Ich würde ganz gerne ein paar Aufgeregtheiten aus der Diskussion um Zuwanderung und Islamismus und Integration und Verweigerung derselben nehmen. Ich würde gerne in Zukunft nicht mehr über geifernde Kleinbürger sprechen, nicht mehr über Sarrazzin und Wilders und darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört und das Christentum zur Türkei, von mir aus. Ich möchte anmerken: Ja, mag sein, dass es hier und da Probleme mit muslimischen Zuwandererjugendlichen gibt, es gibt ja häufig Probleme mit Jugendlichen, warum also nicht mit muslimischen. Mag alles sein, ich möchte nichts beschönigen, dass in muslimisch geprägten Sozialsystemen durchaus zu problematisierende Ansichten zu Frauenemanzipation, Homosexualität und intellektueller Selbstbestimmung vorkommen. Das mag ja sein.

Aber: Ich lebe in einem zentralen Großstadtviertel mit überdurchschnittlich hohem Migrantenanteil. Ja, an den Ecken hängen sie manchmal rum, die Arschlochjungs, und starren einen böse an, das ist nicht schön. Nur echte Probleme, die hatte ich noch nie, mit den Arschlochjungs, tut mir leid. Das ist nur meine persönliche Erfahrung, aber mir haben die noch nie etwas getan.

Im Gegensatz zu den Christen.

13. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Ich, Konservativer · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , ,

Die CDU befürchtet, dass Konservative sich nicht mehr in der Partei heimisch fühlen dürften. Das verstehe ich. Ich fühlte mich noch nie in der CDU heimisch, und konservativ, das bin ich zweifellos.

1. Ich bin ein Freund von Ritualen. Rituale strukturieren das Dasein, Rituale sorgen für ein Verknüpfen von Ästhetik und Alltag. Ich bin nicht gläubig, und wenn man mich fragt, welche Institution sofort verboten gehört, dann sage ich: katholische und evangelische Kirche, aber der katholische Ritus übt einen großen Reiz auf mich aus. Im ästhetischen Sinne, meine ich.
2. Ich bin ein Bildungsbürger. Irgendwann habe ich aufgehört, mich gegen meine Herkunft zu wehren, irgendwann musste ich anerkennen, dass es eine gute Sache war, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem gelesen wurde, in dem die Beschäftigung mit Kunst und Theater geschätzt wurde, in dem ich ein klassisches Musikinstrument gelernt habe (auch wenn von Anfang an klar war, dass ich es an diesem Instrument zu nichts bringen würde). Mehr noch: Mir will nicht einleuchten, wie man gegen so etwas, man nennt es: klassisches Bildungsideal, wirklich etwas haben kann.
3. Ich mag Tradition. Doch, ist so. Ich höre gerne Popmusik, der man anhört, wo sie herkommt, bei der gewisse soziale Strukturen durchscheinen. Sachen wie die Südafrikanischen White-Trash-Afrikaans-HipHopper Die Antwoord, bei denen man trotz aller ironischen Brechungen merkt, was für eine Welt hinter ihnen steckt. Und eben keine Sachen wie die Parlotones, die ebenso aus Südafrika kommen, bei denen aber kein normaler Mensch hört, was da hinter steckt.

[vimeo 13079525]

4. Schließlich vertrete ich noch konservative Werte. Zum Beispiel den Wert der Solidarität, war für mich immer sehr wichtig. Außerdem einen Wert, nach dem Reichtum unbedingt verpflichtend ist. Daraus kann man einen gewissen Etatismus ableiten: Steuererhöhungen sind für mich erstmal eine gute Sache, weil ich wie jeder gute Konservative glaube, dass der Mensch nicht von Grund auf gut ist und man ihn besser dazu zwingt, ein wenig von seinem Besitz abzugeben, als dass man auf seinen guten Willen und seine Spendenbereitschaft hofft.
5. Und ich will bewahren. Ich finde es durchaus nicht in Ordnung, wenn Stadtviertel platt gemacht werden, nur um des Profits willen. Ich finde nicht okay, wenn die Lebensleistung von Menschen von einem Tag auf den anderen entwertet wird. Mir gefällt es nicht, wenn immaterielle Güter wie Musik oder Kunst lächerlich gemacht werden, wenn ihre Verwertbarkeit nicht sofort einleuchtet.

Natürlich hatten Konservative wie ich noch nie ihre Heimat in der CDU. Die CDU war von Anfang an die Partei der Herrschenden, die CDU interessierte am Konservatismus ein einziger Aspekt, und das war die Autoritätshörigkeit. Wenn man auf Autoritäten hörte, dann war man in den Augen der CDU konservativ, und Autoritäten definierten sich für die CDU nach drei Kriterien: 1. Sie waren alt (Eltern, Lehrer, Vorgesetzte) 2. Sie ware althergebrachte Autoritäten (Kirche, Militär, Polizei) und 3. Sie waren Autoritäten qua Besitz (Establishment). Dieser dritte Punkt erklärt, weswegen die momentane CDU-FDP-Koalition wahrscheinlich wirklich die natürliche Machtinstitution dieses Landes ist: Beide Parteien haben eine wahnsinnige Aversion gegen die Vorstellung, dass Hierarchien in diesem Land in Bewegung geraten könnten, beide Parteien sind eigentlich Vertreter derjenigen, die die Macht schon haben und diese, bitte schön, nicht abzugeben gedenken. Das Problem der momentanen Regierungskoalition ist, dass sie mittlerweile überdeutlich alles diesem Machtgedanken unterwirft und nicht einmal versucht, das durch, beispielsweise, Bildungsideale zu übertünchen. Diese angeblich Konservativen sind dumm wie Stroh, aber sie sind beseelt von der Annahme, die Macht zu recht in den Händen zu halten. Und dieses Beseeltsein blöken sie auch noch stolz raus.

Natürlich bin ich kein Konservativer. Bloß weil man gerne ins Theater geht, wird man nicht konservativ, zumal wenn man andere konservative Charakteristika wie zum Beispiel die Autoritätshörigkeit von Herzen ablehnt. Aber dass der CDU die Konservativen davonlaufen, das wundert nicht. Wo die CDU doch seit Jahren nichts anderes gemacht hat als den (schon per se nicht unbedingt hübschen) Konservatismus auf sein hässlichstes Merkmal zu reduzieren.
Schön.

27. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Steffen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss
ist alle Wiederkehr,
die Zukunft liegt in Finsternis
und macht das Herz uns schwer.

(Pfadfinderabschiedslied, Text von Claus Ludwig Laue,
Melodie nach dem schottischen Volkslied „Auld Lang Sine“)

„Zahnwart?“ Keine Ahnung, wer der Mann ist, der mir hinterherruft, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof, beim Heimatbesuch in der kleinen schwäbischen Stadt. „Kennsch mich nimmer?“ Ich habe ihn nicht verdrängt, ich weiß wirklich nicht, wer mir da gegenüber steht. „Steffen.“ Steffen. Natürlich kenne ich Steffen noch, klar, er ist ein wenig breiter geworden, er trägt keinen Bart mehr, die Kassenbrille wurde ersetzt durch ein modisches Modell. „Wo hats dich hinverschlagen?“ Hamburg, murmle ich, es ist mir peinlich, dass ich ihn nicht erkannt habe.

Steffen heißt nicht Steffen. So wie niemand in diesem Text seinen wahren Namen trägt, auch „Zahnwart“ kannte damals noch keiner. Niemand soll sich auf die Füße getreten fühlen, von zuviel schmerzlicher Realität.

Steffen war ein Netter, vielleicht war Steffen sogar der einzige wirklich nette Pfadfinderleiter, damals, in den Achtzigern, beim katholischen Pfadfinderstamm in der kleinen schwäbischen Stadt. Rund 20 Jahre älter als wir, demnach Anfang, Mitte Dreißig, kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben, richtig erwachsen, aus der Perspektive eines Zwölfjährigen. Lustig, wenn er wollte, streng, wenn er musste, locker, wenn er durfte. Der perfekte Betreuer. Der mehr oder weniger seine gesamte Freizeit für die Pfadfinderei opferte, Steffen lebte alleine, besonders viele Freunde schien er nicht zu haben, also, Freunde, die keine Pfadfinder waren. Wir mochten ihn, eigentlich mochten ihn alle.
Irgendwann tauchte das Gerücht auf, dass Steffen schwul sei. Keine Ahnung, was da dran war, könnte gestimmt haben, könnte aus den Fingern gesaugt sein, könnte auch eine perfide Intrige gewesen sein. Auf jeden Fall war Steffens Karriere bei den Pfadfindern damit an ihrem Endpunkt angelangt, welche katholische Kleinstadtmutter würde ihre Kinder guten Gewissens mit so jemandem ins Zeltlager fahren lassen? Mich berührte das Thema weniger, ich hatte innerlich schon mit den Pfadfindern abgeschlossen, bald darauf auch formal meinen Austritt aus dem Stamm erklärt. Dass es mir um Steffen leid tat, war mir damals noch nicht klar.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass Steffens mögliche Homosexualität kein doofes Jugendlichengetratsche war. Das waren bewusst gestreute Gerüchte, und ich gehe davon aus, dass diese Gerüchte von Achim gestreut wurden. Achim, der Patriarch des Stammes, Vorsitzender, Gruppenleiter. Streng, selbstsüchtig. Voll Hass auf alles, was sein Selbstbild in Frage stellte: Frauen. Linke. Schwule. Künstler. Achim war damals um die Sechzig, alles lief darauf hinaus, dass über kurz oder lang sein Sohn Norbert die zentralen Positionen im Stamm übernehmen würde, bloß: Norbert war unbeliebt. Beliebt war Steffen. Der unverheiratete Steffen, der Steffen, der so gut mit den Jungs konnte. Der Steffen, der so einfach kaltzustellen war.

Jahre später erzählten mir meine Eltern, es habe diese Staffelübergabe tatsächlich gegeben, Norbert war Stammesvorsitzender, ein paar Monate lang, dann sei es zum Skandal gekommen. Große Mengen Geld seien veruntreut worden, im Zusammenhang mit der Insolvenz von Norberts Firma habe die Staatsanwaltschaft auch die Räume der Pfadfinder durchsucht, Norbert habe sich mit seinem Vater überworfen, der daraufhin die Macht wieder an sich gerissen habe. Achim leitet den Stamm immer noch, um die Achtzig dürfte er heute sein, er lebt zusammen mit einer ehemaligen Wölflingsleiterin, die seine Enkelin sein könnte, er ist unantastbar. Von Achim habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich ein Netzwerk aus bedingungslos solidarischen Jasagern aufzubauen. Bei den Pfadfindern habe ich gelernt, wie wichtig es ist, kritische Geister rücksichtslos wegzubeißen. Wenn man von Diktatoren spricht, die Macht abgeben und dennoch alle Fäden in den Händen behalten, dann spreche ich von Achim. Wenn man von Wladimir Putin spricht, dann spreche ich von Achim.

Zur Diskussion um Missbrauch in christlichen Jugendgruppen: Typen wie Steffen habe ich nie als irgendwie unangenehm empfunden. Was ich aber von Achim gelernt habe, das war Missbrauch. Wenn auch ohne jede strafrechtliche Relevanz.

„Bisch du noch häufig in der Stadt?“ fragt Steffen. Kaum, antworte ich. Ich will weiter, es ist mir unangenehm, mich zu erinnern, aber Steffen kommt ins Plaudern. „Ich hab ein kleines Häusle gekauft, droben, ganz in der Nähe vom Pfadfinderheim. Komm mal vorbei, wenn du magschd. Haschd du noch Kontakt zu den Leuten ausm Schdamm? Nächschdes Jahr ham mir Jubiläum. Haschd du Internet? Ich schreib dir mal die Adresse auf, da sind Fodos.“

Auf den Fotos ist Achim zu sehen, im Mittelpunkt. Grau ist er geworden, ansonsten sieht er aber immer noch so aus wie vor 25 Jahren. Auf einem erkennt man auch Steffen, halb abgeschnitten. Er lacht.

Endlich haben wir einen Bundespräsidenten. Klar, wäre ja auch schlimm, wenn Deutschland ins Endspiel der Fußball-WM käme, und dann müsste da ein Vertreter den Spielern beim Verlieren zuschauen, Bundesratspräsident Jens Böhrnsen etwa, ein Sozialdemokrat, das auch noch. Aber jetzt ist ja alles gut, nach langer Zeit wurde endlich Christian Wulff gewählt, der Kandidat, der im Interview erzählte, dass er zum letzten Mal in Zweiohrküken im Kino gewesen sei. Mit übertriebener Intellektualität wird Wulff uns wohl nicht nerven, das darf man jetzt schon mutmaßen.

Aber bevor das jemand falsch versteht: Ich finde Christian Wulff okay. Gut, er pflegt sein Image des schlichten Gemüts, gut, er ist Christdemokrat, gut, er zeigt eine beunruhigende Nähe zur religiösen Rechten. Aber: Christian Wulff ist zumindest kein Scharfmacher. Er gibt sich als ultrasensibler Verstehertyp, und genau das ist eine Eigenschaft, die man in der Position des Bundespräsidenten braucht. Eine Eigenschaft, die seinem Kontrahenten Joachim Gauck fehlt: Gauck betont, dass Hartz IV eine gute Sache sei, Gauck findet den Afghanistaneinsatz in Ordnung, Gauck ist grundsätzlich der Meinung, dass von Links nur Übles kommen kann. Darf er ja alles finden, nur: Präsidial ist das nicht.

Aber: Es war ja nie im Bereich des Möglichen, dass Gauck wirklich Präsident werden würde. SPD und Grüne haben den Stockkonservativen nur aus einem Grund aufgestellt: Sie wollten die Regierungsparteien CDU und FDP sowie deren Kandidaten Wulff blamieren. Das ist ihnen gelungen. Man muss den Hut ziehen vor diesem Strategiespiel, nachdem Gauck erstmal nominiert war, konnten die Regierungsparteien nur verlieren, die Opposition konnte nur gewinnen.

Ein Opfer musste dafür allerdings über die Klinge springen: die Linkspartei. Die konnte Gauck nicht wählen. Nicht, weil der sie schmerzhaft an ihre Stasi-Vergangenheit erinnern würde, sondern wegen seiner Haltung zu Afghanistan, zum Sozialabbau. Und wegen seiner Haltung zu linker Politik im allgemeinen. Wie hätten die Linken das machen sollen, jemanden wählen, der sie bei jeder Gelegenheit beschimpft? Dafür müssen sie sich jetzt vorhalten lassen, Wulff ermöglicht zu haben. Die Alternative wäre natürlich gewesen: Die Linken schlucken alle Kröten und wählen Gauck (tatsächlich hätte das zumindest im dritten Wahlgang auch nichts mehr gebracht, aber egal). Dann wäre die Linke genau die machtgeile Umfallerpartei gewesen, die sie in Regierungsverantwortung schon längst sind: Die Partei, die einen ultraliberalen Kommunistenfresser gewählt hätte. So ist sie nur die Partei, die einen profil- und kulturlosen Christen nicht aktiv verhindert hat. Mir ist das lieber.

Denn: Zumindest meine Stimme hätte eine Partei, die Gauck gewählt hat, bei der nächsten Wahl nicht mehr bekommen.

25. Juni 2010 · Kommentare deaktiviert für Hölle Hölle Hölle · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Dass ich nicht glaube, hat nichts mit Walter Mixa zu tun. Das hat, wahrscheinlich, gar nichts mit irgendwelchen Glaubensvertretern zu tun, das ist auch keine irgendwie politisch begründbare Entscheidung. Es ist nur so, dass ich, wohl mit 14, 15, zu dem Schluss kam: Das macht alles überhaupt keinen Sinn. Wenn es einen allmächtigen Gott geben würde, warum funktioniert hier rein gar nichts? Ist dieser Gott zwar allmächtig aber schludrig? Oder ist er womöglich böse, wenn er uns in diese Welt geworfen hat, mit der wir wohl oder übel klarkommen müssen? Und warum soll ich diese Type dann, bitteschön, anbeten? Ist die Theorie nicht stimmiger, dass es eben keinen Gott geben dürfte, dass das Wunder des Lebens kein Wunder ist sondern eine Kohlenwasserstoffverbindung, die sich durch, jawohl, Zufall zum genau richtigen Zeitpunkt unter den genau richtigen klimatischen Bedingungen bildete und jetzt immer noch über den Globus krebst, vergleichbar einem Schimmelpilz auf dem Joghurt?

So verlor ich meinen Glauben.

Woran ich lange Zeit immer noch glaubte: an den Mummenschanz, an die Inszenierung, an Prunk und Weihrauch, an die Akustik in alten Kirchebgebäuden, Gesänge, deren Ursprung nicht lokalisierbar ist. Ich trat aus der Kirche aus, ich glaubte nicht mehr, kulturell blieb ich aber Katholik. Kein Urlaub, in dem ich nicht begeistert von Kirche zu Kirche rannte, keine Diskussion über Glauben und Sexualität, in der ich nicht provokant das sadomasochistisch-sinnliche Motiv der absoluten Hingabe an Gott ins Gespräch warf, ein Motiv, das insbesondere Protestanten nicht verstehen konnten.

Überhaupt war das Ziel meiner Angriffe immer nur der Protestantismus. Den nahm ich als sinnesfern, unkünstlerisch, spießig wahr, während der Katholizismus für mich ein Spiel war, ein So-tun-als-ob. Wenn Protestanten mir spöttisch entgegenhielten, dass insbesondere der Zölibat ja wohl der Inbegriff von Sinnlichkeitsentsagung sei, antwortete ich, dass ich gerne auf Sexualität verzichten würde, dürfte ich mich dafür mit Kunst beschäftigen. Und dass der Protestantismus erschreckend kunsfrei sei, liege ja wohl auf der Hand, man müsse doch nur die schmucklose Ödnis evangelischer Kirchengebäude mit dem überbordenden Prunk ihrer katholischen Pendants vergleichen (wobei ich natürlich Bauwerke wie das Münster meiner Heimatstadt, den Hamburger Michel oder als Beispiel für großartige moderne Kirchenarchitektur die Temppeliaukio-Felsenkirche in Helsinki vollkommen unter den Tisch fallen ließ).

Auch politisch schien mir der Katholizismus sympathischer als der Protestantismus: Im 3. Reich waren die Protestanten deutlich systemnäher als die Katholiken, auch die protestantisch geprägten USA waren mir immer unsympathisch (gut, Bush war in einer Freikirche, aber es ist doch auch bezeichnend, dass der Protestantismus solche radikalen Abspaltungen zulässt, während der Katholizismus sie grundsätzlich ablehnt). Ebenso wie in der Architektur blendete ich hier die Gegenbeispiele für Rechtskatholiken wie Johannes Dyba konsequent aus.

Und jetzt der Missbrauchsskandal. Man muss nicht lästern, das Zerrbild des lüsternen Pfaffen, der vor allem deswegen Priester wird, weil er glaubt, so seine als problematisch empfundene Sexualität nicht ausleben zu müssen, ist so bekannt wie lächerlich. Was aber nicht lächerlich ist: Ein Fall nach dem anderen wird bekannt. Und fast immer in der katholischen Kirche. Walter Mixa ist in diesem Zusammenhang eine Nebenfigur. Ein problematischer Charakter, ja, aber die gibt es überall. Das Problem: Im Katholizismus scheint es sie zuhauf zu geben. Und plötzlich stelle ich mir die Frage: Was, wenn dieses massive Auftreten gar nichts zu tun hat mit diesem Glauben? Was, wenn es viel mehr zu tun hat mit, ja: Mummenschanz, Inszenierung, Weihrauch. Was, wenn diese Kultur des So-tun-als-ob, des Glaubens, dass ein Glas Wein zu Blut werde und eine trockene Oblate zu Fleisch, wenn all das problematische Charaktere wie Mixa anzieht? Und wenn Leute wie Mixa nur deswegen so lange ungestört agieren können, weil sie umgeben sind von ebenso problematischen Charakteren.

Mummenschanz, Inszenierung, So tun als ob. Was diese Erkenntnis fürs Theater bedeutet, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ans Theater glaube ich übrigens. Noch.