Mir ist klar, dass es auf Kunstmessen nicht um das Wahre, Gute, Schöne geht, sondern um Kapitalismus. Im Zentrum steht nicht das Wort „Kunst“, sondern das Wort „Messe“: Hier soll etwas verkauft werden, mehr noch, hier soll etwas verkauft werden, das keinen direkten Wert hat, der Wert von Kunst ist immateriell, gehandelt wird hier mit Geschmack, Distinktion, Bewusstsein. Eine Kunstmesse ist Bewusstseinsindustrie. Ich weiß das. Ich bin nicht naiv, ich stolperte auch übers Berliner Art Forum (solange es das noch gab), ich sah den reichen Russen, der am Stand von Contemporary Fine Arts auf ein Gemälde von Daniel Richter zeigte, nichts sagte, die Handbewegung war schon Aufforderung genug: „Kaufen. Das da.“ Es widert mich an, aber vielleicht ist so eine Szene ja notwendig für eine Kunstwelt, die so spannend ist, wie die momentane. Vor sieben, acht Jahren habe ich Daniel Richter einmal in einem denkwürdigen Gespräch (gemeinsam mit Jonathan Meese) interviewt, es ging um Geld und Markt und darum, wie man es vor dem eigenen Gewissen als doch immer noch linker Künstler vertreten könne, dieses Spiel mitzuspielen. Richter antwortete damals sinngemäß, dass es Dutzende schlimmerer Dinge gebe, die die Reichen mit ihren Millionen machen könnten, als Kunst zu kaufen, darauf wusste ich keine Antwort, beziehungsweise, mir war klar: Richter hatte recht.

(Erwin Wurm machte 2006 eine Skulptur namens „Art Basel fucks Documenta“, man sieht das Kasseler Fridericianum, den zentralen Ausstellungsort der Weltkunstschau Documenta, und das wird von einem Basler Messehochhaus, nunja, gefickt. Da sieht man, wie das Verhältnis zwischen Markt und Kunst wirklich ist, wobei, gefickt zu werden ist ja nun nicht die unangenehmste Position, die man sich vorstellen kann.)

Darüber, dass vergangenes Wochenende in der Hamburger Messe die deutsche Dependance der Affordable Art Fair stattfand, darüber möchte ich mich gar nicht auslassen. Die Affordable Art Fair ist eine Kunstmesse, die die Nische der niedrigpreisigen Arbeiten bedient (die gezeigten Werke fangen bei 100 Euro an und hören bei 5000 Euro auf), es gibt viel minderwertigen Kram zu sehen und einiges ziemlich Gutes, nicht anders als bei jeder anderen Messe also, und dass sich P. und R. hier eine der ziemlich guten Arbeiten als Schnäppchen mit nach Hause genommen haben, spricht ebenfalls für die Affordable Art Fair, also: nichts dagegen. Viel aber gegen die Plakate, die Hamburg seit Wochen verschandeln und die einem sofort jede Lust nehmen, sich intellektuell mit Kunst auseinander zu setzen: Man sieht ein doofes Paar über den Elbstrand turteln (barfuß! Bei der momentanen Witterung!), sie halten rosa (rosa!) Pakete in den Händen, Pakete, in denen Kunstwerke versteckt scheinen (wäre es zuviel verlangt, bei dieser Gelegenheit Kunst zu zeigen? Oder schreckt es vielleicht die angestrebte Klientel ab, wenn das Marketing anders aussieht wie das eines Möbelhauses?), und über allem schwebt der entsetzliche Spruch „Kunst, der man nicht widerstehen kann“. Als ob es hier um Schokolade oder Instantkaffe oder Dessous gehen würde.

Die Affordable Art Fair möchte Schwellenangst abbauen, möchte dafür sorgen, dass ein kunstfernes Publikum vorbeischaut und einkauft (und ICH HABE DA REIN GAR NICHTS DAGEGEN). Und um das zu erreichen, schrauben sie in ihrer Außenwirkung jeden Anspruch soweit runter, bis man überhaupt nicht mehr erkennt, um was es hier eigentlich geht. Ich aber weiß, worum es geht, und weil ich das weiß, kotze ich auf offener Straße.

Der Weg ist das Ziel. Der Weg ist zentral bei der diesjährigen documenta, ein Nachdenken über Kunst, ein Prozess, der am Ende wichtiger ist als die Kunst selbst. Wobei die Kunst und der Weg an manchen Stellen zusammenfallen: im Trampelpfad von Natascha Sadr Haghighian, einem Pfad, der eine Denkmaltreppe umgeht, die die im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg gefallenen Deutschen ehren soll. Durchs-Gebüsch-Schlagen als antimilitaristischer Widerstand, auch nett, weil Haghighian den gar nicht mal so un-abenteuerlichen Pfad zudem noch multikulturell aufgeladen hat: Während man sich seinen Weg bahnt, wird man von Tiergeräuschen bedrängt, beziehungsweise von Menschen, die Tiere nachahmen, Menschen aus aller Herren Länder, die in der Einwanderungsstadt Kassel leben. Das ist allzu einfach und schweißtreibend, und während man fast abgerutscht ist, packt einen diese der Land Art verwandte Installation plötzlich: Das ist ja unglaublich charmant, in seiner Einfachheit! Natasha Sadr Haghighian übrigens ist laut Wikipedia in 1967 in Teheran geboren und lebt in Berlin, der documenta-Katalog allerdings hat ihren Lebneslauf durch die Biografie-Tausch-Maschine Bioswop gejagt, weswegen die Künstlerin plötzlich 1966 in London geboren ist und mittlerweile in Wimbledon lebt. Biographie, Herkunft, ein Spiel mit Nullen und Einsen, das sich ganz einfach verschieben lässt, ein „Miau“, das irgendwo am Hang der Kasseler Karlsaue gesäußelt wird, schön!

Kurz vor Ausstellungsschluss noch auf der documenta gewesen, verschwitzt, gehetzt, viel zu wenig Zeit. Neun Stunden, da muss man ganze Ausstellungsorte auslassen, Videokunst geht gar nicht, auch das „Sanatorium“ von Pedro Reyes,  das mir Matthias Schumann vom Hamburger Feuilleton wärmstens ans Herz gelegt hat, muss dran glauben: Die dort angebotenen Therapien dauern jeweils über eine Stunde, eine Stunde, die dann andernorts fehlt. Was geht, ist Kunst, an der man schnell mal vorbei schlendern kann, und bei der von vornherein klar ist, dass man sie nicht kapieren wird, allerdings hat man davon auch wenig. Attila Csörgös „Squaring the Circle“ nimmt man so mit, am Ende sieht die Installation auf dem Foto recht beeindruckend aus, aber inhaltlich: nüscht. Es hilft nichts, man muss das Beste aus der Situation machen, man muss den Weg akzeptieren, die Reise nach Kassel, das frühe Aufstehen, den schon ab Lüneburg verspäteten Intercity, man muss akzeptieren, dass das Monster von Katalog einem während der kommenden neun Stunden einen Rückenschaden verschaffen wird, man muss sich klar machen, dass man zu wneig Wasser mitgenommen hat, dass es ohnehin zu heiß ist, dass man aufs Mittagessen verzichten wird, dass der Weg das Ziel ist, und dieser Weg, er wird kein leichter sein. Dann ist man soweit, dann ist einem klar, dass die Erfahrung dieser Hardcore-documenta nur übers Leiden funktionieren wird, dann hat man die leicht esoterisch anmutende Freundlichkeit von Ausstellungsmacherin Carolyn Christov-Bakargiev verinnerlicht, obwohl man sich doch eigentlich vorgenommen hatte, dass man das auf keinen Fall machen würde.

Aber die Ausstellung funktioniert ja, gerade hier. Wo man die große erste Halle des Fridericianums betritt, und die Halle ist: leer. Ein verschwendeter Kunstraum, eine Verweigerung einer Ausstellung, einzig ein leichter Windhauch mildert die unerträgliche Hitze dieses Tages ein wenig, das ist schön. Und plötzlich merkt man: Dieser Windhauch, das ist nicht etwa ein eigenartiges Zugphänomen im Museum, das ist die Kunst. Man steht mitten in „I need some Meaning I can memorise (The invisible Pull)“ von Ryan Gander, und das ist solch ein stilles, zu Herzen gehendes Werk, man möchte heulen. Was natürlich auf der anderen Seite bedeutet, dass man gerade eigentlich nur Kunst anschaut, die zu Herzen geht. Man sieht ja, angeblich, auch nur mit dem Herzen gut, aber das ist eine Lüge, eine strunzreaktionäre Lüge, die der Leistung, dem Widerspruchscharakter des Intellekts entgegen steht. Dabei gibt es in dieser Ausstellung auch mehrere Positionen, die intellektuell erfasst werden wollen, allen voran naturwissenschaftlich orientierte Arbeiten wie Anton Zeilingers quantenphysikalische Versuchsanordnungen, aber mal ehrlich: Das verstehe ich doch ohnehin nicht! Eher irritiert mich, dass Politik in dieser documenta kaum einen Raum hat, mal abgesehen vom Occupy-Camp auf dem Friedrichsplatz, das eine Dopplung der ganz ähnlichen Aktion auf der Berlin Biennale darstellt, einer Aktion, die ich schon dort nicht ganz einleuchtend fand.

Indem man diese documenta in zwei Ebenen einteilt, hier das Emotionale (nahm ich dankend an), dort das Intellektuelle (konnte ich wenig mit anfangen), irgendwo auch noch das Randständige, die Politik, ignoriert man ein wenig, dass diese riesige Ausstellung noch viel mehr ist: eine historische Schau etwa, die Fabio Mauri (gestorben 2009) zeigt, Julio Gonzales (gestorben 1942) oder Maria Martins (gestorben 1973). Man ignoriert die Verweigerung politischer Kategorien, die selbst schon wieder politisch ist, schon in Natasha Sadr Haghighians oben erwähntem Trampelpfad. Man ignoriert, wie lustvoll Carolyn Christov-Bakargiev große Namen aus der Ausstellung raushält, kaum gehypte Kunststars gibt es hier, und dann eben doch noch eine Klanginstallation von Janet Cardiff und George Bures Miller, Erfolgskünstler im immer weiter durchdrehenden Kunstmarkt. Man versteht nicht, was deren (tolle) Arbeiten hier zu suchen haben, und dann wird einem klar: Genau das ist der Punkt! Es geht (auch) darum, nicht zu verstehen! Es geht darum, Erwartungen nicht zu erfüllen, eben keine Ausstellung zu machen, die sich den eingefahrenen Konventionen des Ausstellungsbetriebs verweigert, sondern eine Ausstellung zu machen, die sich auch dieser Verweigerung verweigert. Es geht um die Peripherien, die Ränder, und es geht nicht zuletzt darum, zu kapitulieren: Ich werde das nicht alles verstehen. Ich werde da nicht mehr durchsteigen. Ich werde ganze Ausstellungsorte nicht sehen, nicht die documenta-Halle, nicht das Ottoneum. Ich werde scheitern, scheitern, scheitern.

Ein großartiger Ausflug.

08. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Kassel! · Kategorien: Stoffe · Tags: , , ,

Es ist ein Missverständnis, dass es hier darum ginge, Kunst anzuschauen – was Kunst zurzeit kann, sieht man besser bei der Biennale von Venedig (staatstragend!), der Art Cologne (erfolgreich!) oder bei der Berlin Biennale (streitbar!). Die documenta war immer schon Sand im Getriebe solcher Leistungsschauen; weil Kunst aber im Laufe der Jahre zum globalisiserten Mainstream wurde, ist der Sand mittlerweile wichtiger als das Getriebe selbst. Bei der documenta geht es entsprechend weniger um den Stand der zeitgenössischen Kunst als vielmehr um den Stand des Nachdenkens über Kunst.

Dieses Wochenende eröffnet die 13. documenta in Kassel, und natürlich werde ich während der kommenden 100 Tage ins Nordhessische fahren. Obwohl Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev mir nach diversen durchaus irritierenden Vorabberichten so sehr auf den Keks geht, dass ich mich frage, ob ich wirklich soll. Klar soll ich. Und zur Einstimmung habe ich mir im aktuellen uMag ein paar Gedanken gemacht.