Wenn ein politischer Begriff gleichzeitig von Silvio Berlusconi (Popolo della Libertà), Jörg Haider (Freiheitliche Partei Österreichs) und Guido Westerwelle (FDP) für sich reklamiert wird, wenn dieser Begriff kulturell darüber hinaus von südtiroler Halbrechtsrockern, einer intellektuell verbrämten anarchokapitalistischen Zeitschrift und Berliner antiislamischen Spießern als sinnstiftend angesehen wird, dann braucht sich niemand zu wundern, dass ich alles, was in Zusammenhang mit diesem Begriff genannt wird, von Herzen ablehne.

Freiheit ist für mich ein absolutes No-go. Freiheit, das meint für mich die Freiheit weniger Besitzender, den vielen Besitzlosen ihren Willen aufzudrücken.

„Du wärst auch ein guter Nazi geworden“, meint Frau K., als ich mich über die bescheurten Hamburg Harley Days aufrege. Ja, ich rege mich darüber auf, dass sich ein paar provinzielle, dickbäuchige, reaktionäre Dösbaddel die Freiheit nehmen, ein Wochenende lang den Stadtbewohnern die Luft zu verpesten. Und es gefällt mir nicht, deswegen als Nazi beschimpft zu werden.
Norberto Bobbio zeichnet in seinem Buch „Rechts und Links“ (1994) eine Skala, in der er politische Rhetoriken miteinander vergleicht. Bobbio kommt zu dem Schluss, dass jemand auf dieser Skala umso weiter links steht, je stärker er das Motiv der Gleichheit betont – und umso weiter rechts, je wichtiger ihm das Motiv der Freiheit ist. Wenn man Bobbio ernst nimmt, dann sollte man einen Gegner der Freiheit also nicht unbedingt als Nazi bezeichnen. (Ich, übrigens, beschäftigte mich 1994 erstmals mit Bobbio. Und ich war entsetzt – frisch ans Institut für Politikwissenschaft gewechselt und geflasht von der ungleich größeren Freiheit, die Sozialwissenschaftsstundenten im Vergleich zu denen am stark verschulten Matheinstitut gewährt wurde.)
Und hier gerate ich in eine Problemzone, aus der ich nicht so ohne Weiteres rauskomme. Jedes politische Nachdenken sagt mir, dass Freiheit als Kategorie abgelehnt gehört. Aber gleichzeitig bin ich ein großer Freund individueller Freiheit. Ich fand mein Studium in seiner Unordnung und mangelnden Formierung klasse, ich bin entsetzt, wie durch die Umsetzung des Bologna-Prozesses die Strukturen an den Unis immer verschulter und damit unfreier wurden. Ich schätze politische Freizügigkeit, wegen meiner könnte die noch deutlich weiter ausgebaut werden, auf europäischer, gerne auf internationaler Ebene, bis jetzt bin ich aber schon dankbar, von Baden-Württemberg nach Hessen, von Hessen nach Berlin, von Berlin nach Hamburg ziehen zu können, ohne dass mir nennenswerte Steine in den Weg gelegt werden. Gleichzeitig finde ich toll, dass übergeordnete moralische Institutionen, vulgo: Kirchen, mir nicht mehr vorschreiben können, wann ich mit wem wie schlafen darf. (Dass die Kritik an dem in jeder Hinsicht kritisierbaren Guido Westerwelle oft einen homophoben Unterton bekommt, lässt mich fast zum FDP-Wähler werden. Aber nur fast.) Schließlich werde ich immer an vorderster Front die Freiheit der Kunst verteidigen, Gewalt, Pornografie, immer her damit! Und trotzdem ist Freiheit nicht grundsätzlich erstrebenswert.

„Liberté, egalité, fraternité“ waren die Ideale der französischen Revolution. Wer heute die politische Freiheit auf seine Fahne schreibt und sich damit indirekt auf diese Revolutionsideale beruft, vergisst in der Regel, dass mit dieser gleichwertig auch Gleichheit und Brüderlichkeit genannt sind. Und nimmt an den Harley-Days teil, strunzdumm und selbstgerecht und aggressiv: Ich bin so frei. Als gestern die Idioten des Schlagermove die S-Bahnen vollkotzten, Vorortschwachköpfe jenseits von Stil, Anmut oder Coolness, war mir klar: Nein, ich will nicht leben und leben lassen. Ich will, dass diesen Idioten ihr Idiotenvergnügen verboten wird, voll autoritär. Weil sie nicht einmal kapieren, dass die Freiheit zu diesem Vergnügen in seiner ästhetischen Armseligkeit ein Widerspruch ist zu Gleichheit und Brüderlichkeit. Oder, um mit einem Lied des großen Rocko Schamoni zu antworten: „Ihr seid zu dumm, um frei zu sein.“

Das eigentlich immer empfehlenswerte Magazin Dummy übrigens beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe mit Freiheit. Unter anderem schreibt Tobias Moorstedt einen klugen Essay (PDF-Download) über die Ideologiesierung des Freiheitsbegriffs in den USA und entsprechende Tendenzen in der Anti-Political-Correctness-Bewegung hierzulande:

Freiheitsberaubung lautet der Vorwurf, mit dem Abgeordnete und Strategen aus den Thinktanks gegen Krankenversicherung, Umweltbehörde und nationale Notenbank, gegen Bankregulierungsgesetze, Waffenscheine und Steuern im Allgemeinen auf die Barrikaden gehen.

Tolles Heft.

André Müller ist gestorben, 65-jährig, am Dreckskrebs. Und obwohl ich Müller nie kennengelernt habe, ist das ein Stich. Weil ich ihn eben doch kennengelernt habe, irgendwie. André Müller war ein Journalist, der in seinen Texten immer mit offenem Visier arbeitete, sich angreifbar machte, einen an seinen Ängsten teilhaben ließ. Und trotzdem Journalismus nie als Nabelschau missverstehen wollte. André Müller war ein Interviewer, wahrscheinlich der beste Interviewer, den diese oft als minderwertig geschmähte journalistische Form anzubieten hatte. André Müller war großartig.

Warum mache ich das, warum führe ich Interviews? Vor fast einem Jahr habe ich schon einmal ein paar Gedanken zu diesem Thema formuliert, hauptsächlich hielt ich mich dabei bei dem Gegensatz zwischen einem Interview und einem echten Gespräch auf, nicht falsch, was ich da dachte, bloß: Eine Anwort auf die Frage oben ist es eigentlich nicht. Eine Antwort wäre, dass ich beim Interviewen Leuten begegne, die ich interessant finde. Und dass ich mit diesen Leuten Themen bespreche, die sie ebenfalls interessant finden. Und dabei machte ich einige tolle Erfahrungen, das ist die Antwort.
(Was jetzt folgt sind ein paar Selbstverlinkungen, das ist nicht besonders elegant, muss aber wohl sein, zur Verdeutlichung.) Es war toll, mich mit den Theatermachern Hygiene Heute treffen zu dürfen, lange bevor sie als Rimini Protokoll bekannt wurden (dass die taz meinen Text damals unter dem Namen des Regisseurs Falk Richter statt unter meinem abdruckte, ärgerte mich damals ein wenig, heute weiß ich, dass das Fehler sind, die im Redaktionsalltag eben passieren). Es war toll, die Schauspielerin Julia Jentsch ein wenig anschwärmen zu dürfen. Ich war beseelt, mich mit dem Künstlerpaar Gilbert & George über Religion erst streiten und dann doch auf einer Wellenlänge wissen zu dürfen. Und es war klasse, die weitgehend unbekannte Malerin Heide Nord aus ihrer Reserve locken zu können.
Auffallend allerdings, bei all meinen Texten: Die Basis sind Interviews, am Ende schreibe ich aber nicht die Illusion eines Gesprächs nieder, sondern einen Fließtext. Wahrscheinlich kann ich das nicht so gut: Das, was mich in diesem Moment bewegt, das, was mich eigentlich an meinem Gesprächspartner interessiert, in meinen Fragen formulieren. Wahrscheinlich benötige ich genau für dieses Moment des Interesses noch den erlösenden, erklärenden Satz. Den Satz, der im Gespräch selbst eben nicht fällt.
Denn darum geht es: um Interesse. Ein Interview funktioniert nur auf der Basis, dass man interessiert ist an dem, was das Gegenüber sagt. Man sollte sein Manuskript vergessen, damit man individuell auf seinen Partner reagieren kann, man sollte Augenkontakt halten, man sollte sofort verstehen, was das eben Gesagte mit dem eigenen Leben zu tun hat. Und darauf dann die Folgefrage stellen, die jetzt einzig richtige. Ich scheine das nicht zu können.

André Müller, der konnte das. 2000 sprach Müller für den Tagesspiegel mit Jörg Haider, ein harter Brocken, an dem die meisten scheiterten, am spektakulärsten Erich Böhme in seiner Fernsehshow Talk in Berlin (erster von neun Teilen, die folgenden Teile sind rechts verlinkt). Müller geht ganz klassisch vor, konfrontiert den österreichischen Rechtspopulisten zunächst mit einigen kontroversen Zitaten, Provokationen, auf die der professionell abgefuckt reagiert. Und dann dreht der Interviewer das Gespräch plötzlich, wird persönlich bis zur Schmerzgrenze.

Warum sprechen Sie von „Nichtstuern im Süden“? Warum benutzen Sie diese Worte? Was ist ein Nichtstuer?

HAIDER: Vielleicht fällt es Ihnen leichter, wenn ich sage: einer, der dem Müßiggang frönt, einer, der keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgeht.

Das ist ein Nichtstuer?

HAIDER: Ja.

Dann bin ich einer.

HAIDER: Das kann schon sein. Unter Journalisten gibt es mehrere solche.

Vielleicht ist Denken schon Tun. Das kann doch auch nützlich sein.

HAIDER: Ja gut, okay. Aber Sie müssen ja nicht unbedingt in einem System leben, wo man das subventioniert. Bei mir würden Sie nicht subventioniert. Die EU fördert Betrügereien, indem Leute, ohne daß sie was tun, also obwohl sie zum Beispiel keine Oliven anbauen, durch betrügerische Antragsstellung und Fälschung von Dokumenten zu ihrem Geld kommen.

Betrogen hab ich noch keinen.

HAIDER: Na gut, solange Sie niemandem zur Last fallen…

Offenbar falle ich jetzt Ihnen zur Last.

HAIDER: Mir gehen Sie höchstens auf die Nerven.

Müller macht hier etwas, was man als Journalist eigentlich nicht darf: Er spricht von sich. Und wie er von sich spricht, entlarvt er Haider in seinen Antworten, ganz hart, ganz klar. Das funktioniert nur, weil er sich ohne Einschränkungen dafür interessiert, was Haider da sagt.
Und weil wir solche Interviews in Zukunft nicht mehr lesen dürfen, deswegen ist der Tod von André Müller solch ein schmerzhafter Verlust.