„You should come to Oslo next week“, sagt die nette Frau vor der Bar in Grünerløkka. „Next week we are celebrating our national holiday.“ Wir mögen das gar nicht so sehr, Nationalfeiertage, aber wir wollen freundlich bleiben, also fragen wir nach, was denn so passiert, beim Nationalfeiertag. Es gibt Umzüge, die Bevölkerung trägt Trachten aus ihren Heimatregionen, am Abend wird getrunken, sehr viel getrunken. „Seems like carnival in Germany“, macht B. einen Witz, die Frau versteht, was er meint, und sie versteht, dass sie hier etwas gerade rücken sollte. „No, it’s not like carnival, it’s … Well, it’s nationalistic, but in a nice way.“ Die Frau ist nett, sie möchte nicht, dass man ihren Nationalfeiertag zum Witz macht, aber sie weiß auch, dass man als Deutscher mit der Wortsilbe „National-“ etwas anderes verbinden könnte als als Norwegerin. Also, der Nationalfeiertag in Oslo ist zwar Nationalismus, aber eben netter Nationalismus.

Und am Folgetag macht unser aller Bundeslena einen akzeptablen zehnten Platz beim Eurovision Song Contest auf heimischem Boden, also, in Düsseldorf. Lena gut zu finden, das ist so ein Beispiel für netten Nationalismus. Schreibt Jan Feddersen im Spiegel, bloggt Stefan Niggemeier (der ansonsten gemeinsam mit Lukas Heinser ein wunderbares Videoblog namens Duslog führte), schwärmt Mirjam Hauck auf süddeutsche.de. Nein, Lena, die darf man gut finden, auch wenn man allem Deutschen sonst mit einer gesunden Skepsis gegenüber tritt. Weil Lena, die hat nichts vom hässlichen Deutschland, die ist (halbwegs) cool, die singt englisch, selbstbewussten, internationalen Pop, der niemandem etwas beweisen muss und der vor allem nicht unbedingt einen ersten Platz machen muss. Oder?

Und dann fahren wir am Folgetag durch die Nacht, entlang der dänischen Küste. Das ist das Dänemark, das vor ein paar Tagen seine Grenzen geschlossen hat, vor lauter Angst vor illegalen Einwanderern. Das ist alles gar nicht lustig, plötzlich, war doch das freie Reisen einer der wenigen Vorteile, die die EU im Alltagsleben mit sich brachte, die Wirklichkeit gewordene Utopie des möglichen Internationalismus, Grenzen überschreiten ohne Formalitäten, Im Ausland sich bewegen wie ein Fisch im Wasser, womöglich: Knutschen mit Norwegerinnen. Vorbei.
Und dann schreibt der geschätzte Matthias Dell im Freitag eine Kritik über einen heillos harmlosen Fernsehkrimi, Dell verreißt gewohnt klug, weil es hier doch arg wohlmeinend um Migrationsströme geht, und schon der zehnte Kommentar (von einem gewissen „hkoerner“) weiß ganz toll (und, wenigstens das, ziemlich ungenau, Rechte sind manchmal einfach doch so blöde, wie man es erwartet) mit Literaturhinweisen zu protzen, wie man das Thema Migration auch angehen könnte:

Wenn man verfolgt, wie sich Radio Bremen nun schon seit Jahren tapfer weigert, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, die nun einmal nicht in Flüchtlingsmorden durch BRD-Gesetzeshüter besteht, sondern gerade in Bremen durch umkippende Stadtteile und kriminelle Gangs wie den Miri-Clan gekennzeichnet ist, dann kann man über dieses sozialpädagogische Machwerk von präsenilen 68ern und ihren Erziehungsprodukten nur müde und leicht angewidert den Kopf schütteln. Nicht umsonst weist die PISA-Studie für Bremen das mieseste Ergebnis aus.

Wer zudem Jean Raspeils (sic!) politisch inkorrektes aber durchaus visionionäres „Heerlager der Heiligen“ gelesen hat, würde Frau Postel und ihren Trupp von Realitätsverweigerern rasch wiedererkennen.

Klingt doch gut, oder? Mal davon abgesehen, dass das der Autor erstens Jean Raspail heißt und sein 1973 erschienener Roman „Le Camp des Saints“ ein rechtsradikales Machwerk sondergleichen ist, in dem die Menschheit vor allem deswegen untergeht, weil einem alles vernichtenden Schwarm von Elendsflüchtlingen nicht nachdrücklich genug Einhalt geboten wird, ein Roman, der in der Bundesrepublik im einschlägigen Grabert-Verlag erscheint. Darf man trotzdem zitieren, wenn es nur gegen die Political Correctness geht, das liebste Feindbild alter wie neuer Konservativer sowie angeblicher Querdenker. Ach, all diese Deppen, die glauben, wir hätten 1529 statt 2011, die Türken stünden vor Wien und Europa werfe sich der drohenden Zwangsislamisierung freudig in die Arme.

Netter Nationalismus. Mich schüttelt es, und bevor ich für Lena juble, höre ich doch lieber mal wieder Knarf Rellöms „Arme kleine Deutsche“: „Ich wollte mal sagen, endlich haben wir Deutschen wieder ein positives Verhältnis zu unserem eigenen Land und zum Patriotismus.“ – „Ich muss sagen, ich fand die Verkrampfung schöner.“

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