22. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Im düster verwinkelten Reihenhäuschen · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , ,

Ach, Saarbrücken, Stiefkind der Tatort-Fans. Aber wie soll man auch ordentliche Krimis machen, wenn man ein Setting hat, das so hinter den (Pfälzer) Bergen gelegen ist, dass man sich aber auch rein gar nicht vorstellen kann, wie hier Spannendes passieren soll, in der (nach Konstanz) zweitkleinsten deutschen Fernsehkrimistadt (selbst das als Provinz-Tatort gelabelte Münster hat rund 100000 Einwohner mehr als die saarländische Hauptstadt). Wie soll man ausgefeilte Charaktere zeichnen, wenn der zuständige Saarländische Rundfunk gerade mal ausreichend Etat für einen einzigen Fernsehfilm jährlich hat? Und wie soll man überhaupt eine vernünftige Arbeitsbeziehung hinbekommen, wenn man den Eindruck haben muss, dass da im Sender ein Redakteur sitzt, der eigentlich gegen sein Team arbeitet und seine Schauspieler über die Medien wissen lässt, dass ihre Geschichte „auserzählt“ sei und man zukünftig mit einem neuen Kommissarsdarsteller arbeiten wolle? (Der Neue wird, darauf kann man sich freuen, Devid Striesow sein, Großschauspieler, der schon mit so ziemlich jedem guten Regisseur der Republik gearbeitet hat, von Christian Petzold bis Tom Tykwer. Was den Umgangston im Hause SR nicht besser macht.)

Ach, Saarbrücken. Sarrebruck sagt man direkt hinter der Grenze in Frankreich, in einer Sprache, die weder französisch ist noch deutsch, nichts Halbes und nichts Ganzes.

Der heutige „Tatort: Verschleppt“ ist exemplarisch für die Probleme des Saarland-Krimis. Einerseits hat Regisseur Hannu Salonen hier einen ziemlich nervenzerrenden Schocker zu Wege gebracht, mit spekulativen, für die 20.15-Uhr-Schiene in ihrer Brutalität durchaus avancierten Bildern im Torture-Porn-Stil der „Saw“-Reihe. Außerdem weiß Salonen, soziale Gefüge zu skizzieren, er zeigt ein Saarland nach dem Strukturwandel, er zeigt dreckige, runtergekommene Vororte, er zeigt Industrieruinen, in denen nichts mehr produziert wird und in denen die ehemaligen Arbeiter Frettchen im Plattenbau züchten oder aber im Keller noch Näharbeiten erledigen, „schwarz“. Am Ende geht die Begeisterung für die Genrebilder ein wenig mit dem Regisseur durch, da wird der Nachbar (Patrick Hastert), der doch nur helfen will und dabei die Augen vor dem Grauen verschließt, allzu eindeutig als Problemspießer gezeichnet, da wird der Pädophile klischeehaft als im düster verwinkelten Reihenhäuschen vegetierendes Mutter- (beziehungsweise: Tanten-)Söhnchen aufgebaut. Trotzdem, alles in allem funktioniert dieser Krimi, zumal die Anlage der Kommissare nicht uninteressant ist, mit Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) als aus Rosenheim zugezogener Karrierebulle (von Bayern ins Saarland, so funktioniert Binnenmigration, nicht über die doof ausgereizte „Karriere in den USA“-Schiene, die uns das Kölner Team verkaufen möchte) versus im Saarmief verwurzelter Freund und Helfer mit (das ist neu und verweist auf das oben angesprochene Problem der nicht stringenten Charakterentwicklung) Alkohol- und Aggressionsproblem.

Aber, ach, Saarbrücken, trotzdem, dieser Krimi ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas ist falsch aufgebaut, wahrscheinlich ist dieser Krimi vor allem: zuviel. Man bekommt die Geschichten nicht erzählt, was zum Beispiel ist mit dem zu Beginn verdächtigen Andi Mollet (Thomas Bastkowski), der wird irgendwann von einem verzweifelten Vater mit einem Messer angegriffen, aber dann? Was ist mit Deininger, der ja augenscheinlich heftigste Probleme mit sich rumschleppt? Der brüllt im Präsidium (was, übrigens, ist das für ein Präsidium? Eine Baustelle?) Kollegen wie Verdächtige zusammen, kippt eine ganze Pallette Kümmerlinge, fährt zum Tatort und bricht dort in Tränen aus, an der Schulter des Kollegen? Und was hat besagter Kollege für Alptraumflashs? (Cool gefilmte Flashs, die allerdings auf das überraschende Ende verweisen, von dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte.) Sind die Desintegrationsmomente der Inszenierung womöglich ein Verweis darauf, dass es zu Ende geht mit dem Saarbrücker „Tatort“? Und wäre es dann nicht wenigstens fair gewesen, dem Team Kappl/Deininger einen echten Abgang zu schreiben? Dienst quittiert, Suspendierung, angesichts Deiningers Abstürzen erschien mir sogar plötzlich eine ganz und gar schockierende Alternative möglich: Suizid des Ermittlers? Nichts davon, Fall gelöst, sogar noch mit der letzten, noch einmal wirklich schockierenden Wendung.

Aber trotzdem. Heftig spannend war’s.

(Trotz ganz großen Kinos frustriert: Heinz Zimmermann auf tatort-forum.de. Wütend: Christian Buß auf SpOn. Unfreundlich: Matthias Dell im Freitag. Unsaarländisch: der Wahlberliner. Durchwachsen: der Stadtneurotiker.)

03. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Zwischen Kiel und Konstanz · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , ,

Ich schaue selten fern. Das ist nichts, worauf ich besonders stolz bin, Fernsehen ist schon okay, nur mein Medium ist es eben nicht. Während des Studiums und auch in den Folgejahren hatte ich nicht einmal einen Fernseher (weswegen ich immer, wenn ich meine Eltern besuchte, bis spät in der Nacht vor dem Bildschirm saß, was zur Folge hatte, dass meine Meinung, dass Fernsehen grunddoof sei, bestätigt wurde: Niemandem tut es gut, stundenlang „Ally McBeal“, stupide verschnittene Actionfilme und Softpornos aus den Siebzigern zu schauen), erst nach meinem Umzug nach Hamburg entschied ich mich, dass ich mein mageres Volontärsgehalt nicht allabendlich ins überteuerte Nachtleben dieser ohnehin teuren Stadt tragen wollte und entsprechend andere Zerstreuung brauchte. Trotzdem, ich fremdelte weiterhin mit diesem Medium. Bis heute.
Eine Weile dachte ich, Fernsehen sei wichtig zur Information, um up to date zu bleiben. Lächerlich. Jede x-beliebige Agenturverwursterseite im Netz informiert mich umfangreicher als die Fernsehnachrichten, selbst tagesschau.de ist weit umfangreicher als die TV-Mutter. Privatfernsehen schaute ich nur sporadisch, meist extrem angewidert, früher manchmal Harald Schmidt (bevor es so doof selbstbezüglich wurde), manchmal „Fast Forward“ (bevor es als Nischenprogramm abgesetzt wurde), manchmal, „Wer wird Millionär?“, ja, Besserwisserkram. Und zwischendurch die Trailer, die Teaser, überhaupt die Werbeblöcke, so entsetzlich. Nicht meins. (arte schaue ich, übrigens, ebenfalls kaum.) Ansonsten schaue ich Fernsehformate auf DVD, „Breaking Bad“, „Mad Men“, momentan wühle ich mich durch „Lost“.

Was mir gefiel, war die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ (hier beschrieb ich das ein wenig ausführlicher). Und dann noch der „Tatort“, um ehrlich zu sein, ist „Tatort“ mittlerweile der einzige Grund, weswegen ich überhaupt einen Fernseher habe (mal abgesehen von seiner Funktion als Abspielgerät für DVDs, eine Aufgabe, die ein Beamer weit schicker übernehmen würde). Mark versuchte vor einem Jahr, sich den „Tatort“ schön zu schauen, eine Folge Frankfurt („grauenhaft“), eine Folge Münster („klasse“), eine Folge Berlin („ging so“), es funktionierte nicht, er verstand nicht, was ich da dran finde. (Was okay ist, ich verstand auch nicht, was andere Leute an den „Simpsons“ finden. Manchmal stimmt einfach die Chemie nicht.)
Und was finde ich da dran? Ich finde: dass der „Tatort“, wenn er gut ist, etwas aussagt über die Vielfalt dieses Landes. Ich bin häufig genug umgezogen, um sagen zu können: Dieses Land ist ein Flickenteppich. Und als Freund des Multikulturellen gefällt mir dieser Flickenteppich, womöglich ist er sogar das einzige, was mir an Deutschland wirklich gefällt. Das Bewusstsein: Es gibt riesige Unterschiede zwischen Kiel und Konstanz, ach was, es gibt riesige Unterschiede schon zwischen Mannheim und Ludwigshafen, hibbedebach und dribbedebach. Und wenn der „Tatort“ wirklich gut ist, dann arbeitet er diese Unterschiede raus, nicht als Ausstellen von Klischees, sondern als kreative Reibung (das Motiv der Binnemigration bekommt dabei nur das scheidende Saarbrücker Team halbwegs klug hin, das Team, das ansonsten leider mit öden Drehbüchern geschlagen ist: ein Polizist aus Rosenheim (Maximilian Brückner), der sich aus Karrieregründen ins Saarland versetzen lässt und feststellt, dass dort einiges anders ist als zu Hause, so etwas passiert ja. Ganz anders als in Stuttgart bzw. im von mir verachteten Münster, wo jeweils ein Hamburger Polizist (Richy Müller bzw. Axel Prahl) hin zieht und einmal gar nichts aus seiner Herkunft macht (Müller) und ein andermal eine Karikatur in St. Pauli-Bettwäsche (Prahl) darstellt). Außerdem schafft ein guter „Tatort“ das, was jeder gute Krimi schaffen sollte: Er erzählt etwas über die Verwerfungen der Gesellschaft, etwas darüber, was einen Menschen zum Verbrecher werden lässt. Der „Tatort“ ist in erster Linie ein Sozialdrama, und weil insbesondere die immer wieder aus ihren Löchern hervorkriechenden Rechtsdreher das bemängeln, bin ich den sozialkritischen Krimis treu. Wunderbar stupide die Kommentare zur aktuellen „Tatort“-Kritik von Christian Buß auf SpOn. „Der Tatort hört sich interessant, mal etwas anderes als diese ganzen Weltverbesserer Tatorte“, stammelt „böeseHelene“. „Mit ‚Weltverbesserer-Tatorte‘ meinen Sie sicher die, in denen, auch wenn es mit der Handlung nichts zu tun hat, mindestens eine alleinerziehende, vegetarisch lebende lesbische Mutter mit Migrationshintergrund, die von ihrem faschistoiden Nachbarn und dessen Schäferhund drangsaliert wird, vorkommt“, sekundiert „loeweneule“. Und „avollmer“ stellt schließlich unmissverständlich klar, mit wem wir es hier zu tun haben: „Realismus heißt an der Realität orientiert, nicht einer Klischee-Wirklichkeit folgend, die eine soziologische Lehrbuch-Realität nach Proporz und Political Correctness konstruieren“, na sicher, die Nasen, die überall die Macht der Political Correctness fürchten, fehlt nur noch der Hinweis auf „Gutmenschen“, die „linksgrüne Medienverschwörung“ und die „Klimalüge“. Dumpfbacken, gerade wegen euch schaue ich „Tatort“.

Einschub 1: Natürlich ist es so, dass 90 Prozent aller „Tatorte“ entsetzlich sind, grauenhaft durchformiert, klischeebeladen, ohne Sinn für die Eigenarten ihres Spielorts, ohne Sinn für die Charakterista des Formats Fernsehkrimi. Aber um die wirklich guten zehn Prozent zu finden, dafür muss man durch die übrigen 90 Prozent durch, hilft ja nichts.
Einschub 2: Meine Top 3 der „Tatort“-Teams: 3. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in München (wenn die Drehbücher mal nicht allzu betulich sind) 2. Axel Milberg in Kiel 1. Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf in Frankfurt (leider Geschichte).

Seit ein paar Jahren hat sich im Kulturjournalismus die „Tatort“-Rezension als eigenes Genre durchgesetzt. Es gibt die wunderbar durchgeknallten Texte Matthias Dells im Freitag, es gibt die schön ausführlichen Feuilletons des Wahlberliners, es gibt die bajuwarische Coolness des Stadtneurotikers, es gibt die hitzigen und immer mehr eckkneipigen Diskussionen auf tatort-forum.de. Und in Zukunft gibt es auch in der Bandschublade Rezensionen zum „Tatort“, unter der neuen Rubrik „Kiste“. Wenn ich Lust habe. Und, weil man nicht päpstlich sein will, auch zur Schwesterreihe „Polizeiruf 110“, ja, ich weiß, das ist etwas ganz anderes, nur, was ist da eigentlich wirklich so ganz anders?
Und weswegen? Weil ich Spaß dran habe. (Und nicht etwa aus Erfolgssucht, wobei, wenn von den zehn Millionen Zuschauern einer Münsteraner Folge hinterher auch ein paar bei mir vorbei schauen wollen, um zu hören, wie schlecht ich es fand, will ich ihnen nicht den Stuhl vor die Tür stellen.)