Nachdem ich aus Irland zurück war, hörte ich viel Folk. Folk, also, meist bärtige Männer mit Austikgitarre und Fiddle, hohe Stimmen, manchmal noch eine Mandoline, manchmal noch eine Rockband, immer das gleiche eigentlich. Trotzdem, ich hörte diese immergleiche Musik gerne, Bands aus Schottland, Bands aus der Bretagne, ich kaufte mir ein überteuertes Ticket fürs Irish Folk Festival und stellte recht schnell fest, dass diese Musik über einen Abend gestreckt doch recht eintönig daher kam, mal waren die Männer jünger, mal waren die Männer älter, mal goss ein billiger Synthesizer noch Orchestersoße über die Songs, mal säuselte eine bezopfte Frau noch ein paar Zeilen, was säuselte sie da? Sie säuselte, dass sie ihren Liebsten vermisse und ihm immer treu sein wolle.

Folk war, zumindest wie er bei mir ankam, eine stockreaktionäre Veranstaltung.

Nicht, dass diese Songs keine sozialkritische Komponente hatten, im Gegenteil. Sie kritisierten die Gegenwart dahingehend, dass die Moderne eine Zumutung sei und man sich entsprechend eine vormoderne Welt herbeifiedelte, eine Welt, in der die Mädchen bezopft sind und treu. Plötzlich sah ich die Menschen, die da links und rechts neben mir rhythmisch klatschten, mit anderen Augen: Was wollten die denn hier hören? Die wollten eine möglichst homogene Gesellschaft vorgespielt bekommen, eine Gesellschaft, in der es keine Migranten gab, keinen Gendertrouble und keine Schwulen, eine Gesellschaft, in der ein gütiger Autokrat die Geschicke lenkte und es Aggression ausschließlich in dem Sinne gab, dass man sich gegen verderbliche Einflüsse von außen wehren musste. (Und wenn sie gerade keinen Irish Folk hörten, packten diese Leute ihre Thermojacken ein und fuhren auf Urlaub nach Skandinavien, in nordische Länder, von denen sie annahmen, dass dort noch keine Vermischung, noch keine unübersichtliche Vielfalt existierte. Ich bin unfair, ich weiß.) Am Ende standen unsägliche ostdeutsche Mittelalterrockbands, Pagan Metaller, denen eine glaubhafte Abgrenzung nach rechts grundsätzlich schwer fiel. Ich wollte das nicht mehr hören. (Wobei mein Bann auch explizit linke Folkrockbands wie New Model Army oder die Levellers traf. Was allerdings egal war: Mochten diese Bands mich mit linken Texten kriegen, musikalisch blieb das weiterhin formelhaft.)

Solche Geschmacksurteile mögen zwar inhaltlich begründet sein – zu Ende gedacht stoßen sie an ihre Grenzen. Weil: Wenn man die Differenzen in einer Gesellschaft als wichtig ansieht, dann muss man die Ursprünge der Differenzen trotzdem kennen – weil sie ansonsten verschwimmen, zu einem großen, undifferenzierten Matsch. Die portugiesisch-angolanische Band Buraka Som Sistema versteht man in ihrer Hybridhaftigkeit nur, wenn man die musikalische Basis, den (süd-)afrikanischen Stil Kuduro kennt. Eine Musikerin wie M.I.A. ist reiz- und vor allem politisch wirkungslos, wenn man ihre Musik nicht als Amalgam globaler HipHop-Codes nachvollzieht.

Seit ein paar Jahren höre ich wieder Folk: Patrick Wolf, der die musikalischen Strukturen keltischer Folklore mit elektronisch erzeugten Sounds, vor allem aber dem Discokugel-Glamour der schwulen Subkultur gleichschaltet. Und seit kurzem Florence + the Machine. Bei denen man die Folkbasis kaum noch raushört, so massiv schichten sie Rock, Indie, Prog, vor allem aber Soul über ihre Songs. Und Soul, das ist in seiner Sehnsucht nach Transzendenz das absolute Gegenmodell zum Authentizitätsgehubere des Pop. In den besten Momenten klingen Florence + the Machine dann wie Kate Bush (deren Folkaspekte ich im Überdruss der dekonstruktivistischen letzten Jahre konsequent verleugnete), in den schlechten leider auch manchmal wie Enya.

Denn das muss man leider auch sagen, nach dem heutigen Konzert im hässlichsten Konzertsaal der gesamten Reeperbahn, der Großen Freiheit 36: Florence + the Machine mögen großartige Songs spielen, live sind sie anstrengend. Florence Welch ist humorlos. Florence Welch ist pathetisch. Florence Welch ist leider auch ein wenig tantig. (Das wallende Kleid, das sie trägt, tut ihr übriges: Man will diese wunderbar vielschichtig schillernden Lieder hören, aber man will nicht nach vorn zur Bühne sehen. Man will nicht sehen, wie sie ihr Gewand durch die Luft wirbelt, einen stechenden Blick auf ihren Harfenisten wirft und sich dann verbirgt, in Tüchern um Tüchern.) Dann macht ihr jemand aus dem Publikum einen Heiratsantrag, Gott, ein wenig peinlich ist das schon. Und dann kündigt sie schon den letzten Song an, „This is our last song for tonight, it’s called ‚No Light, no Light'“, die letzten Worte schreit sie, um beim Titel in ohrenbetäubendes Kreischen auszubrechen, dann wird es dunkel, und dann bricht das Schlagzeug los, abgründig und groß.

Und abgründig, das war Folk früher einfach nicht, nicht für mich.

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Also. Natürlich kaschieren die Promofotos ein wenig. Natürlich ist Patrick Wolf nicht so atemberaubend hübsch wie auf seinen Plattencovern. Patrick Wolf, 1983 in London geboren, hat ein Bäuchlein, er hat keine gute Haut, vor allem zeigt er ein wenig die Mopsigkeit des späten Morrissey (die Tatsache, dass meine Handykamera extrem unscharfe Bilder macht, kann in diesem Zusammenhang als gnädig interpretiert werden). Aber Patrick Wolf weiß ja, wie er aussieht. Und Patrick Wolf traut sich dennoch, sich immer wieder nach rechts zu wenden, sich direkt ins Scheinwerferlicht zu stellen, das Licht in den Schweißtropfen auf seiner Stirn spiegeln zu lassen, eitel, glücklich. Um dann den Scheinwerfer zu nehmen, ins Publikum zu leuchten, das gesamte uebel und gefährlich abzutasten, bis er dann eine Sekunde verweilt, erst kapiert man es gar nicht, und dann, wie vor den Kopf geschlagen: Der meint ja mich! Patrick Wolf schaut mich an, der Crooner, der Kitschsänger, er schaut und lächelt, er muss mich meinen! Und dann zieht der Scheinwerfer weiter.
Hinter all dem Camp, dem Tüll und der Schminke und den Konventionen der „Judy! Judy! Judy!“-Musicalbegeisterung, schafft es Patrick Wolf, einem kurz das Gefühl zu geben, der einzige Adressat seiner Songs zu sein, das ist nicht schlecht. Vor allem, weil mich diese Songs bei jedem Hören weniger berühren, ich meine, das ist Folk mit Elektro- und Indierock-Elementen. Folk plus Indierock, wenn man freundlich sein möchte, dann klingt das nach Bands wie New Model Army oder den Levellers, wenn man unfreundlich ist, dann betont man den hohen Streicheranteil der Songs und hört plötzlich ostdeutsche Mittelalterrockbands raus. Und nur die Erkenntnis des hohen Campfaktors von Wolfs Auftreten rettet ihn – weil nämlich auf dem Nordhausener Mittelaltermarkt die Heterosexualität gefeiert wird, offensiv schwules Auftreten ist da nicht so gern gesehen. Nur hilft dieses Gedankenkonstrukt gerade mal bei den alten Wolf-Arbeiten, „Lycanthropy“ (2003) oder „Wind in the Wires“ (2005), bei „The magic Position“ (2007) wird es schon schwierig, und beim aktuellen Werk „Lupercalia“ funktioniert es überhaupt nicht mehr. Denn Wolf integriert auf „Lupercalia“ vermehrt Soul-Elemente in seine Musik, ähnlich, wie es Anfang der Achtziger Dexy’s Midnight Runners und Anfang der Neunziger Bob Geldof versuchten. Und da rettet auch die offensive Homoerotik dieses Konzerts nicht, im Soulfolk hat man nicht grundsätzlich etwas gegen Schwule, der Bruch fehlt, und entsprechend gruselig klingen die Songs von „Lupercalia“ dann eben auch.
Wäre Wolf nicht solch ein wunderbarer Entertainer. (Er kann auch eine unausstehliche Zicke sein, hört man, egal, gestern im uebel & gefährlich war er reizend, ehrlich.) Er lässt das Publikum „Happy Birthday“ für seinen Verlobten singen, aber bitte auf Deutsch! (Und verzweifelt überlegt man zunächst, wie dieses Lied denn bitteschön auf Deutsch geht, bis einen die Woge des Publikums mitträgt, „Zum Geburtstag, lieber William, zu Geburtstag viel Glück!“) Er umarmt seine Violinistin, überhaupt, schön, wie liebevoll er mit seinen Mitmusikern umgeht, der hübschen Saxofonistin, dem schüchternen Bassisten, dem Rocktier am Schlagzeug und dem Buchhaltertypen an an der Elektronik. Er prostet dem Publikum zu und versteigt sich in eine ellenlange Ansage, ob man in Deutschland „Cheers!“ sagen könne, oder ob das Publikum das als „Tschüss!“ missverstehen würde, so lange, bis das Publikum geschlossen „Prost!“ brüllt. Er leistet sich Diventum, indem er sich ewig zur Zugabe bitten lässt, bis man dann kapiert, weswegen er so lange hinter der Bühne verschwunden blieb: Er hat das Kostüm gewechselt, er trägt jetzt ein Sakko, auf das ein ausgestopfter Falke drapiert ist, hübsch. Und dann spielt er das schlimme „The City“, ach, warum auch nicht.

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Es ist ein wunderbarer Abend. „Wenn er die Geige spielt, dann schmelze ich dahin!“, seufzt S., wohl wissend, dass ihr Dahinschmelzen Wolf überhaupt nicht tangieren dürfte, und dann spielt er eben trotzdem Geige, zum Schmelzen. Und dann spielt er das Piano, und dann die Ukulele, alles in einem Song, weil er nämlich beweisen will, was für ein versierter Multiinstrumentalist ist, das ist ein wenig streberhaft, aber okay. Immerhin verzichtet er vollkommen auf den Gitarreneinsatz, der die vorherige Tour prägte und leider schwer konventionell machte. Und dann greift Wolf zur irischen Harfe, immer wieder, man hört sie kaum in diesem vollen Bandsound, und trotzdem, er streichelt das Instrument, er fetischisiert diese hübsche, kleine Harfe. Und am Ende wird einem klar, dass die Motivation Patrick Wolfs zur Musik nur eines ist: Liebe.