Ich war immer ein schlechter Schüler in Kunst. Was vor allem deswegen bemerkenswert ist, weil ich die Inhalte, die hier vermittelt wurden, eigentlich meine gesamte Schulzeit über interessant fand. Wahrscheinlich war es so, dass ich annahm, dass diese Inhalte zu kurz kamen, vielleicht wollte ich auch nicht glauben, dass ein baden-württembergischer Lehrer, ein Mensch, der im Sold eines Landes stand, das alle von mir verachteten bürgerlichen Attribute in sich vereinte, irgendetwas von Kunst verstehen sollte, Kunst, die doch im Grunde ein Tritt gegens Schienbein aller Bürgerlichkeit sein sollte. (Was im übrigen ein Problem ist, das ich immer noch nicht für mich gelöst habe.) Eigentlich war ich nur einmal wirklich begeistert im Unterricht dabei, und zwar, als wir die Skulpturen Alberto Giacomettis durchnahmen. Damals stellten wir selbst eine Variante von Giacomettis “Schreitendem” her: Wir fertigten einen Sockel aus Styropor, auf dem wir ein Gerippe aus Draht errichteten. Dieses Gerippe ummantelten wir mit Gipsbinden, und nachdem diese getrocknet waren, malten wir die entstehende Skulptur in Grautönen an. Eigentlich fand ich immer doof, was ich im Kunstunterricht fabriziert hatte, aber auf diesen Möchtegern-Giacometti war ich ziemlich stolz, tatsächlich bin ich es heute immer noch. (Keine Ahnung, ob das Ding noch existiert, vielleicht steht es im Keller meiner Mutter, vielleicht ist es während irgendeines Umzugs verschwunden. Egal.)

In Hamburg laufen derzeit übrigens zwei umfangreiche Giacometti-Ausstellungen, in der Kunsthalle und im Bucerius Kunst Forum. Kann ich nur empfehlen. Und in der jungen Welt habe ich auch etwas darüber geschrieben.

In der Kunsthalle ist tatsächlich Giacomettis Entwurf für die Chase-Manhattan-Plaza aufgebaut, der »Schreitende Mann II«, der »Große Kopf« und die »Große Stehende II« (alle 1960), monumentale Werke, die praktisch nie gemeinsam zu sehen sind. Die ansonsten abgedunkelte Kunsthalle öffnet ihre Fenster in den Stadtraum, man schaut auf die Alster, gleichzeitig auf die drei Skulpturen, und merkt: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, und die Umsetzung dieser Gedanken hat er sich was kosten lassen. Schön.

Ein ganzer Flur im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist vollgestopft mit, ja: Müll. Schläuche, Kanister, Autoreifen, ein ganzes, auf den ersten Blick halbwegs gut erhaltenes Tretboot, dazu viel Undefinierbares. Der Einstieg ist atemberaubend, weil er mit ganz einfachen Mitteln verdeutlicht, worum es in der Ausstellung “Endstation Meer?” geht: Pro Sekunde werden weltweit 8000 Kilogramm Kunststoff hergestellt, langlebige Wegwerfprodukte, die allesamt im Müll landen, in nicht allzu ferner Zukunft. Müll, der nach den Gesetzen der Schwerkraft irgendwann im Meer endet, 6,4 Millionen Tonnen pro Jahr.

Darf man das? Als Kunstkritiker mit dem ästhetischen Blick auf die Zerstörung der Umwelt schauen? Darf man den ästhetischen Wert von Ruinen, von Tod, von Schmutz taxieren? Wird man dadurch zu Karlheinz Stockhausen, der 9/11 als “größtes Kunstwerk, das es je gegeben hat” bezeichnete? Wird man zum dummen, alten Mann, der sich ästhetizistischen Provokationen gefällt? Vielleicht.

Ich jedenfalls habe die Ausstellung “Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt” im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe besucht. Und weil ich ein dummer, alter Mann bin, habe ich auch einen ästhetizistischen Artikel für die junge Welt geschrieben. Wobei, um ehrlich zu sein, auch Fukushima sieht alles in allem beeindruckend aus.

Edit: Isabel Bogdan hat die Ausstellung schon zuvor in Zürich besucht. Und ebenfalls einen Artikel geschrieben.

05. Oktober 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Matta, ein Künstler, der nur einen Bruchteil seines Lebens in Chile verbrachte, zunächst als Exilant in den Kunstmetropolen Paris und New York, später, nach einer kurzen Rückkehr nach Santiago, auf der Flucht vor der Militärdiktatur, wird hier eingemeindet in ein neoliberales Programm. Chile, das eng an die US-Wirtschaft angebundene Boomland, dessen regierendes Parteienbündnis Allianza por Chile seine jüngere diktatorische Vergangenheit praktisch gar nicht aufarbeitet, umarmt hier einen Künstler, der sich zu Lebzeiten wohl massiv solch einer Vereinnahmung verwehrt hätte. Daß das Ausstellungskonzept des Bucerius Kunst Forums solch eine Vereinnahmung ermöglicht, ist die große Schwachstelle einer ansonsten durch die Bank sehenswerten Retrospektive.

Ach ja. Zwei Wochen ist es her, dass die junge Welt mich unbedingt zur Vernissage von Roberto Matta im Bucerius Kunst Forum schicken musste, in eine Ausstellung, die ich mir sicher mal angeschaut hätte, aber mal ehrlich: zur Vernissage? Zwischen die bürgerliche Elite der Hansestadt, zwischen Exilchilenen und Botschafter, zwischen Geschäftemacher und Freunde des chilenischen Volkes, bei denen ich mir nie so recht sicher bin, ob für sie das Pinochet-Regime nicht womöglich das bessere Chile war. Aber gut, für die Weltrevolution mache ich viel mit, für die Junge-Welt-Revolution entsprechend auch. Und nein, ich ärgere mich auch nicht, dass die Redaktion meinen Artikel dann zwei Wochen lang auf Halde legte, weswegen auch.

Und dass der Artikel jetzt, wo er endlich erschienen ist, hinter einer Paywall verschwinden musste, ach das steck’ ich auch weg. Ist ja für eine gute Sache.

Und so wandert man durchs Gras, schaut sich Gags an wie den nachgebauten Autobahnstreifen »Autobahn A0« der Hamburger Ole Utikal und Hannes Mussbach oder die Körperschrift-Reenactment-Phantasie »Krieg und Frieden« des Kollektivs Krautzungen; man findet die Sachen mal läppisch, mal cool, man schaut den unvorstellbar hübschen Indiejungs und -mädchen hinterher, man verliert ein wenig das »Entweder. Oder.«-Motto aus dem Blick. Und plötzlich fällt einem wie Schuppen von den Augen: Der Ausweg aus dem Entscheidungsdilemma, das ist nicht das feige »Sowohl als auch«, das ist das Verlieren. Das Treibenlassen in dieser Mischung aus Künstlerkommune, Hipsterevent, ernsthaftem politischen Anliegen und gutem Willen. Der Ausweg ist ein »Irgendwie habe ich vergessen, wie ich überhaupt in dieses Dilemma geraten bin«.

Dass ich das Kunstcamp im Vorfeld des Dockville-Festivals für das spannendste Kunstevent des Sommers halte (ja, klar, documenta!) ist seit einigen Jahren bekannt. Und weil ich das so spannend finde (und darauf hinwirken möchte, dass kommendes Wochenende noch möglichst viel Publikum das Camp stürmt, schon alleine, um einen gewissen Druck aufzubauen, in den Verhandlungen mit der Stadt, die das Festival über kurz oder lang der Hafenwirtschaft opfern möchte), habe ich an verschiedenen Orten Texte zum Camp geschrieben. In der jungen Welt von heute eine Besprechung der Vernissage vergangenen Donnerstag. Und im aktuellen uMag einen Artikel über das Park-Kunst-Konzept der serbischen Kunstcamp-Teilnehmerin Dusica Drazic.

(Auf dem Foto: Mladen Miljanovics Installation “Hahaha – Ahahah”)

Immer dasselbe Schildkrötengesicht, die scharfen Züge, der gleichzeitig belustigte wie fordernde Blick, die genialische Pose, die Lust am Rollenspiel. Allerdings führt die Ausstellung nie über diese Antwort hinaus. Zu sehen ist: Picasso sinnierend im Atelier. Picasso mit Geliebter am Strand. Picasso mit Kindern. Picasso, verkleidet als Indianerhäuptling (mit einem Federschmuck, der dem Künstler von Gary Cooper geschenkt wurde, eine Nummer kleiner geht es bei diesem Künstler im Jahr 1966 nicht mehr). Da! Ein Bild vom Wladimir Putin, wie er gerade einen sibirischen Tiger erlegt! Ach, nein, es ist doch wieder nur Picasso.

Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läuft gerade die (aus dem Kölner Museum Ludwig übernommene) Ausstellung “ichundichundich”: Pablo Picasso, fotografiert von Freunden und Künstlern wie Robert Capa, Jean Cokteau und Brassaï. Ich fand sie … nicht so toll. Wie genau, habe ich für die heute erschienene junge Welt aufgeschrieben.

04. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

In einer Zeit, in der selbst der Bundesgauck pastoral verschwiemelt fordert, stolz auch Deutschland zu sein, in einer Zeit, in der ein in der Blogosphäre breit zitierter Text konstatiert, dass es sich hier im Vergleich zu anderen Ländern doch ganz gut aushalten lasse, in einer Zeit, in der die schwarzrotsenfen Fähnchen des Partynationalismus sich wieder in den Auslagen meiner Stammdrogerie breit machen, finde ich es schön, wenn man einmal festhält, dass einer der wenigen Pluspunkte dieses Landes ist, dass man hier gelernt hat: Differenz ist eine gute Sache. (Ansonsten halte ich es mit der alten Ruhrpott-Weisheit: “Woanders is’ auch scheiße.”) Wie in “Open for everything”, dem wunderbaren aktuellen Stück der argentinisch-deutschen Choreographin Constanza Macras. In der jungen Welt habe ich beschrieben, wie ich es fand. (Leider zu spät, um sich das Gastspiel auf Kampnagel anzuschauen, aber das Stück tourt ja durch Europa.)

Das ist die große Kunst von Constanza Macras: Sie traut sich, Brüche stehen zu lassen und macht sie zum zentralen Element ihrer Ästhetik. Die 1970 in Buenos Aires geborene und seit 1995 in Berlin heimische Choreographin steht damit für ein multikulturelles Tanztheater, das eben nicht dem »Melting Pot« huldigt, sondern einer Vielzahl von Wertsystemen, Ästhetiken, Sprachen, die nebeneinander stehen, sich teilweise widersprechen, sich behindern und bekämpfen. Für Macras ist diese Vielstimmigkeit kein Problem, sie macht vielmehr die Qualität des Großstadtlebens im 21. Jahrhundert aus.

Die Installation bleibt im Halbdunkel, was den frappierenden Effekt hat, daß andere Ausstellungsbesucher unvermittelt zwischen den Gitterstäben auftauchen und dadurch selbst Installationscharakter annehmen. Dort hinten, der Stuhl: ein Exekutionsinstrument? Die Körperteile in der Ecke: Prothesen? Kopulierende Restmenschen? “Passage dangereux” ist ein abgründiges Werk, ein Werk, das eine Ahnung davon vermittelt, was für einen Schock diese Ausstellung hätte auslösen können, würden sich tatsächlich ein paar Besucher, die sich die “Maman”-Spinne zum neuen Haustier auserkoren haben, in diese Folterkammer verirren.

Problem: Wie schreibt man über eine Ausstellung, die man zwar grundsätzlich gelungen findet, deren inhaltliche Anlage man aber von Herzen kritisiert? Mit meiner Besprechung von Louise Bourgeois in der Hamburger Kunsthalle versuche ich den Eiertanz zwischen echter Verehrung einer großen Künstlerin und Kritik am bürgerlichen Schweinesystem. (Und weil zunächst die doofe Berlinale und dann der doofe Gauck das Feuilleton der jungen Welt okkupiert hatten, lag mein Text über eine Woche auf Halde. Grmpf.)

Strunks Erinnerungen an eine Siebzigerjahrekindheit zwischen Triebstau, trister Vorortenge und rockigen Ausbrüchen als Aushilfsmucker bei der „geil abliefernden“ Schützenfestkapelle „Die Tiffanys“ sind von berührender Genauigkeit. Zudem schafft es das neue Schauspielhaus-Ensemble, gerade die „Tiffanys“-Szenen erschreckend lebensecht zu gestalten, nicht zuletzt Stephan Schad gibt Bandleader Gurki mit triefender Öligkeit, der zwischen die endlosen Karnevalsschlager heimlich auch eine Zwo-Drei-Vier-Version von Slimes „Bullenschweine“ schmuggelt. Was man wahlweise als Subversion in der Mitklatschhölle lesen kann oder als resignatives „Ist doch eh’ alles wurscht“.

Die junge Welt hat meinen Artikel zu Studio Brauns “Fleisch ist mein Gemüse” am Deutschen Schauspielhaus hinter eine Paywall gesperrt. Ausgerechnet die alten Marxisten. Andererseits bedeutet Marxismus ja nicht, dass man seine Arbeit freigiebig verschenken sollte, oder? Vielleicht sollte ich mich einmal genauer mit Bezahlmodellen im Internet beschäftigen? Ich könnte den Text natürlich einfach hier ein zweites Mal veröffentlichen, ist mir aber auch zu blöde. Wen es interessiert, wie ich die Premiere fand (auf eine unbefriedigende Weise gut), der kann sich eigentlich auch das Printprodukt kaufen. Oder ein Online-Kurzabo abschließen. Oder er kann mich fragen, die Leute sollten ohnehin mehr miteinander reden, finde ich.

Außerdem lasse ich alle Fünfe grade sein und spare mir auch die mittlerweile ungute Tradition gewordene Kritik zum Sonntagabendkrimi. Der war gestern ein Polizeiruf 110 namens “Einer trage des anderen Last” und war ganz großartig, ich meine, Charly Hübner geht mit seinen 200 Pfund Lebendgewicht auf immer dünnerem Eis, Anneke Kim Sarnau fällt ins Koma, und die leider verstorbene Maria Kwiatkowski wird von sexy Hans Löw gefoltert, was will man denn mehr, an einem Sonntagabend?

(Seit ich neben meiner eigentlichen Arbeit auch noch für andere Medien schreibe, fühle ich mich ein wenig wie eine alles in allem glückliche Ehefrau, die sich heimlich anderen Männern hingibt, gegen gar nicht einmal so besonders viel Geld. Ich bin Catherine Deneuve in Belle de Jour, glam!)

16. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , ,

“Ich bin halt ein Mensch, der noch an die totale Revolution glaubt!” sagt Quijote einmal, pathetisch, entschuldigend, lächerlich, irgendwo zwischen Jesus und Jonathan Meese.

Wer sich noch dafür interessiert, was ich zu Stefan Puchers “Quijote. Trip zwischen den Welten” am Thalia zu sagen habe: in der jungen Welt stehts.

- Du hängst auch immer mehr auf dem Sofa rum.

- Ich? Wieso?

- Wann warst du denn das letzte Mal im Theater?

- Am Freitag zum Beispiel, im Schauspielhaus, “Der große Gatsby” in der Regie von Markus Heinzelmann. Und gestern abend im Thalia, “Quijote. Trip zwischen den Welten” von Stefan Pucher.

- Ach. Und warum liest man auf der Bandschublade nichts daraüber? Früher hast du da immer etwas geschrieben.

- Naja, über den “Gatsby” wollte ich eigentlich den gnädigen Mantel des Schweigens breiten.

- Und der Pucher-Abend?

- Der war klasse. Aber da wollte ich eine Besprechung für die junge Welt machen, kommende Woche. Kannst du dir ja kaufen, das wäre ohnehin gut, damit unterstützt du die Revolution.

- Ach was. Du bist jetzt revolutionär, bloß weil du für die junge Welt einen Text schreibst und nicht etwa für die Welt? Mach dir nichts vor: Du schreibst für denjenigen, der dich bezahlt und deiner journalistischen Eitelkeit schmeichelt, und wenn dich die Welt anrufen würde, dann würdest du für die auch etwas schreiben. Die Idee, durch bewussten Konsum das System zu ändern, ist doch ohnehin naiv. Als ob du mit deinem komischen nicaraguanischen Kaffee, den du da trinkst, irgendetwas ändern würdest.

- Immerhin geht der Gewinn direkt an die Kooperative und nicht an irgendwelche komischen Zwischenhändler.

- Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Naja. Aber heute abend gibt es wenigstens eine “Tatort”-Kritik auf der Bandschublade, oder?

- Nö, gibt es nicht.

- Weswegen denn nicht?

- Weil heute abend ein “Tatort” aus Leipzig kommt. Und die Leipziger Krimis sind so schlecht, die tue ich mir einfach nicht mehr an. Ich mache anderes, lese was, kille Zombies, komme meinen ehelichen Pflichten nach, egal, auf jeden Fall schaue ich keinen “Tatort”. Und schreibe dann entsprechend auch nichts darüber.

- Das ist aber nicht der Job eines Kritikers. Der Kritiker muss doch dahin gehen, wo es wehtut, oder?

- Dafür trinke ich ja den nicaraguanischen Revolutionskaffee.