27. Juni 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (Juli 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , ,

Es nervte: Hier, auf der Bandschublade, auf Artikel zu verweisen, die ich andernorts veröffentlicht habe, für Geld. Das hatte sich zu so einer Pflichtgeschichte entwickelt, immer zum Monatswechsel schrieb ich einen Post nach dem anderen, weil ich (zumindest im Printbereich) sehr auf Monatsmedien fixiert bin, die Bandschublade war dann für ein paar Tage nur noch ein Durchlauferhitzer auf andere Seiten, während es im restlichen Monat so aussah, als ob ich nur auf der faulen Haut liegen würde. Das muss anders werden: Von nun ab sammle ich zum Monatsbeginn, was ich geschrieben habe. Und tagesaktuelle Texte, mal was aus der jungen Welt, mal was aus der Nachtkritik, können sich ja immer noch dazwischenschmuggeln.

Fürs uMag habe ich ein frustrierendes MIttagessen im ansonsten sehr empfehlenswerten Café Johanna protokolliert. Beziehungsweise den Monolog am Nebentisch.

Was ich abends so mache? Och, ich gehe ständig ins Kino, zweimal die Woche, mindestens. Aber immer nur mit Männern. Mit Frauen ist das nicht so … Keine Ahnung, wann da das letzte Mal was gelaufen ist, das war jedenfalls noch in München. Sicher, immer mal wieder bisschen rumgemacht, aber irgendwie lerne ich einfach keine Frauen mehr kennen, also, ich mein‘, ich lerne Frauen nicht mehr richtig kennen. Das liegt auch daran, dass wir alle immer im Wettbewerb stehen, der Mann braucht richtig Kohle, einen großen Schwanz, muss gut aussehen, witzig sein, HAHAHAHAHA, sicher, trifft alles auf mich zu, trotzdem … Ich glaube, das geht alles viel zu schnell heute, man ist gleich am ersten Abend miteinander im Bett, man bewertet sich sofort, da können sich doch keine tieferen Gefühle mehr entwickeln. Zumindest bei mir nicht.

Außerdem habe ich mir Gedanken über die Veränderungen in der freien Theaterszene gemacht, angesichts der Tatsache, dass Matthias von Hartz neuerdings das Berliner Festival Foreign Affairs leitet. Was in dem Text vielleicht ein wenig zu kurz kommt: Ist es beunruhigend, wenn eine einzige Personalie die ganze Szene durcheinander wirbelt? Und nimmt der (im übrigen sehr geschätzte, ich bin in dieser Frage nicht ganz unabhängig) von Hartz womöglich im freien Theater die Funktion eines Paten ein?

Jetzt aber hat von Hartz seine Jobs in NRW und Hamburg aufgegeben und führt ab diesem Sommer das Festival Foreign Affairs im Rahmen der Berliner Festspiele. Da macht er das, worin er bislang auch schon gut war: Er zeigt internationales, mehr oder weniger der postdramatischen Richtung verpflichtetes Theater vom Nature Theatre of Oklahoma oder von William Forsythe. Dazu gibt es feines, kunstnahes Musikprogramm mit Bands wie Gravenhurst, The Notwist und Apparat. „Ein Festival ist immer eine Ausnahmesituation, in der Begegnungen möglich sind, für die der Alltag keinen Raum lässt“, sagt von Hartz.

Und schließlich habe ich (ausschließlich online) einen Text geschrieben über neue weibliche Role Models im US-Fernsehen und nach und nach auch im Kino. Der Beitrag ist eher resümmierend, nichts neues also für TV-Junkies, die sich jede Serie schon kurz nach der Erstausstrahlung aus dem Netz ziehen, und womöglich wäre es auch besser gewesen, hätte das eine Frau geschrieben. Aber: Auf die Überschrift „Begnadete Schussel“ bin ich wirklich recht stolz.

Alle sind sie ungeschickt, ach was, es sind begnadete Schussel. Und alle sind sie zutiefst menschenfreundlich. Mag das Schicksal es auch noch so hart mit ihnen meinen, sie denken nicht an ihren Vorteil, sondern wollen die Welt einerseits naiv, andererseits grundsympathisch ein wenig besser machen – sie sind Gutmenschen im besten Sinn, das unterscheidet sie von den neoliberalen Trullas aus „Sex and the City“.

In Theater heute habe ich einen längeren Artikel veröffentlicht zum Themenwochenende „Old School“ auf Kampnagel, einem Wochenende, mit dem ich mich vor einiger Zeit schon für meine momentan bloggermäßige Hauptspielwiese Les Flâneurs beschäftigt habe (wie immer macht Theater heute seine Artikel nicht frei online zugänglich, daher hier keine Links).

Der Chor singt Schuberts „Am Brunnen vor dem Tore“, gar nicht einmal schlecht, aber dann schleichen sich Misstöne ein, einzelne Sänger brechen aus, die Streicher spielen plötzlich minimal neben der Melodie, jemand beginnt, zu plaudern, dann löst sich auch das Bühnenbild auf … Und mit einem Schlag ist die Struktur dahin, die Kontexte des Stücks zerfallen wie die schwächer werdenden Körper der Protagonisten.

Ebenfalls in der Theater heute gibt es noch eine Besprechung von Schillers „Die Räuber“ am Theater Bremen in der Regie Felix Rothenhäuslers, quasi der Abschluss meiner einjährigen intensiven Beschäftigung mit diesem Haus.

Die Bühne ist nackt, und nackt ist auch Claudius Franz, der als Franz von Moor erste Worte ans Publikum richtet, zögernd, textnah, den ganzen, inhaltlich nicht unproblematischen Monolog eines zu kurz Gekommenen: „Warum gerade mir die Lappländernase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen?“ Man glaubt dem (allen landläufigen Kriterien nach durchaus gutaussehenden) Schauspieler dieses Lamentieren freilich nicht, mehr noch: Er selbst scheint nicht zu glauben, was er da erzählt, Körper und Text fallen auseinander, nur ganz langsam tastet sich Franz in seine Rolle vor.

Außerdem habe ich noch Kurzbesprechungen veröffentlicht, in der kulturnews: über „Fliegende Liebende“, den neuen Film von Pedro Almodóvar:

Optisch erinnert das ein wenig an eine sympathische Variante von Tuntenkomödien wie „(T)Raumschiff Surprise“. Almodóvar aber darf das, weil er selbst bei Pupswitzen nicht nur an den Lacher denkt, sondern auch an die Geschichte des Pupswitzes.

Und über „Flughunde“, die Graphic-Novel-Adaption von Marcel Beyers Roman durch die großartige Künstlerin Ulli Lust, mit der der schlingernde Suhrkamp-Verlag sich ziemlich eindrucksvoll im Bereich des visuellen Erzählens profliert:

„Flughunde“, eine verschachtelte, vielstimmige Erzählung aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Kein leichtes Unterfangen, Beyer berichtet weder chronologisch, noch ist seine Perspektive immer so deutlich, dass eine eindeutige Bebilderung vertretbar wäre. Lust löst diese Problematik, indem sie tagebuchartige Passagen, surreale Bilder und den von ihr gewohnten reportagehaften Stil nebeneinander stellt, sie versucht gar keine einheitliche Bildsprache, sondern übernimmt Beyers Brüche und Uneindeutigkeiten in ihre ureigene Ästhetik.

Vielleicht ist S.‘ Meinung in ihrer Uneindeutigkeit des Eindeutigste, was ich erwarten kann. Grau sei der Bereich, in dem ich mich bewege, nicht schwarz, nicht weiß, nicht verwerflich aber auch nicht mehr zweifellos in Ordnung. Okay.

Mir war unwohl, als die Anfrage kam, ob ich nicht einen Artikel schreiben möchte für ein Buchprojekt, das die fünf Jahre rekapituliert, die Matthias von Hartz Leiter beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel war. Für ein Buch, dessen Texte verfasst würden von Wissenschaftlern, Künstlern, Theaterfunktionären. Und von einem Journalisten, von dem ein kritischer Kommentar zu den vergangenen fünf Jahren erwartet wurde: von mir. Mir war unwohl, weil das bedeuten würde, dass ich plötzlich auf der Seite derer stehen würde, über die ich ansonsten berichte, kritische Rekapitulation hin oder her, nicht zuletzt ökonomisch würde das einen Interessenskonflikt bedeuten. Oder?

Ich fragte meine Freunde auf Facebook. „Mach das, gar kein Problem!“ antworteten die Freunde, die nichts mit Journalismus zu tun haben, Künstler meist, Theatermacher, Schriftsteller. „Geht gar nicht!“ antworteten die Freunde, die journalistisch arbeiteten. „Grau“, antwortete S.

Die Grenzen verschwimmen. Ich mag das Theater ja, ich interessiere mich für Theaterthemen, und wenn es gut läuft, dann merken die Theatermacher: Da ist einer, der interessiert sich wirklich für uns. Man beginnt, sich zu mögen. Aber wo ist die Grenze, ab welchem Punkt ist man kein kritischer Beobachter mehr? Dort, wo man sich mag? Sobald man mit der Pressesprecherin betrunken unterm Tisch liegt, sobald man mit dem Dramaturgen knutscht? Oder sobald man Aufträge annimmt, hier in eine Jury geht, dort einen Text für ein Programmheft schreibt, da als Fachmann auf einem Podium sitzt?

Ich habe versucht, mich als Journalist aus der Berichterstattung übers Sommerfestival so gut es geht rauszunehmen. Das Interview mit dem Schwabinggrad Ballett fürs uMag führte nicht ich, sondern meine Praktikantin Nele. Theater heute zog den Wunsch nach einem Artikel von sich aus zurück, nachdem ich von meiner Situation berichtete. Für die Nachtkritik habe ich zwei Texte geschrieben, wenn ich sie heute noch einmal lese, fällt mir auf: Womöglich war ich kritischer als es angemessen gewesen wäre, womöglich versuchte ich, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das ist alles keine Lösung. Aber niemand soll glauben, dass ich es mir leicht machen würde.

(Lesetipp: Falk Schreiber, Immer diese Widersprüche. In: Matthias von Hartz (Hg.), Besser wär’s, es gäbe wirklich was zu feiern. Kunst und Politik beim Internationalen Sommerfestival Hamburg 2008-2012. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012. S. 24-29)

19. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Ich verstehe praktisch gar nichts von Wirtschaft · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Matthias von Hartz hat in seiner letzten Saison als Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals die „Grenzen des Wachstums“ ausgerufen. So ein politisches Motto klingt großartig und schleift sich im Festivalalltag schnell zur bloßen Behauptung ab, weswegen es zur Festivalmitte regelmäßig eine Art politisch-theatralen Marathon gibt, dieses Jahr unter dem Namen „Ausgewachsen“: „Wirtschaftswissenschaftler … Scharlatane, Gelehrte und Künstler“ beschäftigen sich acht Stunden – einen Arbeitstag lang – mit Wachstumsgrenzen, bereiten „uns mit Tanz und Theorie, Musik und Schnaps auf das neue Leben“ vor. Und Schnaps, hey!, da freut sich der prototypische Arbeitnehmer doch drauf, am Ende des Arbeitstages!

Vor den Schnaps aber hat der Herr die Theorie gesetzt, und für die sind zuständig: Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler aus Oldenburg, und Ulrich Brand, Politikwissenschaftler aus Wien. Die sorgen in zwei Kurzvorträgen erstmal dafür, dass man als ökonomisch nicht allzu beschlagener Theatergänger nicht glauben mag, dass jemand, der auch nur halbwegs seine Sinne beisammen hat, für mehr Wachstum plädieren könnte.

Wenn ich mir überlege, was ich in den vergangenen 40 Jahren falsch gemacht habe, dann steht recht weit oben: Ich habe mich nicht ausreichend mit Wirtschaft auseinander gesetzt. Ich habe mich eigentlich überhaupt nicht mit Wirtschaft auseinander gesetzt, da war ich immer zu arrogant für, Wirtschaft, das ist doch der langweilige Kram, der Typen interessiert, die sich um ihre armselige Karriere sorgen, mit mir hat das nichts zu tun! Und was habe ich jetzt von meiner Arroganz? Die Wirtschaft findet statt, rund um mich herum, und ich verstehe nur Bahnhof. Griechenland, Sozialsystem, Kultursubventionen: Bahnhof. Um mich herum werden Entscheidungen gefällt, und ich muss das einfach geschehen lassen, weil, ich kann ja nicht mitreden.

Auch beim Theatermarathon „Ausgewachsen“ zum Thema Grenzen des Wachstums auf Kampnagel: Bahnhof. Aber wenigstens reicht mein Nichtverstehen, um für die Nachtkritik aufzuschreiben, was ich alles nicht verstanden habe. (Man muss auch mit kleinen Dingen zufrieden sein.)

09. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Dämmertörn mit High Society · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Ach, Elbe, schönster Fluss der Welt! Die Elbe schlägt alles, in ihrer atemberaubenden Schönheit, in ihrer Mächtigkeit, ihrer Stille, ihrer Monströsität, die Elbe schlägt nicht zuletzt: die Kunst. Indem sie einfach da ist, nach Nordwesten fließt, nach Südosten fließt, je nach Tide. Die Elbe schlägt das Hafenrundfahrtkonzert „Die Ausgedehnten“, mit dem Schorsch Kammerun und Fabian Hinrichs das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffneten und damit, sorry für den Kalauer, krachend Schiffbruch erlitten.

So sieht es aus: Am frühen Abend treffen sich geladene Gäste an den Landungsbrücken, Politiker sind da, Kulturprominenz, lokale Größen, Journalisten auch. Erwartet wird eine Barkasse, bestiegen wird aber die MS Hamburg, eine Art Großyacht, Glamour für den Großburgwedeler Baggersee. Und mit der schippert man dann eine halbe Stunde elbabwärts, eine halbe Stunde elbaufwärts, an Containerterminals entlang, an Villen, irgendwann auch mal am Rohbau der Elbphilharmonie. Theater gibt es derweil auch. Man sieht Fabian Hinrichs nicht, aber er erzählt übers Bordmikro: wieviele Flachbildschirme in so einen Container passen, meine Güte, wer soll das alles anschauen? Das sind so die Momente, an denen der Abend das Sommerfestival-Motto „Grenzen des Wachstums“ aufzunehmen scheint, aber dann schaut man doch wieder dem Anzugträger auf der Reling zu, wie er auf das mit Bürobauten zugepflasterte Elbufer zeigt, „Perlenkette“ nennen die Stadtplaner dieses Quartier, und man denkt sich, dass der unbekannte Anzugträger wahrscheinlich ein Investor ist, der seinem Gesprächspartner gerade vorrechnet, welche Rendite eine Immobilieninvestition hier abwerfen würde. So denkt man, und man verpasst, was Hinrichs weiter erzählt, man verpasst auch, dass längst nicht mehr erzählt wird, sondern gesungen, im mittlerweile klassischen Goldene-Zitronen-Sound zwischen Krautrock, Elektronik, Jazz und spätem Postpunk. Man sieht ja auch nichts, das einzige, was man sieht, ist die Elbe, die wunderschöne Elbe.

Ach, es ist schade, dass dieser Abend so tranig den Fluss runtersuppt. Weil Schorsch Kamerun ein toller Querschläger in der Theaterwelt ist, der sicher einiges hätte sagen können, zu diesem Fluss, der gnadenlos durchkommerzialisiert die Stadt durchquert, wirtschaftliche Schlagader und touristischer Hotspot, einiges hätte Kamerun sagen können, wenn man ihm nur zugehört hätte. Es ist auch schade, weil Fabian Hinrichs ein göttlicher Performer ist, den man gerne erlebt hätte, live und nicht nur durch eine viel zu leise Schiffslautsprecheranlage. Und nicht zuletzt ist es schade, weil dieses Sommerfestival, für das „Die Ausgedehnten“ ja doch irgendwie ein Fanal sein soll, ein Startsignal, weil dieses Sommerfestival das letzte ist unter der Leitung Matthias von Hartz‘, dem wahrscheinlich politischsten Kopf, der momentan in der Theaterszene unterwegs ist, und der zukünftig das internationale Theaterprogramm „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele kuratieren soll. Da hätte man sich schon gewünscht, dass dieser zutiefst politisch denkende Theatermacher einen Abschied aus Hamburg bekommt, der vielleicht wirklich politisch ist und nicht nur dieser Dämmertörn mit High Society, als den man „Die Ausgedehnten“ leider wahrnimmt.

Aber die Elbe! Die versöhnt einen dann auch wieder, das ist wahr. Monströs und hässlich und atemberaubend schön: der schönste Fluss der Welt.

30. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Nicht fassbar, der böse Mainstream · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,


„Ein erfolgreiches Theaterprogramm macht sich leicht“, meint Festivalkurator Matthias von Hartz (im Rahmen dieses Gesprächs). „Für ein erfolgreiches Theaterprogramm brauche ich erstmal viel Geld, mit dem lade ich Batsheva ein, und schon habe ich drei Abende lang ein ausverkauftes Haus.“ Es ist eindeutig, dass von Hartz seinen Kuratorenjob anders versteht (was ihn nicht hinderte, Batsheva selbst schon zum Hamburger Sommerfestival einzuladen, vor zwei oder drei Jahren, ein beglückendes Erlebnis).

Und, ja, die Batsheva Dance Company aus Tel Aviv ist Mainstream. Tanz, der ein großes Publikum erfreut, ohne auch nur einmal unter Niveau zu unterhalten. Die erste Viertelstunde des Gastspiels „Sadeh21“ auf Kampnagel: eine Feier des trainierten Körpers, unironisch, perfekt, mehr Sport als Lust. Aber, klar, ich feiere mit, gleichzeitig bin ich schon jetzt ein wenig gelangweilt, weil, ich weiß ja schon, was als nächstes kommt, gleich tritt ein weiterer durchtrainierter Tänzer auf und zeigt eine atemberaubend tolle Bewegungsfolge, gerade kam einer von links, gleich dürfte also einer von rechts kommen. Und dann kommt einer von rechts. Toll.
Aber dann. Gibt es plötzlich leichte Irritationen, trägt eine Tänzerin plötzlich einen unvorstellbar hässlichen Badeanzug, überhaupt: die Kostüme! Trendfarben, sexy, sicher. Aber auch einen Tick zuviel, Sportklamotten, die die hippen Scheußlichkeiten der aktuellen American Apparel-Kollektion nachzeichnen. Plötzlich schweben die Tänzer im Abendkleid über die Bühne, plötzlich bildet das Ensemble einen Tanzkreis von schreiendem Kitsch, hält sich an den Händen, um Himmels Willen! Plötzlich ist das, was diese Frauengruppe da vorne macht, gar keine ausgefeilte Choreografie mehr, plötzlich ist das, hüstel, Luftgitarrenspiel.
Das ist alles kein Witz, klar. Dass ein Tänzer seiner Partnerin an einer Stelle mit einer harschen Bewegung die Hose runterzieht, das erzählt auch etwas über Geschlechterbeziehungen, das erzählt nicht zuletzt etwas über gewaltförmige Sexualität. Aber das sorgt auch dafür, dass perfekte Bewegung erstmal nicht mehr möglich ist, mit einer Hose, die irgendwo auf Knöchelhöhe hängt. Alles an „Sadeh21“ funktioniert, alles sabotiert dieses Funktionieren im nächsten Schritt gleich wieder. Alles ist großartig, sicher.

Und dass das vor Begeisterung tobende Publikum am Ende alleine gelassen wird, dass es keinen Vorhang gibt, dass dieses wunderbare Ensemble sich den tosenden Applaus nicht abholt, mag einen ganz anderen, trivialen Grund haben – es passt doch ins Konzept dieses tollen Stücks. Dieses Stücks, das dem Publikum ein Glücksgefühl verspricht, ihm dieses Glück aber auch immer wieder verweigert. Nicht fassbar, der böse Mainstream, der ganz böse.

(Batsheva Dance Company, Sadeh21, noch am 30.9. und am 1.10. auf Kampnagel, Hamburg)

Foto: Gadi Dagon