01. April 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (März 2014) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers „Herkunft“ angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens „FRONT“, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über „Deutschboden“, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. „So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll“, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film „Molière auf dem Fahrrad“:

Ja, Philippe Le Guays „Molière auf dem Fahrrad“ ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

Was ich hier mache? Ich schreibe. Ich schreibe sogar ziemlich viel, zumindest macht das den Eindruck, aber man sollte sich nicht aufs Glatteis führen lassen: Journalismus funktioniert nicht so, dass ich im einen Monat wahnsinnig viel mache und im anderen kaum etwas, der funktioniert so, dass ich jeden Monat so ziemlich gleichviel mache, und manches landet dann erstmal auf Halde, bis es zwei, drei Monate später doch noch zu einer Veröffentlichung kommt – und da hat man dann eben den Eindruch, ich hätte bis zur Erschöpfung durchgearbeitet. Habe ich aber gar nicht.

Jedefalls habe ich gleich drei Interviews in der aktuellen Kultur//Hamburg geschrieben (alle nicht online). Einmal mit Bettina Stucky, als Schauspielerin neu im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses, weswegen dieser Artikel mein Betrag zum Neustart ist. Eigentlich wollte ich die Intendantin Karin Beier sprechen, die konnte aber nicht, und im Nachhinein ist mir das ganz recht – erstens war Stucky eine ganz tolle Gespächspartnerin, und zweitens hat sich Beiers Schauspielhaus-Eröffnung nach einem mehr als tragischen Unfall auf unbestimmte Zeit verschoben, so dass ein Interview ein wenig fehl am Platze wäre.

Kultur//Hamburg: (…) Wird man beim neuen Spielplan schnell politisch?

Stucky: Schon. Ich finde immer gut, wenn Theater politisch ist. Ich finde auch, dass man sich verhalten muss, weil Nichtverhalten auch ein Verhalten ist. Gerade an einem Haus von so einer Größe ist es wichtig, dass man sagt: Hey, Moment! Es geht nicht nur darum, dass wir möglichst perfekt „Hamlet“ spielen!

Ebenfalls für Kultur Hamburg habe ich Hans-Jörg Czech gesprochen, dem neuen Chef des Altonaer Museums:

Kultur//Hamburg: Herr Czech, sagt Ihnen der Begriff „Quiddje“ etwas?

Hans-Jörg Czech: (lacht) Ja, der ist mir natürlich schon begegnet.

Und schließlich interviewte ich Christine Ebeling, Künstlerin und Aktivistin im Gängeviertel, das langsam aus den Schlagzeilen rutscht:

Kultur//Hamburg: Christine Ebeling, vor wenigen Wochen feierte das Gängeviertel den vierten Jahrestag seiner Besetzung. Wo steht das Gängeviertel heute?

Christine Ebeling: Wo es steht? (lacht) Immer noch zentral in der City.

Für Theater heute war ich mal wieder in Bremen. Und habe mir die dortige Premiere von Felix Rothenhäuslers Romandramatisierung „Schimmernder Dunst über ConyCounty“ (nach Leif Randt) angeschaut.

CobyCounty bleibt bei Felix Rothenhäusler ein utopischer Ort, eine mit Glitzer bestreute Fläche (Bühne: Evi Bauer), auf der die Figuren wie in Watte ihr Glück reflektieren: freundlich, sanft, leidenschaftslos. Auf Requisiten verzichtet Rothenhäusler nahezu völlig, gerade mal eine luxuriöse Espressomaschine wird manchmal auf die Bühne gerollt (guter Kaffee ist wichtig!), und ein riesiger Flachbildschirm, hinter dem sich hübsch durchchoreografiert vögeln lässt. Schattenseiten gibt es in CobyCounty nicht, allerdings auch keine Überlegungen, auf wessen Kosten dieses Wohlleben eigentlich möglich ist.

Für das uMag interviewte ich den Comiczeichner Reinhard Kleist und den Autor Tobias O. Meißner, die gemeinsam die Comicreihe „Berlinoir“ geschrieben haben:

uMag: Kann „Berlinoir“ denn nur in Berlin spielen?
Kleist: Absolut. Die Geschichte beruht ja auf der Geschichte der Stadt, ihrer wechselnden Herrschaftsformen, der Kultur, der Eigenart der Bewohner. Und sicherlich auch ihr ständig wechselndes Äußeres: Jeder Regierung hat hier ihre Spuren hinterlassen. Wir haben die Stadt gestaltet nach der Idee, wie sie aussehen würde, wenn Vampire sie erbaut hätten. Am Ende siegt die sterbliche Menschheit, und schon sieht auch die Stadt ganz anders aus. Eher wie eine Shopping Mall.

Außerdem gibt es im uMag einen Text über Sex. Beziehungsweise über HIV. Beziehungsweise über den UMgang der Kunst mit dem Komplex und weswegen wir uns da nich losmachen können.

Seit ich über Sexualität nachdenke, denke ich an den Grundssatz „Nur mit Kondom!“ Mir war klar, lange, bevor ich überhaupt das erste Mal Sex haben sollte, dass Sex gefährlich sein kann und dass man sich vor der Gefahr schützen muss, so gut es geht – und zumindest vor einer Übertragung mit HIV schützt man sich eben am wirkungsvollsten mit einem Kondom.

Noch ein weiterer Text im uMag beschäftigt sich mit Kunst. Und zwar geht es hier um die Fotografien von Jeff Wall, die ab 7. 11. in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sind.

Ein einsamer Wanderer auf einer staubigen Straße. Er kommt aus dem ostanatolischen Dorf Arica Köyu, er nähert sich dem Istanbuler Vorort Mahmutbey, er sieht: eine verwilderte Wiese. Stromleitungen. Im Hintergrund eine Moschee, eine Autobahn, halbfertige, gesichtslose Wohnbauten, alles unter einem verhangenen Himmel. Der Ankömmling trägt: eine zu große Hose, ein weites Hemd, in einer ausgeleierten Sporttasche schleppt er wohl ein paar Habseligkeiten mit sich rum.

Und schließlich beschreibe ich noch eine schöne, spätsommerliche Bahnfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern:

Jedenfalls, eine Frau redet, und am liebsten redet sie über Freundinnen, die nicht anwesend sind. Naziheike zum Beispiel, ein typischer Name in Rostock anscheinend, den kann ich hier einfach nennen, ohne dass irgendjemand sofort weiß, wer gemeint ist. Naziheike war mal mit Sandro zusammen, und Sandro ist jetzt wieder zurückgezogen zu Mutti, weil seine Frau ihn verlassen hatte. „Sandro fickt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, na, da wäre ich auch nicht begeistert als Frau. Jedenfalls wohnt der jetzt im Souterrain bei Mutti in Lütten Klein, gemeinsam mit „seinem behinderten Bruder“, der aus Solidarität mitgezogen sei, und „noch so einem Typen aus der Band“, Rock ’n‘ Roll in Lütten Klein.

In der kulturnews habe ich ein bisschen rezensiert. Den neuen Film von Roman Polanski etwa, „Venus im Pelz“, Theater und devianter Sex, meine Themen:

Roman Polanski, großer aber leider auch alter Mann des Weltkinos, verfilmt ein Theaterstück von David Ives, anscheinend ohne während der vergangenen 50 Jahre ein einziges Mal zeitgenössisches Theater gesehen zu haben. Und dann bezieht sich dieses Stück auch noch auf Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle „Venus im Pelz“, was angesichts der Tatsache, dass Polanski zuletzt immer häufiger in Gefilde der Altherrenerotik abdriftete, ebenfalls beunruhigt. Wenn man sich aber an den verstaubten Inszenierungsstil gewöhnt hat, stellt man fest: Alles gar nicht so schlimm.

Außerdem habe ich Viktor Jerofejews neuen Roman „Die Akimuden“ besprochen:

Jedenfalls erheben sich die Toten aus ihren Gräbern (respektive aus der Metro) und bevölkern die Hauptstadt, ein neuer Staat namens „Die Akimuden“ taucht auf der Weltkarte auf und nimmt erste diplomatische Beziehungen zu Moskau auf (was der US-Geheimdienst skeptisch beobachtet), ein hocherotisiertes Wesen namens Fink soll den akimudischen Botschafter aushorchen, und irgendwann bombardiert die russische Armee mehr oder weniger grundlos Sotschi, Putins touristisches Prestigeobjekt am Schwarzen Meer.

Und auch auf der Nachtkritik erschienen Kritiken von mir. Zunächst über „Der nackte Wahnsinn“ unter der Regie von Luk Perceval am Thalia Theater:

„Der nackte Wahnsinn“ wird jedenfalls erstmal: ziemlich lustig. Es gibt eine virtuose Slapstick-Szene, in der Regieassistentin Tini (Cathérine Seifert) mit den Tücken der Kulisse kämpft. Es gibt Kostüme, die Lisa Hagmeister in reines Bein und Victoria Trauttmansdorff in reinen Push-up verwandeln. Und es gibt eine sympathisch verzagte Figurenzeichnung, die das Klischee zwar andeutet, es aber nie ganz ausspielt.

Und dann noch über „Parzivalpark“ von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel:

Formal geht die Inszenierung dahin, wo es so richtig wehtut. Zu den Bildern einer Hirn-OP, die in Großaufnahme wieder und wieder über die Leinwand flimmern, zu einer heftigen Verquickung aus gewalttätiger Sexualität und Geburtsakt, an dessen Ende der 81-jährige Kuhlbrodt zwischen Enders blutigen Schenkeln auftaucht: „Mama!“ Es geht um Körper, und auch wenn die Medizin alles tut, um das Kreatürliche an diesem Thema zu verschleiern, bestehen Ender und Kolosko darauf, dass der Körper ejakuliert, blutet, kotzt.

Der vergangene Monat war hart für meine agnostische Weltsicht, inhaltlich. Zunächst schaute ich mir Fabian Hinrichs‘ Soloperformance „Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen“ am in Auflösung befindlichen Hamburger Schauspielhaus an, ein Stück, in dem der Starschauspieler nicht spielt, sondern ausschließlich predigt. Für Theater heute habe ich das Gesehene beschrieben (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Irgendwo zwischen evangelikaler Erweckungsästhetik, dem Patchworkglauben Neuer Religiöser Bewegungen, einer Art Theaterreligion und den „Liebe Gemeinde!“-Witzen des frühen Otto Waalkes jagt der gut einstündige Monolog durch spirituelle Bekenntnisse, salbungsvoll, immer im hohen, nur selten modulierten Ton, schlicht: unglaublich anstrengend. Nicht zuletzt für ein Publikum, dem der Bezug zum speziellen performativen Charme des religiösen Ritus fehlt.

Dann ins Thalia, in Luk Percevals Bearbeitung von Dostojewskis religiös durchsetztem Sinnsucher-Roman „Die Brüder Karamasow“. Ebenfalls für Theater heute habe ich mich dem Meatphysik-Overkill hingegeben:

Vor dem Thalia Theater toben die Vorbereitungen des Evangelischen Kirchentags. Aufgekratzte Christen spazieren durch die Hamburger Innenstadt, hoffnungsfroh, sicher im Glauben. Im Thalia hingegen ist nichts sicher. Da wird Glaube verworfen, neu aufgerollt, in Fanatismus gewendet und vor allem umfassend diskutiert: Als letzte große Premiere der Spielzeit inszeniert Luk Perceval Fjodor M. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“, der „das Ringen um Sinn und Moral“ ins Zentrum stellt, ein Ringen, das eigentlich die Paradedisziplin der Religion ist.

Dann war, der obige Textausschnitt deutet das schon an, Evangelischer Kirchentag in Hamburg. Meine Fremdheitsgefühle, meine Distanz habe ich versucht, auf Les Flâneurs zu verdeutlichen:

Es ist so eigenartig, Leute zu sehen, die wie selbstverständlich ihren Glauben nach außen tragen. Das passt nicht in mein Leben, und das passt nicht in diese Stadt, ich fühle mich unangenehm berührt. So ähnlich wie der durchschnittlich rechtsoffene Mitteleuropäer, der auf Urlaub durch Kreuzberg läuft, eine Frau mit Kopftuch sieht und sofort die osmanische Belagerung Wiens vor Augen hat. Mit dem will ich natürlich nichts zu schaffen haben, ich will tolerant sein, und, ja, ich will die Kirchentagschristen klaglos ertragen.

Und am Ende habe ich noch einen Fragebogen gemacht, fürs uMag, mit der sehr empfehlenswerten Hamburger Künstlerin Marijpol. Die hat einen spannenden Comic namens „Eremit“ veröffentlicht, der handelt von Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen können, und in was für moralische Zwiespälte die das stürzt. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so jenseitig weichgeklopft, ich hatte tatsächlich schon einen Ausweg aus dem Geraffel gefunden. Aber Marijpol konnte das Thema angenehm schnodderig zurechtrücken:

Der alte Mann will nicht sterben, aber er will bei seiner Frau bleiben, und die stirbt. Er hat eigentlich keine Alternative, oder?
Nein, er hätte früher mit seiner Frau reden sollen.

Hilft Religion in solch einer Situation?
Nicht, dass ich wüsste.

Und schon war alles wieder gut. Hauptsache Glauben.

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23. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Zwei Seelen, ach! · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Ich habe keine Lust, etwas über den Streit zwischen Welt-Journalist Alan Posener und Thalia-Intendant Joachim Lux zu schreiben. Weil da zwei Meinungen in mir im Widerstreit liegen. So nämlich: Posener hat in der Welt einen Verriss geschrieben über die von mir hoch gelobte Hamlet-Inszenierung Luk Percevals. Worauf Lux einen offenen Brief an Posener bzw. an die Welt-Chefredaktion schrieb, dass das so nicht ginge.
Gefiel mir beides nicht. Zum einen: Den Artikel von Posener fand ich nicht besonders klug, in Teilen sogar inhaltlich gefährlich, zudem war ich bezüglich der Inszenierung ohnehin anderer Meinung. Zum anderen denke ich aber, dass ein Künstler sich nicht hinstellen sollte und beleidigt einen Protest formulieren, dass er sich missverstanden fühlt, egal wie niveaulos dieses Missverständnis formuliert wurde. Außerdem finde ich es unschön, wenn dieser Protest explizit an den Chef des Missetäters gerichtet ist, das hat einen Beigemschmack von „Bäh, ich geh jetzt zum Lehrer, Petzen!“ Ich erinnere an eine meiner allerersten Theaterkritiken, die schrieb ich für den Gießener Anzeiger über Roberto Galvan, damals Choreograph am Theater Gießen, und in jugendlicher Unbekümmertheit unterstellte ich seinen Arbeiten „Kraft-durch-Freude-Ästhetik“. Diese Ausdrucksweise kann man mir zurecht vorwerfen, dass allerdings der Gießener Intendant Guy Montavon nicht mir das vorwarf, sondern gleich zum Feuilletonchef rannte, das war doof. Und unsouverän.

Ich will also nichts über Posener und Lux und Hamlet schreiben. Ich will aber jemanden nennen, die das viel besser konnte: Karen Köhler, die ebenfalls einen offenen Brief an Posener schrieb. Uneitel, ehrlich, skrupellos im besten Sinne.

19. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Rosenkranz and Guildenstern are one · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Ach, was für eine Sehnsucht: als Hamburger Theatergänger endlich wieder eine Premiere zu sehen, von der man von Herzen angetan ist und nicht irgendwie indifferent (die Thalia-Eröffnung „Vor uns die Sintflut“), verärgert (die Schauspielhaus-Eröffnung „Frühlings Erwachen/Kids“) oder mit Hörnern auf dem Kopf (weil der Schauspielhaus-Nachklapp „Penthesilea“ zwar durchaus begeisterte, allerdings seine Premiere bei den Ruhrfestspielen hatte und in Hamburg demnach schon durchgenudelt war, ius primae noctis, Sie verstehen?). Überhaupt einmal: eine Premiere zu sehen und sich für die Ästhetik zu interessieren und nicht für die Mühen der kulturpolitischen Ebene. Ach!

Vielleicht kam am Samstag ja die eigentliche Spielzeiteröffnung, zwei Wochen verspätet: Luk Perceval inszeniert am Thalia „Hamlet“. Jeder Regisseur möchte „Hamlet“ inszenieren, jeder Schauspieler möchte Hamlet spielen, jeder Dramatiker möchte „Hamlet“ geschrieben haben, Perceval macht es möglich: Er lässt Feridun Zaimoglu und Günter Senkel eine Neufassung des Shakespeare-Textes schreiben, und die Titelrolle bietet er auch gleich zwei Schauspielern an: Josef Ostendorf, alt, breit, schwer, und Jörg Pohl, jung, cool, lebendig. Was wie eine Schrulle klingt, aber ein Geniestreich ist: Perceval verändert die Figur des Dänenprinzen damit hin zum Pathologischen, lässt ein schizophrenes Krankheitsbild durchscheinen, das so tatsächlich auch schon bei Shakespeare angelegt ist. Aber: Die Besetzung Ostendorf/Pohl mag spektakulär sein, um einen Hamlet, der im Mittelpunkt steht, geht es hier nicht. Jede Rolle ist genau ausgearbeitet, jeder Darsteller weiß seine Rolle perfekt zu füllen, von Birte Schnöink als wunderbare Tomboy-Ophelia über Gabriela Maria Schmeide, die Hamlets Mutter mit Mut zu allen Pölsterchen eines Frauenkörpers gibt, bis hin zu Mirco Kreibich, in dem Rosenkranz und Güldenstern zu einer einzigen Slapstick-Figur des Grauens vereint sind. Man kann gar nicht genug schwärmen von diesem Ensemble, von dieser klugen Regie, die allen Darstellern ihren Raum gibt und sie dennoch in einen Inhalt zwingt, der Shakespeares Helsingör als monströs-grotesken Kinderalptraum zeigt.
Und darum geht es ja in erster Linie: um Inhalte. Perceval hat schon einmal mit dem Team Zaimoglu/Senkel einen Shakespeare bearbeitet, „Othello“, 2003 an den Münchner Kammerspielen. Thomas Thiemes Othello war damals der angepasste Fremde im Establishment, „Abitürke“ würde ihn Zaimoglu nennen, der zwar deutscher ist als die Deutschen, aber dennoch nie akzeptiert wird (und gegenüber dem alle Aggressionen aufgefahren werden, sobald er es wagt, die Blutsdeutsche zu ficken). Das war kluges, kraftvolles, vor allem eindeutig aufs Heute bezogenes Theater, und Perceval hätte es sich leicht machen können, indem er Zaimoglu und Senkel auch den „Hamlet“ konsequent in die Gegenwart schreiben ließe. Dass er das nicht gemacht hat, ist der größte Pluspunkt dieser Inszenierung: Perceval lässt Hamlet in einen zeitlich nicht einmal in groben Zügen fixierten Alptraum fallen, er ist ein Kind, das Grauenhaftes durchgemacht hat, Vater tot, Mutter frisch verheiratet, Kind einsam und ohne Freunde. Dass die Umgebung auf den Jungen grotesk wirkt, wer mag es ihm verdenken? Dass er ins Trauma und in den Wahnsinn flüchtet – ist es ein Wunder? Dass er sich aufspaltet, dass er mit sich selbst redet: klar, wo er doch nicht weiß, wem er trauen kann.

Langer Applaus, selbst für das Regieteam, was in Hamburg bemerkenswert ist: Ach, was für eine Sehnsucht. Und doch, und doch: Etwas ging verloren. Ein wenig nämlich der Charme des Thalia Theaters, seit Joachim Lux vor einem guten Jahr hier die Intendanz übernommen hatte: Eine Ästhetik des Unfertigen, der Angreifbarkeit hatte sich hier entwickelt, ein Bewusstsein der Brüchigkeit eigenen Könnens. Das war manchmal spröde, manchmal ärgerlich, vor allem war es aber ein Zugriff aufs Theater, den sonst kaum ein Haus wagte. Das scheint vorbei, die Macher dieses „Hamlet“ wissen wohl sehr gut, welche Qualität diese Inszenierung hat. Andererseits: Wenn diese Arbeit nicht zum Theatertreffen eingeladen wird, dann weiß ich auch nicht, und ein Stück weit kommt es auch darauf an, klar.

Edit: Diese Arbeit ist der fünfte Hamlet, der an einem großen Hamburger Theater gezeigt wird, seit ich in der Stadt wohne. Und ob solche eine Häufung von Dänenprinzen in einer ja nicht unbedingt als Theatermetropole zu bezeichnenden Stadt optimal ist, sollte man schon einmal überlegen. Die übrigen:

1999, Hamlet, Schauspielhaus/Wiener Festwochen, Regie: Peter Zadek
2000, Hamlet, Thalia, Regie: Jürgen Kruse
2008, Hamlet, Thalia, Regie: Michael Thalheimer
2009, Hamlet, Schauspielhaus/Malersaal, Regie: Klaus Schumacher