05. Mai 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (April 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , ,

Auf den ersten Blick mache ich gerade: wenig. Auf den zweiten: doch so. Ich habe viel geschrieben, im April, nur eben einiges für die Halde. Entsprechend sieht das so aus wie: Boah, war Falk faul! War er nicht, versprochen.

Im uMag zum Beispiel habe ich über die Stadt geschrieben, die ich gleichzeitig von Herzen verachte und doch irgendwie mag: München.

München ist eine Stadt, in der die Stadtmenschen am Stadtrand leben müssen. Wenn es wenigstens schöner Stadtrand wäre, so wie in Hamburg das Alte Land oder in Berlin Brandenburg. In München heißt die Gegend „Münchner Schotterebene“, das klingt nicht nur wie ein Parkplatz, das sieht auch so aus.

Außerdem habe ich im gleichen Heft ein wenig nachgedacht über Cédric Klapischs Film „Beziehungsweise New York“ (nicht online). Den ich (im Gegensatz zu den meisten Kritikerkollegen) ziemlich gut fand und auch für die kulturnews rezensiert habe.

Die Figuren sind älter geworden, sind an Ehen, Kindern und Jobs mehr oder weniger gescheitert, und über verschiedene Wirrungen treffen sie sie sich in New York wieder. „Wieso wollt ihr alle leben wie vor 20 Jahren?“ fragt Xavier (Duris) entnervt, als sich erste WG-Strukturen wieder auszubilden beginnen. Aber seine Freunde haben etwas kapiert, was er noch nicht verinnerlicht hat: dass die Zeit in Barcelona die beste Zeit ihres Lebens war, dass ihnen keine Türen offenstehen, und dass die coole Großstadt sie nur deswegen nicht sofort wieder ausspuckt, weil sie ziemlich uncool die Einwanderungsbehörden austricksen.

Theaterkritiken gab es auch. Und zwar auf der Nachtkritik. Die erste zu Herbert Fritschs „Die Schule der Frauen“ am Hamburger Schauspielhaus:

Das hier ist kein Klamauk, das ist auch nicht die ans Musiktheater angelehnte Abstraktion, zu der Fritsch manchmal, in seinen besten Arbeiten, neigt, das ist eine Geschichte von Unterdrückung und Manipulation, eine Geschichte, in der es zur Sache geht, eine Geschichte, deren Hauptfigur Arnolphe am Ende gebrochen ist. Zu Recht ist er gebrochen, aber man leidet dennoch mit ihm mit, wie er in seiner zynischen Abgeklärtheit einsam wird und von der Einsamkeit in den Wahnsinn abgleitet. Schon wegen der Radikalität, mit der Meyerhoff solche Einsamkeit unter Fritschs Anleitung spielt, lohnt diese „Schule der Frauen“.

Und dann auch noch eine zweite, zu „Ende einer Liebe“ von Pascal Rambert im Thalia in der Gaußstraße:

Und nach und nach wächst in einem die Erkenntnis: Gezeigt wird zwar das Ende einer Liebe, dieses Ende ist aber in erster Linie das Nachdenken über Anfang und Alltag der Liebe. Die Träume vom gemeinsamen Altern, der Kinderwunsch, das Ejakulat im Rachen. Schön.

Das wars. Das wars? Fast. Ich habe nämlich noch einmal die Rollen getauscht und ein Interview gegeben. Für das wunderbare Projekt „Was machen die da?“ (Note: Ich sollte mal wieder die Blogroll aktualisieren) von Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm. Und worum ging es? Darum, was ich hier eigentlich mache.

Ich habe eine sehr hohe Meinung von Künstlern, und zwar unabhängig davon, dass das, was sie machen, dann auch blöd sein kann. Aber mir macht es großen Spaß, mich mit dem zu beschäftigen, was ein Künstler tut. Wahrscheinlich gilt das für jede Kunstform, wobei es schon so ist, dass ich vom Theater und mit Einschränkung von bildender Kunst am meisten verstehe. Das heißt, da ist mir der Zugang am leichtesten. Tanz vielleicht auch noch.

Alle beantworten gerade mal wieder einen Fragebogen, Anne machte es, Sven machte es, Isabel machte es ironisch verschlüsselt, ich finde so etwas großartig (siehe Punkt 5). Mache ich also auch, natürlich verspätet, wie immer. Punkt 21: Ich mache immer alles verspätet.

1. Eine meiner frühesten politischen Erfahrungen machte ich ungefähr im Alter von sieben Jahren: Damals wurde mir ein DKP-Wahlplakat mit den Worten „Die wollen, dass alle Menschen gleich sind“ erklärt. Das sollte mich eigentlich abschrecken, ich aber dachte: „Als Konzept ist das doch ganz in Ordnung.“ Im Grunde denke ich das heute noch.

2. Was hingegen anders geworden ist: Als Kind hasste ich es, wenn meine Großmutter Nasi Goreng machte. Heute liebe ich südostasiatische Küche.

3. Ich bin fast immer begeistert, ein paar Tage aufs Land zu fahren. Aber hier leben, nein danke.

4. Mit meine liebste Freizeitbeschäftigung ist Bergwandern. Das machte ich schon als Kind gerne, habe es dann ein wenig schleifen gelassen und vor ungefähr zehn Jahren auf Mallorca wieder angefangen.

5. Ich halte Stöckchen für eine der schönsten Skurrilitäten der Blogosphäre.

6. Mein ehemaliger Englischlehrer sagte mir voraus, dass ich später mal Journalist werden würde. Meine ehemalige Französischlehrerin sagte mir voraus, dass ich später mal Politiker werden würde.

7. Niemand sagte mir voraus, dass ich später mal heiraten würde.

8. Viele Leute behaupten, ich würde überaus häufig nörgeln. Wahrscheinlich ist da was dran, und ich bin ein Muffelkopp, dabei würde ich wirklich lieber mit Sympathie auf die Phänomene dieser Welt schauen.

9. Ich bin wohl wirklich nicht religiös. Manchmal finde ich das schade.

10. Sex, Drugs and Rock’n’Roll finde ich als Konzept ganz großartig, aber immer wenn es drauf ankommt, schiebe ich ästhetische Probleme vor.

11. Als Kind war es mir immer unangenehm, ins fremdsprachige Ausland zu fahren. Ich nahm an, dass die Leute ständig über mich reden würden.

12. Heute hingegen hat es durchaus seinen Reiz für mich, Alltagsgespräche einmal nicht zu verstehen. Metro Budapest, ein Paradies.

13. Städte dieses Landes, die ich sympathisch finde: Berlin, Hamburg, alles im Ruhrgebiet, Frankfurt. Ja, Frankfurt, echt.

14. Städte dieses Landes, mit denen ich wenig anfangen kann: München, Düsseldorf, Stuttgart.

15. Städte dieses Landes, zu denen ich demnächst gerne ein Verhältnis aufbauen würde: Dresden, Leipzig.

16. Ich habe etwas gegen bildungsbürgerlichen Dünkel, kann mich aber selbst nicht ganz davon freimachen.

17. Mein Lieblingsspielzeug ist mein Smartphone. Mein Zweitlieblingsspielzeug der Herd.

18. Ich empfand es nie als Einschränkung meines Lebens, Brillenträger zu sein, bis ich anfing, regelmäßig in die Sauna zu gehen.

19. Ich empfinde es als Qualität, in manchen Bereichen meines Lebens gescheitert zu sein. Mathestudium abgebrochen, okay, Dissertation nicht fertiggestellt, okay. Wirklich ärgerlich ist hingegen, dass ich nie längere Zeit im Ausland gelebt habe.

20. Ein Körperteil, den ich mag: meine Augenbrauen.

12. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Über das Nichtweiterkommen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , ,

Die Münchner Theaterwissenschaftlerin Luise Bundschuh hat mir eine Mail geschrieben. Frau Bundschuh schreibt ihre Magisterarbeit über „Theaterkritik im zeitgenössischen Sprechtheater“, und hierfür möchte sie wissen, ob ich als Kritikerin (Frau Bundschuh, es ist nicht nett, einfach den Formbrief, den Sie zuvor an eine Kollegin geschickt haben, per Copy and Paste an mich weiterzuschicken) schon einmal Theaterabende erlebt hätte, bei denen mir die danach zu schreibende Rezension besonders schwer fiel. Was für eine Frage! Natürlich habe ich das schon erlebt, ständig! Wollte ich schreiben. Aber nachdem ich ein wenig nachdachte, wurde mir klar, dass die Antwort gar nicht so einfach ist, wie es zunächst den Anschein hat. Weil nämlich das Prinzip „Kunstkritik“ genau solche Momente des Nichtverstehens, des Nichtweiterkommens braucht. Als Material. Mit der freundlichen Genehmigung von Frau Bundschuh publiziere ich hier meine Antwort – weil ich denke, dass mir das Verschriftlichen dieser Gedankengänge ein wenig hilft, zur Selbstvergewisserung in meinem Beruf, der ja eigenartig zwischen den Stühlen sitzt.

Natürlich tue ich mich (…) nicht immer leicht. Natürlich gibt es Inszenierungen, die einen bestimmten kulturellen Bezugspunkt haben, und von diesem Bezugspunkt verstehe ich unter Umständen nichts. Zum Beispiel Alvis Hermanis„Eugen Onegin“ vor einem Jahr an der Schaubühne, wo explizit auf das Russland der Puschkin-Zeit angespielt wurde, da musste ich schlicht passen: Ich konnte nicht nachvollziehen, was diese Bezüge bedeuteten. Das passiert, im Zweifel kann man dann nichts schreiben.
Meist nehme ich das eher als Ansporn für meine Texte: die Momente, an denen ich nicht weiter weiß. In der Regel ist es ja so, dass meine Verständnisprobleme an ähnlichen Stationen auftauchen wie bei anderen Zuschauern. Und da stellen sich dann Fragen: Warum verstehe ich hier etwas nicht? Beeinträchtigt die Beantwortung der Fragen die Inszenierung? Ist die Frage womöglich der Kern der Arbeit? Ich glaube nicht, dass eine gute Theaterkritik unbedingt jede Frage beantworten muss, im Gegenteil, manchmal reicht es durchaus, die Frage in Worte zu fassen.

Natürlich habe ich trotzdem meine Probleme. Das hat weniger mit den einzelnen Inszenierungen zu tun, sondern eher mit der Situation des Theaterjournalisten an sich: Manchmal weiß ich eben doch mehr als der durchschnittliche Zuschauer, schlicht weil ich in der privilegierten Situation bin, unglaublich viele Stücke sehen zu dürfen, und dann fällt mir womöglich gar nicht auf, dass es beim Publikum ein Verständigungsproblem gibt. Manchmal ist eine Inszenierung zu nah dran an meinen persönlichen Themen, und dann schreibe ich gar nicht mehr über die einzelne Aufführung, sondern ausschließlich über mich (zum Beispiel bei She She Pops „Sieben Schwestern“ ging es mir so). Und manchmal fehlt die professionelle Distanz zu den Ausführenden. Die lässt sich einfach nicht immer durchhalten, die Szene ist klein, da entwickeln sich Freundschaften, Interessenskonglomerate etc. … Und über kurz oder lang ist man in der Situation, über den Menschen eine Kritik zu verfassen, mit dem man vor kurzem noch knutschend in der Kantine saß. Ein weiterer Punkt ist das Finanzielle: Ich möchte nicht behaupten, dass Journalisten bestechlich seien, aber natürlich wird man von Theatern gefragt, ob man mal einen Beitrag für ein Programmheft verfassen könnte. Oder ob man als Moderator auf ein Podium gehen würde. Und da fließt dann auch Geld, nicht viel in der Regel, aber trotzdem. Ich bin als festangestellter Redakteur da noch verhältnismäßig gut dran, aber wer die Honorarsätze für freie Journalisten kennt, versteht, wie man da in Kalamitäten geraten kann.

08. November 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein kaum hörbares Knirschen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , , , , ,

Eine Großstadt, wie man sie sich wünscht: Brüssel.

Also Stuttgart. In Stuttgart wurde ein neuer Bürgermeister gewählt, und der gehört den Grünen an, deren Vertreter sonst eher nicht Bürgermeister werden. Die CDU, die seit Jahrzehnten den Bürgermeister stellte, erlitt eine Schlappe, weswegen deren Vertreter panisch wurden: Sie hätten die Großstadtkompetenz verloren, mutmaßten die konservativen Analytiker, die jungen, urbanen Schichten würden sie nicht mehr wählen. Naja, Stuttgart. Manche streiten ja darüber, ob Stuttgart wirklich eine Stadt ist und nicht nur ein Bahnhof mit ein paar ungeordneten Häusern drumrum, wobei sogar der Bahnhof in Zukunft unsichtbar werden soll, aber eigentlich ist das hier gar nicht das Thema. Das Thema ist: Was ist das eigentlich, die Großstadt, in der keine großen Parteien mehr gewählt werden?

1. Die Großstadt ist gar nicht so groß

In der Stadtsoziologie spricht man ab 100000 Einwohnern von einer Großstadt. Wer schon einmal in Osnabrück war, der weiß: Besonders urban ist das nicht. Und wenn man mal andere Städte zum Vergleich nimmt, etwa Chongquing in China, mit 28,85 Millionen Einwohnern größte Stadt der Welt und in Europa weitgehend unbekannt, dann fragt man sich schon, ob die Relationen stimmen.

2. Die Großstadt ist ein Dorf

Was macht eine Stadt Hamburg aus? Poppenbüttel? Eilbek? Marmstorf? Nein, eine Stadt wird geprägt von innerstädtischen Quartieren, im Falle Hamburgs: von St. Pauli. Knapp 24000 Einwohner, das ist eine Liga mit Mühlheim am Main. Und außenrum haben wir Speckgürtel, der zählt nicht.

3. Die Großstadt besteht aus Unterschieden

In der Kleinstadt fällt man schon auf, wenn man einen Dialekt spricht, der einen nicht eindeutig als Eingeborenen ausweist. Die Großstadt lässt, solange sie als Stadt funktioniert, Unterschiede zu. In einer funktionierenden Großstadt lebt der Beamte mit dem Studenten Tür an Tür, die Künstlerin mit der alleinerziehenden Mutter, der Aufstocker mit der Gutverdienerin, in der Großstadt glaubt der Muslim, was er glauben will, die Katholikin glaubt an den Papst, und der Atheist glaubt gar nichts. Und alle kommen irgendwie miteinander aus. Das ist so, in der perfekten Großstadt.

Leider ist die Großstadt oft nicht perfekt. Das merkt man im Prenzlauer Berg in Berlin, wo man komisch angeschaut wird, wenn man kein Schwäbisch spricht, das merkt man in der Hamburger Hafencity, wo eben kein Aufstocker mit der Gutverdienerin Tür an Tür lebt – in der Hafencity leben ausschließlich Gut- und Bestverdiener, weil alle anderen sich eine Wohnung hier nicht leisten können. Das merkt man im Münchner Hasenbergl, wo jeder, der seine Kröten irgendwie zusammenkratzen kann, wegzieht, und übrig bleiben die Übriggebliebenen. Das Gegenteil der Großstadt ist nicht das Dorf, das Gegenteil der Großstadt ist das Getto.

Wenn die Großstadt nicht funktioniert, dann gibt es Störgeräusche, manchmal ein kaum hörbares Knirschen, manchmal ein ohrenbetäubendes Kreischen, das einem sagt: Hier kippt gerade etwas. Man hört es in Hamburg, wo wütende Stadtbewohner in der „Recht auf Stadt“-Bewegung dagegen protestieren, dass die Mieten im Zentrum unerschwinglich werden. Man hört es in Stuttgart, wo Bürger sich dagegen wehren, dass ein Bahnhof an der Bevölkerung vorbei geplant wird. Und man hört es ganz hässlich in Köln, wo die Leute gegen einen Moscheebau demonstrieren. Man soll sich nichts vormachen: Die Störgeräusche der Großstadt sind manchmal wirklich widerwärtig.

Und doch, und doch. Ist die Großstadt der Ort, wo man solche Misstöne aushält, wo aus solchen Misstönen etwas neues entsteht. Und wenn nichts neues entsteht, dann verschwindet die Großstadt eben, dann wird sie zur Kleinstadt, zum Ort, wo es keinen Misston gibt, sondern ausschließlich dumpfe, langweilige Stille. Grabesstille. Die Kleinstadt ist der Gegenentwurf zur Großstadt, der Ort, an dem es keine Unterschiede gibt, sondern nur noch Gleichklang. Manhattan, der Inbegriff des Urbanen, wurde so ein Ort in den Neunzigern, als die Quadratmeterpreise so in die Höhe schossen, dass kaum noch ein Normalverdiener im Zentrum New Yorks wohnen konnte. Und? Zogen die Coolen, die Künstler eben ein paar Kilometer weiter, nach Brooklyn. Dass alles im Fluss ist, ist das vierte Element der Großstadt:

4. Die Großstadt verändert sich ständig

Irgendwelche Strategien, wie politische Parteien die großstädtischen Wähler einfangen können, funktionieren entsprechend gar nicht. Weil die Städter nämlich schon wieder woanders sind, bis die Partei ihr Programm angepasst hat. Vielleicht einfach ehrlich sein, konsequent und nicht allzu abgehoben? Vielleicht keinen Bahnhof neu bauen, wenn die Stadtbewohner keinen Bahnhofsneubau wollen? Vielleicht: mal zuhören?

Und ansonsten: Leben und leben lassen. (Ich halte es für einen echten Glücksfall, in der Großstadt zu leben.)

Gerade noch rechtzeitig aus Bremen zurückgekommen, um „Tatort“ zu schauen. Endlich mal wieder aus München, „Ein neues Leben“, einen Krimi mit den Immer-noch-ganz-weit-vorne-Kommissaren Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl). Sich freuen, dass „Ein neues Leben“ kein betulicher Krimi ist, sondern ein Schocker, hart und konsequent, manchmal ein wenig an den Haaren herbei gezogen und manchmal auch klischeehaft, aber, hey!, ein Schocker darf das. Ein Schocker darf sogar die Liebe zwischen Psychopathin Isabella (Nina Proll) und Mäuschen Sandra (Mina Tander) als Abziehbild zeichnen, weil, ich weiß schon: Es gibt durchaus gleichgeschlechtliche Beziehungen, die nicht auf Manipulation, Irrsinn und Blut aufbauen. Selten, aber es gibt sie, und solange ich angespannt auf dem Sofa sitze, nehme ich die durchaus diskriminierenden Bilder insbesondere der weichgezeichneten Sexszene einfach mal hin. Nein, ich will weder Regisseur Elmar Fischer noch den Drehbuchautoren Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer etwas vorwerfen, ich will einen Post für die Bandschublade schreiben: dass „Ein neues Leben“ mal wieder ein richtig spannender, cooler „Tatort“ war, als wär’s ein Stück aus Kiel.

Und dann merke ich, dass ich überhaupt keine Lust habe.

Meine Beziehung zum „Tatort“ war viele Jahre eine ziemlich erfüllende Liebesbeziehung. Ja, man nervte sich auch mal, aber alles in allem war das schon weitgehend toll. Und irgendwie ist es das jetzt nicht mehr. „Hart ist nicht, wenn die Liebe vorbei ist“, meinte H. einmal sinngemäß, „hart ist der Moment, wenn man sich eingestehen muss, dass die Liebe vorbei ist.“ Und ich muss mir einfach eingestehen: Irgendwie wird das nichts mehr mit mir und dem „Tatort“, einer sicher guten Folge zum Trotz. Eine Woche der Nackenschläge: Die verehrte Nina Kunzendorf hat keine Lust mehr, in Frankfurt zu ermitteln. Der doofe Til Schweiger macht sich wichtig. Christian Ulmen und Nora Tschirner machen in Weimar, einer Stadt, die mich gelinde gesagt, überhaupt nicht interessiert, irgendwelchen komödiantischen Quatsch, der mich auch nicht interessiert. Leipzig. Ludwigshafen. Hannover. Das ist alles so langweilig.

Und deswegen schreibe ich heute einfach mal nichts. Weil mich „Tatort“, muss ich gerade leider sagen, zutiefst anödet.

„Den Standard der Reihe von einem leicht erhöhten Oben her performt“: Matthias Dell im Freitag. „Immer schön Tempo halten, aber bitte nicht theatralisch werden!“: Christian Buß auf SpOn. „Unterwanderung der ARD-Sonntagsunterhaltung durch pornographische Elemente„: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. „Dunkelrot zwischen grauen Gestalten“: der Stadtneurotiker. „Alle versuchen einander zu bescheißen„: der Wahlberliner.

Wird diese Rubrik jetzt zur Werbekritik? Gibt es außer schlechter Werbung keinen Anlass zum Kotzen auf offener Straße? Alltagssexismus, Euro-Rettungsschirm, Verfassungsschutz? Egal. Gestern im Kino gewesen, „The Dark Knight rises“, was schlechter war als gehofft aber besser als gedacht, und vorab lief ein Spot für die Billigzigarettenmarke L&M, ein Spot, der so widerlich anmutete, dass mir der halbe Batman verdorben war. Die Handlung des kurzen Films jedenfalls sieht folgendermaßen aus: Man sieht feiernde Menschen im Club, der Alkohol fließt in Strömen, ein hübscher DJ legt mehr oder weniger massentauglichen Deep House auf – und plötzlich ist der Strom weg. Kein Sound, kein Licht, mehrere Sekunden, originellerweise hört man Stimmengewirr, „Pschht!“. Und plötzlich sehen wir Blitze, Funken, dann erglimmt ein Feuerzeug, der DJ zündet sich eine Zigarette an, ein Zug, Genuss, noch einer. Und dann ist der Sound wieder da, cooler, lauter als zuvor, alle sind glücklich.

Ich weiß gar nicht, was mich an diesem harmlosen Spot am meisten anwidert. Vielleicht: die Szene, die hier feiert, blondierte Frauen im knappen Rock, muskulöse Jungs im schrillen Hemd, Schnaps schwappt, Daumen werden nach oben gereckt, Grüppchen hüpfen im Takt, man glaubt, Grölen zu hören, man glaubt, Schweiß zu riechen. Ich bin überzeugt, dass der Clip in einer echten Disco aufgenommen wurde, solche Typen kann man nicht casten, solche Typen findet man nur in der realen Welt. Allerdings vor allem in Läden wie dem Münchner P1 oder dem ibizenkischen Club-Franchise Pacha, Läden, die irgendwo schon ein existierendes Nachtleben repräsentieren, aber das ist ein Nachtleben, das wenig zu tun hat mit Weltflucht und viel mit Reproduktionsleistung, Leistung, die die anwesenden Hardbodies mit jedem Schweißtropfen aus ihren definierten Körpern herauspressen. Feiern ist für diese Menschen etwas, das zu tun hat mit Geld.

Es ist nicht fair, diese Zigarettenwerbung dafür in Haftung zu nehmen, die zuständige Agentur hat sich wahrscheinlich rein gar nichts dabei gedacht, das sind Werbedeppen, die es wohl nicht besser wissen, die denken eben: Feiernde Menschen sehen so aus. Aber: Das Wissen um solch eine Feierszene, wie sie hier gezeigt wird, verdirbt mir die Freude am Nachtleben. Und wenn ich kein Nachtleben mehr habe, was habe ich denn dann noch?

München wieder. Da mag es Frankfurt geben, Kiel, noch einmal Hamburg, und man wird begeistert sein, es ist egal. Wenn der Bayerische Rundfunk einen „Tatort“ zeigt, dann ist der in der Regel von einer Qualität, dass die übrigen Sendeanstalten eigentlich aufhören könnten, Filme zu drehen, da kommen sie ohnehin nicht ran. „Tatort“ aus München, das ist: ein Buddymovie ohne Kriminalistenkarikaturen wie in Münster. Ein Thesenkrimi ohne Didaktik wie in Ludwigshafen oder Köln. Ein Großstadtkrimi ohne billige Urbanitätspose wie in Berlin oder Stuttgart. Wenn die Münchner „Tatorte“ gut sind, wenn sie wirklich gut sind (viele sind auch nicht so gut. Besser als Stuttgart und Berlin zusammen sind sie dann immer noch), dann zeigen Sie ein München (und zwar nur München! Nirgendwo anders als in der bayerischen Landeshauptstadt können diese Filme spielen!) auf der absoluten Höhe der Zeit, das München von Laptop und Lederhose, allerdings mit Fokus auf die Menschen, die von dieser Mischung aus liberaler Fortschrittsbegeisterung und konservativer Heimattümelei nicht mitgenommen werden. Was wird aus den einfachen Handwerkern im Glockenbachviertel und in Sendling, wenn die Grundstückspreise in der Boomtown durch die Decke gehen, nur mal so zwischenrein gefragt? Und könnten solche Umstände vielleicht auch Basis für einen Fernsehkrimi hergeben?

Vor etwas über einem Jahr zeigte der BR „Nie wieder frei sein“, wahrscheinlich der bemerkenswerteste Münchner „Tatort“ der jüngeren Geschichte, in der ein (wegen eines Verfahrensfehlers frei gekommener) Vergewaltiger umgebracht wurde. Shenja Lacher spielte diesen unscheinbaren jungen Mann so ultrabrutal und fies, dass man nicht anders konnte, dass man denken musste: Ja, der hat den Tod verdient. Ja, manchmal hilft der Rechtsstaat nicht mehr, manchmal hilft nur noch, dass der Verbrecher stirbt. „Nie wieder frei sein“ erhielt den Grimmepreis zu Recht, aber ein ungutes Gefühl hatte man doch, nachdem man diesen Film halbwegs verdaut hatte. Auch im heute gezeigten „Tatort: Der traurige König“ stirbt ein Verbrecher. Ein junger Mann bedroht zunächst eine junge Polizistenauszubildende (Sylta Fee Wegmann) und dann Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Und der schießt.

„Der traurige König“ zeigt: Es gab wohl keine Alternative zu den Schüssen, richtig sind sie damit aber noch lange nicht. Der Tote ist ein Verbrecher, ja – böse ist er nicht, zumindest nicht von Grund auf. Was man aber nicht wissen kann, wenn man eine Knarre vor die Stirn gehalten bekommt. Selten hat man solch einen differenzierten Krimi gesehen, selbst die immer wieder schnell als Unsympath angelegte Rolle des Internen Ermittlers (Torsten Michaelis) muss zwar Leitmayr anklagen, bekommt aber dann eine Szene von erschütternder Ehrlichkeit geschenkt: „Lieber beschuldige ich zehn gute Polizisten zu unrecht, als dass ich einmal einen schlechten laufen lasse, der denkt, nur weil er eine Uniform trägt, muss er sich nicht an die Regeln halten!“ Holla! Und so etwas im konservativen Genre Fernsehkrimi!

Es gibt so viel zu loben an „Der traurige König“ (den Titel allerdings nicht, den habe ich einfach nicht verstanden – edit: Leser Hochofen klärt mich in den Kommentaren auf). Die kluge Zeichnung des Millieus der kleinen Leute, Eisenwarenhändler, die, obwohl sie längst in Rente sein müssten, den Eckladen noch weiter betreiben. Man müsste das Schauspiel loben, Wolfgang Hübsch und vor allem Elisabeth Orth, der der schönste Satz dieses Films gebührt, „Gott segne Sie, Franz Leitmayr!“, als Leitmayr ihr endlich gesteht, dass er es war, der den auf die schiefe Bahn geratenen Sohn erschossen hat, Vergebung! Vergebung! Man möchte die stille Regie (Thomas Stiller, no jokes with names!) loben und die Kamera Philipp Sichlers, die genau weiß, was für Bilder man braucht, für eine Verfolgungsjagd an einem hellen Sommernachmittag, in einem staubigen Stall: heftigstes Gegenlicht. Man könnte bemängeln, dass Leitmayrs eigentlich gleichberechtigter Kommissarskollege Ivo Batic (Miroslav Nemec) ein wenig an den Rand gedrängt ist, in diesem Krimi, kaum wirklich etwas zur Handlung beiträgt. Andererseits: Der hält das schon aus, demnächst gibt es auch wieder einen Film, bei dem er im Mittelpunkt steht.

(Sehenswert: Holger Gertz in der Süddeutschen. Trauma-Thriller: Christian Buß auf SpOn. Träge: Matthias Dell im Freitag. (Fast) Film noir: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. Spannend auf die anspruchsvolle Art: der Wahlberliner. Besserer Durchschnitt: der Stadtneurotiker.)

15. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Ob es dem Tiger Spaß macht, wenn der Dompteur ihm den Kopf in den Rachen schiebt? · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

Meine kleine Wahlheimat startet eine Bundesratsinitiative. Es geht darum, dass die Haltung bestimmter Wildtiere im Zirkus nicht artgerecht sei und verboten gehöre, Anlass ist ein Gastspiel des Münchner Cirkus Krone, dessen Tierhaltung zwar laut Aussage der Lübecker Tierärztin Annette Oloffs in keiner Weise zu beanstanden sei (Bezahllink, dessen Paywall sich aber bekanntermaßen leicht umgehen lässt), der aber eben gerade verfügbar ist und deswegen jetzt als abschreckendes Beispiel dran glauben darf. Und grundsätzlich wäre ein Verbot von Wildtieren im Zirkus ja eine gute Sache.

Wäre es das? Vorsicht. Natürlich werden Tiere im Zirkus nie artgerecht gehalten, aber andernorts kümmert mich das auch wenig. Ich esse Fleisch, wenig zwar und nach Möglichkeit Bio, weiß aber auch, dass, um mit Karen Duve zu sprechen, auch Bioschweine nicht totgestreichelt werden. Es ist schlicht nicht artgerecht für ein Tier, zur Befriedigung meiner Triebe umgebracht zu werden, trotzdem nehme ich das hin. Und weiter: Mit eine der schönsten Freizeitbeschäftigungen ist für mich ein Spaziergang übers Hagenbeck-Gelände, und entgegen anders lautender Gerüchte bleibe ich auch dort nicht nur versonnenen Blicks vor dem Meerschweinchen-Gehege stehen. Für Giraffen, Schleiereulen und Orang Utangs aber ist ein Zoo auch kein artgerechtes Ambiente, mir egal, ich gehe dort gerne hin. Moralisch brauche ich aber keinem fröhlichen Zirkusbesucher mehr zu kommen, moralisch habe ich total abgewirtschaftet.

Also komme ich emotional. Ich mag es einfach nicht, im Zirkus. Als Kind ging ich da manchmal hin, aus irgendwelchen Gründen gab es verbilligte Tickets für Schulklassen, wenn ein Zirkus auf dem Messegelände in der Friedrichsau gastierte. Außerdem mochte meine Mutter das Zirkusambiente anscheinend, von Herzen, dazu später mehr. Auf jeden Fall gastierten ein-, zweimal im Jahr (eher kleine) Wanderzirkusse, und ich saß im Publikum. Und litt.
Es war heiß im Zirkuszelt. Es stank nach Sägespänen, nach Tier, nach Schweiß. Ich hatte zuvor Zuckerwatte gegessen, Cola getrunken, mampfte weiter Süßkram, mir war schlecht. Irgendetwas in mir befahl, dass ich mich freuen sollte, also freute ich mich. Und wurde enttäuscht. Artisten: langweilig, öde, nie fiel jemand vom Trapez, es war zum Einschlafen. Tusch! (Ich hasste diese Musik, immer zu laut, immer nervig, Tusch, Tä-Dää, dazu später auch mehr.) Tiernummern: würdelos. Ich wusste nicht, ob es dem Tiger womöglich Spaß machte, wenn der Dompteur ihm den Kopf in den Rachen schob, mir war aber klar, dass selbst wenn das Tier freiwillig mitmachen würde, diese Behandlung würdelos wäre für ein Tier. Wie wenn Paare sich in der Öffentlichkeit „Stinker“ und „Möschen“ nennen, die machen das ja auch freiweillig und mögen sich auch noch dabei, man selbst fühlt sich dennoch unwohl, wenn man das mit anhört. Tusch! Und schließlich die Clowns. Angst vor Clowns ist nicht originell, der Mediziner nennt diese Angst Coulrophobie. Ich aber hatte keine Angst, sie ödeten mich nur an, alle. Der Weißclown, der Pierrot: gotterbärmliche Kleinbürgermelancholie, blödsinniges Virtuosentum. Der Dumme August: derber Brüllhumor, immer auf Kosten der Schwächeren, das Prügeln des August ist das gewaltsame Wiederherstellen der autoritären Ordnung. Tusch! Tusch! Tusch!

Ein wenig verstehe ich den Reiz, den Zirkus ausüben kann. Also, ich ahne, dass der Zirkus eine Welt repräsentiert, die der bürgerlichen Welt entgegengesetzt ist, Freiheit, fahrendes Volk, „Kein Gott/Kein Staat/Keine Arbeit/Kein Geld“ (Jeans Team, „Das Zelt“). Das ahne ich, so, wie ich auch ahne, was Michail Bachtin meinte, als er über den Karneval als Fest der Entgrenzung und Umdeutung aller Werte schrieb. Also, theoretisch ahne ich das, sehe aber trotzdem keinen Grund, kommenden Winter nach Köln zu fahren und Karneval zu feiern. Auch glaube ich dass es dieses romantische Zirkusbild auf einem Missverständnis fußt, Antibürgerliches findet sich doch viel eher in Teilen der Theaterwelt, im Rotlicht, vielleicht auch unter Schaustellern. Aber doch nicht im streng hierarchischen Zirkus.
Eine meiner ersten Theaterrollen war der Stallmeister in einer Laienproduktion von Pavel Kohouts „August August, August“, einer bösen Satire auf vergebliches Reformbemühen im Stalinismus. Die Szenerie war ein Zirkus, die Handlung bestand darin, dass der Clown August gerne Direktor werden würde, alle an ihn gestellten Aufgaben auch brav löst, am Ende aber doch als Tigerfutter endet. Der Zirkus als Bild für eine diktatorische Gewaltherrschaft, in der sich nie etwas ändert: Das funktionierte gut, bei Kohout.

Nein, wenn man mich fragen würde, man sollte nicht die Wildtierhaltung im Zirkus verbieten, man sollte gleich den Zirkus als Ganzes verbieten. Zum Glück fragt man mich nicht.

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