01. Februar 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Januar 2013) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , , , , ,

Ein guter Monat, dieser Januar, zumindest wenn man sich die Besucherzahlen auf der Bandschublade anschaut. Ein guter Monat auch wegen des Feedbacks, es gab einiges an klugem Gegenwind (die ganzen Kommentare, die ich bei dem Artikel „Zwei Diskussionen, die eigentlich gar nicht soviel miteinander zu tun haben“ stehen gelassen habe) sowie einiges an weniger gutem Gegenwind (die ganzen Kommentare beim gleichen Artikel, die so jenseits von Niveau waren, dass ich sie nicht freischalten wollte). Trotzdem, guter Monat. Und interessante Suchbegriffe, an deren Spitze endlich mal nicht der Brustumfang von Frau Thomalla stand, sondern „Laura Himmelreich“. Gut, hat auch mit Brustumfang zu tun, aber warum nicht. Nichts gegen Brüste.

1. „serben quadratschädel“ Huch, suchen da etwa Rassisten nach Material im Internet? Naja, zumindest im Fernsehen werden Serben praktisch immer als Quadratschädel dargestellt, ich kenne allerdings eine Serbin, die keinen Quadratschädel hat, entsprechend denke ich, dass da wenig dran ist.

2. „frittenbude hipster“ Ja, das lässt sich wohl nicht in Abrede stellen: Die ehemals Münchner, jetzt Berliner Elektropunkband Frittenbude ist eine Hipsterband. Aber ist das gut? Schlecht? Oder einfach nur okay?

3. „margret günter k.“ Ein ganz interessantes Kunstprojekt: Der mittelständische Unternehmer Günter K. hatte in den späten Sechzigern ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Margret, und dieses Verhältnis dokumentierte er akribisch: Hotelrechnungen, Pillenpackungen, Schamhaare. Und unzählige Notizen, wann der Beischlaf wie vollzogen wurde („In Rückenlage“). Ein Archiv der der Spießigkeit.

4. „industrieruinen in rüdersdorf“ Keine Ahnung, wie das heute ist, vor 15 Jahren war der Museumspark Rüdersdorf bei Berlin eine postindustrielle Wildnis, die darauf wartete, entdeckt zu werden. Ich fürchte ja, dass sich das im Laufe der Jahre geändert hat.

5. „songplatte auf englisch“ Es tut mir leid, ich fürchte, diese Googlesuche ist ein wenig unspezifisch.

6. „david striesow als schwuler ehemann“ Der Herr heißt „Devid“, woran man sieht, dass er aus dem Osten kommt, allerdings kann ich die Frage beantworten: In Tom Tykwers Film „Drei“ spielte er einen solchen.

7. „schwaben drecksvolk“ Selber Drecksvolk, rassistisches. Könntichmichaufregendrüberabersowasvon.

8. „wowereit schwul st. georg“ Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit ist schwul, ja. Weiß ja mittlerweile wohl jeder. Und St. Georg ist das für Hamburg, was Schöneberg für Berlin ist: der schwule Kiez. Ob Wowereit also in St. Georg abhängt, wenn er mal in Hamburg ist? Warum nicht. Andererseits glaube ich nicht, dass Wowereit überhaupt nach Hamburg kommt, das ist dem doch sicher zu langweilig hier.

Was bisher geschah: Seit 2001 entwickelt sich Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg steigt währenddessen ab.

2. Ole von Beust
Man konnte nicht behaupten, dass Ole von Beusts CDU die Hamburger Bürgerschaftswahl 2001 gewonnen hätte. 26,2 Prozent, das waren viereinhalb Prozent weniger als noch vor vier Jahren, außerdem über zehn Prozent hinter der SPD, Sieger sehen anders aus. Dass von Beust dennoch Bürgermeister wurde, lag an der rechtspopulistischen Schill-Partei, die aus dem Stand knapp 20 Prozent erreichte und von Beust zusammen mit der Fünf-Prozent-FDP eine knappe Mehrheit sichern konnte. Das als Vorbemerkung, nur um zu verstehen, weswegen jemand wie Ole von Beust, der eigentlich nicht typisch für die CDU steht, plötzlich im SPD-Erbhof Hamburg an der Spitze stehen konnte.
Von Beust ist kein typischer Christdemokrat. Aber was ist ein untypischer Christdemokrat? „Wofür Beust inhaltlich stand, war schon immer etwas schwierig zu sagen – sicher war immer sein Einsatz für gesellschaftspolitische Liberalität und seine Abneigung gegen sturen Konservatismus“, beschrieb Anna Reimann 2010 im Spiegel den Bürgermeister. Wahrscheinlich ließ er sich am besten so beschreiben: Eigentlich dachte von Beust überhaupt nicht politisch. Er wollte an die Macht, Inhalte vertreten wollte er nicht. Von Beust stand für einen eher hedonistisch geprägten Teil des Bürgertums, junge Menschen aus Pöseldorf, Eppendorf, den Walddörfern, in Teilen sicher auch aus der Schwulenszene in St. Georg, die ihr Coming Out nicht mehr als politischen Kampf verstand, sondern als Lifestyle. All die landeten in der CDU, nicht weil sie so wahnsinnig bürgerlich gewesen wären, sondern weil sie qua Geburt wohlhabend waren und wussten, dass die CDU die Partei ist, die dafür sorgt, dass an diesen Einkommensverhältnissen sich nichts zu ihren Ungunsten ändert. Die 26 Prozent, die 2001 CDU wählten, die fanden solche Typen gut.
Und die knapp 20 Prozent, die Schill wählten, das waren dann eben die anderen. Die wirklich Bösen. Die Ausländerfeinde, die Wohlstandschauvinisten, die Vorortspießer. Deren Partei stellte die Regierung, 2001, in Gestalt von Ronald Schill (Innensenator), Mario Mettbach (Bausenator) und Peter Rehaag (Umwelt- und Gesundheitssenator). Gestalten, mit denen sich keine mögliche Kultursenatorin an einen Tisch setzen würde. Und wer da alles im Gespräch für den Posten war: Von der Kulturmanagerin Nike Wagner bis zur Schlagersängerin Vicky Leandros holte sich der Senat einen Korb nach dem anderen, am Ende wurde es die Bild-Journalistin Dana Horáková. „Das Akzeptierte, Durchgesetzte, Etablierte, gefahrlos Glamouröse ist ihre Welt“, schrieb Christof Siemes in der Zeit über die kulturell bestenfalls Naive. Von Beust dürfte das egal gewesen sein, der Bürgermeister erklärte freimütig, mit Kultur wenig anfangen zu können. Und seine Koalitionspartner von ganz rechts hatten ohnehin keinen Sinn für die Kulturszene, zumal Intendant Tom Stromberg vom Deutschen Schauspielhaus von Anfang an einen harten Oppositionskurs gegen den Mitte-Rechts-Senat fuhr. Weswegen Horáková einfach vor sich hin dilettieren durfte. „Dana Horáková (…) schaufelt immer mehr Sand in die – vorerst noch – rund laufende Maschine, die sie eigentlich ölen sollte“, schrieb Alfred Nemeczek 2003 in der Berliner Zeitung.

Das Trauerspiel schien zu Ende, als sich Ole von Beust und Ronald Schill 2003 überwarfen. 2004 gab es vorgezogene Neuwahlen, die CDU erreichte mit gut 47 Prozent überraschend eine absolute Mehrheit, und Horáková wurde ersetzt durch Karin von Welck. Die Ethnologin kam von der Kulturstiftung der Länder, war eine dezidierte Konservative und lag entsprechend oft mit den Verantwortlichen über Kreuz, hatte aber zumindest Ahnung von ihrer Materie. Und musste mit den Hinterlassenschaften ihrer Vorgängerin irgendwie einen Umgang finden. Ab 2005 war Friedrich Schirmer Intendant am Schauspielhaus, bekam das größte Sprechtheater der Republik aber nicht in den Griff. Die Kosten der entstehenden Elbphilharmonie entwickelten sich immer mehr zum Fass ohne Boden. Und Projekte wie das Internationale Maritime Museum beschädigten die Hamburger Kulturpolitik auf lange Zeit: „Sachliche Information besteht aus unkritischer Kolonialgeschichte und ausführlichen Erinnerungen der kaiserlichen Admiralität“ beschrieb Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung das Projekt, das zwar noch von Horáková angedacht wurde, allerdings 2008 von von Welck eröffnet werden musste.
Währenddessen entwikelte die CDU das Konzept der Wachsenden Stadt (pdf-Link): Hamburg sollte nach und nach zur Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole anwachsen, allerdings praktisch ohne öffentlich geförderten Wohnungsbau. Was massive Gentrifizierung in Stadtteilen wie St. Pauli, dem Schanzenviertel oder Ottensen zur Folge hatte – die Quartiere, die bislang subversive, künstlerische Bevölkerungsschichten beheimateten, konnten sich plötzlich nur noch Gutverdiener leisten. Was die Schickies um von Beust nicht interessierte und die Rechten, die von der Schill-Partei zurück zur CDU gewandert waren, freute. Ziel war, aus Hamburg so etwas wie München zu machen, allerdings ohne das gute Wetter, ohne die Nonchalance, ohne das Leben-und-Leben-lassen, das München ausmachte.

In einem Punkt sind sich von Beust und Klaus Wowereit ähnlich: Beide gelten als Linke innerhalb ihrer Partei, und bei beiden fragt man sich, wo ihre Politik eigentlich wirklich links ist. Am Ende seiner Amtszeit zumindest machte von Beust tatsächlich einen Linksschwenk: Nachdem die CDU bei der Bürgerschaftswahl 2008 mit 42,6 Prozent die absolute Mehrheit verloren hatte, ging die Partei eine Koalition mit den Grünen ein. Schwarz-grün möglich gemacht zu haben, das sollte von Beusts Karriere krönen. Und von Beust engagierte sich. Vor allem unterstützte er massiv die grünen Pläne einer Schulreform, nach der neben dem Gymnasium auch andere Wege zum Abitur führen sollten – ein Affront gegen den gymnasialfetischistische CDU. Worauf von bürgerlicher Seite massiv gegen die Reform (und damit auch gegen von Beust) getrommelt wurde.

Für eine lebendige Kulturszene trommelten die Bürger deutlich leiser.

To be continued.

23. August 2011 · Kommentare deaktiviert für Wie konnte das alles nur so den Bach runter gehen? (Teil 1) · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , , , , ,

Als ich vor rund zehn Jahren nach Hamburg zog, war das nicht die dümmste Entscheidung. Hamburg hatte einiges auf der Habensseite, war die zweitgrößte Stadt der Republik, da war es auch klar, dass Hamburg auch in kultureller Hinsicht zumindest die zweite Geige im deutschsprachigen Raum spielen würde. Und dem war ja auch so, Tom Stromberg hatte als Intendant des Deutschen Schauspielhauses eine funktionierende Bühne übernommen und ließ dort junge, unkonventionelle Leute wie Stefan Pucher oder die freie Gruppe She She Pop spannendes Theater machen, am benachbarten Thalia war ein (bislang verhältnismäßig unbekannter) Schwabe namens Ulrich Khuon erfolgreich dabei, dem Haus seinen etwas konservativen Ruf auszutreiben, und an der Hamburgischen Staatsoper wandte Louwrens Langevoort gemeinsam mit seinem Hausregisseur Peter Konwitschny konsequent Regietheaterstrategien auf die Oper an (was mich zu diesem Zeitpunkt zwar nicht interessierte, aber wenn man schon mal da war, konnte man doch ein wenig Interesse entwickeln, nein?). Gut, bei der Bildenden Kunst sah es schon damals mehr oder weniger mau aus in Hamburg, aber wenn ich erstmal in der Stadt angekommen wäre, müsste es sich über kurz oder lang schon ergeben, dass ich eine spannende Galerie nach der anderen kennenlernen würde, dachte ich. Schließlich die Subkultur, Hamburg, die Stadt von Beatles, Hafenstraße und Blumfeld, Hamburg, die Pophauptstadt der Republik!
Und heute? Spielt Hamburg längst nicht mehr die zweite Geige, von einer Augenhöhe mit Berlin möchte man gar nicht mehr sprechen, aber es gibt auch keine Augenhöhe zu Köln mehr, nein, nicht einmal zum immer verachteten München. Hamburg ist Kulturprovinz, und mir tut das in der Seele weh. Aber wie konnte das passieren, wie konnte hier alles nur so den Bach runter gehen? Eine Spurensuche.

1. Klaus Wowereit
Ich bin kein Freund von Wowereit. Manche halten ihn für einen herausragenden Vertreter des linken SPD-Flügels, ich nicht. Nur weil jemand mit der Linken koaliert, heißt das nicht, dass er auch für linke Politik steht, im Gegenteil empfinde ich die Berliner Lokalpolitik seit Wowereits Machtübernahme als massive Politik der Entsolidarisierung, als Politik der Gentrifizierung und der Eventisierung. Linkes finde ich da nicht. Andere gestehen Wowereit zumindest einen Sinn für die Künste zu, meist auf Grund der Tatsache, dass der Bürgermeister eine Nähe zu Glamour und Entertainment pflegt und zudem tatsächlich hin und wieder auf Vernissagen zu sehen ist – und nicht zuletzt, weil er den Posten des Kultursenators abgeschafft, das Ressort beim Bürgermeisteramt angesiedelt hat und dabei auch tatsächlich ein ehrliches Interesse am Thema erkennen lässt. Peter Raue hat im heutigen Tagesspiegel recht klug ausgeführt, weswegen er diese Ansicht für ein fatales Missverständnis hält.
Nein, die Qualität Wowereits ist eine andere, die Qualität Wowereits liegt in zwei altbekannten Aussagen begründet. Zum einen ist da Wowereits Outing 2001: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so!“ Damit brachte der Bürgermeisterkandidat eine gewisse Chuzpe, eine gewisse Nonchalance, vor allem aber eine ziemliche Risikobereitschaft in die Politik (2001 konnte solch ein Outing auch einen Karriereknick bedeuten). Von so jemandem wollten (zumindest die Coolen), naja, nicht gerne aber doch nicht extrem widerwillig regiert werden.
Zum anderen wichtig war Wowereits Charakterisierung Berlins 2004 als „arm, aber sexy“. Man stelle sich das mal vor: Plötzlich waren Reichtum, Fleiß, Pflichtbewusstsein gar nicht mehr erstrebenswert, plötzlich war Sexyness das, worauf es eigentlich ankam. Und Berlin hatte das – musste ja, wenn sogar der Bürgermeister das sagte. Kein Wunder, dass all diejenigen, die ebenfalls arm aber sexy waren (Künstler! Kreative! Cooles Prekariat!) dort hinziehen wollten. Ein Paradies für die kreative Klasse – und das waren ja wohl diejenigen, die laut Richard Florida die Zukunft darstellten. Gegen das Berlin Wowereits konnte Hamburg nur verlieren.

to be continued