19. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für Putin Picasso · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Immer dasselbe Schildkrötengesicht, die scharfen Züge, der gleichzeitig belustigte wie fordernde Blick, die genialische Pose, die Lust am Rollenspiel. Allerdings führt die Ausstellung nie über diese Antwort hinaus. Zu sehen ist: Picasso sinnierend im Atelier. Picasso mit Geliebter am Strand. Picasso mit Kindern. Picasso, verkleidet als Indianerhäuptling (mit einem Federschmuck, der dem Künstler von Gary Cooper geschenkt wurde, eine Nummer kleiner geht es bei diesem Künstler im Jahr 1966 nicht mehr). Da! Ein Bild vom Wladimir Putin, wie er gerade einen sibirischen Tiger erlegt! Ach, nein, es ist doch wieder nur Picasso.

Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läuft gerade die (aus dem Kölner Museum Ludwig übernommene) Ausstellung „ichundichundich“: Pablo Picasso, fotografiert von Freunden und Künstlern wie Robert Capa, Jean Cokteau und Brassaï. Ich fand sie … nicht so toll. Wie genau, habe ich für die heute erschienene junge Welt aufgeschrieben.

08. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo die Häuser von außen verkachelt sind · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Ach Köln. Viel gescholtenes Tatort-Team, treu nur dem Genre des Thesenkrimis, oft vorhersehbar, selten originell niemand mag euch. Und wenn ein Krimi wie der heutige „Tatort: Keine Polizei“ mal so richtig stark anfängt, klassisch aber stark, mit durchaus schluckenmachenden Härten und einer Reihe von Verdächtigen und einem Toten, von dem man erst gar nicht versteht, was er mit der Geschichte zu tun hat, wenn also ein Krimi so stark anfängt, nur um einen dann nach 60 Minuten auf die Uhr schauen zu lassen, „Was, der Film dauert ja noch eine halbe Stunde?“, eine halbe Stunde, in der die Kommissare zum ersten Mal auf die Idee kommen, das Umfeld des schnöde vergessenen ersten Toten zu checken … Dann weiß ich auch nicht mehr, dann habt ihr, Kölner Tatort-Macher (in dem Fall Kaspar Heidelbach als Regisseur und Norbert Ehry als Drehbuchautor) auch irgendwo selbst schuld dran, dass euch keiner mag.

Und doch, Köln, irgendwo mag ich euch. Das liegt nicht an den Krimis, bei Krimis wie heute abend möchte ich ins Sofapolster beißen, dass ich meine Zeit für sie verplempere anstatt, zum Beispiel, das Bad zu putzen. Das liegt auch nicht am Team, Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die machen ihren Job so, wie es die Kritiker immer wieder beschreiben, bisschen gut abgehangen, bisschen betulich, wahrscheinlich wirklich bisschen auserzählt, tut mir leid, da hilft auch die Tatsache nichts, dass die Drehbücher dem alten Max ein wenig Continuity in den Lebenslauf geschrieben haben, will sagen, eine feste Freundin (Juliane Köhler), die mittlerweile seit drei Folgen nervt, naja. Nein, irgendwie hat man den Eindruck, dass die Bücher und die Locationscouts sich in Köln Mühe geben. In den Kölner Krimis tauchen tatsächlich Figuren auf, die es gibt und die eine Geschichte erzählen, die über die Antwort auf das geblaffte „Wo waren sie gestern zwischen halb neun und zehn?“ hinaus geht, hier Handwerker, die  zunächst in den Ruin, dann in die Würdelosigkeit und schließlich in die Kriminalität getrieben werden – und zwar nicht etwa von bösen Verbrechern, sondern vom System. Vom System, das keine Unterschiede macht, ob es den Fahrlehrer trifft, den Malermeister oder gar den Besitzer einer Baufirma, der, als er Geld braucht, gerade mal 400000 zusammenkratzen kann, mehr ist nicht drin.

Und diese echten Figuren, die wohnen im echten Köln, dem Ort, wo die Häuser von außen verkachelt sind, wo ein „Park“ genannter Tatort eine Beton-Dreck-Fläche ist, wo man sich mit nahezu unerträglicher Sentimentalität gegen die Erkenntnis wehrt, dass dieser Ort die Hölle ist. Die Hölle, aus der man nie mehr raus kommt, selbst wenn man das große Ding noch schaffen sollte, die Entführung des Industriellensohns, „Eine Million, keine Polizei!“

Und weil „Keine Polizei“ eben immer wieder solche, nein, keine Figuren, solche Menschen zeichnet, und weil „Keine Polizei“ die Orte zeichnet, in denen diese Menschen leben, deswegen mag ich die Kölner Krimis doch irgendwie. Was ganz konkret diesen Krimi allerdings kein Stück weit besser macht.

(Abgründig: Christian Buß auf SpOn. FDP-mitleidig: Matthias Dell im Freitag. Erwachsen: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. Ein Hoch: der Wahlberliner. Verzwitschert: der Stadtneurotiker.)

Ich will heute nicht nach Dortmund. Der Grund, weswegen ich trotzdem fahre, ist kein schöner Grund, vor allem aber ist er nicht aufschiebbar. Und deswegen fahre ich, werktags, mitten in der Woche, kurz vor Redaktionsschluss, ich habe mehrere kurze Texte zu schreiben, egal. Ich nehme das Notebook mit, ich schreibe im Zug, dreieinhalb Stunden hin, dreieinhalb zurück. Das wird, das muss werden.
Das wird nicht. Weil schon ab Hamburg eine Gruppe Pappnasen den Zug entert, klar, der Zug fährt nicht nur nach Dortmund, der fährt weiter nach Köln. Und in Köln wird ab morgen karnevalisiert, da kann man sich schon auf der Hinfahrt die Kante geben, um halb zehn, am Mittwoch. Man kann auch rumgrölen, Frauen auf den Arsch hauen, man kann einen Gettoblaster auf die Gepäckablage wuchten und Karnevalshits auf höchster Lautstärke durchs Abteil dröhnen lassen. Stört ja niemanden.
Einschub: Ich konnte mit Karneval noch nie etwas anfangen. Auch Fasnet war nicht meine Sache, Verkleidung und Besäufnis und das Tier rauslassen: Das war nichts für mich, selbst wenn ich auch meinen Bachtin gelesen habe, von wegen Umwertung der Werte, Karnevalisierung des Alltags. Fand ich gut und einleuchtend, trotzdem, für mich war das noch nie etwas. Aber ich akzeptiere den Kölner in seinem Vergnügen, soll er sich das Hirn wegfeiern, von mir aus. Angeblich versteht man den Reiz dieser Praxis ja schon in Leverkusen nicht mehr, wie soll ich dann in Hamburg da ein Verständnis für entwickeln? Ich akzeptiere das, ist mir recht. Einschub Ende.
Denn gerade muss ich arbeiten, ich brauche einen freien Kopf, ich brauche ein wenig Ruhe, kein Viva Colonia. Außerdem sind wir gerade mal in Hamburg-Harburg, da ist karnevaleskes Ausrasten nicht üblich, man muss sich doch seiner Umgebung anpassen, verdammt noch mal!

Freundliche Frage: „Entschuldigt, Jungs, ich versuche, zu arbeiten. Könntet ihr die Lautstärke ein wenig runter drehen?“

Ein Fiasko. Erst starren sie mich ungläubig an, feuchte Augen, grobporige Haut. Und dann lallt der erste: „Was willst du denn arbeiten? Im Zug?“ Der nächste, ein junger Typ, Mitte 20 vielleicht: „Bist du Zugbegleiter? Hier arbeiten nur Zugbegleiter!“ Sie lachen, sie lachen mich aus. Ich setze mich wieder hin, ich kann hier nicht weg, ich brauche den Netzanschluss, mein Akku würde höchstens 90 Minuten durchhalten. Nochmal Viva Colonia, dann ein Lied über eine Weltreise, dann ein Lied mit den Refrain „Köln ist der Nabel der Welt“, dann eines, bei dem eine zentrale Zeile „Ich hab‘ hier die Musik bestellt“ lautet, Gott, wie wahr! Und immer wieder brüllt einer, dass sie schon in Harburg die erste Beschwerde abbekommen haben. Ich tippe, irgendwie, ein Text, noch ein Text, das muss jetzt. Bremen, Osnabrück, Münster. Jemand brüllt: „Ist das eine Stehparty, hier?“ Es riecht süßlich.

Kurz vor Dortmund fahre ich den Rechner runter, packe zusammen. Jemand ruft: „Seid still, hier will einer arbeiten.“ Gelächter. Ich gehe zur Tür, „He, hiergeblieben, nicht aufhören, zu arbeiten!“ An der Tür drehe ich mich um: „Ihr Arschlöcher!“ Dann raus.

Ich stehe auf dem Bahnsteig, ich schäme mich. Mir ist zum Heulen.