Mit Künstlern über Geld zu reden, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Künstler sind meist der Meinung, dass man als Journalist zu den Großverdienern zähle, zumindest zu den Leuten, die sich für ein bürgerliches Lebensmodell entschieden hätten und sich dieses Modell auch irgendwie leisten könnten, und, wer weiß, womöglich ist da sogar was dran, trotz Medienkrise und tarifflüchtigen Verlegern. Wer weiß, vielleicht leben Künstler und Journalisten wirklich in unterschiedlichen Wirtschaftswelten, aber um ehrlich zu sein, ich glaube nicht wirklich dran. In beiden Welten geht es recht dreckig zu, und über kurz oder lang wird es noch mehr Welten geben, in denen es ebenso dreckig ist. Ich plädiere eher für großflächige Solidarisierungsaktionen.

Ich habe vor Jahren schon einmal ein Interview mit dem Berliner Choreografen Jochen Roller fürs uMag geführt, schon damals ging es gar nicht primär um ästhetische Fragen, sondern um ökonomische (und wie die Ökonomie später wieder auf die Ästhetik durchschlägt, das ist ja klar). Gestern hatte Rollers neues Stück “Der Carpenter-Effekt” auf Kampnagel Premiere, ein Stück, das er gemeinsam mit Mónica Antezana erarbeitet hat, und in dem beschäftigen sie sich mit genau dieser Frage: Was wird eigentlich aus der Kunst, wenn gar keine Mittel für die Kunst mehr da sind? Wie ich es fand, habe ich für die Nachtkritik beschrieben:

Dass freies Theaterschaffen ein hartes Brot ist, ist keine neue Erkenntnis. Wer sich die Zustände verdeutlichen will, kann sich in der Facebook-Gruppe “Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse” umfassend informieren – Tänzer, Sänger und Schauspieler tauschen sich hier darüber aus, mit was für lächerlicher Entlohnung sie abgespeist werden, und obwohl das nach zwei, drei Kommentaren regelmäßig in übles Subventionstheater-Bashing ausartet, muss man festhalten, dass Honorare und finanzielle Ausstattung im Theater jeder Beschreibung spotten. Und natürlich kann man auch andersrum fragen: Braucht man denn wirklich viel Geld? Braucht man Bühnenbilder, braucht man Kostüme? Wofür hat man Phantasie?

Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass niemand mehr ein Interesse haben dürfte, auf der Bandschublade einen Artikel zu Constanza Macras zu lesen – habe ich doch hier (wie anderswo) schon mehrfach beschrieben, wie toll ich die Berliner Choreografin finde. Allerdings darf ich schon noch erwähnen, dass ich Macras’ explizit antinationalistischen Zugriff auf Tanz (dessen internationale Protagonistenschar häufig vergessen lässt, dass Internationalismus etwas ist, das man sich erarbeiten muss) extrem wichtig finde. Ich finde es wichtig, dass in ihrem neuen Stück “Distortion” Brechts “Kinderhymne” eine zentrale Rolle spielt, gerade in Zeiten, in denen der Alltagsnationalismus durch Bands wie Frei.Wild (die hier nicht verlinkt werden) wieder hoffähig gemacht wird, so hoffähig, dass ein Punkfestival wie das Leipziger With Full Force aus allen Wolken fällt, wenn es einen Proteststurm gibt, weil solch eine Band dort spielen darf.

Und wie ich “Distortion”, Macras’ erste Zusammenarbeit mit der Hamburger HipHop Academy, nun fand, das habe ich für nachtkritik.de aufgeschrieben. Nur hier lesen muss man es nicht unbedingt.

Es beginnt mit einer starken Tanzsequenz. Während elektronische Klänge (Marc “Sleepwalker” Wichmann von der HipHop Academy und Kristina Lösche-Löwensen von Macras’ Berliner Compagnie Dorky Park) langsam an- und abschwellen, bewegen sich Körper wellenartig, schnelle Beats treiben die Tänzer an, bremsen sie aus, verzerren die Bewegungen. Ein paar klassische Breakdance-Moves gibt es auch, viel beklatschte Headspins, Windmills und Flares. Und als nach einer Weile mehrfach geloopte Textfragmente durch den Saal schallen, nimmt man die begeistert auf: Bedeutung! Inhalt! “Ich bin hier geboren/Ich habe einen deutschen Pass/obwohl ich nicht deutsch aussehe …” versteht man und hat damit auch schon das Thema des Abends begriffen: Es geht um Identität, und zwar explizit auch um nationale Identität.

„Verrücktes Blut“ ist schuld. Mit dieser Produktion setzte das Berliner Ballhaus Naunynstraße vor zwei Jahren den Begriff „postmigrantisches Theater“ auf die Agenda – Migrationsprozesse sind demnach in Deutschland abgeschlossen, bleiben aber dennoch in der Lebensrealität der Zuwanderer spürbar. Das Theater soll diese Realität sowohl inhaltlich wie ästhetisch abbilden, und selbst wenn „postmigrantisches Theater“ als Genrebegriff zu hoch gehängt ist, liegt hier zweifellos Einiges im Argen. Wo die postmigrantische Generation längst in Kino, Kabarett, Tanz und Comedyszene angekommen ist, ist das deutsche Stadttheater weiterhin Hort kultureller Homogenität. Außer in der Kreuzberger Naunynstraße.

Ich habe in diesem sympathischen kleinen Blog schon mehrfach erwähnt, dass ich unzufrieden bin mit der nationalen Homogenität im deutschen Stadt- und Staatstheater, gerade wenn ich Stücke gesehen habe wie “Hajusom in Bollyland” der Hamburger multinationalen Gruppe Hajusom, oder “Open for everything” von Constanza Macras’ Gruppe Dorky Park. Weil ich bei solchen Arbeiten immer spürte, welche Kraft, welche Sinnlichkeit, auch welche Aggression in einem Multikulturalismus steckt, der die Grenzen des Nationalen überwindet. In der morgen erscheinenden Ausgabe von Theater heute habe ich unter dem Titel “Ihr werdet jetzt alle assimiliert!” einen längeren Text über den Trend hin zum postmigrantischen Theater geschrieben, anlässlich des Kampnagel-Minifestivals “Krass” Ende des vergangenen Jahres.

(In besagter Theater heute-Ausgabe findet man, ebenfalls von mir, Besprechungen zu “Männer Frauen Arbeit” am Hamburger Schauspielhaus sowie zu “Die Affaire Rue de Lourcine” am Theater Bremen, es gibt diesen Monat also recht viel Falk fürs Geld. Links sind, wie bei Theater heute üblich, nur für Abonnenten zugänglich.)

Edit: Fürs das aktuelle uMag habe ich ein Interview mit Constanza Macras geführt, in dem ich mit der Choreographin unter anderem über das Thema Migration rede.

Als ich vor einem knappen Jahr fürs uMag ein Interview mit Milo Rau und Jens Dietrich von der schweizerisch-deutschen Theater- und Recherchegruppe International Institute of Political Murder (IIPM) führte, war ich der Meinung, Raus Theater sei eine Variante der von mir geschätzten (wenn auch ein wenig zu häufig gesehenen) Rimini-Protokoll-Ästhetik: Stücke, die eine unglaublich aufwändige Recherche voraus setzen, bei denen lange Interviews geführt werden, Quellenforschung betrieben wird, Thesen aufgestellt und Thesen wieder verworfen werden, bevor man überhaupt etwas hat, das annähernd als Probe bezeichnet werden kann. Auf der Bühne entsteht dann Monate später etwas, das man nicht wirklich als theatrale Situation bezeichnen kann, zumindest nicht im traditionellen Sinn: Es geht eher um eine Art Vortragssituation, echte Menschen und keine Schauspieler (Stefan Kaegi von Rimini Protokoll mag den Begriff “Laien” nicht, er spricht von “Experten des Alltags”) dröseln da ein Thema auf, und am Ende hat man einen Erkenntnisgewinn. Ich kannte vor einem Jahr das Stück “Die letzten Tage der Ceausescus” vom IIPM, ein Nachspielen des Prozesses gegen den rumänischen Diktator, und irgendwie erschien mir das vom Ansatz her vergleichbar.

Milo Rau wehrte sich gegen diesen Vergleich. Mir war Rau während des Gesprächs nicht unbedingt sympathisch, da sollte man sich als Journalist frei von machen, aber man kann sich letztlich nicht ganz frei machen, man kann nur versuchen, sich im Text dann gegen diese Beeinträchtigung zu wehren, trotzdem objektiv zu bleiben. Jedenfalls: Ich nahm Raus Verwehren gegen den Rimini-Protokoll-Zusammenhang nicht ganz ernst, mir kam das vor als ob da ein Nachwuchskünstler Angst davor hatte, als Epigone mit einem schon etablierten Künstler in eine Schublade gesteckt zu werden. Entsprechend schaute ich mir “Hate Radio”, das Stück, das Anlass meines Interviews gewesen war, auch erstmal nicht an, ich verpasste den Hype, der sich daraufhin um die Aufführung entwickelte, ich beobachtete aus der Ferne, wie innerhalb kürzester Zeit alle wichtigen Feuilletons über das IIPM berichteten, wie “Hate Radio” zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde (was für eine freie Produktion mehr als überraschend kam), wie die Inszenierung mehrfach in der Theater heute-Kritikerumfrage der vergangenen Saison genannt wurde. Und ziemlich schnell war klar: Bei der nächsten Gelegenheit muss ich mir das Stück doch noch ansehen. Die nächste Gelegenheit: ein Dreivierteljahr nach der Premire auf Kampnagel.

“Hate Radio” verhandelt den Genozid in Ruanda (1994), ein Thema, mit dem ich mich zur Vorbereitung des IIPM-Interviews recht umfangreich beschäftigt hatte. Mehr oder weniger gesichert schien mir bei dieser Beschäftigung vor allem eines: Man kann bis heute nur schwer sagen, was damals eigentlich passierte, in diesem winzigen zentralafrikanischen Land, weswegen Nachbarn, die bislang friedlich zusammengelebt hatten, plötzlich anfingen, einander umzubringen. Milo Rau sucht hier ebenfalls nicht nach Antworten, stattdessen konzentriert er sich auf den ruandischen Radiosender Radio Television Libre des Mille Collines (PDF-Link), was er im uMag-Interview erklärte:

RTLM war eine Radiostation, in der ein Prozess der Globalisierung stattfand (…). Die spielten nicht nur zentralafrikanische Musik, sondern Musik aus der ganzen Welt. Man hat MC Hammer gehört, man hat Nirvana gehört, man hat die gleiche Musik gehört wie bei uns, nur sind in Ruanda andere Dinge passiert.” Über das Programm eines Radiosenders in Kigali stellt Rau eine Verbindung zu seiner eigenen Kindheit her: Rau wurde 1977 in Bern geboren, wuchs in St. Gallen auf und hörte als 17-jähriger Schweizer praktisch die gleiche Musik auf DRS 3 wie der 17-jährige Hutu auf RTLM. Wobei der Hutu nach Sendeschluss loszog, um seine Tutsi-Nachbarn abzuschlachten.

“Hate Radio” besteht (neben einer kurzen Einführung in die Hintergründe des Ruanda-Konflikts) vor allem aus dem detailgetreuen Nachstellen einer einstündigen RTLM-Radiosendung. Drei Moderatoren und ein DJ spielen Popmusik, beantworten Hörerfragen, verlesen Nachrichten und veranstalten ein Quiz. Und außerdem hetzen sie gegen die “Fremden”, gegen die Tutsi, die sie konsequent “Kakerlaken” nennen. Und während des Stücks wird klar, weswegen Rau nicht in einer Reihe mit Riminin Protokoll stehen möchte. Während Rimini Protokoll die theatrale Situation unterlaufen, baut das IIPM theatrale Situationen nach: Gerichtsverhandlungen, Radiosendungen, das sind ja schon Inszenierungen. Ein Stück wie “Hate Radio” ist keine Geschichtsstunde, es vollzieht vielmehr nach, welche Prozesse innerhalb solcher Inszenierungen ablaufen.

Man versteht nicht viel mehr über Ruanda, nachdem man “Hate Radio” gesehen hat, aber man versteht etwas über die Manipulation von Massen. Mir ist das Stück nahe, weil es mich bei meiner Skepsis gegenüber Popkultur abholt: Pop ist in meinen Augen immer Propaganda, hierzulande erstmal nur für eine widerwärtige Konsumgesellschaft, 1994 in Ruanda für den Völkermord. Pop braucht dafür nicht einmal andere Formen, andere Strukturen, andere Inhalte, Pop funktioniert genau gleich. Rape me.

Foto: (c) Daniel Seiffert

Vielleicht ist S.’ Meinung in ihrer Uneindeutigkeit des Eindeutigste, was ich erwarten kann. Grau sei der Bereich, in dem ich mich bewege, nicht schwarz, nicht weiß, nicht verwerflich aber auch nicht mehr zweifellos in Ordnung. Okay.

Mir war unwohl, als die Anfrage kam, ob ich nicht einen Artikel schreiben möchte für ein Buchprojekt, das die fünf Jahre rekapituliert, die Matthias von Hartz Leiter beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel war. Für ein Buch, dessen Texte verfasst würden von Wissenschaftlern, Künstlern, Theaterfunktionären. Und von einem Journalisten, von dem ein kritischer Kommentar zu den vergangenen fünf Jahren erwartet wurde: von mir. Mir war unwohl, weil das bedeuten würde, dass ich plötzlich auf der Seite derer stehen würde, über die ich ansonsten berichte, kritische Rekapitulation hin oder her, nicht zuletzt ökonomisch würde das einen Interessenskonflikt bedeuten. Oder?

Ich fragte meine Freunde auf Facebook. “Mach das, gar kein Problem!” antworteten die Freunde, die nichts mit Journalismus zu tun haben, Künstler meist, Theatermacher, Schriftsteller. “Geht gar nicht!” antworteten die Freunde, die journalistisch arbeiteten. “Grau”, antwortete S.

Die Grenzen verschwimmen. Ich mag das Theater ja, ich interessiere mich für Theaterthemen, und wenn es gut läuft, dann merken die Theatermacher: Da ist einer, der interessiert sich wirklich für uns. Man beginnt, sich zu mögen. Aber wo ist die Grenze, ab welchem Punkt ist man kein kritischer Beobachter mehr? Dort, wo man sich mag? Sobald man mit der Pressesprecherin betrunken unterm Tisch liegt, sobald man mit dem Dramaturgen knutscht? Oder sobald man Aufträge annimmt, hier in eine Jury geht, dort einen Text für ein Programmheft schreibt, da als Fachmann auf einem Podium sitzt?

Ich habe versucht, mich als Journalist aus der Berichterstattung übers Sommerfestival so gut es geht rauszunehmen. Das Interview mit dem Schwabinggrad Ballett fürs uMag führte nicht ich, sondern meine Praktikantin Nele. Theater heute zog den Wunsch nach einem Artikel von sich aus zurück, nachdem ich von meiner Situation berichtete. Für die Nachtkritik habe ich zwei Texte geschrieben, wenn ich sie heute noch einmal lese, fällt mir auf: Womöglich war ich kritischer als es angemessen gewesen wäre, womöglich versuchte ich, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das ist alles keine Lösung. Aber niemand soll glauben, dass ich es mir leicht machen würde.

(Lesetipp: Falk Schreiber, Immer diese Widersprüche. In: Matthias von Hartz (Hg.), Besser wär’s, es gäbe wirklich was zu feiern. Kunst und Politik beim Internationalen Sommerfestival Hamburg 2008-2012. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012. S. 24-29)

19. August 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Matthias von Hartz hat in seiner letzten Saison als Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals die “Grenzen des Wachstums” ausgerufen. So ein politisches Motto klingt großartig und schleift sich im Festivalalltag schnell zur bloßen Behauptung ab, weswegen es zur Festivalmitte regelmäßig eine Art politisch-theatralen Marathon gibt, dieses Jahr unter dem Namen “Ausgewachsen”: “Wirtschaftswissenschaftler … Scharlatane, Gelehrte und Künstler” beschäftigen sich acht Stunden – einen Arbeitstag lang – mit Wachstumsgrenzen, bereiten “uns mit Tanz und Theorie, Musik und Schnaps auf das neue Leben” vor. Und Schnaps, hey!, da freut sich der prototypische Arbeitnehmer doch drauf, am Ende des Arbeitstages!

Vor den Schnaps aber hat der Herr die Theorie gesetzt, und für die sind zuständig: Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler aus Oldenburg, und Ulrich Brand, Politikwissenschaftler aus Wien. Die sorgen in zwei Kurzvorträgen erstmal dafür, dass man als ökonomisch nicht allzu beschlagener Theatergänger nicht glauben mag, dass jemand, der auch nur halbwegs seine Sinne beisammen hat, für mehr Wachstum plädieren könnte.

Wenn ich mir überlege, was ich in den vergangenen 40 Jahren falsch gemacht habe, dann steht recht weit oben: Ich habe mich nicht ausreichend mit Wirtschaft auseinander gesetzt. Ich habe mich eigentlich überhaupt nicht mit Wirtschaft auseinander gesetzt, da war ich immer zu arrogant für, Wirtschaft, das ist doch der langweilige Kram, der Typen interessiert, die sich um ihre armselige Karriere sorgen, mit mir hat das nichts zu tun! Und was habe ich jetzt von meiner Arroganz? Die Wirtschaft findet statt, rund um mich herum, und ich verstehe nur Bahnhof. Griechenland, Sozialsystem, Kultursubventionen: Bahnhof. Um mich herum werden Entscheidungen gefällt, und ich muss das einfach geschehen lassen, weil, ich kann ja nicht mitreden.

Auch beim Theatermarathon “Ausgewachsen” zum Thema Grenzen des Wachstums auf Kampnagel: Bahnhof. Aber wenigstens reicht mein Nichtverstehen, um für die Nachtkritik aufzuschreiben, was ich alles nicht verstanden habe. (Man muss auch mit kleinen Dingen zufrieden sein.)

Man trägt Stereokopfhörer, durch die man neben Anweisungen auch Alltagsgeräusche hört – die einen freilich mehr verwirren als dass sie einem helfen würden. Und man trägt eine Brille, durch die man nur noch Schatten und Lichtwechsel erkennt, Lichtwechsel, die aber meist nichts mit der Umgebung zu tun haben, sondern von Mitarbeitern mittels Taschenlampen hergestellt werden. Mit anderen Worten: Man ist vollkommen desorientiert. Und man kann nicht anders als den Händen vertrauen, die einen kurz berühren, in eine bestimmte Richtung lenken, einen mit leichtem Druck auffordern, stehen zu bleiben.

Nachdem das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel mit einer Hafenkonzertrundfahrt verhältnismäßig ernüchternd begann, folgt jetzt eine Produktion, die mich versöhnt: “Symphony of a Missing Room” von Lundahl & Seitl. Auf der Nachtkritik steht, wie ich es fand, jegliche Verantwortung abzugeben und mein Schicksal in Hände unsichtbarer Geister zu legen.

Ach, Elbe, schönster Fluss der Welt! Die Elbe schlägt alles, in ihrer atemberaubenden Schönheit, in ihrer Mächtigkeit, ihrer Stille, ihrer Monströsität, die Elbe schlägt nicht zuletzt: die Kunst. Indem sie einfach da ist, nach Nordwesten fließt, nach Südosten fließt, je nach Tide. Die Elbe schlägt das Hafenrundfahrtkonzert “Die Ausgedehnten”, mit dem Schorsch Kammerun und Fabian Hinrichs das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffneten und damit, sorry für den Kalauer, krachend Schiffbruch erlitten.

So sieht es aus: Am frühen Abend treffen sich geladene Gäste an den Landungsbrücken, Politiker sind da, Kulturprominenz, lokale Größen, Journalisten auch. Erwartet wird eine Barkasse, bestiegen wird aber die MS Hamburg, eine Art Großyacht, Glamour für den Großburgwedeler Baggersee. Und mit der schippert man dann eine halbe Stunde elbabwärts, eine halbe Stunde elbaufwärts, an Containerterminals entlang, an Villen, irgendwann auch mal am Rohbau der Elbphilharmonie. Theater gibt es derweil auch. Man sieht Fabian Hinrichs nicht, aber er erzählt übers Bordmikro: wieviele Flachbildschirme in so einen Container passen, meine Güte, wer soll das alles anschauen? Das sind so die Momente, an denen der Abend das Sommerfestival-Motto “Grenzen des Wachstums” aufzunehmen scheint, aber dann schaut man doch wieder dem Anzugträger auf der Reling zu, wie er auf das mit Bürobauten zugepflasterte Elbufer zeigt, “Perlenkette” nennen die Stadtplaner dieses Quartier, und man denkt sich, dass der unbekannte Anzugträger wahrscheinlich ein Investor ist, der seinem Gesprächspartner gerade vorrechnet, welche Rendite eine Immobilieninvestition hier abwerfen würde. So denkt man, und man verpasst, was Hinrichs weiter erzählt, man verpasst auch, dass längst nicht mehr erzählt wird, sondern gesungen, im mittlerweile klassischen Goldene-Zitronen-Sound zwischen Krautrock, Elektronik, Jazz und spätem Postpunk. Man sieht ja auch nichts, das einzige, was man sieht, ist die Elbe, die wunderschöne Elbe.

Ach, es ist schade, dass dieser Abend so tranig den Fluss runtersuppt. Weil Schorsch Kamerun ein toller Querschläger in der Theaterwelt ist, der sicher einiges hätte sagen können, zu diesem Fluss, der gnadenlos durchkommerzialisiert die Stadt durchquert, wirtschaftliche Schlagader und touristischer Hotspot, einiges hätte Kamerun sagen können, wenn man ihm nur zugehört hätte. Es ist auch schade, weil Fabian Hinrichs ein göttlicher Performer ist, den man gerne erlebt hätte, live und nicht nur durch eine viel zu leise Schiffslautsprecheranlage. Und nicht zuletzt ist es schade, weil dieses Sommerfestival, für das “Die Ausgedehnten” ja doch irgendwie ein Fanal sein soll, ein Startsignal, weil dieses Sommerfestival das letzte ist unter der Leitung Matthias von Hartz’, dem wahrscheinlich politischsten Kopf, der momentan in der Theaterszene unterwegs ist, und der zukünftig das internationale Theaterprogramm “Foreign Affairs” der Berliner Festspiele kuratieren soll. Da hätte man sich schon gewünscht, dass dieser zutiefst politisch denkende Theatermacher einen Abschied aus Hamburg bekommt, der vielleicht wirklich politisch ist und nicht nur dieser Dämmertörn mit High Society, als den man “Die Ausgedehnten” leider wahrnimmt.

Aber die Elbe! Die versöhnt einen dann auch wieder, das ist wahr. Monströs und hässlich und atemberaubend schön: der schönste Fluss der Welt.

Und B. meint, dass wir uns verändert hätten. Früher, in Gießen, da seien wir noch losgezogen, hatten uns abwegige, freie Theaterstücke angeschaut, diesen eigenartigen Daniil-Charms-Abend etwa, damals, in der komischen Kapelle hinterm Bahnhof. Ich sage B. nicht, dass gerade dieser Abend ein schlechtes Beispiel ist, weil er nicht wirklich aus der freien Szene kam, sondern vielmehr ein Projekt der Uni war, und Uniprojekte sahen wir damals alle Nase lang, mit Leuten aus der freien Szene die wir heute noch beobachten, Showcase beat le mot oder She She Pop. Das meinte B. aber nicht. B. meinte freie Theatermacher, die an eigenen Häusern arbeiteten. Und, ja, da hatte er recht, wir fuhren früher nach Marburg, ins Theater neben dem Turm, wo eine heute unter German Stage Service firmierende Gruppe um den Regisseur Rolf Michenfelder eine eher unakademische postdramatische Dramaturgie verfolgte. Machen wir heute nicht mehr, heute schauen wir uns auf Kampnagel freie Gruppen an, die tolles Theater machen und mit diesem drei, vier Produktionsstätten abklappern, das HAU in Berlin, das Forum Freies Theater in Düsseldorf, Kampnagel noch, dazu die wichtigen Festivals, manchmal ist außerdem jemand Artist in Residence an einem Staatstheater. Produziert werden diese Stücke fast ausschließlich in Berlin, einige wenige Gruppen residieren noch in Hamburg oder Wien, und das war es dann auch. Unser Bild von freiem Theater ist ein ziemlich eingeschränktes.

In den vergangenen Wochen brach dieses Bild für mich ein wenig auf. Zum einen bei den Privattheatertagen, bei denen ich freie Produktionen gesehen habe, die einem eher konventionellen Theaterverständnis anhängen, zum anderen aber gerade beim Kaltstart Festival, das jüngeres, wilderes, ungeordneteres Theater zeigt. Vor allem: Theater, das aus anderen Produktionszusammenhängen kommt, jenseits der HAU-Kampnagel-FFT-Schiene. Gestern Tom Lanoyes Antikenüberschreibung “Atropa” vom Theaterdiscounter Berlin in der Regie Anne Schneiders, ein derzeit viel gespielter Text, der sicher seine Qualitäten hat, mit dem ich aber nichtsdestotrotz wenig anfangen kann. Schneider inszeniert ihn ohne massives Hinterfragen ihrer Theatermittel, als kluges, postmodernes Stadttheater, und hat dafür ein tolles Ensemble zur Verfügung, allen voran Susanne Bormann, in deren Sookie Stackhouse-hafte Widerborstigkeit ich mich vom ersten Auftritt an ein wenig verliebt habe. Nur eben: keine Neuerfindung des Mediums, Theater, wie es auch am ambitionierten Stadttheater hätte laufen können.

Was aber, wenn man nicht in Berlin ist, wo solche Stücke ja wirklich auf den Stadttheater-Spielplänen stehen? Was, wenn man auf dem platten Land ist, wo niemand Ambitionen zeigt? Ambitionslosigkeit trifft auf Bochum zwar nicht wirklich zu, trotzdem kann ein Theater wie die Rottstraße 5 hier neben dem durchaus ambitionierten Schauspielhaus Anselm Webers bestehen. Oliver Paolo Thomas inszeniert “Fight Club” recht nah am Film, das heißt: testosterondampfend, sarkastisch, blutig. Kann man machen, gerade im Ruhrgebiet, ist dann ein nicht reizloses Jugendtheater, für eine Jugend, die nicht wirklich zu den Coolen gehört, ohne Seitenscheitel, ohne Berliner Wohnung, ohne dieses “Hab ich alles schonmal gesehen”, das mir an mir selbst immer unangenehmer auffällt.

Und, ja, B. hat ja recht. Wir haben uns verändert. Wir sollten uns noch einen Tacken weiter ändern, sag’ ich jetzt einfach mal.

Edit: Am Donnerstag, 12. 7., gibt es beim Kaltstart Festival ein Publikumsgespräch, im Anschluss an die Aufführungen “Dido und Aeneas” und “The Making of Make-up”, in der Theaterakademie Hamburg (Zeisehallen), moderiert von Berit Paschen und mir.

17. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

A. ist total genervt von dem Abend. Um Gefühle sollte es gehen, zumindest wurde uns das versprochen, aber dann geht es um Komik, und Komik, das ist doch kein Gefühl. Da hat A. recht. Wobei, tatsächlich wurde behauptet, dass es in “Hajusom in Bollyland” der Hamburger Sozio-Theater-Gruppe Hajusom auf Kampnagel um “Rasas” gehen würde, und der Sanskrit-Begriff “Rasa” wurde am Anfang eher ungeschickt mit “Gefühl” übersetzt, meint aber acht Grundprinzipien der indischen Ästhetik, die im Zusammenhang stehen mit nicht in Worte fassbaren Empfindungen. Gefühle, nunja.

“Hajusom in Bollyland” sieht also so aus, dass da 20 Jugendliche mit Migrationshintergrund auf der Bühne stehen, eigene und fremde Erfahrungen referieren und dazwischen (mit aller laienhaften Unbedarftheit, mit allem laienhaften Charme) kurze Spielszenen antäuschen, die insgesamt die acht Rasas ergeben: Liebe, Komik, Kummer, Heldentum, Angst, Ekel, Wut, Staunen. Dazu spielt Ashraf Sharif Khan Sitar und Viktor Marek Synthesizer, einiges passt nicht zusammen, einiges ist gewollt, und vieles ist ganz großartig. Nicht wegen der transportierten Inhalte, die sind anrührend, aber sie sind auch nichts neues, ich weiß ja, dass Migranten ein Fremdheitsgefühl haben, wenn sie nach Deutschland kommen, auch nicht wegen der manchmal etwas weit hergeholten Bollywood-Bezüge, weil ich von Bollywood verhältnismäßig wenig verstehe. Andererseits: Vielleicht finde ich es ja gerade deswegen so toll, weil ich nicht verstehe. Bollywood: bunt und wild und vollkommen unverständlich, eigentlich. Klasse.

Ich mag diese Randbereiche der Ästhetik, wo meine Erfahrung, meine Bildung an ihre Grenzen stößt. Japanische Fernsehshows, indonesisches Tanztheater, kolumbianischer HipHop: ganz großartig. Immer wenn ich solche kulturellen Bastardformen sehe, wird mir bewusst, in was für einer bunten, alles andere als homogenen Welt ich lebe, immer wenn ich solche kulturellen Bastardformen sehe, wird mir bewusst, wie langweilig doch Kino aus Hollywood, Malerei aus Leipzig und Indiepop aus Manchester in Wahrheit ist.

Multikultur ist etwas überaus Cooles, zumindest, wenn man sie nicht als Mischmasch, nicht als Melting Pot missversteht, sondern als ungemütliches, bruchstückhaftes, kreatives Durcheinander. (Ganz ähnlich empfand ich auch bei Constanza Macras’ Tanzstück “Open for Everything”, vor kurzem am gleichen Ort.) Matthias bemängelte vor einigen Jahren, dass der Ort, wo in Hamburg Flugzeuge ankommen, als “Hamburg Airport” firmiere und nicht als “Flughafen Hamburg” – für mich geht das in Ordnung. Noch besser würde ich es finden, wenn die Verantwortlichen nicht das vorgeblich coole englische “Airport” gewählt hätten, sondern Ungarisch: “Hamburg Repülőtér”, okay, wäre vielleicht nicht allzu praktisch gewesen, da findet sich ja niemand mehr zurecht. Aber vielleicht wird klar, was ich meine: Ich mag dieses Durcheinander. Tut mir leid, ich finde es großartig, wenn ein afghanischer und ein iranischer Jugendlicher auf einer Bühne stehen, ihre Performance gerade gegenseitig voll geil finden, und ein Hamburger und ein pakistanischer Musiker spielen dazu, und ich höre mit die beste Musik seit langem.

(Und die ganzen Schlechtmenschen mögen mich von nun an gerne als Gutmensch beschimpfen: Ich weiß selbst, dass solch ein Durcheinander nicht ohne Probleme abläuft. Nennen wir es Reibungshitze.)