09. Dezember 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (November 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , ,

Was ich definitiv nicht mache: mir den neuen Lars-von-Trier-Gesamtkunstwerksüberkandideltschocker „Nymphomaniac“ anschauen. Weil heute nämlich die Pressevorführung ist, ich aber erkältet im Bett liege. Kann ja alte DVDs gucken, mrpf. Oder mich erinnern, was ich im Vormonat so geschrieben habe.

Zum Beispiel für Theater heute. Eine Besprechung von „Die Eingeschlossenen“ der Hamburger Gruppe Ligna auf Kampnagel (online wie immer nur für Abonnenten zugänglich):

Die Zuschauer verlassen das Parkett, betreten die Bühne, sanft angeleitet von den Stimmen im Kopfhörer (Edith Dane, Katja Danowski, Hans Löw und Samuel Weiß). Jetzt: Verteilen im Raum. Jetzt: einen Kreis bilden. Jetzt: möglichst langsam im Kreis schreiten. Oder doch nicht? Die Inszenierung baut Störungen ein, anscheinend sind nicht auf allen Kopfhörern die gleichen Anweisungen zu hören, die einen schreiten, die anderen rennen.

Ligna, das klingt wie Signa, und auch die dänische Gruppe Signa zeigte ein Stück in Hamburg: „Schwarze Augen, Maria“, die unfreiwillige Eröffnung des Hamburger Schauspielhauses, die ich für die Nachtkritik besprochen habe:

Eigentlich hätte „Schwarze Augen, Maria“ im Eröffnungswochenende der Karin-Beier-Intendanz am Hamburger Schauspielhaus die installative Flanke abdecken sollen, nach Beiers eigener Inszenierung „Die Rasenden“ am Freitag und vor Friederike Hellers „Nach Europa“ am Sonntag. Nachdem „Die Rasenden“ aber wegen eines Unfalls auf der Hauptbühne in den Januar verschoben wurde, rutschten Signa unfreiwillig in die Rolle, die zentrale Eröffnungspremiere stemmen zu müssen – eine Rolle, die „Schwarze Augen, Maria“ nicht ausfüllen kann, auch nicht will. Am Ende bleibt das Bild eines abgründigen Laientheaters: „Ihr lieben Leute, habt gut acht / Was wir an Finstrem mitgebracht.“

Ein weiterer Text für die Nachtkritik war „Fatzer/Krieg“ auf Kampnagel, Benjamin van Bebbers (vom Cobratheater.Cobra) Diplominszenierung, die ich, naja, ein wenig trocken aber durchaus beeindruckend fand:

„Fatzer/Krieg“ ist die Abschlussinszenierung van Bebbers im Studiengang Musiktheaterregie an der Theaterakademie Hamburg, das erklärt den etwas akademischen Charakter der Arbeit. Die Inszenierung zeigt aber auch exemplarisch, welchen Weg van Bebber sowie sein mehr oder weniger enges Theaternetzwerk „cobratheater.cobra“ gehen: hin zu einem Theater, das einerseits die radikale Form sucht, andererseits die Strukturen traditioneller Theaterproduktion beibehält. Es wird in Hierarchien gearbeitet, es gibt Regie, Dramaturgie, es gibt Darsteller, die sehr wohl Rollen ausfüllen, auch wenn beispielsweise Martón Nagy ein Johann Fatzer ist, der nur noch die äußere Hülle einer Figur ist. Es gibt vor allem auch Texte, die überaus ernst genommen werden, die mehr sind als bloßes Material – zuletzt inszenierte van Bebber Büchners „Lenz“ und Purcells „Dido und Aeneas“.

Weniger beeindruckend fand ich hingegen „Oldboy“ Spike Lees Hollywood-Remake von Park Chan-wooks zehn  Jahre alter Gewaltorgie. Warum, steht in den kulturnews.

Nur in ein paar Ausstattungsdetails blitzt die politische Schärfe von Lees Frühwerk auf, ansonsten ist der Film härtere Genreware von der Stange. Die Schauspieler machen, was sie können, insbesondere Josh Brolin gibt den leidenden Protagonisten mit berückender Kaputtheit, gegen die uninsprierte Regie kommt aber auch er nicht an. Selbst die ausufernde Brutalität wirkt hier eigenartig blutleer, trotz ein paar fieser Folterszenen – wo Park ein furios-blutiges Gewaltballett inszeniert, gibt es bei Lee eben eine Keilerei.

Ein gutes Stück besser kommt der Animationsfilm „Alois Nebel“ am gleichen Ort weg:

Lunák steht in der langen Tradition tschechischer Trickfilme, wo man auf die heute üblichen Animationen verzichtet und stattdessen das aufwändige Rotoskopieverfahren einsetzt. Das Ergebnis sind statische, düstere Bilder, die von harten Schwarzweiß-Kontrasten leben. „Alois Nebel“ ist eine Mischung aus gezeichnetem Geschichtspessimismus, Kriminalhandlung und Sozialmelodram – wenn Aki Kaurismäki Trickfilmer wäre, dann sähen seine Filme so aus.

Im uMag habe ich schließlich einen längeren Text über Christoph Schlingensief geschrieben, anlässlich seiner aktuellen Ausstellung in den KW Institute for contemporary art in Berlin:

Schlingensief inszenierte Starschauspieler, Laien, Obdachlose, Menschen mit Behinderung, er überforderte seine Darsteller, so wie er sich überforderte. Häufig gab es Vorwürfe, er nutze Menschen aus, die sich nicht wehren könnten Ein wenig war da auch etwas dran, aber es war auch so, dass Schlingensief sich selbst ebenso ausnutzte. Er machte sich selbst nackt und zeigte in seinen besten Arbeiten ein rohes, unfertiges Scheitern.

Und jetzt geh‘ ich verrotzen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

06. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Hexe, die zwischen den Tannen lauert · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , , ,

Ich bin am Waldrand aufgewachsen. Der Wald roch, er war feucht und dunkel, und er war ein Spielplatz, ich hatte nie Angst vor dem Wald. Ich spielte im Wald, ich fuhr Schlitten, fing Kaulquappen, einmal bauten wir uns abseits der Spazierwege eine Hütte, unsere Eltern machten sich Sorgen, was wir nicht verstanden. Selbst als Teenager, wenn ich nachts nach Hause kam und durch den Wald ging, mein Fahrrad durch den Wald schob, beunruhigte mich das nicht. Man hörte von Jugendlichen, die im Wald lungern würden, man hörte von einer Vergewaltigung, letzten Sommer, auf dem dunklen Weg zur Fußgängerunterführung, es schreckte mich nicht. Der Wald war da, der Wald war in Ordnung.

Ich weiß nicht, wann das anfing, dass ich mich plötzlich im Wald gruselte. Vielleicht als T. während einer Party am Rande des Gießener Philosophenwaldes plötzlich in den Bäumen verschwand und nach ein paar Minuten wieder auftauchte, die Kapuze ins Gesicht gezogen, einen Stock schwingend, nur Grunzgeräusche ausstoßend? Und niemand traute sich, ihn anzusprechen, weil, klar, das war T., aber warum waren wir uns eigentlich so sicher? Wir kicherten. Oder fing das an, als ich das erste Mal „Blair Witch Project“ sah, das Dunkle, das Gegenstück zur Zivilisation, die Hexe, die zwischen den Tannen lauert? Oder Lars von Triers „Antichrist“? Plötzlich schnürte mir jedenfalls etwas die Kehle zu, am Waldrand, plötzlich nahm ich einen Umweg, um nicht zwischen die Tannen zu müssen, nachts. Ich habe nicht wirklich Angst im Wald, aber mir gruselt. Ein wohliger Grusel, keine nackte Furcht, der mich weiterhin begleitet. Und den ich immer wieder suche.

Der Wald hat sich nicht verändert, seit 40 Jahren. Der Wald ist immer noch feucht und ein wenig modrig, der Wald lebt irgendwie, und in ihm leben Rehe und Vögel und eigenartiges Gewürm. (In ihm leben sogar Wildschweine, auch wenn ich noch nie eines gesehen habe.) Im Wald kann man laufen und plötzlich feststellen: Das sieht hier alles gleich aus, genau an dieser Stelle war man doch schon einmal, vor drei Stunden, man ist im Kreis gelaufen, oder doch nicht? Lost in a forest, all alone.

Ich suche diese Situation, seit ich in der Stadt wohne. Der Stadt, in der es keinen Wald gibt, in der es andere, spannende Orte gibt, die ich keinesfalls missen möchte, nur eben keinen Wald. Ich finde diese Situation vor den Toren, in der Göhrde, im Harz, im Allgäu, es ist nicht gefährlich, aber plötzlich beschleicht mich doch das Gefühl: Was wäre, wenn jetzt die Dunkelheit hereinbrechen würde, wenn ich einfach nicht mehr herausfinden würde, aus diesen endlosen, immer gleich aussehenden Baumreihen? Manchmal suche ich dieses Gefühl auch virtuell, beim Spielen von S.T.A.L.K.E.R., da lüge ich mir natürlich in die Tasche, aber egal, trotzdem spüre ich den Grusel, durch eine entvölkerte Waldlandschaft zu gehen und zu wissen, es gibt zwar die Zombies und die Mutanten und die verfeindeten Banditen, aber der wirkliche Gegner ist die Natur. Die abwesende Natur, die zerstörte, vergewaltigte, verschobene Natur, die sich ganz grauenhaft rächt für das, was man ihr angetan hat. Der feuchte, lebendige Wald.

09. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für It’s the End of the World as we know it (and I feel fine) · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Diese entsetzliche Trägheit. Dieser Wunsch, aktiv zu werden, dieser unerfüllbare Wunsch, dieses Begehren, das ins Nichts läuft. Die Augen aufschlagen, auf die Uhr sehen, schon so spät!, liegen bleiben. Zu wissen, ich möchte heute eine Vernissage besuchen, seit langem mal wieder, vor dem Fernseher sitzen bleiben. Ich möchte schwimmen gehen, vor dem Fernseher sitzen bleiben. Ich möchte. Die Verpflichtung, einen Artikel zu schreiben, einen Satz, einen zweiten Satz, noch ein paar Worte, unendlich langsam, unendlich mühsam, mitten im Wort abzubrechen und den Text zu löschen, schlecht ist er. Ein wenig im Internet surfen. Diese entsetzliche Trägheit.

Man kann Lars von Triers Film „Melancholia“ einiges vorwerfen, man kann von „gefällige(m) Hochglanzkitsch“ sprechen (Janis El-Bira in der Filmgazette, eine sehr lobende Besprechung übrigens), man kann dem Film rechte Tendezen unterstellen (Andreas Busche im Freitag), man kann den Film als „größenwahnsinnig und kitschig, subtil und grausam. Also großartig“ (Thomas E. Schimdt in der Zeit) charakterisieren. Das Interessante: Jede dieser Kritiken hat irgendwie recht, „Melacholia“ schafft es, sich jeder Einordnung zu entziehen, bis man den Film entnervt als „seltsam disparates Werk“ (der geschätzte Büronachbar Jürgen Wittner in den kulturnews) abtut.
Natürlich lassen sich im Genre der Apokalyptik immer wieder reaktionäre bis rechte Tendenzen ausmachen, aber das heißt nicht, dass „Melancholia“ rechts sein muss, nur weil von Trier hier vom Weltuntergang erzählt (dass er aber diesen Weltuntergang als etwas Tröstliches interpretiert, das sollte schon aufhorchen lassen). Natürlich wirkt die Szene, in der Kirsten Dunst nackt im blauen Licht badet, wie aus einem Leni-Riefenstahl-Film übernommen, andererseits ist es ganz und gar nicht verwerflich, wenn man eine Szene als Hommage an eine der technisch beeindruckendsten Filmemacherinnen überhaupt anlegt. Jedes Argument gegen diesen Film ist gleichzeitig auch ein Argument für ihn.
Bleibt die Darstellung der Depression. Von Trier macht das für mich extrem einleuchtend: Er zeigt die Trägheit, die Antriebslosigkeit, die ich an mir selbst hasse. Und dann sagt er: Schau, Depression ist genau so, wie du dich fühlst, wenn du nichts gebacken bekommst, nur viel, viel schlimmer. So zieht er einen über mehrere Szenen hinein in das Leiden seiner Heldin Justine, lässt sie ihre eigene Hochzeit torpedieren, indem sie erst in einen kurzen Schlaf und dann in ein freudloses, kaltes Bad sackt, lässt sie nach und nach wirklich pathologisch leiden, bis sie nicht einmal mehr in der Lage ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Der erste Teil von „Melancholia“, „Justine“, ist in Wahrheit kein Film über den Weltuntergang, es ist ein Film über eine Krankheit.
Und dann dreht von Trier diese Krankheitsgeschichte um, macht aus Justines Depression einen subversiven Akt. Denn: Was ist für die kapitalistische Leistungsgesellschaft verstörender als Antriebslosigkeit? Justine verweigert sich Konventionen, zu Beginn denen der eigenen Hochzeit (wunderbar, wie Udo Kier als Wedding Planner, also als Herr der Ehekonvention, langsam hohle dreht), am Ende den Konventionen eines Weltuntergangs in Würde, den ihre immer panischer werdende Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) anmahnt, einmal sogar ganz explizit den Konventionen der Leistungsgesellschaft, indem Justine ihrem Chef Karriere wie Arbeitshierarchie vor die Füße knallt. „Melancholia“ ist Kapitalismuskritik, formal: Kapitalismuskritik von rechts.

Und, übrigens, „Melancholia“ sieht toll aus, sicher. Charlotte Gainsbourg ist in ihrer Verbrauchtheit und Hoffnungslosigkeit, ach, so viel schöner als die propere Kirsten Dunst, und dass von Trier hier das strähnige Luftwesen Gainsbourg als Frau einsetzt, die ihr Leben (bis zum Schluss, als ohnehin nichts mehr zu retten ist) schon irgendwie im Griff hat, während Blondine Dunst die Depressive gibt, das ist ein hübsches Gegens-Image-Besetzen. Die Bilder sind ohnehin State of the Art, insbesondere der Prolog, der die Welt in atemberaubend schönen Szenen zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“-Ouvertüre untergehen lässt, zeigt, dass von Trier womöglich eher ein Videoclip-Regisseur ist als ein Erzähler, vielleicht sogar der beste Clipregisseur überhaupt, einer, der Clips als Bildende Kunst verstehen kann.

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Die Hochzeitsszene: Kabinettstückchen, eines nach dem anderen, ein böser Blick auf diese satte, dumme Oberschicht. Fast sogar zu viele, am Ende wird es ein wenig langweilig. Andererseits: Man braucht diese Langweile, um zu kapieren, dass es ein Segen ist, wenn eine Welt untergeht, in der solche Menschen rumlaufen. Wenn demnächst die ersten Dramaturgen „Melancholia“ auf die Stadttheaterbühne bringen, kann man ja die x-te Selbstzerfleischung rausstreichen, nein?

(Und wer den Gag mit den Golfplatzlöchern mitbekommen hat, bekommt ein Fleißsternchen. „Melancholia“ ist nämlich nicht zuletzt: auf eine hintergründige, fiese Weise unglaublich lustig. Eine Weltuntergangskomödie.)