Und ja, irgendwann bin ich ausgestiegen, aus diesem „Tatort: Der Weg ins Paradies“, irgendwann habe ich nicht mehr kapiert, wer jetzt wen observiert, die Al-Quaida-Hilfskraft den Wie-immer-Superbullen Cenk (Mehmet Kurtulus), das BKA die Al-Quaida-Hilfskraft oder jemand ganz anders (wie sagt der gewohnt unsympathisch als BKA-Scherge besetzte Martin Brambach einmal? „Da sind sicher noch ein paar andere Dienste unterwegs“; mysteriös!) das BKA. Ich habe dann einfach nicht mehr verstanden: Ab welchem Punkt war klar, dass die religiösen Fanatiker (Merke: Wer beim „Tatort“ „Islam“ sagt, der muss im nächsten Satz „Terror“ sagen! Und wo bleibt eigentlich mal der Krimi, der keine muslimischen Selbstmordattentäter zeigt, sondern freikirchliche Apokalyptiker, die die Reeperbahn vom unchristlichen Schmutz reinigen wollen, ich mein‘ ja nur?) gar nicht das Hamburger Congress Center in die Luft jagen wollen, sondern einen x-beliebigen Linienbus in einem ganz anderen Stadtteil? Und woher weiß Wie-immer-Superbulle Cenk eigentlich, welcher Bus das Anschlagsziel ist, wo doch alle möglichen Informanten kurz zuvor dekorativ von Kugeln durchsiebt wurden? Und dass es ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist, der gemeinsame Sache mit dem BKA macht und den in diesem Moment sogar recht verletzlichen Bullen Cenk vor der Enttarnung rettet, das ist entweder eine hübsch subversive Volte des Drehbuchs, oder dieser Krimi wurde gedreht, als der syrische Geheimdienst noch ein besseres Image in der Weltpolitik hatte als gerade. Ach, egal. Ich schaue ja auch gar nicht mehr, der Abschiedsschmerz vernebelt mir den Blick.
Weil nämlich diese NDR-„Tatorte“ mit Mehmet Kurtulus einfach: großartig sind. Weil kein „Tatort“ sonst so genau mit den Eigenarten seines Drehorts umzugehen weiß, diese Coolness der Stadt Hamburg, die man immer sehr schnell als Kälte wahrnimmt, als Kälte, vor der man nur in speckigen Hamburger-Berg-Pinten einen Rückzugsraum findet. Weil der Migrationshintergrund Cenk Batus zwar Thema ist, meist aber nicht in den Vordergrund drängt (bis auf heute, wie gesagt, der Islam-Terror-Reflex), was vergleichbar eigentlich nur noch bei der von Miroslav Nemec gespielten Figur des Ivo Batic in München der Fall ist. Und weil die Regie in Hamburg eigentlich immer erste Sahne ist, heute in den Händen von Lars Becker, der sich zunächst ein hübsches James-Bond-like Intro in Marrakesch gönnt, bevor er kunstvoll Wie-immer-Superbullen Cenk als Verdeckten Ermittler in die Terrorzelle einschleust.
Und hier landet man vielleicht beim größten, vielleicht beim einzigen Problem der Hamburger „Tatorte“: dass Wie-immer-Superbulle Cenk kein Kommissarsbeamter ist, sondern ein Verdeckter Ermittler. So ein Verdeckter-Ermittler-Krimi sieht nämlich immer irgendwie gleich aus: Superbulle wird bei den Kriminellen eingeschleust, Superbulle droht, aufzufliegen, Superbulle durchschaut kurz vor Schluss, wie die Geschichte zusammenhängt und setzt alles auf eine Karte. Und dann fliegt noch ein Bus in die Luft. Tut mir leid, Entwicklungspotenzial ist was anderes.

Aber, ach, das ist egal, ist doch eh‘ alles egal. Weil Wie-immer-Superbulle Cenk noch einen einzigen Fall lösen wird, bis dann Worst Case Til Schweiger an der Elbe ermitteln wird („Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, das hat seine Gründe, und manche, die es nicht sind, haben so ihre Schwierigkeiten damit“ rhabarbert Filmproduzent Christian Granderath im SpOn-Interview, nur um im nächsten Satz die antiintellektuelle Karte zu spielen, dass man „nicht immer und überall den Hamlet geben“ müsse, um gut und spannend zu unterhalten, unterste Schublade, echt.) Und dann wird es vorbei sein mit klug ausgelebten Figuren, dann wird es vorbei sein mit dem irgendwie echten Image einer Stadt, die ich auf der einen Seite hasse und auf der anderen Seite liebe, dann wird es vorbei sein mit so süßen wie schönen Polizistengespielinnen wie der charmant-kratzbürstigen Gloria (echt hübsch: Anna Bederke, die meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst fürs uMag porträtierte), von der sich Wie-immer-Superbulle Cenk cool unsouverän unter den Tisch trinken lässt. Und schließlich wird Peter Jordan nicht mehr seine 1-A-Nazifrisur in die Kamera halten dürfen.

Wird mir fehlen, das alles.

(So mittel: Matthias Dell im Freitag. Superb: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Ganz hübsch spannend: der Wahlberliner. Waaaaaarum? Anna im Wunderland. Eine Steigerung ist kaum möglich: der Stadtneurotiker.)