28. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Kirche im Dorf lassen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

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„Nestflüchter“, sagt sie. Ich protestiere, nie sei ich ein Nestflüchter gewesen, aber sie bekräftigt: Wer mit 19, direkt nach dem Abi, fluchtartig die Heimat verlassen würde, was sei der denn, bitte, wenn kein Nestflüchter? Ich mag solche eindeutigen Zuschreibungen nicht. Was aber klar war: Ich wollte weg, damals, mit 19. Ich wollte so dringend weg, ich war sogar bereit, nach Gießen zu ziehen, und bei aller Liebe, die ich zu dieser Stadt, Alma Mater, heute immer noch empfinde: Große, weite Welt ist etwas anderes.

Das Rusenschloss ist eine Burgruine, rund 15 Kilometer von meiner Heimatstadt, auf einem Fels hoch über dem Tal des kleinen, unregulierten Flüsschens Blau. Irgendwie war die Ruine immer Teil meines Lebens, schon als ich klein war, wurde regelmäßig dort spazieren gegangen. (Wie ich heute erfahren habe, stammte meine Großmutter aus der Ecke, vielleicht fuhren wir mit ihr manchmal dorthin? Hatte sie vielleicht Verwandtschaft, die besucht wurde, es gab Kaffee und Kuchen, und zur Verdauung gab es eine kurze Wanderung, hoch zum Schloss? Keine Ahnung.) Später kletterte ich manchmal an den Felsen unterhalb des Schlosses, ein schwachsinniger Sport, der einiges an Nervenkitzel bereit hielt, allerdings auch nicht ungefährlich war, für Flora und Fauna der Felsen, meine ich. Egoistisch, wie nur Teenager sein konnten: der eigenen Lustbefriedigung das Existenzrecht von Flechten wie Eulen auf den Felsen unterzuordnen, schlimm. Gut, dass das Klettern im Blautal schon seit langer Zeit geächtet und verboten ist. Zum Rusenschloss wurde dennoch immer wieder gewandert, wenn ich vom Studium zu Besuch kam, im Herbst, wenn kalter Nebel durch die Täler der schwäbischen Alb kroch, im Winter, wenn der Blick ins Tal über weite, schneebedeckte Wiesen schweifte, im Spätsommer, wenn die Blätter des Laubwaldes sich zu verfärben begannen und eine nur noch halbwarme Sonne den Boden vergoldete. Selbst im ersten Studiensemester besuchte ich ein Blockseminar, das in einem Gästehaus der Uni Tübingen in Blaubeuren abgehalten wurde, und nachts fiel uns hirnverbrannten, angetüddelten Erstsemestern nichts besseres ein, als lallsingend aufs Rusenschloss zu klettern und oben Mörike zu zitieren, wir hoffnungslosen, lebensmüden Romantiker. (Credits für diesen Irrsinn gehen an Prof. Moritz Baßler, heute in Münster.)

Nach mehreren Jahren Abstinenz war ich heute wieder auf dem Rusenschloss. Die Zeit ist stehen geblieben, dort oben: Immer noch schleppt man sich auf einem schmierigen Pfad durch den Wald, es ist mühsam, unübersichtlich, an mehreren Stellen ist der Weg abgerutscht, und man muss auf seine Schritte achten. Die letzten Meter bis in die eigentliche Burg geht man immer noch an einem alten, morschen Holzgeländer, und oben angekommen stellt man fest, dass in die Burgmauer immer noch der Sicherungsring einzementiert ist, der einen beim Beklettern der Westwand hätte schützen sollen, dem Kletterverbot zum Trotz. Es ist eine Landschaft, so wunderschön, man möchte schreien.

Und dann ist natürlich auch klar: Ich stehe hier auf dem Rusenschloss, ich bin begeistert, nein, ich bin ergriffen von all dieser Schönheit (die man allerdings nur sieht, wenn man nach halbrechts schaut; links nimmt den Talgrund hingegen ein Parkplatz des Blaubeurer Industriegebiets ein), aber ich bin im Urlaub. Leben könnte ich hier nicht mehr, wovor ich weggelaufen bin, war einzig das Gefühl: Das hier ist Kleinstadt, und daran wird sich hier ja nichts ändern, Kleinstadt mit ihren undurchdringlichen Kleinstadthierarchien wird das hier immer bleiben. (Eine andere Frage ist, ob das in Hamburg wirklich so wahnsinnig anders ist. Wie zum Beispiel konnte der „Lichtkünstler“ Michael Baatz wohl seine Position innerhalb der Hamburger Kulturszene erreichen, wenn nicht durch geschicktes Spiel mit den hanseatischen Kleinstadthierarchien?) Ich bin froh, dass es für mich auch eine Welt geben kann, jenseits dieser hier, aber erstmal kann ich das hier schlicht als atemberaubend schön anschauen.

Und dass ich das mittlerweile kann, das ist nicht gerade ein schlechtes Zeugnis für mich alten Nestflüchter.