Die schöne, kluge Frau ist skeptisch, was diese ganze Bloggeschichte angeht. Blogs seien eigentlich nur etwas für Leute, die ein unglaublich spannendes Leben führen würden, wer nichts Spannendes erleben würde, der brauche, nach Meinung der schönen, klugen Frau, auch nicht zu bloggen. Außerdem würde man durch Blogs immer wieder auf die Differenz zwischen dem eigenen, langweiligen Leben und dem spannenden, berichtenswerten Leben des Bloggers hingewiesen, was in letzter Konsequenz demütigend sei.

Ich bin mir nicht sicher. Natürlich gibt es Blogs, die auf der Sensation des Erlebten aufbauen, Isabel Bogdans Serie „Sachen machen“ etwa (die ich gar nicht mehr als Blog bezeichnen würde, sondern eher als eine Art literarischen Onlinejournalismus, wenngleich sie ihren Ursprung zweifellos im Bloggen hat), Meike Winnemuths wunderbare Weltreise. Aber wenn die Lehrerin Frl. Krise Alltagsgeschichten aus ihrem Berufsleben erzählt, dann ist da doch nichts Sensationelles dabei? Oder wenn die Prenzlbergbewohnerin Modeste ihr Leben in der Bionade-Bohème beschreibt? Oder wenn Anke Groener ins Stadion geht? (Ich verweise ausschließlich auf Frauenblogs, fällt mit gerade auf. Ich muss meinen Blick ein wenig weiten, Vorsatz für die nächsten Wochen!) Nein. Und wenn ich beschreibe, wie es war, neulich, bei derundder Vernissage, dann ist das doch auch keine sensationelle Abendgestaltung, dann ist das doch einfach nur das Beschreiben eines Lebens, das jeder, den es interessiert, einfach nacherleben kann. Was ich an Blogs so mag: Sie scheren sich nicht um Berichtenswertes, sie halten einfach drauf, ein paar Interessierte werden sich schon finden. (Und wenn nicht, dann ist es auch kein Beinbruch.) Man könnte auch sagen: Ein gutes Blog entdeckt das Sensationelle im Alltäglichen.

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes erzählen.

Antje Schrupp veröffentlichte gestern einen klugen Artikel zum Verhalten (bzw. eher zum Nicht-Verhalten) in sozialen Netzwerken. Sie beschrieb dabei das Treffen mit einer entfernten Bekannten, die zwar einen Facebook-Account habe, den aber praktisch nicht nutze.

Sie sagte Ja, sie sei bei Facebook, da komme man ja nun heutzutage nicht drum herum. Allerdings würde sie dort keine Informationen von sich preisgeben, man wüsste ja, dass damit schreckliche Sachen gemacht werden. Die meisten Leute wären doch viel zu leichtfertig und würden jeden Unfug da hinschreiben. Außerdem wären das alles Angeber und Wichtigtuer und Selbstdarsteller.

So etwas höre ich häufig, und natürlich fühle ich mich angegriffen. Und stelle mir darauf Fragen: Bin ich ein Wichtigtuer und Selbstdarsteller? Bin ich egozentrisch? „Dich interessiert doch nicht, was du erlebst/nur das, was du davon erzählen kannst“, singt Jochen Distelmeyer, es ist nicht schwer, „erzählen“ durch „bloggen“ zu ersetzen. Andererseits muss man auch Jochen Distelmeyer nicht alles glauben, man kann auch fragen: Was ist eigentlich schlecht daran, etwas zu erzählen? Was ist schlecht daran, auf Facebook ein niedliches Hundefoto zu posten, ein paar nette Menschen finden es süß und klicken auf „gefällt mir“? (Zum Beispiel das: dass das Leben nicht nur aus niedlichen Hunden besteht, bei der selektiven Auswahl an präsentierten Fotos aber genau dieser EIndruck entstehen könnte.)

Das Web 2.0, namentlich Facebook, ist in seinen Grundzügen all das, was ich (und auch andere, zum Beispiel Leo Leowald) nicht gut finde. Eine Massenbewegung. Uramerikanisch. Zutiefst kapitalistisch. Ich weiß, dass ich mit jeder Statusmeldung mein Profil genauer ausdifferenziere und damit Mark Zuckerbergs Reichtum ein Stück weit mehre. „If you’re not paying for it, you’re not the customer; you’re the product being sold“: Natürlich macht Facebook die Daten, die ich alltäglich hinterlasse, irgendwie zu Geld, übers Marketing, aber auch auf anderen Wegen. Weswegen stand ich neulich eigentlich so ewig lange am Sicherheitscheck im Flughafen, weswegen wurde mein Gepäck wieder und wieder durchleuchtet? Jetzt bloß nicht paranoid werden. Die anderen Gegenargumente gegen Facebook, na gut, es ist schon ein amerikanisches Unternehmen, allerdings ist die „Friends“-Oberflächlichkeit in meinen Augen ja wohl der sympathischste Charakterzug US-Amerikas überhaupt. Und es ist eine Massenbewegung, okay, die S-Bahn ist ebenfalls eine Massenbewegung, und trotzdem fahre ich jeden morgen mit ihr zur Arbeit. Es hilft nichts: Da einzige, was man wirklich gegen Facebook vorbringen kann, ist die Tatsache, dass die unsere Daten grundkapitalistisch motiviert nutzen, und wir gar nicht genau überblicken können, wie diese Nutzung tatsächlich vonstatten geht. Das ist das einzige, aber es ist so wichtig, es sticht eigentlich alle anderen Argumente.

Ich aber, ich mag meinen Facebook-Account trotzdem. Weil Facebook ein leidlich funktionierendes Tool ist, um unverbindliche Freundschaften aufrechtzuerhalten (und, hey!, ich stehe auf unverbindlich!). Weil ich über Facebook immer wieder Leseempfehlungen bekomme, die mich weiter bringen. Wegen der niedlichen Hundefotos. Und weil es Spaß macht, immer wieder meinen Senf zu Diskussionen zu geben, die irgendwo aufpoppen, unerwartet.

Und deswegen nervt es mich, wenn Leute, mit denen ich gerne Hundefotos teilen würde, nicht auf Facebook sind, schlimmer: Wenn diese Leute sich auch noch etwas darauf einbilden, nicht auf Facebook zu sein. Ich weiß, dass das blöde ist, es gibt ja wirklich genug gute Gründe, Facebook zu boykottieren. Mich ärgert es trotzdem.

12. Dezember 2010 · Kommentare deaktiviert für Flogging a dead horse · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , ,

In der Schule waren das immer die Fiesesten: die gegenüber den Beliebten buckelten und gleichzeitig diejenigen traten, die ohnehin keine Freunde hatten. Kaum noch Freunde hat heute: Myspace. Myspace ist prollig, unübersichtlich, verspammt, grundsätzlich langweilig und außerdem von Murdoch. Beliebt hingegen ist Facebook. Jeder ist auf Facebook, Facebook macht Spaß, ist Telefon und SMS und E-Mail gleichzeitig, auf Facebook treffe ich Freunde, mache Statusmeldungen, chatte und spiele. (Und dass Facebooks Mark Zuckerberg vielleicht gar keine sympathischere Figur ist als Rupert Murdoch, verdränge ich erfolgreich.) Niemand mag Myspace, also, niemand von den Leuten, die ich mag. Und deswegen habe ich jetzt, endlich, meinen Account gelöscht und bin nur noch auf Facebook aktiv (und manchmal auf dem komischen Xing). Tschüss, Myspace.

Aber ganz kurz möchte ich noch daran erinnern, dass Myspace auch einmal ganz cool war, das nächste dicke Ding, ein Ort, an dem man spannende Entdeckungen machen konnte. Die Chicks on Speed erzählen davon, in „Myspace“ (2007).

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