiherstieg“, Kinder, gebt euch doch mal Mühe. Die Wegbeschreibung ist allerdings verhältnismäßig einfach: Mit der S3 in wenigen Minuten vom Hauptbahnhof bis Veddel, von dort mit der Buslinie „Wilde 13“ bis „Veringstraße Mitte“, dort rechts halten und noch ungefähr zehn Minuten laufen, dann ist man am Reiherstieg. Ging es um das Gelände des Dockville? Da ist die nächste Anfrage ebenfalls hilfreich.

5. beim dockville festival über den zaun klettern Ist strafbar, als juristischer Laie würde ich auf den Tatbestand Hausfriedensbruch tippen. Und vielleicht auch nicht okay, ich meine, so teuer ist das Dockville ja nun nicht, als dass man sich da Leistungen erschleichen müsste, zumal die Dockville-Macher nun nicht gerade Großverdiener sein dürften. Andererseits verstehe ich schon, weswegen man sich solche Gedanken macht: Mit 17 kletterte ich auch einmal bei einem Festival über den Zaun respektive watete durch einen kleinen See, der das Festivalgelände in der Ulmer Friedrichsau vom öffentlichen Park abtrennte. Damals recht angesagte Bands wie New Model Army (die Toten Hosen Nordenglands), Midnight Oil (die Grünen Australiens) und die Pixies (der Heinz Erhardt Kaliforniens) spielten dort, und als Headliner David Bowie. Ich muss sagen, das war schon ziemlich cool, und der Adrenalinrausch machte es sogar noch einen Tacken cooler: Entdeckt irgendwer, dass ich kein Ticket habe? Was machen die dann mit mir? Böse, tätowierte Roadies? Oarrr!

6. typisches französisches essen Öh. Austern? Irgendwas mit viel Thymian? Kommt doch auch drauf an, ob man sich in der Provence befindet oder in der Bretagne, nicht? Jedenfalls: Aufwändig, qualitativ hochwertig, mehrgängig. Und Wein gehört dazu.

7. falk schreiber leipzig Ich war schon ein paar Mal in Leipzig, aber das ist hier wahrscheinlich nicht gemeint. Gemeint ist mein Namensvetter, der Radiomoderator beim MDR ist (oder war?) – ich habe eine Autogrammkarte gefunden, ähnlich sieht er mir eigentlich nicht.

8. morrissey größter entertainer Steven Patrick Morrissey mag eine Rampensau sein, er ist allerdings auch ein missionarischer Veganer, ein Rassist, ein blödes Arschloch, und je älter ich werde, desto klarer wird mir: Er macht auch unvorstellbar altbackene Musik. Hier spricht enttäuschte Liebe, ja.

Mir ist klar, dass es auf Kunstmessen nicht um das Wahre, Gute, Schöne geht, sondern um Kapitalismus. Im Zentrum steht nicht das Wort „Kunst“, sondern das Wort „Messe“: Hier soll etwas verkauft werden, mehr noch, hier soll etwas verkauft werden, das keinen direkten Wert hat, der Wert von Kunst ist immateriell, gehandelt wird hier mit Geschmack, Distinktion, Bewusstsein. Eine Kunstmesse ist Bewusstseinsindustrie. Ich weiß das. Ich bin nicht naiv, ich stolperte auch übers Berliner Art Forum (solange es das noch gab), ich sah den reichen Russen, der am Stand von Contemporary Fine Arts auf ein Gemälde von Daniel Richter zeigte, nichts sagte, die Handbewegung war schon Aufforderung genug: „Kaufen. Das da.“ Es widert mich an, aber vielleicht ist so eine Szene ja notwendig für eine Kunstwelt, die so spannend ist, wie die momentane. Vor sieben, acht Jahren habe ich Daniel Richter einmal in einem denkwürdigen Gespräch (gemeinsam mit Jonathan Meese) interviewt, es ging um Geld und Markt und darum, wie man es vor dem eigenen Gewissen als doch immer noch linker Künstler vertreten könne, dieses Spiel mitzuspielen. Richter antwortete damals sinngemäß, dass es Dutzende schlimmerer Dinge gebe, die die Reichen mit ihren Millionen machen könnten, als Kunst zu kaufen, darauf wusste ich keine Antwort, beziehungsweise, mir war klar: Richter hatte recht.

(Erwin Wurm machte 2006 eine Skulptur namens „Art Basel fucks Documenta“, man sieht das Kasseler Fridericianum, den zentralen Ausstellungsort der Weltkunstschau Documenta, und das wird von einem Basler Messehochhaus, nunja, gefickt. Da sieht man, wie das Verhältnis zwischen Markt und Kunst wirklich ist, wobei, gefickt zu werden ist ja nun nicht die unangenehmste Position, die man sich vorstellen kann.)

Darüber, dass vergangenes Wochenende in der Hamburger Messe die deutsche Dependance der Affordable Art Fair stattfand, darüber möchte ich mich gar nicht auslassen. Die Affordable Art Fair ist eine Kunstmesse, die die Nische der niedrigpreisigen Arbeiten bedient (die gezeigten Werke fangen bei 100 Euro an und hören bei 5000 Euro auf), es gibt viel minderwertigen Kram zu sehen und einiges ziemlich Gutes, nicht anders als bei jeder anderen Messe also, und dass sich P. und R. hier eine der ziemlich guten Arbeiten als Schnäppchen mit nach Hause genommen haben, spricht ebenfalls für die Affordable Art Fair, also: nichts dagegen. Viel aber gegen die Plakate, die Hamburg seit Wochen verschandeln und die einem sofort jede Lust nehmen, sich intellektuell mit Kunst auseinander zu setzen: Man sieht ein doofes Paar über den Elbstrand turteln (barfuß! Bei der momentanen Witterung!), sie halten rosa (rosa!) Pakete in den Händen, Pakete, in denen Kunstwerke versteckt scheinen (wäre es zuviel verlangt, bei dieser Gelegenheit Kunst zu zeigen? Oder schreckt es vielleicht die angestrebte Klientel ab, wenn das Marketing anders aussieht wie das eines Möbelhauses?), und über allem schwebt der entsetzliche Spruch „Kunst, der man nicht widerstehen kann“. Als ob es hier um Schokolade oder Instantkaffe oder Dessous gehen würde.

Die Affordable Art Fair möchte Schwellenangst abbauen, möchte dafür sorgen, dass ein kunstfernes Publikum vorbeischaut und einkauft (und ICH HABE DA REIN GAR NICHTS DAGEGEN). Und um das zu erreichen, schrauben sie in ihrer Außenwirkung jeden Anspruch soweit runter, bis man überhaupt nicht mehr erkennt, um was es hier eigentlich geht. Ich aber weiß, worum es geht, und weil ich das weiß, kotze ich auf offener Straße.

Vor fünf Jahren habe ich Jonathan Meese fürs uMag interviewt (Leider nicht online, schade, das Gespräch ist lesenswert). Das war die Zeit, als Meese gerade durch die Decke ging, nach „Képi Blanc, nackt“ in der Frankfurter Schirn, kurz vor „Mama Johnny“ in den Hamburger Deichtorhallen. Ein kommender Star. Entsprechend wollte ich mit ihm über Geld sprechen, das fand ich spannend, in einer Zeit, in der der internationale Kunstmarkt geil auf Deutsches war, mit jemandem zu reden, der diese Geilheit befriedigte und der sich, so dachte ich, das auch entsprechend bezahlen ließ. Das Interview war lustig, das Interview war wirr, das Interview war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte: Meese behauptete mehr oder weniger, dass er sich kaum für Geld interessiere, dass er aber nicht nein sagen würde, das auch nicht könne, jede Anfrage sei ein Input für ihn, eine Inspiration, also versuche er, die Anfragen zu bedienen. Und dafür gebe es dann Geld, in Gottesnamen, das „sammle“ er dann. Das war ein Stück weit Pose, sicher, aber im Großen und Ganzen habe ich ihm geglaubt, ich glaube ihm immer noch.

Und jetzt wirbt Jonathan Meese für die Bild.

Wir sind Helden haben sich dieser Werbung verweigert und damit Anerkennung geerntet, auch über den eingeschworenen Fankreis hinaus. Vor allem hat die Neohippie-Band mit ihrer Verweigerung offen gelegt, wie die Bild-Kampagne überhaupt funktioniert: Promis (Jonathan Meese! Ein Promi!) werden gebeten, ihre ehrliche Meinung zu dem Printprodukt aus dem Hause Springer zu aufzuschreiben, das entstandene Werk wird daraufhin unverändert vergrößert und prominent plakatiert. Geld bekommen die Testimonials nicht, im Besten Falle ist die Werbung ein Gewinn für beide Seiten: Der Promi wird noch ein Stück prominenter (und kann in der Antwort seine Kreativität und seinen Humor beweisen), Bild inszeniert sich als tolerant, kritikfähig, diskussionsbereit. In der Realität ist es hingegen so, dass zumindest bei mir Promis unten durch sind, sobald sie auf den Bild-Plakaten auftauchen, Gottschalk, Lahm, Schweiger, okay, die gehen ohnehin nicht, aber: Richard von Weizsäcker, war das nichtmal einer von den Guten? Anscheinend nicht.
Und jetzt Jonathan Meese. Taucht mit einem eher lieblos hingeschluderten Heavy-Metal-Artwork auf, blökt in Abwandlung zum Kampagnen-Spruch „Bild dir deine Meinung“ den Meese-Klassiker „Die Diktatur der Kunst braucht keine Meinung“ und ist augenscheinlich ein Künstler, bei dem die Werber sogar Bild-Lesern zutrauen, etwas mit ihm anfangen zu können. Macht mich traurig, einerseits. Andererseits: Meese war für mich ohnehin überkommuniziert, etwas mit ihm machen hätte ich längst nicht mehr gekonnt, eigentlich kann es mir egal sein. Und ihm ist es wohl auch egal, er konnte halt mal wieder nicht nein sagen.

Auf St. Pauli tauchen seit kurzem Plakate auf, die optisch an die Bild-Kampagne angelehnt sind. Sie stammen von der Anwohnerinitiative No BNQ und wenden sich gegen den Gentrifizierungsprozess, der dem Viertel seit einiger Zeit schwer zu schaffen macht. Die Plakate zeigen Protagonisten aus dem Viertel, ganz normale Einwohner einerseits, Künstler und damit irgendwie auch Promis andererseits (St. Pauli ist Bohème, das lässt sich ja auch nicht wegdiskutieren). Und von einem Plakat grinst Melissa Logan vom Allround-Kunst-Kollektiv Chicks on Speed. Die passt da hin, klar, sie repräsentiert St. Pauli gut. Aber glücklich macht es einen nicht, dieses Plakat zu sehen. Weil Logan nämlich aus einer ähnlichen Szene kommt wie Meese, beide waren im erweiterten Umkreis des Hamburger Theaters Fleetstreet, beide haben eine ideelle Nähe zur Hafenstraße. Nur gibt die eine jetzt ihr Gesicht für eine Anwohnerinitiative her.
Und der andere seines für Bild.