Wenig. Weil: Hauptsächlich arbeite ich ja doch zum Komplex Theater, und weil die Theater im Sommer Pause machen, habe ich wenig zu tun. Theater heute spart sich mangels Themen regelmäßig die Augustausgabe, stattdessen gibt es ein Sonderheft, in dem unter anderem die fiebernd erwartete und anschließend viel gescholtene Kritikerumfrage steht: 44 Theaterkritiker nennen ihre Lieblinge der abgelaufenen Saison, einer davon ich. Mein Theater des Jahres war übrigens Bremen, mit einer einzigen weiteren Nennung allerdings ohne Chance auf einen Platz ganz oben.

Ansonsten war ich viel beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel. Für die Nachtkritik habe ich die Eröffnungspremieren beschrieben:

Olivier Dubois hat für „Tragédie“ eine Gruppenchoreografie für 18 nackte Tänzerinnen und Tänzer aus dem Chor aus der griechischen Tragödie abgeleitet. Ein erster Satz namens „Parades“ lässt die Tänzer streng formalistisch Bewegungsfolgen abschreiten, eine Strenge, die sich im zweiten und dritten Teil („Episodes“ und „Catharsis“) in dionysischem Exzess auflöst. Zumindest während der ersten halben Stunde passiert praktisch nichts, man hat also Zeit, die Tänzerkörper zu vergleichen. Und plötzlich steht man in einem Obstkorb der Brüste, Schwänze, Schenkel: hier etwas Birnenartiges, dort etwas Bananenförmiges. Körper sind tatsächlich Wunderwerke der Unterschiedlichkeit, und womöglich ist diese Unterschiedlichkeit der Link zum Realismusbegriff in „The real World“: Die Realität ist der nackte Körper auf der Bühne, und die Kunst ist die choreographische Form, in die ihn Dubois presst.

Einen längeren Artikel über das Sommerfestival habe ich auch für Theater heute (Ausgabe 10/13, online wie immer nicht verfügbar) geschrieben, allerdings stärker auf das Gesamtfestival fokussiert. Und auf die klimatischen Bedingungen.

Pünktlich zum Start des Internationalen Sommerfestivals hat sich der Sommer vorerst aus Hamburg verabschiedet. Das erfüllt alle Klischees über die Hansestadt, ist aber für ein Theater-, Kunst- und Musikfestival nicht weiter schlimm, einzig der Erholungsbereich des Festivals leidet ein wenig unter dem Schmuddelwetter. Die Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw hat hierfür das Gelände hinter dem Kulturzentrum Kampnagel okkupiert, mit einem „spekulativen Dorf “ (einem Multifunktions-Bretterverschlag), einer „Kanalphilharmonie“ (einem funktionsfähigen Konzerthaus, in Hamburg ist so etwas nicht selbstverständlich) und einer verurwaldeten Fläche namens „Avant-Garten“, auf der sich sicher gut munkeln ließe, wäre es nur nicht so regnerisch.

Am Thalia ging die Saison schon Anfang September los, und zwar mit „Moby Dick“ in der Regie von Antú Romero Nunes. Auf Nachtkritik.de steht, wie ich es fand:

Dieser Einstieg ist eine grundsympathische Verweigerung von Rollenhierarchien, er ist aber eigentlich nicht das, wofür Nunes steht: Der 29-Jährige hat sich einen Namen mit seinem Gespür für Rhythmus gemacht, damit, dass er große Szenen leichthändig bauen kann, auch damit, das Pathos schwerer Stoffe mit geschickten ironischen Brüchen zu unterlaufen. Lange Zeit aber sieht man davon nichts, man sieht ein perfekt harmonierendes Ensemble, wie es sich in Minimalismus übt, und für Minimalismus steht Nunes nun mal gar nicht. Aber „Moby Dick“ ist mehr als ein zielloses Stochern im metaphysischen Dunkel, es ist auch: eine Abenteuerstory. Und als die an Fahrt aufnimmt, kann Nunes seine Stärken ausspielen. Die Bühne wird unter Wasser gesetzt, und dann geht es ziemlich heftig zur Sache, will sagen: Es wird harpuniert, verzweifelt sich wehrende Tiere werden eingeholt, abgestochen und fachgerecht zerteilt, am Ende wird um die Beute gestritten. Und wenn man sieht, wie das weitgehend pantomimisch erledigt wird, kann man nicht anders: Man zieht den Hut vor diesen Schauspielern, die durch die Bank den Eindruck erwecken, dass da Blut und Schweiß und Walfett ins Parkett fließen, literweise.

EIne echte Theaterkritik gab es nicht zu Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, weil die Aufführung kein Theaterstück im eigentlichen Sinne war, sondern eine Solidaritätsadresse des Thalia mit den libyschen Flüchtlingen, die seit mehreren Monaten in der St. Pauli Kirche ausharren. Trotzdem habe ich für die Nachtkritik etwas darüber geschrieben:

Thalia-Intendant Joachim Lux balanciert nicht ungeschickt zwischen diesen Polen, indem er die Lesung so künstlerisch wie möglich anlegt, gleichzeitig aber immer im Bewusstsein behält, dass die Veranstaltung a) ein Schnellschuss ist und b) künstlerischer Mehrwert nicht das ist, was in dieser Situation am Nötigsten gebraucht wird. „Die Schutzbefohlenen“ schlängelt sich dabei zwischen diesen Positionen durch, indem die Lesung sich auf ein klassisches Stadttheater-Verständnis beruft: Es gibt eine politische Diskussion in Hamburg, und das Thalia als Stadttheater hat zu dieser Diskussion einen Kommentar abzugeben. Punkt.

Und schließlich habe ich für Theater heute (Ausgabe 10/13) einen Ausflug nach Lübeck gemacht, um mir bei „Die Ehe der Maria Braun“ Zigarrenqualm ins Gesicht pusten zu lassen:

In der Zigarrenraucherrepublik: Noch bevor das Publikum die Lübecker Kammerspiele betritt, pafft Astrid Färber schon am Bühnenrand, lallt und kichert übertrieben laut, ein, zwei Likörchen dürfte sie sich schon genehmigt haben. Das gerade vor dem Sprung an größere Häuser stehende Regieduo Biel/Zboralski hat sich entschieden, Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ von hinten aufzuzäumen: Färber spielt die ältere Maria Braun, die im Wirtschaftswunderdeutschland zu Wohlstand gekommen ist, die allerdings auch moralisch wie ästhetisch derangiert daher kommt.

Aber! Es gibt ja noch mehr als nur Theater! Im uMag (Ausgabe 09/13) versuche ich zum Beispiel, die Menschheit vorurteilsfrei zu mögen, naja, ich versuche, sie zumindest zu akzeptieren:

Ich will netter von den Menschen denken. Die Menschen, die sind gar nicht so schlimm, wie man denken würde, wenn man welche frisch kennenlernt. Die sind einfach nur ungeschickt und ziemlich dumm. Das erklärt, weswegen sie sich so häufig seltsam verhalten: Sie sitzen mit dir am Tisch und wirken ganz okay, dann aber ziehen sie übers Regietheater her, „man sollte Wagner so inszenieren, wie der Autor sich das Werk vorgestellt hat!“ Oder sie hören Mittelalter-Metal, und zwar so laut, dass ich mithören muss. Oder sie wählen eine seltsame Partei, die dann den Außenminister stellt, und hinterher jammern sie, dass sie das nicht gewollt hätten, in ihrer spätrömischen Dekadenz. Oder sie zeugen Kinder, die genauso werden wie sie. Das ist alles schlimm, aber sie sind eben dumm, sie wissen es nicht besser. Man muss geduldig sein.

Außerdem habe ich in der gleichen uMag-Ausgabe einen Artikel über den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst geschrieben. Mittlerweile wissen wir: Mariana Castillo Deball hat den Preis erhalten, Glückwunsch.

Was also ist dran am Preis der Nationalgalerie, der immerhin als bedeutendster Kunstpreis der Republik gilt? Für die Künstler: wenig. Dafür ganz viel fürs Publikum. Durch die Kriterien sind Künstler teilnahmeberechtigt, die tatsächlich all das prägt, was Kunst in Deutschland im Jahr 2013 auszeichnet: Sie sind (halbwegs) jung. Sie leben in Berlin. Sie praktizieren einen extrem intellektuellen Zugang zur Kunst. Und nicht zuletzt sind sie migrantisch.

Im Karlsruher ZKM läuft derzeit eine große Retrospektive der Chorografin Sasha Waltz. Das habe ich zum Anlass genommen, im uMag (Ausgabe 10/13) einmal die Entwicklung dieser großartigen Tanztheatermacherin zu rekapitulieren:

Die Geschichte von Sasha Waltz wird gerne als Märchen erzählt: Es war einmal eine junge Frau, die kam aus dem beschaulichen Karlsruhe nach Berlin, Anfang der Neunziger, in die wilde, ungeordnete Großstadt. Sie kam wie aus dem Nichts, besetzte gemeinsam mit ihrem Freund Jochen Sandig Häuser im Osten, alles war möglich, und sie machte etwas möglich: Sie schloss sich nicht ein im bloßen antikapitalistischen Reflex, sie machte Kunst. Tanztheater, mit ihrer Gruppe Sasha Waltz & Guests, die bald mehr als ein Geheimtipp war, bald zum Theatertreffen eingeladen wurde (was für Tanz eher ungewöhnlich ist), bald die charmant-abgerockten sophiens¾le verließ und zur wichtigsten Theatermacherin der Hauptstadt avancierte, arm aber sexy. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann tanzt sie noch heute.

Und schließlich habe ich in der kulturnews Kurzrezensionen geschrieben. So über „Das Erbe“, einen Comic der wunderbaren Rutu Modan:

Die verschachtelte Geschichte erzählt Modan im Ligne-Claire-Stil, beeinflusst von Klassikern wie Hergé. Auch der wusste Burleske mit Spannung und Zeitgeschichte zu mischen, war allerdings nie so mutig wie Modan, die leichterhand eine abgründige Szene einbauen kann wie diejenige, in der Mika in ein historisches Reenactment gerät: Plötzlich bevölkern sich Straßen Warschaus mit SS-Männern, die vorgebliche Juden mit Davidstern zusammentreiben, und die Heldin ist so überrumpelt, dass sie einfach mitspielt.

Außerdem besprach ich zwei DVDs, den indonesischen Film „Die Nacht der Giraffe“ („Die traumschönen Bilder allerdings wirken im TV ein wenig verschenkt. Da bleibt doch nur der Weg ins Kino – oder ein Beamer.“) sowie den brasilianischen Film „Paulista“ („In sinnlich-fiebrigen Bildern fängt Moreira das Leben im urban-intellektuellen Prekariat ein und dokumentiert neben seinen liebevoll gezeichneten Figuren auch noch die Globalisierung des Hipstertums. Ob die jungen Chancenlosen nun in Brooklyn rumhängen, in Berlin oder in Sao Paulo: Am Ende hören sie alle Radiohead.“).

21. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein paar abschließende Gedanken zum Hamburger Schauspielhaus · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

– Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

– Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

– 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

– 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens „Spielfeld“, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‚ „Ritt in die Sonne“. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). „Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen“, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

14. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Über das Recht des Sechzehnjährigen auf Geschmacksverwirrung · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Das Publikum kreißte und gebar: ein altbackenes Theaterstück. Bei der mehr oder weniger demokratischen Spielplanwahl am Hamburger Thalia wurde Friedrich Dürrenmatts Politkomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ in einem etwas undurchsichtigen Verfahren zum aufführenswertesten Stück der Spielzeit gekürt – und die arme Christine Eder musste es inszenieren. Dürrenmatt, mit dem habe ich eine Geschichte, ähnlich wie mit Woody Allen, Salvador Dalí und den Sisters of Mercy: Künstlern, die ich als junger Mensch toll und wichtig fand, was mir heute ein wenig peinlich ist. Muss es natürlich nicht sein, man hat als Sechzehnjähriger alles Recht auf Geschmackswirren, und es gibt ja auch wirklich schlechtere Dramatiker als Friedrich Dürrenmatt. Bloß aufführen, das muss man den alten Schweizer heute eigentlich wirklich nicht mehr.

Und was passiert, wenn man es doch macht, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Sätze wie „Der Westen hat die Freiheit verspielt, der Kommunismus die Gerechtigkeit“ mögen in Zeiten der Systemkonkurrenz ihre Relevanz gehabt haben, heute aber klingen sie hohl, selbst wenn der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawn im Programmheft nicht ungeschickt versucht, den Marxismus als Welterklärungsmodell zu retten.

Übrig bleibt ein, freundlich ausgedrückt, fragwürdiges Frauenbild: „Wer auf dich baut, wird untergehen!“, das ist, was diese zwar lächerlichen, aber dennoch von Idealen beseelten Männer zu ihrem Objekt der Begierde zu sagen wissen. Und übrig bleibt eine Regisseurin, die mit dem Stück fremdelt und die das minimalistische Bühnenbild nutzt, ihre bestens aufgelegten Darsteller Kabinettstückchen vollführen zu lassen: Geiße zuzuschauen, wie sie als neugieriges Zimmermädchen lauschend durch die Kulisse staubwedelt, ist jedenfalls ein großer Spaß.

Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass niemand mehr ein Interesse haben dürfte, auf der Bandschublade einen Artikel zu Constanza Macras zu lesen – habe ich doch hier (wie anderswo) schon mehrfach beschrieben, wie toll ich die Berliner Choreografin finde. Allerdings darf ich schon noch erwähnen, dass ich Macras‘ explizit antinationalistischen Zugriff auf Tanz (dessen internationale Protagonistenschar häufig vergessen lässt, dass Internationalismus etwas ist, das man sich erarbeiten muss) extrem wichtig finde. Ich finde es wichtig, dass in ihrem neuen Stück „Distortion“ Brechts „Kinderhymne“ eine zentrale Rolle spielt, gerade in Zeiten, in denen der Alltagsnationalismus durch Bands wie Frei.Wild (die hier nicht verlinkt werden) wieder hoffähig gemacht wird, so hoffähig, dass ein Punkfestival wie das Leipziger With Full Force aus allen Wolken fällt, wenn es einen Proteststurm gibt, weil solch eine Band dort spielen darf.

Und wie ich „Distortion“, Macras‘ erste Zusammenarbeit mit der Hamburger HipHop Academy, nun fand, das habe ich für nachtkritik.de aufgeschrieben. Nur hier lesen muss man es nicht unbedingt.

Es beginnt mit einer starken Tanzsequenz. Während elektronische Klänge (Marc „Sleepwalker“ Wichmann von der HipHop Academy und Kristina Lösche-Löwensen von Macras‘ Berliner Compagnie Dorky Park) langsam an- und abschwellen, bewegen sich Körper wellenartig, schnelle Beats treiben die Tänzer an, bremsen sie aus, verzerren die Bewegungen. Ein paar klassische Breakdance-Moves gibt es auch, viel beklatschte Headspins, Windmills und Flares. Und als nach einer Weile mehrfach geloopte Textfragmente durch den Saal schallen, nimmt man die begeistert auf: Bedeutung! Inhalt! „Ich bin hier geboren/Ich habe einen deutschen Pass/obwohl ich nicht deutsch aussehe …“ versteht man und hat damit auch schon das Thema des Abends begriffen: Es geht um Identität, und zwar explizit auch um nationale Identität.

Ich habe eine Kleinstadtvergangenheit, das ist bekannt unter den Lesern dieses Blogs. Allerdings habe ich diese Vergangenheit hinter mir gelassen, zumindest körperlich (In Wahrheit ist es natürlich so, You can take the boy out of Gießen, but you can’t take Gießen out of the boy). Und deswegen kam gestern alles wieder hoch, beim Besuch im Theater Lüneburg zur Premiere von Dea Lohers „Klaras Verhältnisse“: die schreiende Stillosigkeit des Theatergebäudes. Die Beflissenheit, mit der das (mehrheitlich ältere) Publikum sich fein gemacht hat für den Abend – ein Premierenbesuch ist etwas Besonderes, ein gesellschaftliches Ereignis, da trägt man Anzug. Das genervte kollektive Aufstöhnen, sobald auf der Bühne etwas passiert, das man irgendwie als Sexszene interpretieren konnte. Als ob die Neunziger nicht vergangen wären.

Aber die Inszenierung Nilufar K. Münzings! Die war gar nicht einmal schlecht, besser jedenfalls als diejenige des gleichen Stücks, die ich vor zwölf Jahren am Hamburger Thalia Theater sah. Und das sage ich jetzt nicht, weil ich in aller Großstadt-Arroganz den Gönner raushängen lasse, „Ach, klar für die Provinz war das ja wirklich ganz ansehnlich!“ Nein, war wirklich gut. Und Entsprechendes habe ich auch für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Die junge Regisseurin Nilufar K. Münzing (…) vergisst eine Finanzkrise später die Aufführungsgeschichte von „Klaras Verhältnisse“ und konzentriert sich in ihrer Inszenierung auf den ökonomischen Kern des Stücks: „Klaras Verhältnisse“, das sind natürlich die Verhältnisse, die die Protagonistin eingeht, aber es sind auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Figuren leben müssen. „Wir wären gut anstatt so roh. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

02. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Warme Worte · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

„Und?“ fragt Nikolaj Iwanowitsch. „Langweilig!“ stöhnt Anna Petrowna, „Jetzt schon!“ Nach gerade mal fünf Minuten. Raffiniert nimmt Jan Bosse den Kritikern den Wind aus den Segeln, den Kritikern, die bemängeln, dass sein „Platonow“ am Hamburger Thalia durchaus Längen hat: Das hier ist Tschechow! Natürlich ist das langweilig, was erwartet ihr denn? Und immerhin ist das uferlose Frühwerk des erst 18-jährigen Dramatikers von über sieben auf gute vier Stunden zusammengekürzt, da braucht man sich wirklich nicht über Langeweile zu beschweren.

Das Thalia hat seine Spielzeit eröffnet, mit Jan Bosses „Platonow“, einem Schauspielerfest, das ich für die Nachtkritik besprochen habe. Das Thalia beging allerdings auch seinen 100. Geburtstag am aktuellen Standort, mit einem kurzen Senatsempfang inclusive warmer Worte der Kultursenatorin Barbara Kisseler, freundlich und unverbindlich. (Auf kulturnews.de habe ich kurz vom Empfang berichtet.) Man wünscht „Glückerfüllte nächste 100 Jahre“, haha!, man weiß natürlich, dass man viel wünschen kann, wenn man nicht in der Lage beziehungsweise nicht gewillt ist, diese nächsten 100 Jahre auskömmlich zu finanzieren (wobei ich Kisseler da nichts unterstellen möchte, ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern). Und dann eben „Platonow“, mitten in dieser sektseligen Wir-schätzen-uns-alle-über-die-Maßen-Stimmung! Ein Stück, in dem Langeweile, Überdruss, Ödnis blanken Hass und irgendwann auch Gewalt nach sich ziehen!

Und dafür mag ich das Thalia einfach: für diese Bereitschaft zum lächelnden Zerschmettern von Wohlbefinden bei gleichzeitiger staatstragender Seriosität.

19. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Ich verstehe praktisch gar nichts von Wirtschaft · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Matthias von Hartz hat in seiner letzten Saison als Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals die „Grenzen des Wachstums“ ausgerufen. So ein politisches Motto klingt großartig und schleift sich im Festivalalltag schnell zur bloßen Behauptung ab, weswegen es zur Festivalmitte regelmäßig eine Art politisch-theatralen Marathon gibt, dieses Jahr unter dem Namen „Ausgewachsen“: „Wirtschaftswissenschaftler … Scharlatane, Gelehrte und Künstler“ beschäftigen sich acht Stunden – einen Arbeitstag lang – mit Wachstumsgrenzen, bereiten „uns mit Tanz und Theorie, Musik und Schnaps auf das neue Leben“ vor. Und Schnaps, hey!, da freut sich der prototypische Arbeitnehmer doch drauf, am Ende des Arbeitstages!

Vor den Schnaps aber hat der Herr die Theorie gesetzt, und für die sind zuständig: Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler aus Oldenburg, und Ulrich Brand, Politikwissenschaftler aus Wien. Die sorgen in zwei Kurzvorträgen erstmal dafür, dass man als ökonomisch nicht allzu beschlagener Theatergänger nicht glauben mag, dass jemand, der auch nur halbwegs seine Sinne beisammen hat, für mehr Wachstum plädieren könnte.

Wenn ich mir überlege, was ich in den vergangenen 40 Jahren falsch gemacht habe, dann steht recht weit oben: Ich habe mich nicht ausreichend mit Wirtschaft auseinander gesetzt. Ich habe mich eigentlich überhaupt nicht mit Wirtschaft auseinander gesetzt, da war ich immer zu arrogant für, Wirtschaft, das ist doch der langweilige Kram, der Typen interessiert, die sich um ihre armselige Karriere sorgen, mit mir hat das nichts zu tun! Und was habe ich jetzt von meiner Arroganz? Die Wirtschaft findet statt, rund um mich herum, und ich verstehe nur Bahnhof. Griechenland, Sozialsystem, Kultursubventionen: Bahnhof. Um mich herum werden Entscheidungen gefällt, und ich muss das einfach geschehen lassen, weil, ich kann ja nicht mitreden.

Auch beim Theatermarathon „Ausgewachsen“ zum Thema Grenzen des Wachstums auf Kampnagel: Bahnhof. Aber wenigstens reicht mein Nichtverstehen, um für die Nachtkritik aufzuschreiben, was ich alles nicht verstanden habe. (Man muss auch mit kleinen Dingen zufrieden sein.)

27. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Mit Lebensmittel rumsauen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Wenn das Kollektiv entscheidet, dass Alkohol in der Kolonie verboten sein soll, dann schaffen es Ojasoo und Semper mit minimalen Mitteln, Verschiebungen der Machtverhältnisse klarzustellen, ein skeptisch hochgezogener Mundwinkel reicht da schon. Wenn in einer grandios chaotischen Choreographie die Körper nacheinander im Wettkampf, im Rangeln, im Liebesakt aufeinander prallen, dann sind diese Bedeutungsveränderungen auf den Punkt gesetzt. Und selbst wenn solche kurzen Sequenzen ausbleiben, passiert trotzdem immer was. Mal Klamauk, mal Musik (das Ensemble grölt den Ballermann-Hit „La Macarena“ mit minimal abgeändertem Text: „Eeeeh … Makarenko!“, toll!), schon ganz zu Anfang rotzt Bruno Cathomas dem Publikum vor die Füße, da hätte man fast drauf wetten können, dass im Laufe des Abends auch noch Scheiße über die Bühne fliegt. Doch, macht Spaß.

Wenn Konservative sich über das zeitgenössische Theater aufregen, dann motzen sie eigentlich immer darüber, dass da ohne Unterlass gebrüllt werde. Dass ununterbrochen mit Lebensmittel rumgesaut werde. Dass es immer total eklig sei. Und dass die Schauspieler ständig nackt seien. Mit anderen Worten: So wie in „Fuck your Ego!“ der ersten (mehr oder weniger ganz großartigen) deutschen Produktion der estnischen Theatermacher Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper am Thalia in der Gaußstraße. Für nachtkritik.de habe ich ein bisschen was von der Premiere aufgeschrieben.

22. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Alles richtig gemacht · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Was für ein Einstieg. Das Volk tobt, Gitarre und Sampler dröhnen, die Revolutionäre stolpern über die Drehbühne, ackern, prügeln, wärmen sich am offenen Feuer. Und im Hintergrund rotiert eine mehrere Meter hohe Bühnenskulptur, eine Mischung aus Klettergerüst, Todesstern und Firmenlogo (Bühne: Florian Lösche). Minutenlang geht das so, und als endlich die ersten Worte mehr gestammelt als gesprochen werden, hat man kapiert: Wenn Jette Steckel am Hamburger Thalia Büchners „Dantons Tod“ inszeniert, wird einem nichts geschenkt. Weder den Zuschauern noch den Darstellern – noch bevor das Stück richtig begonnen hat, schwirrt den einen schon der Kopf und sind die anderen schweißgebadet.

Die Regisseurin Jette Steckel lässt mich nicht kalt. Weil ich ihre Arbeiten immer perfekt finde, zeitgemäß, durchdacht. Aber leider auch ein wenig einserschülerinnenhaft. Am Thalia zeigt Steckel seit gestern Büchners „Dantons Tod“, und auch diese Inszenierung macht alles richtig, hinterlässt mich aber nicht ganz befriedigt. Auf nachtkritik.de steht, weswegen.

29. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wir sind Loman · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , ,

Vielleicht ist es ja auch gar nicht falsch: mal einen Klassiker der Moderne nicht zwanghaft ins Jetzt zu prügeln, mal ein Theater auszuprobieren, das nichts wissen will von Postdramatik, nicht einmal etwas von Dramaturgie (für diese Produktion jedenfalls wird kein Dramaturg genannt). Und stattdessen darauf vertraut, dass Millers Text die Psychologie der Figuren schon ausreichend charakterisiert. Minks macht das zunächst ganz geschickt, er versteht, dass Miller wenig von reinem Abbildrealismus hielt, und so dringt die Regie tief ein in die Psyche des erfolglosen Vertreters Willy Loman (Burghart Klaußner) und bebildert dessen zunehmenden Realitätsverlust.

Clever wechselt Minks zwischen Passagen, die sich mal in der Wirklichkeit, mal in Lomans Kopf abspielen, die Handlung springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und wir, die wir konsequent Lomans Perspektive einnehmen, verlieren zunehmend selbst den Überblick. Das ist klug inszeniert, es ist aber auch ein billiger Ausweg: Wir sind Loman, aber wir verstehen nicht, was dessen amerikanischer Alptraum aus den 1940ern mit der Gegenwart des Jahres 2012 zu tun haben könnte – wenn man sich die Frage stellen möchte.

Wer auf diesem kleinen, süßen Blog schon ein wenig rumgelesen hat, der hat schnell gemerkt, dass ich mit Werktreue im Theater kaum etwas anfangen kann. Aber ich bin ja offen für Neues, also schaue ich mir im St.-Pauli-Theater Wilfried Minks‘ Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Burghart Klaußner an. Um hinterher so ernüchtert wie bestätigt zu sein. Alles Weitere: auf der Nachtkritik.