Vorbemerkung: Nachdem ich gestern diesen Post geschrieben hatte, dachte ich, dass klar würde: Es geht hier nicht um eine Abwertung dessen, was landläufig als “Provinz” bezeichnet wird, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit den Problemen, die konkret ich mit Provinz habe. Im Laufe des Abends dachte ich mir: Doch, das versteht man falsch! Man denkt, ich würde mich mokieren! Man denkt, ich würde mich für was Besseres halten! Dann schrieb Mark einen Text, in dem er beschreibt, wie glücklich er über seinen Umzug von Hamburg nach Berlin ist. Dann fragte mich K., wie es gewesen sei, “in der Provinz.” Und als ich meinte, dass das keine Provinz war, weil ich doch eine tolle Theaterinszenierung gesehen hätte, antwortete sie, dass es doch eine Stadt nicht vom Provinzmakel befreien würde, wenn es dort tolles Theater gebe: “Braunschweig! Da gibt es doch nichts!” Und da dachte ich mir: Vielleicht ist das Thema ja doch komplizierter als gedacht. Vielleicht ist es doch nicht falsch, den Artikel stehen zu lassen.

Die schöne, kluge Frau ärgert sich darüber, wenn ich über die Provinz herziehe, und natürlich hat sie damit recht. In Hamburg zu leben, ist keine Leistung, auf die man wahnsinnig stolz sein muss, im Gegenteil, 1,7 Millionen Menschen leben hier, und wenn man mal von den Problemen absieht, eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden, wird einem dieses Leben nicht wirklich schwer gemacht. Beziehungsweise, ich denke, es würde einem schwerer gemacht, wenn man zum Beispiel in Cottbus leben müsste. Und schwul wäre. Und/oder dunkelhäutig. Und/oder linksradikal. Aber andererseits habe ich keine Ahnung, und wenn ich über Cottbus rede, dann ziehe ich eigentlich schon wieder über die Provinz her, erwischt!

Aber warum ziehe ich eigentlich über die Provinz her? Weil ich meinen eigenen, zutiefst provinziellen Charakter nicht losbekomme. Weil ich höllisch darunter leide, dass Hamburg selbst von Tag zu Tag provinzieller zu werden scheint. Weil erst C. nach Berlin zog und dann M., und gestern bekomme ich auch noch eine Mail von T., der Berlinhasserin T., die sich fragt, ob es nicht das Beste wäre, aufzugeben, die Koffer zu packen und loszuziehen, nach Berlin. Mein kleines, liebes Blog, mein Schreiben über “das Leben in der Stadt” (wie ich es in meiner Kurzbio auf Nachtkritik formuliert habe), das ist doch nur ein Abarbeiten an der Provinz. Provinz, das ist nicht das Land (doch, das liebe ich), das ist auch nicht die Metropole (doch, die liebe ich auch), das sind die derzeit 65 Städte zwischen 100000 und 500000 Einwohnern, in denen die meisten Einwohner Deutschlands leben, prozentual mehr als in jedem anderen Land Europas. Halle, Bottrop, Salzgitter, Städte, die nie in den Nachrichten auftauchen, nie in den Feuilletons, Städte, in denen man nicht tot überm Zaun hängen möchte, was tun die Leute dort, um Himmels Willen? (Ich nehme einfach mal an: Sie leben. Sie arbeiten, besuchen Ausstellungen, gehen auf Konzerte, sie verlieben sich, bekommen Kinder, trennen sich. Häufig leben sie wahrscheinlich ganz glücklich, dort.)

Am Wochenende jedenfalls war ich Braunschweig. Ich kenne Braunschweig nur vom Durchfahren, der Blick vom Bahnhof: ein Alptraum in Brutalismus, aber Blicke von Bahnhöfen sind nicht besonders repräsentativ für eine Stadt, schon klar. Ansonsten ist Braunschweig Provinz für mich, 250000 Einwohner, geographisch wie metropolenmäßig zwischen Chemnitz und Gelsenkirchen. Allerdings mit riesigem Theater: 900 Plätze, das ist fast das Niveau des Hamburger Thalia, da fragt man sich schon, weswegen diese Bühne es überregional schwer hat. Zumal in der aktuellen Saison hier Leute wie Stephan Rottkamp inszenieren, Patrick Wengenroth oder Mareike Mikat – das sind ja alles keine Provinztrottel, das sind Leute, die ansonsten fest an der Schaubühne inszenieren, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Münchner Volkstheater, ich meine ja nur. Und auch die Premiere, die ich mir anschaue, Williams’ “Die Katze auf dem heißen Blechdach” in der Inszenierung von Anna Bergmann hätte in dieser Form problemlos in Hamburg oder Berlin gezeigt werden können, wobei, vielleicht ist das schon wieder der doofe Metropolenblick, der einer Kulturinstitution gönnerhaft zugesteht, “berlinfähig” zu sein. Vielleicht hätte man auch einfach sagen können: Diese “Katze auf dem heißen Blechdach” war eine gute Inszenierung, Punkt. Eine gute Inszenierung, von der niemand erfährt, weil, Braunschweig, das ist doch Provinz, da fährt man nicht hin.

(Was tatsächlich überall in der Provinz rumsteht: Häuser von Friedensreich Hundertwasser, Architektur an dem Punkt, an dem die Avantgarde in Kitsch umschlägt. In Braunschweig gibt es kein Hundertwasser-Haus, dafür aber eines von James Rizzi. Sieht auch nicht besser aus.)