Wir waren im „Hobbit“. Und hinterher waren wir auf einer Fetischparty, bei der wir uns als Orkkönig und Galadriel verkleideten und Dinge miteinander anstellten, an die ich mich im nüchternen Zustand nur ungern erinnere. Nein. Aber im Kino waren wir tatsächlich, in „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ (wann genau sind Reisen eigentlich erwartet? Und ist der Grad ihrer Erwartbarkeit tatsächlich das, was eine Reise ausmacht?), dem ersten Teil des überlangen 3D-Blockbusters von „Herr der Ringe“-, „Heavenly Creatures“– und „Braindead“-Regisseur Peter Jackson. Und natürlich passen wir da nicht rein.

Man könnte jetzt darüber herziehen, wie dünn die Figuren dieses Films sind, ich meine, wie kann man denn auf der einen Seite die vielschichtige Charakterzeichnung jüngerer US-amerikanischer Fernsehserien wie „Breaking Bad“ loben und auf der anderen Seite einen Film schauen, in der alle, wirklich alle Figuren reine Abziehbilder sind, mit Ausnahme vielleicht des schizophrenen Fabelwesens Gollum (Andy Serkis), das tatsächlich mehr als einen Gesichtsauszug zeigen darf (wenngleich computeranimiert). Weswegen eine renommierte Schauspielerin wie Cate Blanchett in einem Film mitmacht, in dem sie nichts anderes machen als vergeistigt gucken darf? Keine Ahnung. A propos Blanchett: Man könnte auch darüber herziehen, dass es tatsächlich nur eine einzige, nahezu inaktive Frauenfigur in diesem ganzen Kosmos gibt, sieht man einmal von ein paar elbischen Komparsinnen ab, die die Harfe zupfen und Leckereien servieren dürfen, doch, man könnte das Frauenbild dieses Films kritisieren. Politisch ließe sich „Der Hobbit“ ja ohnehin in der Luft zerreißen, schon alleine wegen der Darstellung der Orks, Untermenschen, die sich mit slawischem Akzent angrunzen, im Vergleich war die Darstellung der Russen in frühen James-Bond-Abenteuern nahezu freundlich. Und überhaupt: Was ist das eigentlich für eine Welt, in der diese Geschichte spielt? Eine Welt, in der ein Spießbürger aus seiner Bequemlichkeit gerissen wird, gemeinsam mit einer streng hierarchisch strukturierten paramilitäischen Gruppe Abenteuer erleben muss und sich nach und nach freischwimmt, Skrupel verliert und damit zum vollwertigen Mitglied der Gruppe wird. Wobei diese Gruppe heftigst formiert ist, es gibt Anführer, deren Autorität nicht in Frage gestellt wird, es gibt weise Alte, es gibt Adel. So etwas wie Demokratie, Selbstbestimmung, Emanzipation gibt es nicht. (Na gut, J.R.R. Tolkiens „The Hobbit or There and Back Again“ ist 1937 erschienen, da mag man bestimmte Schwerverdaulichkeiten nachsehen.) Man könnte sich über die Tolkien-Jünger lustig machen, die irgendwelche Offenbarungen in diesen Büchern suchen, die Textexegese betreiben, die so tun, als ob „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ tatsächlich Literatur seien. (Man könnte sich zumindest dann über sie lustig machen, wenn das nicht Gestalten wären, die manchmal beängstigend in Richtung rechter Esoterik tendieren würden.) Man könnte nicht zuletzt über die 3D-Technik herziehen, weil es die Augen überraschend heftig anstrengt, knapp drei Stunden diesen eigenartigen Effekt anzustarren, einen Effekt, der zwar unglaublich aufwändig ist, gleichzeitig aber über weite Strecken total unnötig scheint. Dass A im Vordergrund steht und B im Hintergrund, das kann ich mir auch in einem zweidimensionalen Film zusammenreimen, dafür brauche ich kein dreidimensionales Bild, und überhaupt, dafür habe ich jetzt drei Euro 3D-Zuschlag gezahlt, dafür trage ich diese blöde, doof aussehende, an den Flügeln drückende Billigbrille?

Dafür. Und dann noch für ein paar andere Momente.

Denn „Der Hobbit“ besteht eben nicht nur aus Szenen, in denen A (im Vordergrund) mit B (im Hintergrund) redet (die Dialoge sind ohnehin nicht die Stärke dieses Films, sag‘ ich jetzt mal). „Der Hobbit“ besteht auch aus einigen Szenen, in denen einem der Mund offen stehen bleibt, weil das Kino mit einem Schlag das wird, was das Genre womöglich vor 100 Jahren schon einmal war und das heute verloren gegangen scheint: ein Spektakel. Ein Mummenschanz. Wenn die Kamera sich selbstständig macht, über die Berge jagt und durch die Schluchten, noch ein Baumwipfel, noch ein Grat, noch eine Wolkenschicht, die durchstoßen wird. Und wenn einen dann der 3D-Effekt mitnimmt, wenn man sich im Kinosessel festkrallt, weil nicht nur die Kamera in die Tiefe zieht, sondern man selbst auch, mit dem gesamten Kinosaal, dann weiß man, dass Geld wie Lebenszeit nicht für die Katz investiert waren.

Weil man dann nämlich kapiert hat, dass es überhaupt nicht um die hanebüchene Handlung geht, um den politischen Hintergrund, die langweilige Figurenzeichnung oder das gruselige Frauenbld. Es geht einzig darum, einem den Magen flau werden zu lassen.

Wird diese Rubrik jetzt zur Werbekritik? Gibt es außer schlechter Werbung keinen Anlass zum Kotzen auf offener Straße? Alltagssexismus, Euro-Rettungsschirm, Verfassungsschutz? Egal. Gestern im Kino gewesen, „The Dark Knight rises“, was schlechter war als gehofft aber besser als gedacht, und vorab lief ein Spot für die Billigzigarettenmarke L&M, ein Spot, der so widerlich anmutete, dass mir der halbe Batman verdorben war. Die Handlung des kurzen Films jedenfalls sieht folgendermaßen aus: Man sieht feiernde Menschen im Club, der Alkohol fließt in Strömen, ein hübscher DJ legt mehr oder weniger massentauglichen Deep House auf – und plötzlich ist der Strom weg. Kein Sound, kein Licht, mehrere Sekunden, originellerweise hört man Stimmengewirr, „Pschht!“. Und plötzlich sehen wir Blitze, Funken, dann erglimmt ein Feuerzeug, der DJ zündet sich eine Zigarette an, ein Zug, Genuss, noch einer. Und dann ist der Sound wieder da, cooler, lauter als zuvor, alle sind glücklich.

Ich weiß gar nicht, was mich an diesem harmlosen Spot am meisten anwidert. Vielleicht: die Szene, die hier feiert, blondierte Frauen im knappen Rock, muskulöse Jungs im schrillen Hemd, Schnaps schwappt, Daumen werden nach oben gereckt, Grüppchen hüpfen im Takt, man glaubt, Grölen zu hören, man glaubt, Schweiß zu riechen. Ich bin überzeugt, dass der Clip in einer echten Disco aufgenommen wurde, solche Typen kann man nicht casten, solche Typen findet man nur in der realen Welt. Allerdings vor allem in Läden wie dem Münchner P1 oder dem ibizenkischen Club-Franchise Pacha, Läden, die irgendwo schon ein existierendes Nachtleben repräsentieren, aber das ist ein Nachtleben, das wenig zu tun hat mit Weltflucht und viel mit Reproduktionsleistung, Leistung, die die anwesenden Hardbodies mit jedem Schweißtropfen aus ihren definierten Körpern herauspressen. Feiern ist für diese Menschen etwas, das zu tun hat mit Geld.

Es ist nicht fair, diese Zigarettenwerbung dafür in Haftung zu nehmen, die zuständige Agentur hat sich wahrscheinlich rein gar nichts dabei gedacht, das sind Werbedeppen, die es wohl nicht besser wissen, die denken eben: Feiernde Menschen sehen so aus. Aber: Das Wissen um solch eine Feierszene, wie sie hier gezeigt wird, verdirbt mir die Freude am Nachtleben. Und wenn ich kein Nachtleben mehr habe, was habe ich denn dann noch?

Die Nacht vor meinem 40. Geburtstag saß ich im Kino. In einem Zwergkino in der Lüneburger Altstadt, in dem „Medianeras“ lief, eine argentinische Romantic Comedy von Gustavo Taretto. „Medianeras“ zeigt zwei Menschen Anfang Dreißig, Mariana (Pilar López de Ayala) und Martín (Javier Drolas), die füreinander bestimmt scheinen und doch aneinander vorbei leben, in der Elf-Millionen-Einwohner-Stadt Buenos Aires. (Am Ende kriegen sie sich natürlich doch, das ist den Regeln des Genres geschuldet.)

Romantic Comedys interessieren mich eigentlich überhaupt nicht. Was mich an „Medianeras“ aber interessierte, war das Lebensmodell, das hier entworfen wurde: Mariana und Martín sind irgendwie im Leben angekommen, sie sind gut ausgebildet, sie Architektin, er Webdesigner, aber sie sind ganz und gar nicht gesettlet. Er arbeitet zwar in seinem Beruf, freischaffend und durchaus nicht ohne Erfolg (was er mit sozialer Inkompatibilität und einem Wust Neurosen bezahlt), sie aber dekoriert Schaufenster, weil Architektinnen nicht gefragt sind in einer Stadt, die Bauen nur als Fertigung von Gebäuden versteht. (Den so entstehenden architektonischen Wildwuchs setzt Taretto übrigens mehr als einmal nicht ohne Reiz in Szene.) Mit anderen Worten: „Medianeras“ zeigt kein Prekariat, „Medianeras“ zeigt Menschen, die irgendwo an den Randbereichen des Prekariats leben. Menschen, die über den Status der Existenzangst hinausgetreten sind, die aber sich dennoch durchwurschteln und auch keine Hoffnung haben, dass sich daran jemals etwas ändern dürfte. Entsprechend flüchten sie in ein Kinderverhalten: Martín in eine Angst vor allem und jedem, Mariana in den verzweifelten Versuch, die Welt durch Wimmelbilder in Kinderbüchern zu verstehen. (Einmal trägt sie ein ausgeleiertes Shirt, das ein verwaschenes Bild des Krümelmonsters ziert, das verdeutlicht diese Regression ins Kindliche sehr hübsch. Außerdem sieht es reizend aus, wie diese Schauspieler ohnehin immer ein ganz tolles Bild abgeben.)

Als der Nachspann schon läuft, nachdem sich das Paar gerade gefunden hat, sehen wir ein kurzes Goodie: Mariana und Martín als Paar, ein halbes Jahr später. Was machen sie? Kommen sie etwa an, im Leben? Bekommen sie Kinder, geben sie Partys, kaufen sie sich einen Kombi, ziehen sie an den Stadtrand? Nein: Sie drehen einen lustigen Youtube-Clip. Paaralltag.

Und während dieser lustige, traurige, charmante Film langsam an sein Ende kommt, wird mir klar: Das sind ja Leute wie ich. Leute, die die sie umgebende Welt, die Finanzkrise und die Dummheit und die alles erstickende ästhetische Anspruchslosigkeit zu Recht als Zumutung empfinden. Leute, die absolut nicht einsehen, was es bitteschön bringen soll, erwachsen zu werden. Leute, die gar keine andere Möglichkeit haben als halbwegs glücklich in den Tag reinzuleben (und die dabei wenigstens umwerfend gut aussehen). Eine Stunde später war es dann soweit: Ich wurde 40. Erwachsen wurde ich nicht.

Ich fand „Moonrise Kingdom“ ganz bezaubernd. Was nicht verwundert, als mittelalter Großstädter mit Sympathie für Hipstercodes, Begeisterung für alles übrige plattwalzende Ironie und Tendenz zur sentimentalen Retroästhetik bin ich sowas von Zielgruppe des Films von Wes Anderson, es wäre überraschend, wenn ich den Film nicht gemocht hätte. Eigentlich muss ich gar nichts mehr sagen über „Moonrise Kingdom“, zumal die geschätzte Katharina im aktuellen uMag auch eine kluge Annäherung an Regisseur und Werk geschrieben hat, der ich wenig hinzuzufügen habe, zumal Harald Mühlbeyer in der Filmgazette alles geschrieben hat, was über diesen Film zu schreiben ist. Ein guter Film, der mich mit einem Kloß im Hals in die Nacht entließ. Und dieser Kloß, über den möchte ich vielleicht doch noch ein wenig sagen.

Denn „Moonrise Kingdom“ spielt in einem Setting, das mir nicht so fremd ist wie die Glamour-TV-Wissenschaftswelt von „Die Tiefseetaucher“, das mir nicht so fremd ist wie das staubige Märchenindien von „Darjeeling Limited“. „Moonrise Kingdom“ spielt in einem Pfadfinderlager, und wer ein wenig mit diesem kleinen Blog vertraut ist, der weiß, dass meine Teenagerzeit als Pfadfinder immer wieder durchschlägt in mein heutiges Dasein, dass diese Zeit durchaus traumabelastet ist. Die Pfadfinder in „Moonrise Kingdom“ jedenfalls werden nicht grundschlecht gezeichnet, Jugendliche eben, und Jugendliche können fies sein, wobei gerade die hier sich nach einer gewissen Fiesheitsphase als sympathisch und hilfsbereit erweisen. Während die Pfadfinderleiter ebenfalls weniger bedrohlich sind als vielmehr hilflos: der eine ein trotteliger Schlaks (Edward Norton), bei dem man sich nicht vorstellen mag, wie die Klientel seines Brotjobs Mathelehrer mit ihm umspringt, der andere ein greiser Kriegsveteran (Harvey Keitel), den bei aller militärischen Autoritätspose hauptsächlich beschäftigt, dass er seine Medikamente rechtzeitig einnimmt. Bedrohlich wirken diese Figuren nicht, und wahrscheinlich war meine Pfadfindergruppe tatsächlich ein Sonderfall, ein Sonderfall mit charakterlich unzureichenden Führungspersönlichkeiten.

Und natürlich gibt es noch weitere Unterschiede. „Moonrise Kingdom“ spielt in den 1960ern in Neuengland, meine Pfadfindererfahrungen fanden hingegen in den 80ern in Süddeutschland statt. Formal ging es bei mir durchaus liberaler zu, es gab kein Strammstehen, kein „Yes, Sir!“-Gebrülle, kein Salutieren. Dafür aber diese hässlichen Hüte, Hemden und Halstücher, die bei uns antimilitaristisch harmlos „Kluft“ genannt wurden, in Wahrheit aber doch die Uniformen waren, als die sie in „Moonrise Kingdom“ unverblümt bezeichnet werden. Überhaupt spielt „Moonrise Kingdom“ den Charakter des Pfadfindertums aus, der bei uns jugendfreizeithaft verbrämt wurde: Pfadfinder, das sind hier wie dort Soldaten, Kindersoldaten. Okay, es sind harmlose Soldaten, vor denen sich eigentlich niemand zu fürchten braucht, spielende Kinder ohne funktionsfähige Waffen, angeleitet von traurigen, gutwilligen Losern, aber es sind dennoch: Soldaten. Die zwar nichts Böses tun, die allerdings dennoch die soldatischen Tugenden verinnerlicht haben: Fleiß. Gehorsam. Disziplin. Eine ekelerregende Welt.

Und der Kloß, den ich nach diesem wunderbaren Film im Hals spürte, der sagt mir: Du magst diese Welt verlassen haben, nach über 20 Jahren. Ganz hinter dir lassen wirst du sie allerdings nie können.

23. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Das Volk von Paris · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , , , ,

„Wir sind das Volk“

Am Abend des 9. November 1989 stand ich in einer Menschenmenge, die Faust erhoben, in meinem Ohr die Rufe: „Wir sind das Volk!“ Was pathetischer klingt als es war. Am Abend des 9. November war ich Statist im Ulmer Theater, wir hatten Premiere, Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“, und ich stand als „Volk von Paris“ auf der Bühne. Dass ein paar hundert Kilometer nordöstlich tatsächlich ein Volk demonstrierte, wusste ich zwar, es interessierte mich aber nicht wirklich. Richtig interessant wurde es erst, als die Massen statt „Wir sind das Volk“ plötzlich „Wir sind ein Volk“ zu skandieren begannen, aufgestachelt von Bild und westdeutscher CDU. Da wurde mir das, was ich zunächst für einen berechtigten Widerstand gegen ein Spießerregime gehalten hatte, plötzlich unsympathisch: Was fiel denen im Osten eigentlich ein, sich so einfach mit mir gemein zu machen? Die mochten ein Volk sein, meines aber waren sie nicht.

Polen

Als ich Mitte der Achtziger mit meinen Eltern eine Woche nach Berlin fuhr, kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der DDR. Man fuhr über eine Grenze, man ratterte über Autobahnen, die sich anders anhörten als diejenigen auf unserer Seite der Mauer, man sah Fahrzeuge, die ulkig aussahen, irgendwo bei Leipzig überquerten wir eine Bahnstrecke, und auf dieser Bahnstrecke fuhr ein Zug mit Dampflok. Wir durchquerten Ausland. Ich wunderte mich zwar, dass im Radio deutsch gesprochen wurde (und außerdem westdeutsche Musik gespielt wurde, Nenas „?“, die ganze Platte durch), eigentlich hatte ich erwartet, dass hier russisch die Verkehrssprache sein müsste, aber gut. Österreich war ja auch Ausland, obwohl sie dort ebenfalls so etwas wie deutsch sprachen, und das hier war dem Schwaben durchaus fremder als ein Kurztrip nach Tirol, das hier war so etwas wie Polen. Diese These vertrat ich noch Jahre später, im Gemeinschaftskundunterricht, der schon vereinigungsbesoffen das Jahr 89 hinter sich gebracht hatte: Die DDR, das ist doch Ausland. Ich wurde ausgebuht und vom Lehrer geschnitten. Elf Jahre später schrieb ich eine Glosse im Usinger Anzeiger, in der ich diese jugendlichen Ansichten humorig reflektierte – beinahe gesteinigt hätte mich die hessische Landbevölkerung des Jahres 2000. Die Aussage „DDR ist für mich Ausland“ scheint für manche Leute einer Beleidigung gleichzukommen, „Ausland“, das ist für diese Leute beleidigend. Was deutlich macht, in welche Richtung dieser Vereinigungsprozess bald gehen sollte.

Alternative

„Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?“ Ich war nie der Meinung, dass die DDR ein gutes System war, im Gegenteil, ich war der Meinung, dass die DDR ein absolutes Dreckssystem war, organisiert von Spießern, Blockwarten, Sexisten, Nationalisten. Aber ich war immer der Meinung (und bin es auch heute noch), dass die DDR im Vergleich mit der Bundesrepublik (und nur mit der) das bessere System war. Was, nebenbei gesagt, nicht unbedingt für dieses Volk spricht, wenn es nichts Besseres gebacken bekommt als das DDR-System. Trotzdem, es war die Alternative. „Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?“, der Satz stammt aus dem Stück „Schubladen“ der Theatergruppe She She Pop, und er verdeutlicht, weswegen ich die Vereinigung als Verlust wahrnahm: Anstatt dass dieses blöde Volk sich hingesetzt hätte, die Stasi-, Politbüro- und Volkspolizeideppen in die Wüste geschickt und einen guten, gelungenen, menschlichen Sozialismus aufgebaut hätte, warf es sich ungefragt erst in unsere Arme und dann, als wir ungeschickt auf diese Verbrüderung reagierten, in die Arme derjenigen, die schon bereit standen, um ihr Süppchen auf der nationalen Hitze zu kochen. Und so verhalf das blöde Volk dem durch und durch korrupten Kohl-Regime zu zwei weiteren Amtszeiten, Danke auch.

Arbeit

In Christian Petzolds Film „Barbara“ stellt die von Nina Hoss gespielte Kinderärztin 1980 einen Ausreiseantrag aus der DDR; zur Strafe versetzt das Deppenregime sie an eine Klinik in der Provinz. „Die Arbeiter und Bauern haben dir ein Studium ermöglichst, jetzt gibst du ihnen erst einmal etwas zurück!“ giftet sie verächtlich über die Begründung ihrer Versetzung, „Klingt erstmal gar nicht so falsch“, gibt ihr Chefarzt (Ronald Zehrfeld) zurück. Stimmt, klingt gar nicht so falsch, aber Barbara hört nicht zu. Denn: Sie hat einen Geliebten aus dem Westen, und der hat längst eine Flucht eingefädelt. Eines abends, im Bett des Interhotels, bezirzt er sie: „Wenn du erstmal drüben bist, dann musst du nicht mehr arbeiten. Ich verdiene genug für uns beide.“ Das ist der Moment, in dem ihre Beziehung zerbricht, das ist der Moment, in dem sie merkt, dass sie die Gelegenheit zur Flucht nicht ergreifen wird – wenn die Flucht nur bedeutet, in ein Land zu fliehen, in dem alle angestrebten Ziele, Gleichberechtigung im Beruf, gleichwertiges Leben, bedeutungslos sind, ein Land, in dem das wenige, was man erreicht hat, rückgängig gemacht wird. In ein Land, in dem die Altnazis, die Christen, die Konservativen eine Macht hatten, von der sich die Bevölkerung der DDR emanzipiert zu haben glaubte. Vorbei.

She She Pop, „Schubladen“, bis 25. 3. und 28. bis 29. 3., Kampnagel, Hamburg (Foto: Benjamin Krieg). Christian Petzold, „Barbara“, noch hin und wieder im Programmkino und über kurz oder lang auf arte.

18. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Eingeschlagene Schädel · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Heute abend gibt’s keine Sonntagabendkrimi-Rezension. Weil heute abend ein MDR-Polizeiruf kommt, aus Halle, „Raubvögel“, und das ist, nach allem, was man vorab gehört hat und was man von den Hallenser Krimis kennt, zu betulich für mich, tut mir leid.

Ich nämlich habe mich vom Betulichen konsequent wegbewegt. Ich gehe auch nur noch ins Kino, wenn das Blut meterweit spritzt, und DVDs leihe ich mir ausschließlich dann aus, wenn sie ohne Altersfreigabe sind (aber „strafrechtlich unbedenklich“ sollten sie schon weiterhin sein, da bin ich ein Schisser). Was natürlich nicht stimmt, zuletzt war ich im Kino in Petzolds „Barbara“, da ist kein einziger Blutstropfen zu sehen, und trotzdem fand ich den Film ganz toll. Aber „Barbara“ ist ja auch Kunst, da sehe ich drüber hinweg, wenn es gesittet zugeht – will ich mich aber unterhalten, dann spritzt und splattert es gerade gehörig. „Verdammnis“, ein Schauer. „Drive“, ein Zittern. Vorgestern „Headhunters“, ein norwegischer Film, der zum einen Auge reinlaufen würde und zum anderen wieder raus, würde dieser Film nicht gehörig unterhalten. Unter anderem mit dem Erschrecken davor, was gleich wieder heftiges zu sehen ist, eine Folterszene, ein eingeschlagener Schädel.

Gewalt im Kino fasst mich an, immer noch – und dieses Anfassen ist nicht unspannend. Gewalt fasst mich deutlich heftiger an als expliziter Sex, das ist interessant, weil (zumindest hier, in der westlich geprägten Kultur) eine Erektion immer noch eher Zensoren auf den Plan ruft als ein rausgerissenes Auge, und da fragt man sich natürlich schon: weshalb?

(Im realen Leben lehne ich Gewalt übrigens ab. Ganz grundsätzlich und ohne Diskussion.)

Ich interessiere mich nicht für Til Schweiger. „Keinohrhasen“ habe ich nicht gesehen, „Zweiohrküken“ habe ich nicht gesehen, und „Kokowääh“ werde ich wohl auch nicht sehen. Das ist kein Qualitätsurteil, ich ziehe nicht über diese Filme her, sie interessieren mich nur auf der Inhaltsebene kein Stück. Das ist mein gutes Recht, manche Fans von Til-Schweiger-Filmen interessieren sich auch nicht für Filme von, sagen wir: Christian Petzold, den mag ich zum Beispiel sehr, sie aber schauen sich seine Filme nicht an, weswegen auch. Vielleicht ärgere ich mich ein wenig über Til Schweiger, wenn er in der Bild unangekränkelt von jeder Ahnung über Pädophile dahersalbadert, aber okay, über Schwanz-ab-Populisten ärgere ich mich immer, da ist Herr Schweiger nicht besser und nicht schlechter als andere. Eben ein schlichtes Gemüt, dem man ein Mikro vor die Nase gehalten hat, gibt es viele von.

Die Welt hat anlässlich des Todes des Filmproduzenten Bernd Eichinger ein Interview geführt, mit Schweiger (als Mainstreamstar aus dem Eichinger-Kosmos) und Oskar Roehler (als Underground-Querschläger, ebenfalls aus dem Eichinger-Kosmos). Die beiden jammern ein wenig, ist ja verständlich, sie trauern eben, um jemanden, der womöglich wirklich so etwas wie ein Freund war. Roehler wirkt leicht panisch, dass er ohne Eichinger seine Filme nicht mehr finanziert bekommt, und wanzt sich dabei an Schweiger ran, ist okay, ich würde es in seiner Lage nicht anders machen. Und Schweiger, der vertritt die These, dass Eichinger nie die verdiente Anerkennung bekommen hätte, weil, die Filmkritik, die Deutsche Filmakademie und die böse Filmforderung hätten ihn von Anfang an gemobbt. „Ich glaube, dass unterbewusst fast jeder gedacht hat, der Mann hat genug Erfolg, kleine Produzenten brauchen das Geld viel dringender“, behauptet Schweiger und offenbart dabei so etwas wie Verständnis für die Deutsche Filmakademie. Dann aber haut er das raus, was immer kommt, sobald es um die Vergabe öffentlicher Gelder an Kulturprodukte geht, die Behauptung, dass in Amerka alles besser sei: „Wenn wir eine Akademie hätten nach amerikanischem Vorbild, in der es nur um die Anerkennung geht, hätte Bernd einige Preise mehr bekommen.“
Schweiger argumentiert geschickter als ich es ihm zugetraut hätte. Zum Beispiel, indem er fordert, die Grenzen zwischen Hochkultur und Entertainment einzureißen: „Das eine ist Arthaus, das andere Mainstream. (…) Ich habe damals gesagt, dass wir die Schere im Kopf abschaffen müssen, dass wir in Zukunft von Artstream und Mainhaus sprechen sollten.“ Gute Sache! Bloß dass es Schweiger gar nicht darum geht, Grenzen einzureißen, er will, dass Arthouse verschwindet, er will, dass am Ende nur noch Mainstream übrig ist. Schweiger stellt dem Mainstream 180 Filme gegenüber, „die im letzten Jahr gefördert wurden und die keiner sehen will.“ Will sagen: Geld fließt in Produktionen vor leeren Stuhlreihen, er erwähnt „Vincent will Meer“, der gerade mal 900000 Besucher gehabt habe, Hirnwichse. Schweiger sagt: Man muss den Leuten bloß geben, was sie wollen, dann läuft der Laden auch, und öffentliche Förderung macht den Markt nur kaputt. „Was in Amerika selbstverständlich ist, ist in Deutschland ein Problem: das Publikum zu unterhalten. (…) In Deutschland ist Unterhaltung gleich Verdummung, die Leute sollen nachdenken, anstatt sich zu unterhalten.“

Ob es um Theater geht, um Museen, um Wissenschaft oder hier um Kino, dieses Argument kommt immer: Dass sich Qualität am Markt beweisen muss, und dass dieser Markt keinesfalls von der öffentlichen Hand beeinflusst werden darf. Dann blökt gleich noch jemand, dass das in Amerika doch auch funktioniere, ohne zu erwähnen, dass die US-amerikanische Theaterszene nahezu irrelevant ist, dass kaum bedeutende Kunst in den USA produziert wird, und dass das spannende US-Kino eher von den Rändern Hollywoods kommt als aus den großen Studios. Würde ja auch nicht in die Anti-Subventions-Suada passen, solch ein realistischer Blick.
Aber Kultur funktioniert anders, nicht nach den Gesetzen eines Marktes. Ein Beispiel: Die meisten Männer schlafen am liebsten mit Frauen. Das ist okay, und hin und wieder gibt das sogar auch ästhetisch Ansprechendes her. Aber eine Minderheit der Männer schläft lieber mit anderen Männern, wogegen sicher niemand etwas haben will. Würde man aber Marktgesetze auf sexuelle Vorlieben anwenden, dann gäbe es keinerlei ästhetische oder soziale Angebote für gleichgeschlechtlich Liebende – weil nämlich jeder Anbieter solcher Angebote auf seinen Vorteil achten würde, und die statistische Erfolgswahrscheinlichkeit am höchsten wäre, wenn man Minderheiten ignoriert.
Aus der sexuellen Sphäre auf die cineastische übertragen, bedeutet das: Finanziert würden ausschließlich Til-Schweiger-Filme, weil hier die Chancen halbwegs einschätzbar wären, die Investitionen wieder rein zu bekommen. Bei einem (meiner Meinung nach ganz großartigen) Film wie Thomas Arslans „Im Schatten“ kann man hingegen davon ausgehen, dass der die Investition nicht wieder einspielt. Der würde also erst gar nicht gedreht.
Zum Glück springen da Filmförderungen, Preise, Subventionen ein. Und machen den Markt kaputt, klar. Aber, hey, das ist doch das Schöne an dem System, Til-Schweiger-Filme refinanzieren sich am Markt, Thomas-Arslan-Filme refinanzieren sich durch die Filmförderung, beide haben ihre Berechtigung, und am Ende sind alle glücklich.

Aber leider hört Til Schweiger längst nicht mehr zu.

26. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Regenbogenschwäne · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Ach, das ist doof. Natürlich will ich nicht über einen Film lästern, den ich gar nicht gesehen habe, einerseits. Andererseits jubeln momentan alle ohne Unterlass über „Black Swan“, so dass ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, mir mit Natalie Portman den Abend zu versauen. Denn ein Abendversauen würde es werden, davon bin ich überzeugt, seit ich gelesen habe, was John Neumeier (mit dem ich eigentlich wenig anfangen kann) im Hamburger Abendblatt (mit dem ich auch wenig anfangen kann) über „Black Swan“ sagt. Er sagt:

Die ganze Ballettwelt wird als eine Welt von Kranken dargestellt, in der monströse Menschen junge Mädchen ausnutzen, die natürlich alle magersüchtig sind. Das stimmt doch alles nicht. Ballett ist eine Kunst, in der viele verschiedene Künstler Platz haben. Nicht nur Frauen im Alter von 17 bis 24 Jahren, die sich noch dazu jeden Tag quälen. (…) Man sieht nur den Auftritt vom weißen Schwan und sie (Natalie Portman, FS) macht die ersten Armbewegungen, die im Übrigen nicht mal auf der Musik draufliegen. Dann sieht man 15 Sekunden vom schwarzen Schwan und (sic) das Corps de Ballett huscht über die Bühne. Irgendwann gibt es auch noch ein bisschen modernen Tanz. Mit offenen Haaren. Warum diese Szene kommt, wird aber nicht klar. (…) „Schwanensee“ ist eine traditionelle Choreografie, aufgebaut wie eine Pyramide. Oben die Primaballerina und der Haupttänzer, darunter Nebenrollen, kleine Rollen und das Corps de Ballett. Ein moderner Choreograf arbeitet eher vertikal, mit allen Tänzern.

Das lese ich. Und habe keinen Bock mehr, mir den Film anzuschauen. „Aber“, werfen die Fans ein, zu Recht, „es geht in ‚Black Swan‘ doch gar nicht um Ballett, das hat Neumeier überhaupt nicht verstanden, es geht um Ehrgeiz und Selbstzerstörung.“ Ah, so. Pathologischer Ehrgeiz, das hat Elfriede Jelinek zwar schon vor 28 Jahren in „Die Klavierspielerin“ beschrieben, und Michael Haneke fand immerhin vor zehn Jahren beeindruckende filmische Bilder für den Komplex, aber, ach, egal, es stimmt ja wohl, „Black Swan“ ist ein toller Film, schauen möchte ich ihn trotzdem nicht. Erstmal.

Erstmal möchte ich ein Tanztheater empfehlen, „The Offside Rules“ von Constanza Macras‘ Compagnie Dorky Park, noch bis kommenden Samstag auf Kampnagel. Ein tolles Stück, produziert vom Goethe Institut Johannesburg anlässlich der Fußball-WM in Südafrika vergangenes Jahr, und ich empfehle es, obwohl ich zu Fußball bekanntermaßen keinen Zugang habe. Es geht um Differenz, um Aggression, um soziale Segregation, die ganze Bevölkerungsgruppen mit einem Schlag ins Abseits stellt. Um Fußball geht es, trotz des Aufführungsanlasses, trotz der Ästhetik, trotz einzelner Handlungsstränge eher nicht.
Das um diverse südafrikanische Tänzer erweiterte Dorky-Park-Ensemble ist eigentlich keine Tanzgruppe mehr, es gibt hier keine schönen Menschen, die schöne Bewegungen vollführen, es gibt höchstens noch körperbewusste Menschen, die sich ziemlich beeindruckend bewegen: eine füllige Tänzerin, bei der ziemlich viel Fleisch erst wallt, dann zittert, irgendwann fließt, schön. Ein beängstigend dünner Tänzer, dessen ausgemergelter Körper am Ende ein Blasebalg ist, der kaum noch Luft hat. Tänzer, die barfuß tanzen, Tänzer in Gummistiefeln. Darf alles.
„The Offside Rules“ ist ein Stück über die Rainbow Nation, über Südafrika, im weiteren Sinne: ein Stück über Multikulturalismus. Die Qualität dieses Stücks ist, dass Macras den Multikulturalismus zwar als alternativlos erkennt, seine Probleme aber nicht verschweigt, Gewalt, Aggression, Unverständnis tauchen ebenso auf wie harmonische Momente. Einmal steht eine halbnackte Tänzerin an der Rampe und erzählt eine atemberaubende Geschichte von der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, Macras‘ Heimat, als das von der Militärdikatur regierte Land eine harmonisches Fußballfest inszenierte. „Ich hasse Weltmeisterschaften“, schließt die Tänzerin, „weil sie den Klassenkampf aufheben.“ Nur damit mal klargestellt ist, dass die Grenzen nicht zwischen den Zivilisationen, Nationen, Religionen verlaufen, sondern immer noch zwischen oben und unten. So etwas kann Tanztheater nämlich auch erzählen, jenseits von Geschichten über schwarze und weiße Schwäne, ich mein‘ ja bloß.

Natürlich kann man Constanza Macras vorwerfen, dass hier eine argentinische Choreografin mit Wohnsitz Berlin ein Stück in Johannesburg macht, das ich mir in einem freien Theater in Hamburg anschaue: Jetset-Kunst. Aber der Vorwurf geht ins Leere: Zu Ende gedacht ähnelt er der Diskussion, die Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung aufmachte, als der Nigerianer Okwui Enwezor zum neuen Leiter des Münchner Hauses der Kunst berufen wurde: Ruthe fragte sich, ob Enwezor eher Afrikaner sei oder eher New Yorker (sein bisheriger Wohnsitz) und was das für das Ausstellungsprogramm in München bedeuten würde. In letzter Konsequenz eine rassistische Überlegung, die verkennt, dass Leute wie Enwezor Kategorien wie Herkunft oder Ethnie nicht negieren, aber dekonstruieren.
Ich auf jeden Fall höre in der U-Bahn nach Hause Ethnoclub von der angolanisch-portugiesischen Band Buraka Som Sistema. Musik, die unterschiedliche Einflüsse aufnimmt, europäische Elektronik, afrikanische Rhythmen, das Aggropotenzial des brasilianischen Baile Funk, die all das aufnimmt und es dann abspielt, nicht als harmonische Mischung, sondern als dunkles Scharren, durchsetzt von Störgeräuschen und Rückkopplungen. Ich auf jeden Fall bin beseelt, ein wenig. Ich auf jeden Fall werde mir irgendwann sicher noch „Black Swan“ anschauen, versprochen.

02. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Vom Zauber des an der Seite Stehens · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , ,

Viel gibt es zu sagen über Tom Tykwers 3. Man könnte etwas erzählen über mehrmaliges Überschreiten der Grenze zum Kitsch, darüber, wie nervig handwerkliche Perfektion sein kann, man könnte aber auch von atemberaubend guten Schauspielerleistungen sprechen, von einer hübsch originellen Geschlechterkonstruktion, oder man könnte darüber sprechen, wie aufgesetzt Tykwers Zufallsmetaphorik ist und wie papiern die Figuren. Könnte man, und ich habe das ja auch, in der kulturnews, ein wohlwollendes Gemotze.

Worüber jedoch fast nie gesprochen wird, ist die berufliche Situation von zumidest zwei Drittel der titelgebenden Dreiecksbeziehung. Dabei ist gerade die interessant: Hanna (Sophie Rois) nämlich ist Moderatorin einer Kultursendung im Fernsehen, außerdem ist sie Mitglied des Deutschen Ethikrates, woraus ich schließe, dass sie wohl in Philosophie, Politikwissenschaft oder Soziologie promoviert hat, alles Professionen, die nicht allzuviel Anerkennung genießen. Und ihr Freund Simon (Sebastian Schipper) ist Kunsttechniker, er baut also nach Anweisungen von Künstlern Installationen und Skulpturen auf. Das heißt, dass sowohl Hanna als auch Simon zwar an den Kunstdiskurs angedockt aber eben keine Künstler sind. Sie sind diejenigen, die dazu gehören und gleichzeitig auch nicht dazu gehören, die auf Vernissagen gehen aber immer irgendwie an der Seite stehen. Diese berufliche Situation problematisiert der Film nicht, sie ist einfach ein akzeptiertes Lebensmodell.
Mit diesem Lebensmodell hat Tykwer eine tatsächlich neue Sichtweise geschaffen, vor allem stellt er eine Verbindung zu mir her, indem er Hanna und Simon als sympathische Figuren einführt: eine Verbindung zum Kritiker, zum professionellen Beobachter. Mir war eigentlich schon immer klar, dass ich für Kunst brenne, es bei mir zum Künstler aber schlicht nicht reicht (und auch nicht reichen muss). Bloß dem Rest der Menschheit scheint das nicht klar zu sein: Mit Siegfried Lowitz‘ Bonmot „Kritiker sind wie Eunuchen: Sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht“ erntet man grundsätzlich mehr Lacher als mit Lessings abwägendem „Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt.“ Weil alle Welt nämlich insgeheim denkt, dass derjenige, der sich mit Kunst beschäftigt, doch im Grunde seines Herzens gerne selbst Künstler wäre.
Hanna und Simon wollen aber keine Künstler sein. Bei Simon ist das vielleicht am deutlichsten: Er entscheidet sich für das künstlertypische Leben der prekären Existenz, aber er verzichtet dennoch auf das Lob und auf die Anerkennung, die der Künstler genießt. Weil er kein Künstler ist: Er ist ein Handwerker, der mit Künstlern lebt, mit ihnen spricht, sie versteht.

Und weil Tom Tykwer Leute wie Simon zeigt, Leute wie mich, deswegen kann ich „3“ nur empfehlen. Auch wenn es ansonsten einiges gegen diesen Film zu sagen gäbe, echt.

30. Dezember 2010 · Kommentare deaktiviert für Jahresrückblick 2010 · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

Jünger werden wir auf jeden Fall nicht: Schon wieder ein Jahresrückblick, angelehnt an die Blicke 2009 beziehungsweise 2008, mit leichten Modifikationen, entsprechend den Veränderungen, die die Bandschublade durchgemacht hat.

Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen. Ein bisschen.
Haare länger oder kürzer? Gleich geblieben. So alt bin ich noch nicht, dass da schon ein deutlich sichtbarer Schwund einsetzen würde.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Auch nix neues. Mein Gott: Da verändert sich ja überhaupt nichts.
Mehr ausgegeben oder weniger? Im Vorjahr bin ich umgezogen, soviel wie 2009 konnte ich 2010 gar nicht ausgeben.
Der hirnrissigste Plan? Vegetarier werden zu wollen.
Die gefährlichste Unternehmung? Das wilde und gefährliche Leben ist auch noch nicht wiedergekommen.
Die teuerste Anschaffung? Der Kleiderschrank.
Das leckerste Essen? Im Königlichen Jagdhaus/Ess-Atelier Strauss in Oberstdorf, Flugentenbrust in Sesam-Honig-Kruste an Cranberry-Rotkohl und Spekulatiusknödeln.
Das beeindruckendste Buch? Lola Arias, Liebe ist ein Heckenschütze. (Hier meine kulturnews-Rezension)
Der berührendste Film? Breaking Bad. Okay, das ist kein Film, sondern eine Fernsehserie. Aber vielleicht haben Fernsehserien ja mittlerweile den Film als Kunstform abgelöst? Weil Serien sich die Zeit nehmen können, Charaktere langsam zu entwickeln, in ihrer Widersprüchlichkeit, ohne von vornherein in Gut-Böse-Schemata zu verfallen? Und weil „Breaking Bad“ es auch noch schafft, einen Helden zu etablieren, der diametral gegen den widerwärtig formatierten Werbeagentur-Mainstream der Nullerjahre angelegt ist, einen 50-jährigen Chemielehrer in der US-Provinz, mit schwangerer Frau, behindertem Sohn und Lungenkrebs? Der sich im Laufe der Serie auch noch als richtig miese Type entpuppt? Großartig. Aber okay, die Frage war nach einem berührenden Film, und ich will nicht den Eindruck erwecken, im Kino hätte es nur Schrott gegeben. Ich wähle: „Im Schatten“ von Thomas Arslan, von wegen spannend, reduziert, guter Schauspielerleistung und so. Berliner Schule halt.
Das beste Lied? Jens Friebe, „Charles de Gaulle“.
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Die beste Platte? Janelle Monáe, The ArchAndroid. Obwohl (oder weil) das Konzert nicht so atemberaubend war ganz großartig eklektizistischer Funkrockpopsoulhop.
Das schönste Konzert? Eine ganz kleine aber umso schönere Hütte: Klez.e in der Prinzenbar, Hamburg.
Die schönste Theatererfahrung? „Life and Times, Episode One“ als Koproduktion von Nature Theatre of Oklahoma (New York) und Wiener Burgtheater. Ich hoffe, mein Beitrag war damals deutlich genug.
Die interessanteste Ausstellung? Cosima von Bonins „The Fatigue Empire“ im Kunsthaus Bregenz. So gut, dass mir die Worte wegblieben.
Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.
Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.
Vorherrschendes Gefühl 2010? Angst. Erkläre ich bei Gelegenheit.
2010 zum ersten Mal getan? Oh mein Gott: Ich fürchte, ich habe rein gar nichts zum ersten Mal getan!
2010 nach langer Zeit wieder getan? Ein Fußballspiel besucht.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Etwas sehr Privates, von dem diejenigen, die es angeht, sicher wissen, was ich meine. Ein ökonomisches Durcheinander. Und eine Bahnfahrt im überfüllten ICE, am 23. Dezember, von Hamburg bis Frankfurt ohne Reservierung und dementsprechend ohne Sitzplatz. Gut, letzterer Punkt ist lächerlich, im Vergleich.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Hat mit dem Beruf zu tun.
2010 war mit einem Wort…? War da was? 2011 wird besser. Kann gar nicht anders.

Edit: Don Dahlmann blickt auch schon zurück. Anke Gröner auch.
Edit 2: Kommander Kaufmann mittlerweile auch.