07. Mai 2015 · Kommentare deaktiviert für Liebe Leser_innen. (Warum ich nur selektiv gendere.) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , ,

Ich bin mir dessen bewusst, dass Sprache sexistische Strukturen abbildet, nein, nicht nur Sexismus, auch Rassismus, Klassismus, überhaupt hierarchische, diskriminierende Strukturen. Das war mir schon im Studium klar, in den Seminaren zu feministischer Linguistik (das einzige, was mich an der Linguistik überhaupt interessiert hat), nach denen ich konsequent das große I in meinen Texten verwendet habe, bis ich verstanden habe, dass das große I ebenfalls ausgrenzend wirkt, weil es eine Dualität der Geschlechter behauptet, die in der Realität nicht da ist. Seither verwende ich den Unterstrich _, wohl wissend, dass auch der nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Beziehungsweise: Ich verwende ihn in Briefen, Manuals, Mails, Konzepten. Wo ich ihn nicht verwende: in Artikeln. Natürlich bin ich als Autor an die Schreibweisenkonventionen der publizierenden Medien gebunden – wo nicht gegendert wird, da gendere ich natürlich auch nicht. Andererseits kämpfe ich auch bei den nicht-gendernden Medien nicht darum, dass diese Konvention aufgehoben wird. Schlimmer noch: Selbst bei Medien, an denen es den Autoren und Autorinnen (da! schon wieder!) freigestellt ist, wie zum Beispiel bei der Nachtkritik (Georg Kasch empfahl hier ein Sternchen: *), gendere ich nicht, selbst bei Les Flâneurs, wo ich als V.i.S.d.P. fungiere und Kolleginnen wie Ninia Binias ganz selbstverständlich gendern, lasse ich es bleiben. Und frage mich natürlich: warum?

Genau deswegen.

Wegen dieser Frage: warum? Sobald man die sich stellt, ist man sich nämlich des Problems bewusst, dass sprachimmanenter Sexismus existiert. Und denkt denselben dann im besten Falle mit, man schafft also bei sich (und bei den Leserinnen und Lesern) ein Bewusstsein für das Thema. Ein nicht-gegenderter Text ist entsprechend eine schmerzende Wunde, eine Wunde, die weit stärker schmerzt als wenn die Probleme fröhlich mit Sternchen, Unterstrich, großem I oder was auch immer übertüncht werden. Zumindest in der Theorie ist das so.

Natürlich ist das in der Praxis anders. In der Praxis geht es natürlich auch darum, möglichst elegante Texte zu formulieren, und je eleganter ein Text ist, desto weniger schmerzt die Wunde. Am Ende steht dann ein Artikel, der ganz und gar nicht auf ein Problem hinweist, sondern der die rein männliche Position einfach nur reproduziert, nichts ist gewonnen, alles ist, wie es immer war. Problem.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt: dass man sich immer wieder mit Problemen auseinandersetzt, dass man nicht einfach etwas gegeben nimmt, dass man die eigene Position immer wieder hinterfragt. Und vielleicht ist dieses Hinterfragen auch genau das, was für mich an Feminismus und Gendertheorie wichtig ist und was von Maskulinisten und Rechten einfach nicht verstanden wird – dass es hier nicht um Befehle geht, wie man sich auszudrücken hat, sondern um das Vergegenwärtigen von Problemen. Zumindest für mich. Was eine männlich zentrierte Position ist, schon klar.