30. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Juli 2013) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Ach, der Juli. Ein schlechter Monat für Blogger, wenig Besucher, wenig Themen, alle sind im Urlaub. Ich ja auch. Aber: 2013 war es immerhin schon besser als 2012, langsam nährt sich das Eichhörnchen, aber es nährt sich. Nur: wofür eigentlich?

1. castorf gießen theaterwissenschaft Volksbühnen-Intendant Frank Castorf studierte Theaterwissenschaft, das schon, aber soweit ich weiß an der Humboldt-Uni. Ob er wohl in Gießen mal Gastdozent war? Waren ja über die Jahre so ziemlich alle wichtigen Theatermacher, das kann also schon sein, aber als ich in Gießen studierte, war Castorf  nicht da. Was es gab: Ein Graffito an der Fachbereichsbibliothek neben dem Institut für Theaterwissenschaft, „Castor stoppen“, aus demeines nachts ein „Castorf stoppen“ gemacht wurde. Fand ich damals sehr lustig.

2. damien hirst war schlechter schüler Keine Ahnung. Grundsätzlich kann ich mir schon vorstellen, dass Hirst nicht besonders gut in der Schule war, ich meine, Albert Einstein war auch kein guter Schüler, und zum Einstein braucht es schon noch ein bisschen mehr als zum Erfolgskünstler. Ich war übrigens auch nicht gut in der Schule, die in der Stadt stand, in der Einstein einst geboren wurde.

3. jana schulz schauspielerin rechts Kann ich, um ehrlich zu sein, ganz und gar nicht glauben. Aber vielleicht ist die Frage gar nicht politisch gemeint? Vielleicht wird nach einem Theaterfoto gesucht, auf dem Jana Schulz rechts zu sehen ist?

4. sandra hüller splitternackt Da gibt es mehrere Filme, in denen Sandra Hüller nackt zu sehen ist, und alle sind sie sehenswert. Ich empfehle stellvertretend „Über uns das All“, wobei, ich erinnere mich nicht mehr genau, ob sie da nicht nur untenrum nichts trug? Und hier wurde ja explizit nach „splitternackt“ gesucht? Allerdings – in dem Film ging es auch gar nicht in erster Linie um Nacktheit.

5. brezel sex Es gibt einen Film? Roman? Theaterstück? … Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall erzählt der Protagonist da, dass er einen Crush auf die ukrainische Politikerin Julija Tymoschenko habe, insbesondere wegen ihres auffälligen Haarkranzes, der ihn an eine Brezel erinnerte. Er habe daraufhin nach Sexbildern von Tymoschenko gegooglet, und zwar mit den Suchbegriffen „Brezelfrisur Sex“ – und sei dabei auf Seiten geraten, in denen Leute Brezeln als Tool in ihr Liebesspiel integriert hätten, Brezeln in Vulven, Brezeln um Schwänze geschlungen … Äh. Weiß jemand, wo diese Erzählung herkommt? Womöglich könnte man dem armen Googler auf der Bandschublade helfen.

6. westerwelle times square Guido Westerwelle war sicher auch mal auf dem Times Square, hat dort aber kaum politische Spuren hinterlassen. Der Googler meinte Graf von und zu Emporkömmling.

7. strand in hamburg Gibt es mehrere. Der bekannteste (und wohl auch überlaufenste) ist der in Oevelgönne, hinter dem Museumshafen. Viele empfehlen das Falkensteiner Ufer, ein gutes Stück elbabwärts.

8. dicke voyeur auf der leiter Es gibt Filme, in denen fällt er mit 100-prozentiger Sicherheit runter.

Hierzulande gibt es (wie in den meisten westlichen Ländern) zwei politische Alternativen: eine sozialdemokratische und eine konservative. Beide Alternativen gehen grundsätzlich davon aus, dass wir alle im gleichen Boot sitzen würden, beide sind davon überzeugt, dass es den einen in diesem Boot besser gehen würde und den anderen weniger gut. Die Sozialdemokraten glauben allerdings, dass diese Unterschiede sich abschleifen lassen könnten, und zwar bestenfalls so, dass das niemandem schmerzen würde („Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser“, sagte Helmut Kohl, der sozialdemokratischste Kanzler, den die Konservativen je hatten, 1990) die Konservativen glauben, dass die Unterschiede schon eine gute Sache wären, auch und gerade für diejenigen, die unten sind, weil das ja ihr gottgegebener Ort sei, und gegen Gott sich aufzulehnen, ist Hybris. Aus moralischer Sicht ist mir die sozialdemokratische Position zwar lieber als die konservative (was sich entsprechend in meinem Wahlverhalten niederschlägt), politisch aber bin ich davon überzeugt, dass beide Positionen auf einer falschen Basis stehen. Diese falsche Basis ist das Bild vom Boot, in dem wir alle Sitzen: Ich glaube nicht, dass ein Josef Ackermann, ein Karl-Theodor zu Guttenberg oder ein Guido Westerwelle irgendwie das Boot mit mir teilen. Ich glaube auch nicht, dass die im Oberdeck sitzen und ich unter der Wasserlinie. Ich glaube, dass es zwei Boote gibt: ein überladenes, manövrierunfähiges Floß und ein Schnellboot, das das Floß ohne Unterlass umkreist. Die Schnellbootkapitäne spritzen die Floßfahrer mit der Bugwelle nass, bringen das Floß immer wieder fast zum Kentern und fordern nicht zuletzt die Floßfahrer auf, sie abzuschleppen. Die einzige Alternative ist meiner Meinung nach, dass die Floßfahrer das Schnellboot mit Gewalt übernehmen und die Bootskapitäne über die Planke schicken. (Ja, das ist die Sehnsucht nach einer gewaltsamen Revolution, einer Revolution, die erstens nicht kommen wird und bei der zweitens ich als nächster an der Wand stehen würde. Revolutionen fressen ihre Kinder, und ich wäre in dem Fall ein sehr frühes Kind.)

Was ich eigentlich sagen will: Ich verdiene mein Geld damit, dass ich Texte schreibe, also mit immateriellen Gütern. Ich bin darauf angewiesen, dass diese Texte entlohnt werden, wenn dafür kein Geld fließt, kann ich es gleich bleiben lassen und muss mir einen Job suchen als, öh, als Busfahrer. Dann gibt es hier auch kein Blog mehr mit kostenfreien Texten, weil ich keine Querfinanzierung machen kann, auf der einen Seite das feste Redakteursgehalt, auf der anderen Seite das Texthonorar für die freien Arbeiten, gemeinsam ergibt das ein Einkommen, das mir das Überleben ermöglicht, das Überleben und hin und wieder einen Blogtext. Entsprechend: Ich bin ein absoluter Gegner der „Umsonst-Mentalität“ im Internet (auch wenn ich die Terminologie doof finde).

Dieses Blog steht unter einer Creative Commons-Lizenz. Das heißt, wer mag, darf die hier geposteten Inhalte verwenden, unter Quellenangabe und unter gleichen Bedingungen. Was er nicht darf: Geld damit verdienen. In diesem Zusammenhang verstehe ich Sven Regeners viel diskutiertes Statement im Bayerischen Rundfunk zum Urheberrecht: Wenn sich jemand Musik auf Youtube anhört, dann ist das ja nicht kostenfrei, da fließt (in Form von Werbegeldern, die wir alle beim Kauf der beworbenen Produkte zurückzahlen) ja durchaus Geld. Nur nicht in die Taschen der Künstler, deren Musik (beziehungsweise Filme beziehungsweise Kunst beziehungsweise andere geistige Produktion) gerade läuft, sondern in die Taschen des Weltkonzerns Google. So etwas muss man nicht gut finden. Man muss aber auch nicht wie Regener das Prinzip der ultrakommerzialisiserten Musikindustrie von vor zwanzig Jahren als Gegenmodell preisen.

Im aktuellen Spiegel (leider nicht online, hier gibt es eine Zusammenfassung) steht ein Streitgespräch zwischen Jan Delay und dem Piratenpartei-Abgeordneten Christopher Lauer. Auch Delay glaubt von Herzen an den Kapitalismus in der Kunst:

Lauer: (…) Nach unserer Vorlage bleibt das Urheberrecht beim Urheber. Wir ändern lediglich die Spielregeln zwischen Urheber und Verwerter.

Delay: Nee, Digger. Ihr ändert bitte überhaupt keine Spielregeln. Was du da gerade erzählst, verhandelt ein Künstler mit seinem Label. Wenn er einen schlechten Anwalt hat, kriegt er einen schlechten Vertrag. Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will. Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt.

(…)

SPIEGEL: (…) Der Gestus des Pop war immer eher kapitalismuskritisch. Da ist es schwierig zu sagen: Ich will, dass die Leute bezahlen.

Delay: Ich finde nicht, dass Pop per se antikapitalistisch ist. HipHop schon gar nicht.

Wenn man mal davon absieht, dass Lauer sich in dem Gespräch von Delay vollkommen an die Wand quatschen lässt, frage ich mich schon, wo dieser unverrückbare Glaube an das Gute im Kapitalismus kommt. „Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will“, das würde ja bedeuten, dass die Plattenindustrie ein Interesse daran hätte, gute Musik zu veröffentlichen, eine Aussage, die jeder Blick in die monatlichen Neuveröffentlichungen Lügen straft. Und überhaupt, „Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt“, Delay hat immer noch nicht kapiert, dass er als Künstler beim Vetragsunterschreiben gegenüber der Industrie grundsätzlich in einer schwächeren Position ist, genauso übrigens wie jeder Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber. Es ist ein ziemlicher Fortschritt in der Organisation der Arbeitnehmerschaft, dass sich zum Beispiel Gewerkschaften sehr wohl dafür zu interessieren haben, was für Verträge unterschrieben werden.

Ich glaube nicht an ein Urheberrecht, das die Entlohnung des Künstlers (und, zum Beispiel, des Journalisten) nach Kriterien des Marktes und des Kapitalismus organisiert. Das Prinzip einer Kulturflatrate finde ich nicht ohne Reiz, womöglich noch eine Umdrehung radikaler: Was spricht dagegen, dass jeder Bürger (zum Beispiel über eine massive Steuererhöhung) Geld abgibt, die für Kunst, Entertainment, Journalismus … verwendet wird? Wobei die Erzeugnisse dann nach Belieben kostenfrei genutzt werden können, die Bezahlung ist ja schon über die Flatrate abgegolten. Das hätte natürlich einen bürokratischen Wasserkopf zur Folge, die Fragen, was wie mit welchem Betrag gefördert wird, muss ja irgendjemand entscheiden. Andererseits funktioniert das ja schon leidlich im Bereich der Kulturförderung, das deutsche Stadttheatersystem ist nicht zuletzt deswegen so leistungsfähig, weil es konsequent aus dem Marktgeschehen rausgenommen ist. Steuererhöhungen sind momentan als politische Forderung nicht besonders populär, schon klar, aber ich denke, dass es langsam an der Zeit wäre, dass die Floßbesatzung das Schnellboot übernimmt.

(Das Bild oben zeigt das Tempelhofer Feld im Winter. Mir war irgendwie so danach.)

Ich bin nun also auch zum Sexisten geworden. Weil ich für eine Frauenquote in Redaktionen eintrete und deswegen bei ProQuote unterschrieben habe. So eine Unterschrift ist sexistisch, weil sie nämlich bedeutet, dass ich Frauen nicht zutraue, aus eigener Leistung ihre Position im Erwerbsleben zu erreichen, nein, ich glaube, nur strenge Vorgaben bringen 30 Prozent Frauen in Führungspositionen, also in Positionen, in die Frauen naturgemäß eigentlich nicht gehören würden. Ich Sexist, ich fieser. Wobei solche Vorwürfe natürlich in erster Linie von Leuten kommen, die glauben, es gehe irgendwie gerecht zu in diesem Wirtschaftsleben, von Leuten, die der Meinung sind, im Großen und Ganzen würde das alles schon funktionieren. Das sind Leute, die sich noch nie die Frage gestellt haben, wie es angehen kann, dass ein Windbeutel wie Karl Theodor zu Guttenberg trotz erwießener Unfähigkeit immer wieder weich fällt, in diesem ach so fairen System. Ach Kinder, die ihr mich Sexisten schimpft, geht doch FDP wählen.

In Wahrheit ist es doch so: Ich bin aus reinem Egoismus für die Quote. Weil ich als irgendwie ja doch Mann glaube, dass mehr Weiblichkeit in den Chefetagen nur gut tun könnte, nicht nur den Chefinnen sondern auch ihren Untergebenen. Nicht weil ich finde, dass Frauen per se bessere Vorgesetzte seien oder weil ich überhaupt ein großer Fan von beruflichen Hierarchien wäre. Sondern grundsätzlich: Es geht gar nicht um Frauen im biologischen Sinn, es geht um Weiblichkeit im kulturellen Sinn. Ein Beispiel ist die Genderdabatte: Die wurde von der feministischen Forschung auf Tapet gebracht, und die Schwulenbewegung sollte dem Feminismus auf Knien danken, dass es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit ist, heteronormative Argumentationen als steinzeitlich abzulehnen. (Dass die meisten Schwulen sich lieber das Gesamtwerk von Chuck Norris auf DVD reinziehen würden als dem Feminismus irgendein positives Urteil zuzugestehen, sagt natürlich einiges über die männliche Abstraktionsfähigkeit aus.)

Ich halte nichts von Argumenten wie dem, dass ich als Mann die Quote ablehnen müsste, weil ich damit den Ast, auf dem ich sitze, absägen würde. Das ist so eine widerliche „Entweder die oder wir“-Argumentation, entweder „die Muslime“ oder „wir Christen“, entweder „die EU“ oder „wir Deutschen“, entweder „die Frauen“ oder „wir Männer“, ich mag das nicht, ich glaube, es führt auch nirgendwo hin. Eigentlich sollte es doch im Interesse aller liegen, ein möglichst angenehmes Zusammenleben hinzubekommen, nein? Und bezüglich dieses Zusammenlebens habe ich gewisse Erfahrungswerte: Ich habe in meinem bisherigen (allerdings noch nicht allzu lange andauernden) Berufsleben unter insgesamt drei Frauen gearbeitet – und kann nicht klagen. Was man natürlich nicht verallgemeinern sollte: „Frauen können ebenso schlechte Chefs sein, genauso marktradikale Ansichten haben, genauso autoritär auftreten wie Männer“, schrieb Antje Schrupp schon vor eineinhalb Jahren. Meine Quotenbefürwortung ist entsprechend rein subjektiv: Ich konnte mit Chefinnen einfach immer besser als mit Chefs. Und deswegen darf ich auch für die Quote sein, Punkt.

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Auf die Idee, bei ProQuote zu unterschreiben, brachte mich übrigens Silke Burmester, mit der ich anlässlich ihres hübschen Essays „Beruhigt euch!“ ein kurzes Interview fürs aktuelle uMag geführt habe:

uMag: Silke Burmester, ich habe vor kurzem Stéphane Hessels „Empört euch!“ gelesen und mir dabei gedacht: „Ja, der Mann hat durchaus recht!“ Und direkt im Anschluss habe ich „Beruhigt Euch!“ gelesen und mir dabei gedacht: „Ja, die Frau hat durchaus recht!“ Bin ich ein hoffnungsloser Opportunist?
Silke Burmester: Nein, das sind Sie nicht. „Beruhigt Euch!“ ist auch kein Gegenentwurf, es ist eine Ergänzung. Und zwar insofern, als dass ich mit Hessel absolut d’accord bin. Ich bin die Erste, die für jeden, der auf die Straße geht, eine Tüte Haribo aufmacht. Aber ich ärgere mich über die Medien, die die Menschen mit Pseudothemen abfüllen.

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Außerdem werde ich ein paar Tage nicht online sein. Kommentiert kann natürlich werden, das Freischalten der Kommentare wird aber unter Umständen ein bisschen dauern. Nicht böse sein, ja?

Ich bin also ein schlechter Mensch. Missgünstig, nicht fähig zur Vergebung. Wie der notorische Jan Fleischhauer auf SpOn schreibt:

Zu den Höhepunkten im Vollzug moralischer Politik gehört die Bekundung von Schuld und Reue. Jemand hat einen Fehler begangen, er ist darauf hin tief gefallen, nun bittet er die Öffentlichkeit um Verzeihung. Manchmal fließen in diesen Augenblicken auch Tränen, sie gelten dann als sicherer Beweis, dass die Entschuldigung von Herzen kommt.
Unüberhörbar weisen diese öffentlichen Bitten um Vergebung in den religiösen Bereich zurück, das macht sie so mächtig. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Alltagswelt sind die moralische Energien, von denen der katholische Glaube und mehr noch der Protestantismus lebte, ja nicht einfach abgestorben, sie haben sich lediglich verschoben. An die Stelle des Pietisten ist der moderne Tugendmensch getreten, dessen Glaubenseifer in immer neuen Vorschriften Entlastung findet.

Ich bin ein Pietist. Ich kann nicht mal gut sein lassen, trotz Reue, trotz der Worte „Das bedauere und bereue ich von Herzen“, die derjenige, um den es hier gehen soll, Karl Theodor zu Guttenberg, im Interview mit Giovanni di Lorenzo in der Zeit spricht. Das ist doch eine Entschuldigung, das ist doch ein Schuldeingeständnis, wie hartherzig kann man denn sein, wenn man darauf antwortet: Ich nehme diese Entschuldigung nicht an? Wie pietistisch?

Es geht mir nicht um Schuld.

Mag sein, zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit Zitate nicht korrekt ausgewiesen, bis an die Grenze des Plagiats (wir haben es hier mit Juristen zu tun, da muss man aufpassen, was man wie formuliert). Darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt, vor allem als jemand, der sich selbst einst im Wissenschaftsbereich bewegte und daher weiß, wie schwierig es ist, eine Dissertation zu verfassen. Gegessen. Der Betrüger, der Emporkömmling, der Plagiator, der Doktor: Der ist mir egal, da trete ich nicht nach.
Was aber bleibt, ist die politische Ästhetik hinter Guttenberg. Was bleibt, ist das Bild, das Guttenberg auf dem Times Square zeigt, „Man stellt sich hin, lacht und breitet am besten noch die Arme aus. Was kostet die Welt? 50 Milliarden? Hundert? Egal, der kleine Baron ist endlich in der großen Stadt“, schrieb Kurt Kister damals in der Süddeutschen. Was bleibt, ist die erschreckende Penetranz, mit der die Springermedien alle Kritik an Guttenberg niederbügelten, was bleibt ist die Aggressivität, mit der insbesondere Bild kritische Journalisten mundtot machen wollte: „Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“, das ging sogar dem Stern, eigentlich alles andere als ein Gegner des Personality-Glamour-Getues Guttenbergs, zu weit. Was bleibt, ist die bösartige Niedertracht, mit der sich sein Gespons Stephanie zu Guttenberg medial aus dem Fenster lehnt.

Ich habe Angst vor einem politischen Comeback zu Guttenbergs. Nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit gelogen hat. Nicht weil er politisch auf der anderen Seite steht: Man kann nicht einmal genau sagen, auf welcher Seite zu Guttenberg tatsächlich steht. Ist er ein Rechter? Eigentlich ist er doch eher eine mediale Mischung aus Berlusconi, Putin und Obama, der sich in seiner politischen Rhetorik mal rechts, mal links bedient.
Ich habe Angst. Nimmt man alle momentan verfügbaren Umfragen, nimmt man die Kommantarfunktionen im Netz, selbst bei den Springermedien, so schlägt zu Guttenberg aus der Bevölkerung massive Ablehnung entgegen. Aber anscheinend gibt es interessierte Kreise, in Berlin, in Washington, wo auch immer, die sagen: Das ist uns egal, wir drücken den jetzt durch. Und sei es nicht in der CSU, zu Guttenbergs eigentlicher poltischer Heimat, dann eben in einer anderen, noch zu gründenden Partei. Er selbst gibt im schon zitierten Zeit-Interview Anleitungen, wie sich eine Rechtspartei in der Bundesrepublik aufziehen ließe: „Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken.“ (Eine großartige Volte! Wo das klare Bekenntnis zu Israel, beziehungsweise zu Israel nach Likud-Vorstellungen, doch mittlerweile ein Markenzeichen der deutschen Rechten ist!) „Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.“ Ich darf mal spekulieren: Thilo Sarrazin für Innenpolitik, Hans-Olaf Henkel für Finanzen, Guido Westerwelle für Soziales. Und Guttenberg als programmatisch nach allen Seiten offener Strahlemann für die Außenwirkung. Schon hätten wir die neue Partei, rechts, hässlich und fies.

Ich habe Angst. In einer Welt, in der so jemand ungestraft als „distinguished statesman“ bezeichnet werden darf, wenn auch nur vom rechtskonservativen amerikanischen Center for Strategic and International Studies, in solch einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben.

Ich habe auch promoviert. Beziehungsweise, ich habe damit angefangen, ähnlich wie Herr von und zu Emporkömmlings, äh, Dingens, Guttenberg. Ich wusste nichts anderes mit meiner Zeit anzufangen, nach dem Studium, Arbeitsplätze für examinierte Literaturwissenschaftler waren rar, außerdem hatte ich Lust, mich intensiv mit einem in erster Linie mich interessierenden Thema zu beschäftigen. Das Thema lautete „Körper/Schrift. Zur Ästhetik der Gewalt bei Elfriede Jelinek, Marina Abramovic, Valie Export und Ernst Jünger“. Ich habe Exposés geschrieben, eine Gliederung gemacht, die Gliederung wieder verworfen, Referate gehalten, Sekundärliteratur gelesen, bin vom Weg abgekommen und habe den Weg wieder gefunden. Nebenbei habe ich ein wenig journalistisch gearbeitet. Und weil ich Geld brauchte, und weil sich plötzlich doch noch eine Perspektive neben der brotlosen Wissenschaft auftat, habe ich immer mehr journalistisch gearbeitet. Irgendwann war ich in einer festen Anstellung, irgendwann war ich im Volontariat und irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich wirklich noch weiter an dieser Doktorarbeit arbeiten wollte.
Ich entschied mich. Gegen die Promotion, das heißt, ich scheiterte. Ich traute mir schlicht nicht zu, gleichzeitig Vollzeit zu arbeiten und mich dennoch mit Haut und Haaren einer Dissertation zu verschreiben. Technisch wäre es möglich gewesen, Petra Kohse, meine Ex-Praktikumsbetreuerin bei der taz, promovierte während ihrer Redakteurinnentätigkeit über Friedrich Luft, davor ziehe ich den Hut, ich aber traute es mir nicht zu. Meine Doktormutter reagierte ein wenig enttäuscht, riet mir aber zu: Gerade in der damaligen wirtschaftlichen Situation sei es wichtig gewesen, Boden unter die Füße zu bekommen. Wirklich vermisst habe ich den Doktortitel nie, ein wenig spüre ich aber einen Phantomschmerz: Da fehlt etwas, da wurde etwas nicht zu Ende gebracht. Andererseits nehme ich auch etwas mit: die Erfahrung, dass man auch auf die Nase fallen kann, und trotzdem geht es irgendwie weiter, eigentlich immer. Nicht die schlimmste Erfahrung.

Karl Theodor zu Guttenberg, „KT“, wie ihn seine Fans nennen, hat auch promoviert. Der Verteidigungsminister dieses Landes ist Doktor der Rechte, mit der besten möglichen Note summe cum laude wurde er an der nicht unbedingt in der ersten Liga spielenden Universität Bayreuth prmoviert. Zu seiner Doktorarbeit gibt es eine ganze Menge Vorwürfe, von denen einer zumindest unstrittig ist: Guttenberg hat die Zitate in der Arbeit nicht ausreichend als solche kenntlich gemacht. Das sieht dann so aus, als ob fremde Formulierungen die eigenen seien, wenn so etwas Absicht ist, dann ist es ein Plagiat und damit strafbar, wenn es keine Ansicht ist, dann ist es schlampig (und es verbessert die wissenschaftliche Reputation der Uni Bayreuth nicht gerade, wenn schlampige wissenschaftliche Arbeit dort mit der Bestnote bewertet wird, aber egal). Der wissenschaftlich versierte Teil des Netzes auf jeden Fall schäumt, am eindeutigsten im GuttenPlag Wiki, wo in mühevoller Kleinarbeit nachgewiesen wird, an welcher Stelle Guttenberg welche Passage ohne korrekte Quellenangabe übernommen hat. Das ist löblich, womöglich wird die Arbeit der GuttenPlag-Kollegen dafür sorgen, dass Guttenberg einige unangenehme Fragen beantworten muss, womöglich hat das sogar zur Folge, dass der Verteidigungsminister offen legt, wer den Fehler denn tatsächlich gemacht haben könnte (der Spiegelfechter etwa mutmaßt schon ganz offen, dass wohl ein Ghostwriter die Doktorarbeit geschrieben haben dürfte). Aber wird es die politische Karriere Guttenbergs beenden? Wohl kaum.

Guttenberg verteidigt sich. „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler (sic). Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. Das mag stimmen. Es ist schwierig, eine Doktorarbeit zu schreiben, wenn man gleichzeitig Familie und Job hat, mehr noch: Es ist unmöglich. Nur: Warum lässt man es dann nicht bleiben? Der Doktortitel ist keine Voraussetzung für den Beruf des Verteidigungsministers, wenn er einem also dennoch so wichtig ist, dass man für ihn womöglich eine strafbare Handlung begeht, dann weist das auf ein zumindest etwas angeknakstes Selbstbewusstsein hin. Herr von und zu ist ein Gernegroß, soviel zur Psychologie. (Übrigens gab es schon einmal einen deutschen beziehungsweise österreichischen Gernegroß-Politiker, einen, der immer nur Anerkennung wollte und sich nie ausreichend wertgeschätzt fühlte, einen Kunstmaler. Das nur zur Erinnerung, falls Von und zu demnächst planen sollte, Kanzler zu werden.)

Die Fans sehen aber nicht den Gernegroß, sie sehen nur den zukünftigen Kanzler, den KT, glänzend und erfolgreich und so ganz anders wie man sich den Deutschen als solchen immer vorstellt. Guttenbergs Haus-und-Hof-Blatt Bild etwa titelte am Samstag ganz unverblümt, wie „gut“ es des Verteidigungsministers Entscheidung findet, nicht zurückzutreten. Den GuttenPlag-Engagierten werfen die KT-Fans vor, Erbsenzähler zu sein, die die Größe dieses Politikers gar nicht erkennen könnten, und wenn man entgegnet, dass korrektes wissenschaftliches Arbeiten eben zum Teil darin bestünde, Erbsen zu zählen, hauen sie auf die Wissenschaft ein. „In manchen Berufen sollte der Doktor Titel ganz abgeschafft werden. In den Naturwissenschaften und der Medizin kann ich sowas ja nachvollziehen, aber was kann schon ein Jurist erschaffen, dass die Menschheit wissenstechnisch vorwärts bringt“, blökt „Gast“ in etwas eigenwilliger Rechtschreibung auf Welt Online, das Web ist voll von Meinungen aus der Richtung „Guttenberg hat zwar Mist gebaut, aber dazu hat ihn doch nur das System gezwungen, wenn man statt wissenschaftlich richtig arbeitet, dann zeigt man, was man kann, und richtig arbeiten kann KT!“ Wenn der Deutsche mal in Fahrt ist, dann holt er die antiintellektuelle Keule raus.

Und deswegen habe ich Angst davor, wo uns diese Affäre noch hinführt. Nicht auszudenken, wenn Guttenberg die Angriffe politisch überstehen würde.