01. April 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (März 2014) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers „Herkunft“ angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens „FRONT“, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über „Deutschboden“, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. „So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll“, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film „Molière auf dem Fahrrad“:

Ja, Philippe Le Guays „Molière auf dem Fahrrad“ ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

02. Februar 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (Januar 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , ,

Der Januar war wieder so ein Monat, bei dem man denken könnte, ich schriebe im Akkord (während im Dezember so wenig los war, dass ich überhaupt keinen „Was mache ich hier eigentlich“-Betrag geschrieben habe). Was natürlich Blödsinn ist, die meisten der im Januar erschienenen Texte sind im November und Dezember geschrieben, einige sind sogar noch viel älter und liegen schon einige Zeit auf Halde. Zum Beispiel die Beschreibung des Theaterstücks „Bye Bye Hamburg“ von Christopher Rüping und Anne Rietschel in der Februar-Theater heute (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Es gibt zurzeit einen kleinen Trend, Migration nicht von außen als Immigration zu erzählen, sondern von innen, als Emigration. Thomas Arslan machte das im Kino mit seinem Berliner-Schule-Western „Gold“, Karin Beier plant für Januar im Hamburger Schauspielhaus ein Stück namens „Pfeffersäcke im Zuckerland“ über die deutsche Kolonie „Dona Francisca“ in Brasilien. Und Christopher Rüping hat sich gemeinsam mit der Dramaturgin Anne Rietschel die deutsche Auswanderung nach Amerika vorgenommen, eine Recherche über unterschiedliche Emigrantenbiografien.

Im gleichen Heft erschien noch eine weitere Kritik, zu „Mobutu choreografiert“ von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen (dito: nur für Abonnenten):

Das Stück berichtet von Mobutus Rede auf der UN-Vollversammlung 1973, einem aus verschiedenen panafrikanischen und sozialreformerischen Motiven zusammenkopierten Konglomerat, das den 1970 in Zaire umbenannten Staat recht unverblümt dem Westen als Bündnispartner im Kalten Krieg andiente. Eine unoriginelle Rede, die ihren Reiz aus dem Performativen schöpfte: „Alles geklaut“, konstatiert der Schauspieler Hauke Heumann, „aber irgendwie auch cool, mit dem Leopardenhut und so.“ Ja, das hatte was, wie der Diktator alleine mit seinem Outfit afrikanisches Selbstbewusstsein vor der Weltgemeinschaft demonstrierte, bloß: Darf Heumann überhaupt Wertungen vornehmen?

Aber macht das überhaupt Sinn, über Theater zu schreiben, während vor der Tür die Gentrifizierung ganze Stadtviertel auffrisst? Fürs uMag habe ich ein wenig über die unguten Entwicklungen auf St. Pauli nachgedacht:

Großstadt ist dort, wo Reich und Arm, naja, nicht wirklich zusammenleben, es aber irgendwie schaffen, sich miteinander zu arrangieren. Großstadt ist ein Provisorium, Großstadt ist ein Balkon, der nicht mehr betreten werden kann, weil er mit Stützbalken vollgestellt ist. Großstadt ist der lärmende Punkladen genauso wie der Schicki-Club, Großstadt ist der Edelitaliener genauso wie die Tankstelle, an der sich die Kiezgänger mit Sprit eindecken, und Großstadt ist der Luxusappartementbewohner ebenso wie das alte Mütterchen, das seinen Rollator fluchend durch die Treppenhäuser wuchtet, weil sich im Fahrstuhl jemand übergeben hat. Und vor allem ist die Großstadt die Lebensform, die es schafft, all das nicht in die Vororte zu verbannen, die die Schichten nicht säuberlich trennt, sondern die Bewohner der innerstädtischen Glaspaläste zum Blick auf die Nachbarschaft zwingt. Wenn sie diesen Blick aushalten, dann ist das Leben in der Großstadt eine Schule in Toleranz.

Ansonsten bin ich aber auch in dieser Zeitschrift schwer auf der Kunstschiene unterwegs. Zum Beispiel mit einem Porträt der Autorin Naomi Schenck, die über Wohnungen schreibt, Kunststück, im Hauptberuf ist die gute Frau Szenenbildnerin:

Wenn man jemanden in seine Wohnung lässt, dann öffnet man sich ihm auf eine intime Weise, der Schritt von „Ich lasse dich an meine Möbel“ zu „Ich lasse dich an meinen Körper“ ist kein besonders weiter. Die Wohnung ist für Schenck eine „dritte Haut“: „Man kann die Wohnung lesen wie das Gesicht des Gegenübers, wie seinen Kleidungsstil. Egal, was man für Klamotten trägt, es sagt immer etwas über einen aus, auch wenn man versucht, sich so uniformiert wie möglich zu kleiden.“ Unabhängig von der Kleidung: Das Gegenüber ist dann nackt.

Gemeinsam mit meiner Praktikantin Larissa Schwedes habe ich auch noch ein Interview geführt, mit Lisa Hagmeister, einer meiner großen Schauspielheldinnen:

uMag: Manche sagen über Hamburg, dass es gut sei, als Künstler in dieser Stadt zu arbeiten. Aber dass es noch viel, viel wichtiger sei, sie auch wieder zu verlassen.
Hagmeister: Vielleicht muss ich das auch irgendwann mal wieder machen, wer weiß. Es ist wahnsinnig schön, hier als Künstler zu leben, deswegen verpasst man vielleicht irgendwann den Absprung, um weiterzuziehen, was auch wichtig sein kann. Aber man muss gucken, wie man das privat und beruflich zusammen bekommt.

Aber ich habe auch aktuell gearbeitet! Erstens so halbaktuell, im Tageszeitungsbereich. Für die junge Welt habe ich „Die Rasenden“ besprochen, Karin Beiers lang erwartete Eröffnungsinszenierung des Hamburger Schauspielhauses:

»Die Rasenden« ist eine Materialschlacht, wobei Material nicht nur die Ausstattung meint (Bühnenbildner Thomas Dreißigacker zieht alle Register, vom intimen Spiel auf der Vorbühne über exzessive Lebensmittelsauereien bis zum mehrperspektivischen Videoeinsatz), sondern auch das spielende Personal: Insgesamt 17 Schauspieler sind im Einsatz, dazu kommen drei Solomusiker, ein 26köpfiges Streichorchester und mehrere Chöre. Ein Irrsinn! Joachim Meyerhoff und Gustav Peter Wöhler werden als satirischer Chor, na ja, nicht gerade verheizt, aber doch weit unter Wert verkauft. Birgit Minichmayr darf als Elektra nicht einmal eine Stunde glänzen, davon einen Großteil versteckt in der Unterbühne.

Und dann natürlich das ganz schnelle Internet. Für die Nachtkritik habe ich Anne Lenks Inszenierung von Martin Crimps „In der Republik des Glücks“ am Thalia in der Gaußstraße besucht:

„Ich mache gerne meine Beine breit!“ flötet Oda Thormeyer, was nicht sexuell konnotiert ist, sondern sicherheitsfanatisch – man will zeigen, dass man nichts zu verbergen hat, also macht man eben die Beine breit und zupft zwischen denselben eine Perlenkette hervor: alles unter Kontrolle! Zwischendurch wird gesungen, melancholisch-ironischer Indierock, und Tilo Werner spielt Gitarre: „You’re so full of shit!“ Soll niemand behaupten, dass das nicht unterhaltsam sei.

Und an den Hamburger Kammerspielen gab es die Premiere von Sibylle Bergs „Die Damen warten“ in der Regie des Filmregisseurs Kai Wessel. Bin ich da die Zielgruppe? Egal, ich war da:

Nina Petri gibt die Pathologin Frau Grau mit kalter Arroganz, Julia Jäger die Maklerin Frau Töss als sehnsuchtszerfressene Dauergeliebte, dazu kommen Marion Martienzen als naive Hausfrau Merz-Dulschmann und Hildegard Schroedter mit proletarischer Direktheit als alleinerziehende Mutter Frau Luhmann. Und obwohl dieses Quartett bis auf Martienzen mehr Fernseh- als Theaterruhm aufzuweisen hat, meistert es die Aufgabe recht ordentlich – indem die Darstellerinnen gar nicht erst versuchen, ihre Figuren über thesenstarke Abziehbilder hinaus zu entwickeln.

Kurzkritiken habe ich diesen Monat nur im Kinobereich geschrieben. In der kulturnews zum Beispiel über Marvin Krens „Blutgletscher“:

„Blutgletscher“ will eine Art Neuauflage von John Carpenters Genreklassiker „Das Ding“ unter Klimawandelbedingungen sein – die ökologische Botschaft verschwindet allerdings hinter den im Laufe des Films immer unmotivierter eingestreuten Schockmomenten.

Außerdem – und da schließt sich der Kreis zum Lisa-Hagmeister-Interview oben – über Lars Kraumes „Meine Schwestern“:

Lars Kraume macht in „Meine Schwestern“ nicht viel, er lässt die Handlung laufen, die sich aus der klassischen Geschichte von der letzten Reise ergibt, er zeigt Spannungen zwischen den Geschwistern, Vertrautheiten, Ängste. Und weil er neben seinem Frauentrio Jördis Triebel, Nina Kunzendorf und Lisa Hagmeister auch in kleinsten Nebenrollen eine hochkarätigste Besetzung zur Verfügung hat, von Marc Hosemann über Angela Winkler bis zur großen Béatrice Dalle, funktioniert das auch ausnehmend gut.

Und nächsten Monat wird es dann wieder weniger. Versprochen.

Was ich hier mache? Ich schreibe. Ich schreibe sogar ziemlich viel, zumindest macht das den Eindruck, aber man sollte sich nicht aufs Glatteis führen lassen: Journalismus funktioniert nicht so, dass ich im einen Monat wahnsinnig viel mache und im anderen kaum etwas, der funktioniert so, dass ich jeden Monat so ziemlich gleichviel mache, und manches landet dann erstmal auf Halde, bis es zwei, drei Monate später doch noch zu einer Veröffentlichung kommt – und da hat man dann eben den Eindruch, ich hätte bis zur Erschöpfung durchgearbeitet. Habe ich aber gar nicht.

Jedefalls habe ich gleich drei Interviews in der aktuellen Kultur//Hamburg geschrieben (alle nicht online). Einmal mit Bettina Stucky, als Schauspielerin neu im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses, weswegen dieser Artikel mein Betrag zum Neustart ist. Eigentlich wollte ich die Intendantin Karin Beier sprechen, die konnte aber nicht, und im Nachhinein ist mir das ganz recht – erstens war Stucky eine ganz tolle Gespächspartnerin, und zweitens hat sich Beiers Schauspielhaus-Eröffnung nach einem mehr als tragischen Unfall auf unbestimmte Zeit verschoben, so dass ein Interview ein wenig fehl am Platze wäre.

Kultur//Hamburg: (…) Wird man beim neuen Spielplan schnell politisch?

Stucky: Schon. Ich finde immer gut, wenn Theater politisch ist. Ich finde auch, dass man sich verhalten muss, weil Nichtverhalten auch ein Verhalten ist. Gerade an einem Haus von so einer Größe ist es wichtig, dass man sagt: Hey, Moment! Es geht nicht nur darum, dass wir möglichst perfekt „Hamlet“ spielen!

Ebenfalls für Kultur Hamburg habe ich Hans-Jörg Czech gesprochen, dem neuen Chef des Altonaer Museums:

Kultur//Hamburg: Herr Czech, sagt Ihnen der Begriff „Quiddje“ etwas?

Hans-Jörg Czech: (lacht) Ja, der ist mir natürlich schon begegnet.

Und schließlich interviewte ich Christine Ebeling, Künstlerin und Aktivistin im Gängeviertel, das langsam aus den Schlagzeilen rutscht:

Kultur//Hamburg: Christine Ebeling, vor wenigen Wochen feierte das Gängeviertel den vierten Jahrestag seiner Besetzung. Wo steht das Gängeviertel heute?

Christine Ebeling: Wo es steht? (lacht) Immer noch zentral in der City.

Für Theater heute war ich mal wieder in Bremen. Und habe mir die dortige Premiere von Felix Rothenhäuslers Romandramatisierung „Schimmernder Dunst über ConyCounty“ (nach Leif Randt) angeschaut.

CobyCounty bleibt bei Felix Rothenhäusler ein utopischer Ort, eine mit Glitzer bestreute Fläche (Bühne: Evi Bauer), auf der die Figuren wie in Watte ihr Glück reflektieren: freundlich, sanft, leidenschaftslos. Auf Requisiten verzichtet Rothenhäusler nahezu völlig, gerade mal eine luxuriöse Espressomaschine wird manchmal auf die Bühne gerollt (guter Kaffee ist wichtig!), und ein riesiger Flachbildschirm, hinter dem sich hübsch durchchoreografiert vögeln lässt. Schattenseiten gibt es in CobyCounty nicht, allerdings auch keine Überlegungen, auf wessen Kosten dieses Wohlleben eigentlich möglich ist.

Für das uMag interviewte ich den Comiczeichner Reinhard Kleist und den Autor Tobias O. Meißner, die gemeinsam die Comicreihe „Berlinoir“ geschrieben haben:

uMag: Kann „Berlinoir“ denn nur in Berlin spielen?
Kleist: Absolut. Die Geschichte beruht ja auf der Geschichte der Stadt, ihrer wechselnden Herrschaftsformen, der Kultur, der Eigenart der Bewohner. Und sicherlich auch ihr ständig wechselndes Äußeres: Jeder Regierung hat hier ihre Spuren hinterlassen. Wir haben die Stadt gestaltet nach der Idee, wie sie aussehen würde, wenn Vampire sie erbaut hätten. Am Ende siegt die sterbliche Menschheit, und schon sieht auch die Stadt ganz anders aus. Eher wie eine Shopping Mall.

Außerdem gibt es im uMag einen Text über Sex. Beziehungsweise über HIV. Beziehungsweise über den UMgang der Kunst mit dem Komplex und weswegen wir uns da nich losmachen können.

Seit ich über Sexualität nachdenke, denke ich an den Grundssatz „Nur mit Kondom!“ Mir war klar, lange, bevor ich überhaupt das erste Mal Sex haben sollte, dass Sex gefährlich sein kann und dass man sich vor der Gefahr schützen muss, so gut es geht – und zumindest vor einer Übertragung mit HIV schützt man sich eben am wirkungsvollsten mit einem Kondom.

Noch ein weiterer Text im uMag beschäftigt sich mit Kunst. Und zwar geht es hier um die Fotografien von Jeff Wall, die ab 7. 11. in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sind.

Ein einsamer Wanderer auf einer staubigen Straße. Er kommt aus dem ostanatolischen Dorf Arica Köyu, er nähert sich dem Istanbuler Vorort Mahmutbey, er sieht: eine verwilderte Wiese. Stromleitungen. Im Hintergrund eine Moschee, eine Autobahn, halbfertige, gesichtslose Wohnbauten, alles unter einem verhangenen Himmel. Der Ankömmling trägt: eine zu große Hose, ein weites Hemd, in einer ausgeleierten Sporttasche schleppt er wohl ein paar Habseligkeiten mit sich rum.

Und schließlich beschreibe ich noch eine schöne, spätsommerliche Bahnfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern:

Jedenfalls, eine Frau redet, und am liebsten redet sie über Freundinnen, die nicht anwesend sind. Naziheike zum Beispiel, ein typischer Name in Rostock anscheinend, den kann ich hier einfach nennen, ohne dass irgendjemand sofort weiß, wer gemeint ist. Naziheike war mal mit Sandro zusammen, und Sandro ist jetzt wieder zurückgezogen zu Mutti, weil seine Frau ihn verlassen hatte. „Sandro fickt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, na, da wäre ich auch nicht begeistert als Frau. Jedenfalls wohnt der jetzt im Souterrain bei Mutti in Lütten Klein, gemeinsam mit „seinem behinderten Bruder“, der aus Solidarität mitgezogen sei, und „noch so einem Typen aus der Band“, Rock ’n‘ Roll in Lütten Klein.

In der kulturnews habe ich ein bisschen rezensiert. Den neuen Film von Roman Polanski etwa, „Venus im Pelz“, Theater und devianter Sex, meine Themen:

Roman Polanski, großer aber leider auch alter Mann des Weltkinos, verfilmt ein Theaterstück von David Ives, anscheinend ohne während der vergangenen 50 Jahre ein einziges Mal zeitgenössisches Theater gesehen zu haben. Und dann bezieht sich dieses Stück auch noch auf Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle „Venus im Pelz“, was angesichts der Tatsache, dass Polanski zuletzt immer häufiger in Gefilde der Altherrenerotik abdriftete, ebenfalls beunruhigt. Wenn man sich aber an den verstaubten Inszenierungsstil gewöhnt hat, stellt man fest: Alles gar nicht so schlimm.

Außerdem habe ich Viktor Jerofejews neuen Roman „Die Akimuden“ besprochen:

Jedenfalls erheben sich die Toten aus ihren Gräbern (respektive aus der Metro) und bevölkern die Hauptstadt, ein neuer Staat namens „Die Akimuden“ taucht auf der Weltkarte auf und nimmt erste diplomatische Beziehungen zu Moskau auf (was der US-Geheimdienst skeptisch beobachtet), ein hocherotisiertes Wesen namens Fink soll den akimudischen Botschafter aushorchen, und irgendwann bombardiert die russische Armee mehr oder weniger grundlos Sotschi, Putins touristisches Prestigeobjekt am Schwarzen Meer.

Und auch auf der Nachtkritik erschienen Kritiken von mir. Zunächst über „Der nackte Wahnsinn“ unter der Regie von Luk Perceval am Thalia Theater:

„Der nackte Wahnsinn“ wird jedenfalls erstmal: ziemlich lustig. Es gibt eine virtuose Slapstick-Szene, in der Regieassistentin Tini (Cathérine Seifert) mit den Tücken der Kulisse kämpft. Es gibt Kostüme, die Lisa Hagmeister in reines Bein und Victoria Trauttmansdorff in reinen Push-up verwandeln. Und es gibt eine sympathisch verzagte Figurenzeichnung, die das Klischee zwar andeutet, es aber nie ganz ausspielt.

Und dann noch über „Parzivalpark“ von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel:

Formal geht die Inszenierung dahin, wo es so richtig wehtut. Zu den Bildern einer Hirn-OP, die in Großaufnahme wieder und wieder über die Leinwand flimmern, zu einer heftigen Verquickung aus gewalttätiger Sexualität und Geburtsakt, an dessen Ende der 81-jährige Kuhlbrodt zwischen Enders blutigen Schenkeln auftaucht: „Mama!“ Es geht um Körper, und auch wenn die Medizin alles tut, um das Kreatürliche an diesem Thema zu verschleiern, bestehen Ender und Kolosko darauf, dass der Körper ejakuliert, blutet, kotzt.

21. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein paar abschließende Gedanken zum Hamburger Schauspielhaus · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

– Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

– Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

– 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

– 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens „Spielfeld“, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‚ „Ritt in die Sonne“. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). „Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen“, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

29. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Gebrannte Kinder · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

Als Theatergänger bin ich ein unsicherer Liebhaber. Einer, der schon viele Affären hatte, alle endeten sie schmerzhaft, und als sich eine neue Freundin ankündigt, da weiß er nicht, wie stark er sich auf sie einlassen soll. Sicher, noch ist alles schön mit ihr, sie interessiert ihn, und von wegen Sinnlichkeit ist auch alles, wie es sein soll, aber irgendwie war das doch zuvor auch immer so, mit den anderen, und trotzdem endete es jedesmal in einer Katastrophe – was, wenn es diesmal wieder so schlimm werden würde? Sollte er sich überhaupt freuen auf seine neue Freundin? Oder besser das Thema von vornherein verloren geben?

Das Hamburger Schauspielhaus war die vergangenen Jahre genau das: eine Katastrophe. Es gab immer wieder auch Lichtblicke, klar, die Arbeiten von Volker Lösch, eine Schauspielerin wie Jana Schulz, die im Zweifel das gesamte Ensemble mit queerer Körperlichkeit mitzureißen wusste, chaotisch-entertainende Zwischenspiele von Studio Braun, meist aber doch nur: Mängelverwaltung. Dramaturgische Unentschlossenheit. Ein von Anfang an aufgegebener Kampf gegen den Fluch des Hauses.

Im Herbst wird Karin Beier Intendantin am Schauspielhaus, wie man hört, wird sie alles anders machen, da wünsche ich ihr Glück. Was ich von Beier als Regisseurin gesehen habe, hat mich nie wirklich vom Hocker gerissen, aber ein guter Intendant muss kein guter Künstler sein, und als Intendantin hat Beier immerhin den Ruf, das einst völlig runtergewirtschaftete Kölner Schauspiel auf Vordermann gebracht zu haben. Andererseits: Das heißt auch nichts, Ulrich Khuon galt als Chef des Hamburger Thalia als bester Theaterleiter der Republik, aber als er das Deutsche Theater Berlin übernommen hatte, machte er dort angeblich von einem Tag auf den anderen alles falsch. Es ist kompliziert, und ich weiß nicht, ob ich mich auf Karin Beier freuen soll.

Wer sich ganz klar freut, ist der Kollege Wolfgang Höbel vom Spiegel. Höbel hat ein Buch über die designierte Schauspielhaus-Intendantin geschrieben, „Karin Beier. Den Aufstand proben“, und ich habe dieses Buch für die aktuelle Theater heute rezensiert. (Nach dieser Rezension werde ich wohl nie in meinem Leben einen Text im Spiegel veröffentlichen, weil Höbel den Text wahrscheinlich als Verriss verstehen wird, obwohl er das gar nicht ist. Ach, doofe Journalistenehre.)

Wer noch nie eine Inszenierung Beiers gesehen hat, der kann sich nach der Lektüre kaum vorstellen, für welches Theater sie eigentlich steht, und wer mit ihrer Arbeit vertraut ist, der fragt sich, ob ihre Deutung von Schillers „Jungfrau von Orléans“ am Burgtheater sich tatsächlich dadurch auf den Punkt bringen lässt, dass die von Karoline Eichhorn gespielte Titelheldin statt eines Helms einen Blumentopf auf dem Kopf trägt. Es bleibt der Eindruck eines Theaters, das irgendwie sinnlich ist, irgendwie melancholisch, irgendwie musikalisch. Und auch politisch, irgendwie.

In der gleichen Ausgabe findet sich übrigens auch meine Besprechung von David Greigs „Gelber Mond“ am Theater Bremen. Just for the record, die Links sind wie bei Theater heute üblich nur für Abonnenten abrufbar.

Ach, die Sarrazin-Debatte, seit einem halben Jahr tobt sie. Man kann sich der Debatte stellen und die Zahlen des Autors zerpflücken, man hat dann gute Argumente, die einem nur nichts bringen, da die Fans des sozialdemokratischen Ex-Bundesbankers auf Argumente nicht besonders können. Man kann Sarrazins Fans analysieren und dabei Erkenntnisse gewinnen, die keine Erkenntnisse sind, weil sie einem schon von vonherein klar waren, dass diese Leute nämlich hauptsächlich Männer sind, älter und Freunde des „Volks- und Bauerntheaters“, haha. Man kann das Ganze mit Humor nehmen, das macht dann wenigstens Spaß. Oder man kann sich der Diskussion von vornherein verweigern, das hilft bloß nichts.

Verweigern, das hieße ja, dass wirklich alles in Ordnung ist, dass wir keine Probleme hätten. Das hieße, dass eine multikulturelle Welt tatsächlich die beste aller möglichen Welten wäre, und das ist sie wahrscheinlich nicht. Nur mal ein Beispiel: Ich habe mich doch nicht dafür unter Mühen, auch unter echten Schmerzen zum Atheisten entwickelt, nur um jetzt einen das Stadtbild immer stärker prägenden Islam mit Wohlwollen zu betrachten. Ich finde es gut, dass der Einfluss des Christentums in meinem Leben zurückgedrängt wird, wenn im Gegenzug der Einfluss des muslimischen Glaubens stärker wird, das ist doch Blödsinn! (Und nur, weil die lautstärksten Gegner des erstarkenden Islams die doof-chauvinistischen Islamophoben sind, muss ich das trotzdem nicht gut finden, so!)
Außerdem ist es meiner Meinung nach nicht verwerflich, zu wissen, wo man herkommt. Zu wissen, wo man herkommt, das heißt, Riten und Gebräuche und Traditionen zu kennen, zu pflegen, kritisch zu hinterfragen. Mir geht es nicht um einen selbstgerechten Traditionalismus, eher um einen ironischen Kommentar, der vor allem den Begriff „Kultur“ im Wort „Multikulturalismus“ groß schreibt. Als ganz kleine Nebenspielstätte: die Küche. Ich finde es gut, wenn man mit regionalen Zutaten kocht, ich finde es gut, wenn man lokale Rezepte weiter trägt, ich finde es gut, wenn man bei alledem nicht vergisst, dass man in einer multikulturellen Welt lebt. Demnächst möchte ich mal ins Restaurant Nido, austro-asiatische Küche mit Blick auf den Hamburger Hafen. Sushi und Schnitzel, wer Ahnung vom Kochen hat, der bekommt das hin, ohne dass das Ergebnis ein undefinierbarer Matsch wird.

Der Bereich, in dem die multikulturelle Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche, tatsächlich ganz gut funktioniert, ist der Bereich, in dem ich mich am Besten auskenne: die Kunst, das Theater. Beziehungsweise, Teilbereiche des Theaters. Das Kölner Schauspiel versuchte, zu Beginn der Intendanz von Karin Beier der migrantisch geprägten Stadt Köln Rechnung zu tragen und nahm mehrere Schauspieler mit Migrationshintergrund ins Ensemble auf. Richtig durchschlagend war der Erfolg nicht (vielleicht auch überdeckt vom Erfolg der Intendanz Beiers auf anderen Ebenen), gerade mal Murali Perumal und Ilknur Bahadir konnten einen prägenden Eindruck hinterlassen. Auch hinter der Bühne ist das deutsche Schauspiel meist in deutscher Hand, Feridun Zaimoglu hat sich einen Namen als Dramatiker gemacht, Nuran David Calis als Regisseur, velleicht auch noch Neco Çelik, das wars dann auch schon. Die Intendanten aller großen Bühnen sind Urdeutsche, sieht man einmal von dem Niederländer Johan Simons an den Münchner Kammerspielen ab. Nein, das deutschsprachige Schauspiel ist ein Deutsches Nationaltheater (sorry, Weimar), trotz aller Bemühungen. Vielleicht liegt es an der Sprache, vielleicht am nationalbürgerlichen Ambiente der Schauspielhäuser, ich weiß es nicht.
Wo aber der Multikulturalismus zweifellos funktioniert, ist: im Tanz. Tanzcompagnien sind schon immer alles andere als ethnisch homogen, was einerseits an den wegfallenden Sprachschranken liegt (Lingua franca im zeitgenössischen Tanz ist Englisch), andererseits daran, dass der Körper als zentrales Tanzinstrument einen Kommunikationsrahmen jenseits der Herkunft ermöglicht. Und drittens daran, dass die prägenden Figuren des zeitgenössischen Tanzes in den 1980ern in Belgien und den Niederlanden sozialisiert wurden – und das sind Länder, die sich a) schon immer als multikulturelle Einwanderungsländer verstanden und b) durch ihre geringe Größe keine Chance hatten, die eigene, weltweit marginalisierte Sprache als Nonplusultra zu überhöhen. Drastisch gesagt: Wer glaubt, auf Flämisch in der Kunst einen Blumentopf gewinnen zu können, der fällt ziemlich schnell auf die Nase (auch wenn Nationalisten so etwas nicht gerne hören).
So ziemlich alle deutschen Tanzcompagnien sind geprägt von Nichtdeutschen, denen man ihre Herkunft teilweise deutlich ansieht: die Koreanerin Hyuong-Min Kim von der Berliner Gruppe Dorky Park (geleitet von der Argentinierin Constanza Macras), der Afroamerikaner Josh Johnson vom Frankfurter Ensemble Forsythe Company (geleitet vom US-Amerikaner William Forsythe), die Madegassin Zaratiana Randrianantenaina von der Berliner Gruppe Sasha Waltz & Guests (geleitet von der Badenerin Sasha Waltz). Man mag einwenden, dass gerade die den deutschen Multikulturalismus prägenden Migranten aus Nahost hier selten vertreten sind, das aber hat damit zu tun, dass das islamische Theaterverständnis sehr weit entfernt ist vom europäischen. Dennoch: Die deutsche Regisseurin Helena Waldmann konnte 2005 mit iranischen Tänzerinnen das Stück „Letters from Tentland“ fürs Fadjr Festival in Teheran entwickeln, Kontakte wären also auch hier möglich.
Gleichzeitig sind die wirklich guten Tanzcompagnien eng verknüpft mit ihrem Umfeld. Das großartige, internationale, multikulturelle Tanztheater Pina Bauschs wäre nicht möglich gewesen ohne die enge Verzahnung Bauschs mit ihrer zutiefst provinziellen Heimatstadt Wuppertal. Man kann die Arbeit von Constanza Macras‘ Dorky Park nicht verstehen, ohne von der Partyszene und der Subkultur im Berlin der 1990er nicht zumindest gehört zu haben. Und ein William Forsythe wäre nichts ohne Frankfurt, die kalte, durchdesignte Stadt, in der der US-Amerikaner seit einem Vierteljahrhundert lebt (und gerade deswegen ist es so erschreckend, dass die Stadt Frankfurt Forsythes Arbeit 2005 nicht mehr ausreichend fördert, wesweegen der weltberühmte Choreograph aus Dresden und anderen Städten quersubventioniert werden muss).

Multikulturalismus, ohne dass man die Erdung, die Wurzeln vergisst. Schön. Nur was lernen wir daraus? Nix. Vielleicht gerade mal das: Dass der billige „Deutschland schafft sich ab“-Furor Thilo Sarrazins nicht mehr ist als kaum durchdachter Alarmismus, ein schwachbrüstiges Beschwören der Annahme, dass ein Zusammenleben der Kulturen nicht möglich sei. Der Blick ins Tanztheater zeigt zumindest eines: Herkunft ist nicht wichtig, wichtig ist, was man draus macht.
Wobei der Blick aufs Tanztheater den Volkswirt Sarrazin naturgemäß eher weniger überzeugen dürfte.

Das Bild oben zeigt übrigens eine Szene aus Constanza Macras‘ „The Offside Rules“, ab 26. Januar auf Kampnagel, Hamburg (Copyright: Market Theatre Johannesburg). Da freu‘ ich mich.