Strunks Erinnerungen an eine Siebzigerjahrekindheit zwischen Triebstau, trister Vorortenge und rockigen Ausbrüchen als Aushilfsmucker bei der „geil abliefernden“ Schützenfestkapelle „Die Tiffanys“ sind von berührender Genauigkeit. Zudem schafft es das neue Schauspielhaus-Ensemble, gerade die „Tiffanys“-Szenen erschreckend lebensecht zu gestalten, nicht zuletzt Stephan Schad gibt Bandleader Gurki mit triefender Öligkeit, der zwischen die endlosen Karnevalsschlager heimlich auch eine Zwo-Drei-Vier-Version von Slimes „Bullenschweine“ schmuggelt. Was man wahlweise als Subversion in der Mitklatschhölle lesen kann oder als resignatives „Ist doch eh’ alles wurscht“.

Die junge Welt hat meinen Artikel zu Studio Brauns “Fleisch ist mein Gemüse” am Deutschen Schauspielhaus hinter eine Paywall gesperrt. Ausgerechnet die alten Marxisten. Andererseits bedeutet Marxismus ja nicht, dass man seine Arbeit freigiebig verschenken sollte, oder? Vielleicht sollte ich mich einmal genauer mit Bezahlmodellen im Internet beschäftigen? Ich könnte den Text natürlich einfach hier ein zweites Mal veröffentlichen, ist mir aber auch zu blöde. Wen es interessiert, wie ich die Premiere fand (auf eine unbefriedigende Weise gut), der kann sich eigentlich auch das Printprodukt kaufen. Oder ein Online-Kurzabo abschließen. Oder er kann mich fragen, die Leute sollten ohnehin mehr miteinander reden, finde ich.

Außerdem lasse ich alle Fünfe grade sein und spare mir auch die mittlerweile ungute Tradition gewordene Kritik zum Sonntagabendkrimi. Der war gestern ein Polizeiruf 110 namens “Einer trage des anderen Last” und war ganz großartig, ich meine, Charly Hübner geht mit seinen 200 Pfund Lebendgewicht auf immer dünnerem Eis, Anneke Kim Sarnau fällt ins Koma, und die leider verstorbene Maria Kwiatkowski wird von sexy Hans Löw gefoltert, was will man denn mehr, an einem Sonntagabend?

(Seit ich neben meiner eigentlichen Arbeit auch noch für andere Medien schreibe, fühle ich mich ein wenig wie eine alles in allem glückliche Ehefrau, die sich heimlich anderen Männern hingibt, gegen gar nicht einmal so besonders viel Geld. Ich bin Catherine Deneuve in Belle de Jour, glam!)