Ich bin heterosexuell. Ich schlafe gerne mit Frauen, obwohl das meinem Selbstverständnis als Mann irgendwie widerspricht, ich meine, als kulturaffiner Geistesmensch, geschlagen mit zwei linken Händen und ohne nennenswertes Interesse für Dinge wie Fußball, Biertrinken oder Gockelgehabe müsste ich nach dem Klischee eigentlich schwul sein. Außerdem habe ich ein grundsätzliches Problem mit dem Akt an sich: Einen Frauenkörper zu penetrieren, dass ist ein Akt der Gewalt, ich nutze den Körper meiner Partnerin, um meine maskuline, gewalttätige, aggressive Lust zu befriedigen, ich mache meine Partnerin zum Objekt, und ist es nicht wirklich so, dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger ist? (Ich absolvierte mein Politikstudium Mitte der Neunziger, zu einer Zeit, in der ein gewisser Vulgärfeminismus gerade in den letzten Zügen lag, vielleicht merkt man das an manchen Stellen dieses halbironischen Bekenntnisses.)

Es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich verstanden hatte, dass das alles nicht so einfach ist. Dass zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne mal nur Körper sein wollen, dass sich zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne zum Objekt machen lassen. (Was die Sache so unglaublich kompliziert macht, sind die beiden Begriffe „manche“ und „von Zeit zu Zeit“.) Was mir geholfen hat: dass es Vorbilder gab. Männer, die ebenfalls nicht dem klassischen Bild des Machomaskulinisten entsprachen und die dennoch ihr Begehren zu leben wussten. Es ist weiterhin nicht immer einfach, aber: Diese Vorbilder brachten mich an den Punkt, an dem ich bereit war, meine tragische Veranlagung zu akzeptieren.

So, und jetzt ist mal gut, mit dieser billigen Ironie. Kein Heterosexueller wird hierzulande diskriminiert. (Außer im Seminar der Uni Gießen, „Einführung in die feministische Politikwissenschaft“ bei Prof. Barbara Holland-Cunz… Tschuldigung, ich wollte doch aufhören!)

Im Gegensatz zu Schwulen, Asexuellen, Polyamourösen, jeder denkbaren sexuellen Randgruppe. Und gerade deswegen erscheint es mir ungaublich wichtig, dass sich hier Vorbilder outen, dass hier Vorbilder ebenfalls zu ihrem Begehren stehen. (Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass das da oben eigentlich überhaupt nicht ironisch gemeint war.) Man stelle sich einmal vor: Ich wäre ein junger, schwuler Mann, in einem Provinzkaff, sagen wir im Saarland. Ich wäre katholisch, konservativ, nicht besonders attraktiv, und außerdem würde ich in meinem Umfeld praktisch keine anderen Schwulen kennen. Da würde es mir sicher helfen, wenn ein Spitzenpolitiker, womöglich aus einer konservativen Partei, sich hinstellen würde und sagen: „Ja, ich fühle auch so. Ist keine große Sache, aber ist okay.“ Was mir sicher nicht helfen würde, ist, wenn dieser Politiker die Presse zu sich nach Hause einladen würde, um zu erzählen, wie schön es sich als „eingefleischter Junggeselle“ lebe, wobei, schade sei das schon, so ganz ohne Partnerin oder Familie, aber „der liebe Gott“ habe das eben nicht gewollt.

Und, ja, ich bin davon überzeugt, dass Sexualität keine Privatsache ist. Sondern zutiefst politisch. (Ich verweise auf die Diskussion bei Stefan Niggemeier und der Mädchenmannschaft.)