3:0

Ich kann A. nur wenig abschlagen, zurzeit aus Gründen praktisch gar nichts. Außerdem: Wenn A. einen Vorschlag macht, dann ist der auch meistens gut, es gibt also auch gar keinen Grund, etwas abzuschlagen. Und wenn A. den Vorschlag macht, dass ich sie in Dortmund besuchen könnte, dann ist das ein guter Vorschlag, selbst wenn das heißt, dass wir dort gemeinsam das Fußballspiel Borussia Dortmund gegen Karpaty Lwiw anschauen.

Ich bin als Stadionbesucher der Typ, den die echten Fans von Herzen hassen: freundlich desinteressiert am Spiel, überheblich, fachlich vollkommen inkompetent. Der Typ, der zur Weltmeisterschaft mal ein paar Spiele anschaut. Der Typ, der nach 20 Minuten fragt, wer den jetzt eigentlich wer sei. Der Typ, der Spieler danach beurteilt, wie eloquent sie in einer Talkshow aufgetreten sind, bei der er neulich mal für eine Viertelstunde reingezappt hat. Der Typ, der nicht kapiert, dass Fußball nicht nur eine leidlich spannende Nachmittagsunterhaltung ist, sondern eine Lebenshaltung, der Grundstock einer Kultur.
Andererseits macht es mir diese Kultur eben auch nicht wirklich leicht. Zunächst: Ich finde Fußball einfach nicht besonders spannend, also, die Spielpraxis. Für mich hat es nichts Nervenzerrendes, wenn 22 Männer einem Ball hinterherrennen. Außerdem stößt mich das Umfeld ab, die zur Schau gestellte Maskulinität, der Chauvinismus, der Bierdunst, der kleinste gemeinsame Nenner im Musikgeschmack, der Kommerz. Ich finde es nicht schön, wenn “schwul” als immer funktionierende Charakterisierung von allem Schlechten gebraucht wird, mir gefällt es nicht, wenn die Solidarität mit dem eigenen Verein immer auch eine Abwertung des Gegenübers beinhaltet. Erzählt mir nix von wegen, dass das Folklore sei und ironisch, am Dortmunder Hauptbahnhof wollte mir ein Fliegender Händler T-Shirts verkaufen mit dem Aufdruck “FC Schalke – die größte Scheiße der Liga”, 1998 grölten Fans von Fortuna Düsseldorf beim Drittliga-Spiel gegen Jena “Wir haben Arbeit – und ihr nicht!” Call me humorlos – mein Ironieverständnis stößt da an seine Grenzen.
Auf der anderen Seite dann eben: die echte Begeisterung, die einen im Stadion erfasst. Eine Woge, die einen trägt, plötzlich singt man selbst mit, plötzlich umarmt man den Fremden neben einem, ein Tor ist gefallen, oder ein Tor hätte fallen können. Nicht zuletzt: echte Ironie. Einmal war ich bei einem Spiel von St. Pauli gegen die Amateurmannschaft des BVB, St. Pauli war gerade in die dritte Liga abgestiegen und kickte, das merkte sogar ich, grottenschlecht. Und nach dem zweiten Gegentor begannen die St.-Pauli-Fans zu singen: “Nie mehr zweite Liga!” Fand ich lustig, wie hier ein Mutmachsong für Aufsteiger selbstironisch umgedeutet wurde zu einem Spottlied, wir haben keine Chance, also haben wir wenigstens ein bisschen Spaß.

Dortmund gegen Lviv also, UEFA-Cup, ich habe keine Ahnung, was das überhaupt für ein Wettbewerb ist. Langweilig. Dortmund musste gewinnen, gleichzeitig musste in einem parallel laufenden Spiel Paris-St.-Germain gegen Sevilla gewinnen, ansonsten wäre der BVB aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Schon nach ein paar Minuten war klar: Dortmund zieht das durch. Ein, zwei, drei Tore fürs Ruhrgebiet, verhaltener Jubel, von den 80000 Plätzen im Signal-Iduna-Park (den die Fans immer noch “Westfalenstadion” nennen, auch das sympathisch) sind gerade mal gut 40000 besetzt, es ist saukalt, es ist auch irgendwie nicht besonders aufregend, wie das hier weiter geht. Wir frieren, wir tanzen, auf den Rängen wird gesungen. Sie singen: “Olé BVB!” Sie singen “Oh-ho Bohorussia!” zur Melodie von “Go West!”, lustig, wie die stockheterosexuellen Fußballfans solch einen stockschwulen Song für sich adaptieren. Sie singen irgendwas zur Melodie von “Guantanemera“, bei Minus sieben Grad. Was, um Himmels Willen, singen sie denn da eigentlich? Sie singen: “Fußbodenheizung! Wir wolln ‘ne Fußbodenheizung!”

Ich mag sie schon sehr.