03. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Athen, London, Hamburg · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , ,
Es kann einfach nicht jeder im Szeneviertel wohnen.

Es kann einfach nicht jeder im Szeneviertel wohnen.

Wenn es den Lobbyisten der Vermieter zu wohl wird, geben sie Interviews. In denen erzählen sie dann, dass es hierzulande ganz und gar keine Wohnungsnot gebe, dass im Gegenteil viel freie Wohnungen am Stadtrand zu haben seien, auch noch günstige, auf die Schnelle falle ihnen zwar keine ein, aber, dochdoch, die gebe es. Nur die Wohnungssuchenden, die seien eben viel zu versnobt und würden sich nicht dazu herablassen, eine Wohnung in Billstedt oder in Neuwiedenthal auch nur anzuschauen (dass es gute Gründe gegen Wohnen am Stadtrand gibt, auch jenseits der Versnobtheit, habe ich vor einem knappen Jahr schon einmal beschrieben). Und immer wieder kommt dann das gleiche Argument: „Ein Grundrecht auf eine Wohnung in der Schanze oder anderen Szeneviertel gebe es nicht“ zitiert der NDR Axel Kloth, Verbandschef des Immobilienverbads Nord (IVD) anlässlich einer IVD-Studie, laut der der Hamburger Wohnungsmarkt problemlos funktioniere.

Wir haben keine Wohnungsnot. Wir haben – wenn überhaupt – nur örtlich begrenzten ernsthaften Wohnungsmangel. Und wir haben eine Fluktuationsrate von über zehn Prozent, was grundsätzlich für einen funktionierenden Wohnungsmarkt spricht. Wir haben keine Dramatik, so wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Was soll er auch sagen, der Herr Lobbyist. Meist kommt dann noch der Hinweis, dass die Mietpreise in Hamburg ohnehin ein Witz seien, in Berlin gleich nochmal, einzig München habe annähernd vergleichbare Preise wie internationale Metropolen. Schon klar, ein WG-Zimmer in London ist in Außenbezirken für rund 150 Euro pro Woche zu haben, in Paris zahlt man angeblich für eine kleine Kammer bis zu 1000 Euro monatlich, und durchschnittlich schlägt ein WG-Zimmer in Athen auch schon mit 250 Euro im Monat zu Buche, in Griechenland, Home of the Finanzkrise, wo die Leute sich teilweise nicht einmal mehr drei Mahlzeiten täglich leisten können! Wie zahlen die solche Mieten?

Sie zahlen sie: nicht. Es ist schwierig, aktuelle Zahlen zu bekommen, aber alles in allem lässt sich sagen: Dass in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung zur Miete lebt, ist ein europäischer Sonderweg. In Spanien, etwa besitzen 81 Prozent der Bevölkerung Wohneigentum (Spitzenwert!), in Griechenland 76 Prozent, in Großbritannien 69 Prozent, in Frankreich 54 Prozent. Und in Deutschland 41 Prozent, weniger Wohneigentümer gibt es prozentual gesehen nur noch in Schweden und in der Schweiz. (Die Zahlen stammen aus den Jahren 1990 bis 99, es ist aber wahrscheinlich, dass im Zuge der Wirtschaftskrise der Trend zur eigenen Immobilie eher noch verstärkt werden dürfte. Quelle: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 3/2003, pdf-Link.) In den meisten Ländern leben die Menschen im eigenen Haus, teilweise unter erbärmlichen Umständen und zum Preis einer hohen Verschuldung, aber dafür mietfrei. Zur Miete leben Studenten, bei denen von vornherein klar ist, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein dürfte, beziehungsweise Leute, die sich in irgendwie unserösen Zusammenhängen bewegen. Wenn also die Wohnungswirtschaft Londoner Verhältnisse in Hamburg fordert, dann fordert sie, dass der Hamburger etwas bezahlt, dass der Londoner auf keinen Fall zahlen würde – eine Mondpreis-Miete.

Einen Text wie diesen könnte man als Hohelied aufs Immobilieneigentum lesen, als Forderung: Schafft euch eine Eigentumswohnung an, jammert nicht und zeigt den Vermietern den Mittelfinger. Das wäre aber eine falsche Lesart, meiner Meinung nach ist der deutsche Sonderweg in dieser Frage endlich mal ein ganz kluger. Wir gehen in immer mehr Lebensbereichen von Gemeingütern aus, die kein Individuum mehr besitzt, sondern für die Nutzungsgebühren anfallen: Car-Sharing. Creative Commons. Prinzessinnengärten. Die nutzen wir, weil es Spaß macht, weil es für den Einzelnen günstig ist, nicht zuletzt aus Umweltgründen: Der ökologische Fußabdruck von Gemeingütern ist weitaus kleiner als der von Privatbesitz. Und gerade bei der Frage des Wohnens wollen wir zum Privatbesitz zurück? No way.

Davon ab: Das mit dem Mittelfinger für Vrmieter ist trotzdem eine gute Idee.

Die „Jack Freak Pictures“ sind Bilder von Gilbert & George. Viel mehr braucht man nicht zu sagen, Gilbert Prousch und George Passmore machen, was sie machen, also großformatige, comicartige Collagen, in denen sie hoch ironisch gegen restriktive Sexualmoral, Religion und Konventionen agitieren. Das ist immer extrem unterhaltsam, immer handwerklich auf höchstem Niveau und immer auch irgendwie dasselbe. Bei den „Jack Freak Pictures“ geht es in erster Linie um die Auseinandersetzung der beiden Endsechziger mit Religion, und dabei freut es einen erstmal, dass die Arbeiten in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt sind. Die bieten nämlich ausreichend Platz für die 120 teilweise riesigen Arbeiten. Ansonsten haben Prousch und Passmore diesmal den Reiz des Kaleidoskops entdeckt, immer wieder wird der Blick gebrochen, verzerrt, vervielfältigt, bildet neue Anordnungen und Muster und sorgt spätestens beim dritten Bild dafür, dass man sich fühlt, als ob man die Decke eines gotischen Kirchenschiffs betrachten würde, das ist raffiniert. (Eher nervig ist, dass man sich spätestens beim sechsten Bild fühlt, als ob man eine Esoterikzeitschrift lesen würde, das ist weniger schön, wird aber dadurch relativiert, dass einem immer wieder die Gilbert & George-typische Ironie dazwischen grätscht. Denn mit Ironie haben es echte Esos ja nicht so.) So durchwandert man die Ausstellung, findet eigentlich alles ganz gut und fragt sich nach einer Weile, ob man sich denn langsam mal ein Bier holen sollte.

Leider holt man sich keines, weil erstmal das Mikro knackt. Der britische Botschafter Simon McDonald hält eine freundliche Rede, das geht noch. Dann aber kommt Reinhard Stuth, der scheidende CDU-Kultursenator, und jetzt möchte man ganz schnell betrunken sein. Denn Stuth hat auf ziemlich vielen Bildern von Gilbert & George den Union Jack entdeckt, und das ist für ihn der Aufhänger für seine Rede. „Mit nationalen Symbolen tut man sich in Deutschland ja schwer“, ach was, warum wohl? Stuth versucht ernsthaft, Gilbert & George als Kronzeugen für einen unverkrampften Umgang mit der Flagge zu gewinnen, aber er hält seine Rede auf Deutsch, man darf also hoffen, dass die beiden Künstler ihn nicht verstehen.
Es gab einmal eine Zeit, da wurde gemutmaßt, dass Gilbert & George einen leichten Rechtsdrall hätten. Diese Vermutungen waren schon damals an den Haaren herbei gezogen: Grob gesagt, bezogen sie sich auf eine Bilderserie, auf denen einzelne Neonazis zu sehen waren, es war aber nicht schwer, in den aggressiv maskulinen Codes der Skinheads schwule Pornoposen nachzuweisen, falscher Alarm also. Außerdem sind Gilbert & George nicht gerade Fans des Islam, Kunststück, Gilbert & George mögen überhaupt keine Religion. Vor sechs Jahren interviewte ich die Beiden fürs uMag, und in diesem Gespräch ging es um genau dieses Thema.

uMag: Sind Sie religiös?
George: Wir beschäftigen uns mit Religion in unseren Bildern, ja. Gilbert wurde katholisch erzogen, ich protestantisch.
Gilbert: Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an eine Kraft, bei der wir nicht wissen, wo sie herkommt, aber nicht an einen christlichen Gott. So ist das.
uMag: Ich habe Ihre Ausstellung im Frankfurter Portikus gemeinsam mit einer spanischen Katholikin gesehen, und sie fühlte sich von Ihren Bildern angegriffen.
George: Die Katholiken sind die Muslime der christlichen Welt. Wenn man alle unterschiedlichen christlichen Gruppen nimmt, Katholiken, Anglikaner, Baptisten, Methodisten, Quäker … dann sind Katholiken die Muslime. Sie haben die gleichen Ansichten über Kondome und so.
Gilbert: Es ist gut, wenn sie sich angegriffen fühlen. Es muss sie angreifen, weil sie Unrecht haben. (mit Nachdruck) Sie haben Unrecht. Die Kirche hat Unrecht.

Und, ja, das sind Ansichten, die dürfen Gilbert & George vertreten. Es geht hier um ein schwules Paar, und das wird angegriffen, von Katholiken, von Muslimen, da dürfen sie sagen: Wir mögen die nicht. Wenn man dafür gleich von rechts vereinnahmt wird, dann weiß ich auch nicht.
Ich habe damals das Gespräch anlässlich der Ausstellung „Twenty London East One Pictures“ in der Kestnergesellschaft Hannover geführt, einer Ausstellung, die ziemlich scharf das Wohnumfeld der Künstler im Londoner East End porträtierte. Wenn ich es richtig verstehe, ist die Gegend so eine Art britisches Kreuzberg: migrantisch geprägt, unter starkem Gentrifizierungsdruck, mit heftigen sozialen Gegensätzen. Es ist sicher nicht immer schön, da zu leben. Aber das Leben im Londoner East End ist eben auch ein Leben, bei dem die Gegensätze eine kreative Reibung erzeugen, die Kleinbürger und die Junkies und die Islamisten – und mittendrin das schwule Künstlerpaar. Diese kreative Reibung macht das Leben lebenswert, bei allen Problemen. Das Künstlerpaar mit dem Union Jack einzusacken, wie Kultursenator Stuth es versucht, das funktioniert nicht, zumal das Britische schon bei Gilbert & George ein gebrochenes Nationalgefühl ist: Gilbert Prousch wurde 1943 im ladinischen Bergdorf St. Martin in Thurn geboren und kam erst in seinen Zwanzigern nach London, hat also selbst einen Migrationshintergrund. Wenn Gilbert & George den Union Jack verwenden, dann wirkt das eher wie ein typisch britischer, extrem negativer Umgang mit nationalen Symbolen, der seinen Ursprung im Punk hat: von den Sex Pistols („God save the queen/the fascist regime“) über Morrissey („The kind people/have a wonderful dream:/Margret on the guillotine“) bis ganz aktuell zu PJ Harvey („What is the glorious fruit of our land?/The fruit is orphaned children!“). Kennt Stuth natürlich alles nicht.
Zum Ende seiner Rede möchte der Kultursenator noch einen Witz machen, leider auf Englisch. Und er zitiert Bismarck, vor dem distinguierten, klugen, schwulen Künstlerpaar (und merkt gar nicht, was für einen homphoben Klopper er da unfreiwillig landet): „Short speeches, long sausages!“

Und in dem Moment möchte man vor Fremdscham schon am liebsten im Boden versinken.