Was ich hier mache? Ich schreibe. Ich schreibe sogar ziemlich viel, zumindest macht das den Eindruck, aber man sollte sich nicht aufs Glatteis führen lassen: Journalismus funktioniert nicht so, dass ich im einen Monat wahnsinnig viel mache und im anderen kaum etwas, der funktioniert so, dass ich jeden Monat so ziemlich gleichviel mache, und manches landet dann erstmal auf Halde, bis es zwei, drei Monate später doch noch zu einer Veröffentlichung kommt – und da hat man dann eben den Eindruch, ich hätte bis zur Erschöpfung durchgearbeitet. Habe ich aber gar nicht.

Jedefalls habe ich gleich drei Interviews in der aktuellen Kultur//Hamburg geschrieben (alle nicht online). Einmal mit Bettina Stucky, als Schauspielerin neu im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses, weswegen dieser Artikel mein Betrag zum Neustart ist. Eigentlich wollte ich die Intendantin Karin Beier sprechen, die konnte aber nicht, und im Nachhinein ist mir das ganz recht – erstens war Stucky eine ganz tolle Gespächspartnerin, und zweitens hat sich Beiers Schauspielhaus-Eröffnung nach einem mehr als tragischen Unfall auf unbestimmte Zeit verschoben, so dass ein Interview ein wenig fehl am Platze wäre.

Kultur//Hamburg: (…) Wird man beim neuen Spielplan schnell politisch?

Stucky: Schon. Ich finde immer gut, wenn Theater politisch ist. Ich finde auch, dass man sich verhalten muss, weil Nichtverhalten auch ein Verhalten ist. Gerade an einem Haus von so einer Größe ist es wichtig, dass man sagt: Hey, Moment! Es geht nicht nur darum, dass wir möglichst perfekt „Hamlet“ spielen!

Ebenfalls für Kultur Hamburg habe ich Hans-Jörg Czech gesprochen, dem neuen Chef des Altonaer Museums:

Kultur//Hamburg: Herr Czech, sagt Ihnen der Begriff „Quiddje“ etwas?

Hans-Jörg Czech: (lacht) Ja, der ist mir natürlich schon begegnet.

Und schließlich interviewte ich Christine Ebeling, Künstlerin und Aktivistin im Gängeviertel, das langsam aus den Schlagzeilen rutscht:

Kultur//Hamburg: Christine Ebeling, vor wenigen Wochen feierte das Gängeviertel den vierten Jahrestag seiner Besetzung. Wo steht das Gängeviertel heute?

Christine Ebeling: Wo es steht? (lacht) Immer noch zentral in der City.

Für Theater heute war ich mal wieder in Bremen. Und habe mir die dortige Premiere von Felix Rothenhäuslers Romandramatisierung „Schimmernder Dunst über ConyCounty“ (nach Leif Randt) angeschaut.

CobyCounty bleibt bei Felix Rothenhäusler ein utopischer Ort, eine mit Glitzer bestreute Fläche (Bühne: Evi Bauer), auf der die Figuren wie in Watte ihr Glück reflektieren: freundlich, sanft, leidenschaftslos. Auf Requisiten verzichtet Rothenhäusler nahezu völlig, gerade mal eine luxuriöse Espressomaschine wird manchmal auf die Bühne gerollt (guter Kaffee ist wichtig!), und ein riesiger Flachbildschirm, hinter dem sich hübsch durchchoreografiert vögeln lässt. Schattenseiten gibt es in CobyCounty nicht, allerdings auch keine Überlegungen, auf wessen Kosten dieses Wohlleben eigentlich möglich ist.

Für das uMag interviewte ich den Comiczeichner Reinhard Kleist und den Autor Tobias O. Meißner, die gemeinsam die Comicreihe „Berlinoir“ geschrieben haben:

uMag: Kann „Berlinoir“ denn nur in Berlin spielen?
Kleist: Absolut. Die Geschichte beruht ja auf der Geschichte der Stadt, ihrer wechselnden Herrschaftsformen, der Kultur, der Eigenart der Bewohner. Und sicherlich auch ihr ständig wechselndes Äußeres: Jeder Regierung hat hier ihre Spuren hinterlassen. Wir haben die Stadt gestaltet nach der Idee, wie sie aussehen würde, wenn Vampire sie erbaut hätten. Am Ende siegt die sterbliche Menschheit, und schon sieht auch die Stadt ganz anders aus. Eher wie eine Shopping Mall.

Außerdem gibt es im uMag einen Text über Sex. Beziehungsweise über HIV. Beziehungsweise über den UMgang der Kunst mit dem Komplex und weswegen wir uns da nich losmachen können.

Seit ich über Sexualität nachdenke, denke ich an den Grundssatz „Nur mit Kondom!“ Mir war klar, lange, bevor ich überhaupt das erste Mal Sex haben sollte, dass Sex gefährlich sein kann und dass man sich vor der Gefahr schützen muss, so gut es geht – und zumindest vor einer Übertragung mit HIV schützt man sich eben am wirkungsvollsten mit einem Kondom.

Noch ein weiterer Text im uMag beschäftigt sich mit Kunst. Und zwar geht es hier um die Fotografien von Jeff Wall, die ab 7. 11. in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sind.

Ein einsamer Wanderer auf einer staubigen Straße. Er kommt aus dem ostanatolischen Dorf Arica Köyu, er nähert sich dem Istanbuler Vorort Mahmutbey, er sieht: eine verwilderte Wiese. Stromleitungen. Im Hintergrund eine Moschee, eine Autobahn, halbfertige, gesichtslose Wohnbauten, alles unter einem verhangenen Himmel. Der Ankömmling trägt: eine zu große Hose, ein weites Hemd, in einer ausgeleierten Sporttasche schleppt er wohl ein paar Habseligkeiten mit sich rum.

Und schließlich beschreibe ich noch eine schöne, spätsommerliche Bahnfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern:

Jedenfalls, eine Frau redet, und am liebsten redet sie über Freundinnen, die nicht anwesend sind. Naziheike zum Beispiel, ein typischer Name in Rostock anscheinend, den kann ich hier einfach nennen, ohne dass irgendjemand sofort weiß, wer gemeint ist. Naziheike war mal mit Sandro zusammen, und Sandro ist jetzt wieder zurückgezogen zu Mutti, weil seine Frau ihn verlassen hatte. „Sandro fickt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, na, da wäre ich auch nicht begeistert als Frau. Jedenfalls wohnt der jetzt im Souterrain bei Mutti in Lütten Klein, gemeinsam mit „seinem behinderten Bruder“, der aus Solidarität mitgezogen sei, und „noch so einem Typen aus der Band“, Rock ’n‘ Roll in Lütten Klein.

In der kulturnews habe ich ein bisschen rezensiert. Den neuen Film von Roman Polanski etwa, „Venus im Pelz“, Theater und devianter Sex, meine Themen:

Roman Polanski, großer aber leider auch alter Mann des Weltkinos, verfilmt ein Theaterstück von David Ives, anscheinend ohne während der vergangenen 50 Jahre ein einziges Mal zeitgenössisches Theater gesehen zu haben. Und dann bezieht sich dieses Stück auch noch auf Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle „Venus im Pelz“, was angesichts der Tatsache, dass Polanski zuletzt immer häufiger in Gefilde der Altherrenerotik abdriftete, ebenfalls beunruhigt. Wenn man sich aber an den verstaubten Inszenierungsstil gewöhnt hat, stellt man fest: Alles gar nicht so schlimm.

Außerdem habe ich Viktor Jerofejews neuen Roman „Die Akimuden“ besprochen:

Jedenfalls erheben sich die Toten aus ihren Gräbern (respektive aus der Metro) und bevölkern die Hauptstadt, ein neuer Staat namens „Die Akimuden“ taucht auf der Weltkarte auf und nimmt erste diplomatische Beziehungen zu Moskau auf (was der US-Geheimdienst skeptisch beobachtet), ein hocherotisiertes Wesen namens Fink soll den akimudischen Botschafter aushorchen, und irgendwann bombardiert die russische Armee mehr oder weniger grundlos Sotschi, Putins touristisches Prestigeobjekt am Schwarzen Meer.

Und auch auf der Nachtkritik erschienen Kritiken von mir. Zunächst über „Der nackte Wahnsinn“ unter der Regie von Luk Perceval am Thalia Theater:

„Der nackte Wahnsinn“ wird jedenfalls erstmal: ziemlich lustig. Es gibt eine virtuose Slapstick-Szene, in der Regieassistentin Tini (Cathérine Seifert) mit den Tücken der Kulisse kämpft. Es gibt Kostüme, die Lisa Hagmeister in reines Bein und Victoria Trauttmansdorff in reinen Push-up verwandeln. Und es gibt eine sympathisch verzagte Figurenzeichnung, die das Klischee zwar andeutet, es aber nie ganz ausspielt.

Und dann noch über „Parzivalpark“ von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel:

Formal geht die Inszenierung dahin, wo es so richtig wehtut. Zu den Bildern einer Hirn-OP, die in Großaufnahme wieder und wieder über die Leinwand flimmern, zu einer heftigen Verquickung aus gewalttätiger Sexualität und Geburtsakt, an dessen Ende der 81-jährige Kuhlbrodt zwischen Enders blutigen Schenkeln auftaucht: „Mama!“ Es geht um Körper, und auch wenn die Medizin alles tut, um das Kreatürliche an diesem Thema zu verschleiern, bestehen Ender und Kolosko darauf, dass der Körper ejakuliert, blutet, kotzt.

Das Prinzip Lesung war mir schon immer fremd. Ich meine, was soll das bringen, sich einen Text vorlesen zu lassen, einen Text, den man auch gut selbst lesen könnte, im eigenen Rhythmus? (Mit dem Prinzip Hörbuch kann ich ebenfalls wenig anfangen.) Will man sehen, wie der Autor aussieht? (Wie soll er schon aussehen? Wie du und ich sieht er aus, Überraschung!) Will man hören, wie er liest, wie er betont? (Er nuschelt, außerdem betont er auf komischen Silben, als ob er den Text gar nicht kennen würde, den er da vorliest, leider hat er auch noch einen heftigen Dialekt, Westerwälder Platt.) Will man den Autor kennenlernen? (Kennenlernen? Weil man zuhört, fünf Stuhlreihen entfernt? Ist das in etwa so, als ob ich sagen würde, ich hätte einen Schauspieler kennengelernt, nur weil ich ihn auf der Bühne gesehen habe?) Mir ist das Prinzip fremd, tut mir leid.

Ach, ich bin doch nur schlecht gelaunt, weil ich direkt vom Bahnhof zum Literaturfestival ham.lit gehetzt bin, im Magen ein ekliges Streußelteilchen aus dem protzigen Berliner Hauptbahnhof und ein Dosenbier, gestresst und reizüberflutet und viel zu spät dran. Jan Brandt, den ich hören wollte, hat längst gelesen, Felicia Zeller, von der M. so schwärmte und deren Brille mich sofort für sie einnahm, ist auch schon durch, mir bleibt ein überteuertes Clubbier und ein paar Minuten Leif Randt, der mir irgendwie überschätzt rüberkommt.

ham.lit, das ist, in den Worten von Tobias Becker auf SpOn, „ein Lesefestival für Leute, die Lesungen nicht mögen“: Junge, hippe Schriftsteller lesen im jungen, hippen Clubambiente des uebel und gefährlich, dazu gibt es Festivalathmo (man verpasst immer die gerade viel tollere Lesung im Nebenraum, während man einer eigenartig verblasenen Lyrikperformance zuhört) und zwei Konzerte, es macht auf eine oberflächliche Weise Spaß, weil man Leuten begegnet, über die man sich freut, es ist alles tatsächlich mehr oder weniger cool, es ist ein Verständnis von Literatur, das angrenzt an Nachtleben und Ausgehwelt, ein Verständnis von Literatur, das beispielsweise die Jungs von Post Artcore teilen, und an dem absolut gar nichts verwerflich ist. Bis auf die Tatsache natürlich, dass alte, stinkige Autoren da nicht unbedingt reinpassen und entsprechend auch nicht eingeladen werden. (Ich muss die auch nicht unbedingt sehen, das versuchte ich oben anzudeuten.) ham.lit, das ist irgendwie eine Durchhalteveranstaltung für die jungen, schönen Autoren, die Drogen nehmen, coole Musik hören und viel (aber manchmal auch schwer unbefriedigenden) Sex haben, gerne haben sie in Leipzig studiert. (Ich finde die Leipziger Literatur ja klasse. Ich mag Susanne Heinrich, Mareike Krügel, Kristof Magnusson, echt.) Wie Franziska Gerstenberg (Foto, auf dem man so wenig erkennt, wie ich von meinem Platz sah), die einzige Lesung, die ich noch vollständig mitbekomme. Gerstenberg liest aus ihrem demnächst erscheinenden Romandebüt „Spiel mit ihr“, es geht um viel (aber manchmal auch schwer unbefriedigenden) Sex. Der Text ist klasse, er verschiebt die Perspektiven immer mal wieder unmerklich, er dekliniert den Spielbegriff ganz kunstvoll durch, er leidet allerdings auch ein bisschen unter der Tatsache, dass die Autorin in einer halben Stunde eben nicht den ganzen Roman vorlesen kann, sondern nur ein paar Seiten, also: zwei Fickszenen. (Ich leide außerdem darunter, dass ich „Spiel mit ihr“ erst vor ein paar Tagen rezensionsbedingt gelesen habe, den Text also fast mitsprechen kann. Aber da kann ja Gerstenberg nichts für.) Kommander Kaufmann meint, dass es doch bemerkenswert sei, wenn da jemand, also: zumal eine Frau, sich auf die Bühne setzen könne und vor großem Publikum von Spermatropfen erzählen würde, die auf der Schenkelinnenseite hinabfließen. Ja, wahrscheinlich ist es das, bemerkenswert, ein Schielen nach der Sensation. Das Prinzip Lesung: fremd.

Und dann spielen noch Die Sterne, eine Band, die mir immer wichtig war, die vergangenen 20 Jahre ihres Bestehens und meines Musikgeschmacks. 20 Jahre lang hatte ich den Eindruck: Mit Sänger Frank Spilker steht da ein Typ auf der Bühne, der vielleicht zwei Köpfe größer sein mag als ich, der aber ähnliche Themen verhandelt, der meine Probleme hat und meine Freuden. Songs wie „Themenläden“, „In diesem Sinn“, natürlich der Beinahe-Hit „Was hat dich bloß so ruiniert?“: Geschichten aus meinem Leben. Und jetzt spielen Die Sterne ein Best-of-Konzert, sie rocken (machten sie immer mal wieder, das war nicht das, was ich an ihnen schätzte, aber ich akzeptierte, dass das live ganz gut funktionierte), Spilker ist weiterhin groß und dürr, aber er trägt einen Oberlippenbart, er klatscht rhythmisch, er nimmt einen tiefen Schluck und prostet ins Publikum. Der Mann da auf der Bühne ist ein alter Mann, der nur schwer verhehlen kann, dass ihm diese Zuschauer heute abend im uebel & gefährlich völlig egal sind, ein alter Mann, der ein Konzert spielt, das gar nicht so weit weg ist vom Schlagersänger beim Möbelhaus-Jubiläum. (Finde ich. A. findet, dass der Schritt zum Möbelhaus durchaus noch ein Stück weiter ist, aber ich bin ja ohnehin schlecht gelaunt.)

Weil nämlich Die Sterne alt geworden sind. Und wenn Die Sterne weiterhin die Band sind, die mein Leben vertont, dann kann das nur eines bedeuten: dass ich ebenfalls alt bin. Doofer Abend.