15. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert für Das Ende des Konzepts Mitte · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , ,

Und dann ist es eben doch recht kalt, ich habe nicht mehr allzulange Zeit, bis mein Zug geht, aus Museumsbesuchsperspektive war der Ausflug nach Berlin bislang auch eher mau, und wie von selbst stehe ich plötzlich Unter den Linden. Ich stehe also vor der Deutschen Guggenheim, eine Woche nachdem die Nachricht die Runde machte, dass dem Ausstellungsraum das Aus drohe, und auch wenn ich mir hier sonst praktisch nie etwas angeschaut habe, denke ich plötzlich: „Mensch, gehste mal rein.“

Ich habe nie verstanden, was die Deutsche Guggenheim mir eigentlich sagen wollte. Ich meine, was sollte das, ein Ausstellungsraum, der sich den schicken Namen der Guggenheim Museen auslieh, allerdings (bis auf die Tatsache, dass hier wie dort Kunst gezeigt wurde) wenig mit dem Guggenheim-Stammhaus in New York zu tun hatte? Ein ungeliebter Cousin vierten Grades der Kunstdynastie Guggenheim, ungeliebt insbesondere im Vergleich mit der Guggenheim-Dependance in Bilbao. Zum Beispiel in Bezug auf die Ausstellungsfläche: Im Baskenland stehen 11000 Quadratmeter für die Kunstpräsentation zur Verfügung, in Berlin 510. Die von den Kuratoren der Sammlung Deutsche Bank bespielt werden. Die Deutsche Bank betreibt den Raum in ihrer Hauptstadtrepräsentanz gemeinsam mit der Solomon R. Guggenheim Foundation, und diese Partnerschaft lenkt den Blick darauf, worum es hier eigentlich ging: Um Marketing, um ein Umleiten der coolen Berlin-Mitte-Kunstszene in ein schick neobürgerliches Selbstvergewisserungsding, in dem es nur noch am Rande um Kunst geht (der Museumsshop in der Deutschen Guggenheim jedenfalls kam mir immer größer vor als der eigentliche Ausstellungsraum). Dass diese Mini-Kunsthalle zum Jahresende schließt, ist entsprechend auch ein Scheitern der Idee, dass Kapital und Kunst doch eigentlich toll miteinander auskommen müssten: Die Bankmanager merkten, dass der Marketingeffekt gegen Null ging, kaum ein Besucher verband einen Besuch in dem Kunstkabuff mit der Deutschen Bank, fast alle gingen raus mit dem Gefühl, „im Guggenheim“ gewesen zu sein. Das Ende des Konzepts Deutsche Guggenheim ist in Wahrheit das Ende des Konzepts Berlin-Mitte als Kunstort.

Was nun noch gar keine Aussage über die gezeigte Kunst ist. Die (wahrscheinlich) letzte Ausstellung, die ich mir an diesem Ort anschaue, nennt sich „Found in Translation“ (Popkulturbezug, hübsch!) und will Übersetzungsprozesse nicht als Prozesse des Verlusts zeigen, sondern als Prozesse, in denen ein Erkenntnisgewinn liegt. Also: Die allgemeine Ansicht ist, dass in einer Übersetzung etwas verloren geht, ein Sinn, der sich in Kontexten festmacht, in Betonungen etwa, und nicht in einer möglichst buchstabengenauen Übettragen von der einen Sprache in die andere. „Found in Translation“ vertritt dagegen die These, dass dieser Verlust auch Raum schafft für etwas Anderes, Interkulturelles, das erst durch die Leerstelle der Übersetzung deutlich wird: „Mehr als je zuvor müssen wir überdenken, was durch Übersetzungen verloren oder gewonnen werden kann und welche Auswirkungen diese endlos erscheinenden Umwandlungen auf unsere Welt haben“, beschreibt Kurator Nat Trotman diese Wechselwirkung.

Im Ergebnis sehen wir verhältnismäßig wahllose Arbeiten von gerade schwer angesagten Künstlern wie Keren Cytter, Sharon Hayes und Brendan Fernandes. Matt Keegan lässt seine Mutter mittels Karteikärtchen englisch lernen und verdeutlicht damit idealisiserte Wertvorstellungen, O Zhang stellt maoistischer Propaganda die allumfassende Ideologie des Konsums gegenüber, das ist alles unglaublich didaktisch, unglaublich eindimensional. Wirklich spannend ist „Found in Translation“ nur an einer Stelle (an der dann tatsächlich auch etwas gefunden wird): in Siemon Allens „The Land of black Gold“. Allen stellt zwei Ausgaben von Hergés Tim-und-Sruppi-Comic „Im Reiche des schwarzen Goldes“ nebeneinander, einmal die französischesprachige Originalfassung aus den 1930er Jahren, und daneben eine englischsprachige Ausgabe rund 20 Jahre später. Allen entfernte den Text aus den Sprechblasen, wir sehen also nicht, welche Ausgabe welche ist. Aber was wir sehen ist: dass hier zwei ganz unterschiedliche Comics aufgehängt sind, nach den identischen Einstiegsbildern fallen beide Ausgaben auseinander, sind kaum noch zwei Panels die gleichen. Hergé reinigte für die internationale Veröffentlichung seinen Comic von allen politischen Bezügen.

Diese Erkenntnis ist auch nichts, was einen Nobelpreis verdienen würde, klar. Aber sie ist ein überraschdendes Schillern in dieser ansonsten so überraschungsfreien Ausstellung, sie lässt einen noch eine Sekunde länger nachdenken, ob man das hier aufgebaute Modell der Übersetzungsleistung tatsächlich richtig veranstanden hat. Und dann geht auch schon mein Zug, eine Stunde Guggenheimbesuch, Kunst für schnell mal zwischendurch.

„Found in Translation“, bis 9. April, Deutsche Guggenheim, Berlin