31. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Dezember 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , , , , ,

Seit Mai mache ich diese Analyse der Googleanfragen auf der Bandschublade, und seit Mai ärgere ich mich: darüber, dass sich immer nur Anfragen nach nackten und/oder schwulen Halbpromis hier sammeln, nie aber die Frage nach dem Sinn des Lebens oder zumindest nach einer tollen Theaterinszenierung. Mit anderen Worten, es brauchte ein Dreivierteljahr, bis ich kapiert habe, dass spannend nicht die häufigsten Anfragen sind (im Dezember war das, wer hätt’s gedacht, „sophia thomalla brust“, mal wieder), sondern diejenigen, die nur ein-, zweimal auftauchten. Ansonsten ist Google aber auch ein komisches Tool – weswegen dieses kleine Blog Platz eins bei der Eingabe „Oh, Danke“ ist, weiß wohl nur ein irre gewordener Server, irgendwo in der schwedische Einöde. Egal, hier kommen ein paar ausgewählte, nicht allzu häufig aufgerufene Anfragen.

1. „tino hanekamp berlin“ Habe ich mich auch schon gefragt – was passiert, wenn Tino Hanekamp, diese zentrale Figur des Hamburger Nachtlebens, irgendwann das macht, was alle machen, nämlich nach Berlin ziehen? Bricht dann hier alles zusammen? Aus berufenem Munde kann ich Entwarnung geben: Anscheinend lebt Hanekamp noch in Hamburg, wenn auch am Stadtrand Richtung Berlin, aber die Hauptstadt ist auch nicht mehr das, was sie mal war, und über kurz oder lang zieht man vielleicht eher richtig aufs Land?

2. „porno schlechtes gewissen“ Muss man meiner Meinung nach keines haben.

3. „ich verstehe die rolle der sarah brandt nicht“ Lustig, ein Beitrag auf der Bandschublade begann ganz ähnlich, eine der mir mittlerweile unlieb gewordenen „Tatort“-Besprechungen: „Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.“ Nunja, was soll ich dazu sagen? Anscheinend verstehen mehrere Leute diese von der geschätzten Sibel Kekilli gespielte Figur nicht, und ein wenig Licht ins Dunkel bringt womöglich dieses Blog hier.

4. „was macht eigentlich heidi brühl“ Die ist tot. Schon seit 21 Jahren, sie starb gerade mal 49-jährig nach einer Krebsoperation.

5. „krabbeltiere auf nackter haut erotisch“ Aerch. Irgendwie habe ich gerade total das Bedürfnis, mich zu kratzen.

6. „roter sack in bochum“ Zuerst dachte ich, da sucht jemand eine Kneipe, nur gibt es in Bochum keine namens „Roter Sack“. Mittlerweile habe ich erfahren, dass der Windelsack in Fröndenberg „viel diskutiert“ wird, von Fröndenberg ist es nicht allzu weit nach Bochum, es könnte also sein, dass ein Bochumer von diesen Diskussionen erfahren hat und wissen möchte, ob es so etwas auch in Bochum gibt. Soweit ich das verstanden habe: Gibt es nicht.

7. „islam einen geblasen bekommen“ Ich habe keine Ahnung, was der Islam zu dem Thema sagt. Ich könnte was zur katholischen Sicht auf die Sache erzählen, da ist Oralsex explizit verboten – der dient ja nicht der Reproduktion, und weil Katholiken ausschließlich deswegen Sex haben, blasen sie nicht. Im Islam denken sie wahrscheinlich ähnlich, vielleicht nicht ganz so radikal. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es hier das Konzept, dass etwas „makruh“ ist, nicht verboten, aber missbilligt. Wobei es in der Praxis wohl so ist: der eine Imam sagt das, der andere jenes, und am Ende schlagen sich alle die Köpfe ein.

8. „dem intendanten des theaters bremen es geht immer nur um geld“ Das klingt jetzt vielleicht doof, aber: Das Spielzeitthema in Bremen ist momentan tatsächlich „Geld“ (auch wenn Michael Börgerding, der Intendant, das ein wenig differenzierter sieht), entsprechend kann man dem gesuchten Satz vielleicht wirklich zustimmen. Aber wahrscheinlich war das anders gemeint, oder?

08. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Daumen hoch, Daumen runter · Kategorien: Bretter · Tags: , ,

Es geht um Geld. Genau genommen war das Finanzielle immer schon das prägende Thema am Bremer Theater, ob Kurt Hübner, Hansgünther Heyme oder Klaus Pierwoß, alle Intendanten kämpften mit der strukturellen Unterfinanzierung des Hauses. Selbst Hans-Joachim Freys Intendanz scheiterte am Ende nicht wegen der Anspruchslosigkeit des Spielplans, sondern wegen des ökonomischen Himmelfahrtskommandos eines eigens geschriebenen Musicals namens „Marie Antoinette“, das kaum jemand sehen wollte und das die Liquiditätslücke des Theaters mit einem Schlag verdoppelte. Wenn man so will, kann man selbst die berühmtesten Performancekünstler der Stadt als Wirtschaftsopfer sehen: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, klagen die „Bremer Stadtmusikanten“ in Grimms Märchen. Nicht etwa Abenteuerlust treibt sie, sondern Hunger. Und echte Aktion fängt ohnehin erst an, als die Musikanten unter Räuber geraten sind.

Theater heute hat mir die Möglichkeit gegeben, die Entwicklung eines Theaters über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Ich habe für die Dezemberausgabe der Zeitschrift ein Feature (Link nur für Abonnenten zugänglich) zum Saisonstart des Bremer Theaters geschrieben, die erste Saison des neuen Intendanten Michael Börgerding. ich fuhr immer wieder an die Weser, habe mehrere Premieren besucht und mehrere reguläre Aufführungen, habe ein Interview mit Börgerding geführt und im Foyer die Gespräche des örtlichen Publikums belauscht. Und nach und nach kapiert, dass die Art wie Kulturjournalismus in der Regel läuft, eigentlich am Thema vorbei geht: Hinfahren, Anschauen, Wegfahren, Daumen hoch, Daumen runter, das ist es nicht. Kultur läuft anders, Kultur ist ein Prozess, und dieser Prozess lässt sich nicht an einem Abend verfolgen, eigentlich muss man Sachen immer wieder anschauen, eigentlich muss man sich auf Kleinigkeiten konzentrieren, Kleinigkeiten, die erst in der Summe ein Bild ergeben, man muss sehen, dass Manches funktioniert und Manches nicht, und der Kritiker als Oberlehrer, der Zensuren verteilt, hat keine Chance. Der Kritiker muss Teil des Prozesses werden, muss seine Distanz aufgeben und die Distanz dann in einem durchaus schmerzhaften Akt wiederherstellen.

Der Artikel „Unter Räubern“ hat mir dieses Teilnehmen am Prozess ermöglicht. Aber Journalismus läuft meistens, fast immer anders, solch ein zeit- und vor allem kostenintensives Projekt leistet sich kaum noch ein Verlag, in Zeiten der Medienkrise. Ich habe das Feature gerne übernommen, aber auf lange Sicht wird so etwas niemand finanzieren. „Unter Räubern“ war einmalig, das macht die Arbeit extra wertvoll, aber in Zukunft werde ich doch wieder in die Premieren stiefeln und Urteile fällen müssen. Geht gar nicht anders.

(Die Medienkrise ist ein stinkender Hund.)

Ach. Irgendwie passiert einfach nichts, zurzeit, in meinem Leben. Ich bin viel unterwegs, ich habe ziemlich aufwändig den Neustart des Theaters Bremen unter Michael Börgerding begleitet, und natürlich könnte man da drüber etwas schreiben, klar. Und ich schreibe ja auch, für Theater heute, im Dezember-Heft erscheint ein umfangreiches Feature. Aber dann noch einen zweiten Text, hier, für die Bandschublade, tut mir leid, da fehlt mir die Lust, die Inspiration auch. Ich könnte darüber schreiben, wie gerade der Journalismus (zumindest wirtschaftlich) den Bach runter geht, tschüss Frankfurter Rundschau (die mir immer wichtig war), tschüss Prinz (der für mich nie irgendeine Bedeutung hatte), damit würde ich offene Türen einrennen, andererseits, wer braucht das denn? Ich könnte wieder „Tatort“ besprechen, den am vergangenen Sonntag aus Dortmund fand ich recht gut, aber eigentlich wollte ich damit aufhören, mit dieser gierigen Klickhurerei, mit der Sucht nach Visitorverdopplung, nur weil man ein Mainstreamthema behandelt. Ich könnte darüber schreiben, wie eklig ich finde, dass Stefan Raab breitbeinig dasitzt und Testosteron versprüht, obwohl ich zugeben müsste, nie eine der Raab-Sendungen gesehen zu haben. (Ein Blog darf das, einfach nur ultrasubjektiv konstatieren, dass man nicht in einer Welt leben möchte, in der ein Stefan Raab irgendeine relevante Position inne hat, ein Blog darf auch Verwunderung darüber formulieren, dass Leute, die doch irgendwie geschmackssicher sind, Raab Respekt zollen, Respekt für was nochmal genau?) Andererseits, weswegen sollte ich? Ich könnte darüber schreiben, weswegen mich Katrin Göring-Eckardt nervt, weswegen mich Claudia Roth anwidert, und weswegen mich die ganzen Typen, die etwas gegen Roth haben, noch viel mehr anwidern, allein, was soll’s? Ich könnte mal wieder über Pop schreiben, darüber, wie großartig ich die neue Tocotronic-CD „Wie wir leben wollen“ finde, aber „Wie wir leben wollen“ erscheint erst im Januar, ich dürfte das Werk noch gar nicht kennen. Und irgendwie ist das das einzige Pop-Thema, das mich momentan umtreibt.

Ich könnte nach neuen Antworten suchen, was ich mit der Bandschublade eigentlich will. Auf jeden Fall will ich nicht: Erwartungen erfüllen, das, was ich in den vergangenen Wochen gefährlich häufig gemacht habe. Darüber mache ich mir jetzt Gedanken. Und währenddessen mag es hier vielleicht ein wenig langweilig sein.