20. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Theaterwissenschaftler sind hübscher als Studenten anderer Fachrichtungen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , , , , ,

In den Jahren vor dem Abitur 1992 erhielten wir Hefte, keine Ahnung von wem, vom Baden-Württembergischen Kultusministerium? Von der Bundezentrale für Politische Bildung? Vom Studentenwerk? Jedenfalls sollten uns diese Heftchen informieren, wie es nach dem Abi weitergehen würde, und der übliche Weg war damals recht deutlich vorgezeichnet: Studium. Es gab ein dickes Heft, in dem erklärt wurde, was einen im Ingenieursstudium erwarten würde, es gab ein dickes Heft, in dem es um Wirtschaftsstudiengänge ging, es gab mehrere sehr dicke Hefte, in denen die Lehrämter erklärt wurden. Und es gab ein ganz dünnes Heft namens „Studieren in eigener Regie“: Theaterwissenschaft.

Das Heft erklärte ziemlich eindeutig, dass man solch ein Studium besser erst gar nicht anfangen sollte (Brotlose Kunst! Und überhaupt, wen interessiert das eigentlich?), stellte aber pflichtschuldig die Studiengänge an acht Hochschulen grob vor (Mainz und Frankfurt hatten damals noch keine vergleichbaren Institute aufgebaut, und in den Osten traute man sich schlicht nicht). In Baden Württemberg gab es: keine einzige Uni, die das Fach anbot. Und als ich zur Studienbaratung der Uni Ulm ging, erklärte man mir auch frei heraus, dass es solch eine Fachrichtung gar nicht gebe. (Der Schwabe als solcher ist bekanntermaßen recht pragmatisch, was Wissenschaft angeht: Ein Studium, das nicht Maschinenbau heißt, des isch irgendwie nix rechts.) Ich musste mich also auf „Studieren in eigener Regie verlassen, bezüglich meiner Studienortwahl, und irgendwie war mir alles zu unsympathisch, was da genannt wurde. Hamburg war zu weit weg, Erlangen zu nah, München zu münchnerisch, Bayreuth zu verwagnert, Köln zu karnevalistisch. Bochum sagte mir zu, auch Berlin, aber überall gab es einen NC, und mein erwarteter Abischnitt schien mir hier das Genick zu brechen. Es gab allerdings eine Ausnahme: das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der Uni Gießen.

An allen anderen Unis studierte man Theaterwissenschaft auf Magister (für die Spätgeborenen: Das ist sowas wie Bachelor, nur für ganz alte Menschen), in Gießen war man am Ende „Diplom-Theaterwissenschaftler“. Außerdem gab es zwar ebenfalls einen NC, der allerdings erst zum Zuge kommen sollte, nachdem die Bewerber durch Einreichen einer Mappe sowie eine künstlerisch-wissenschaftliche Aufnahmeprüfung vorsortiert wurden, ich konnte also darauf hoffen, dass sich das Bewerberfeld so stark reduziert haben würde, dass auch Leute mit mittelprächtigem Abi noch eine Chance haben sollten. Frohgemut stellte ich meine Mappe zusammen, ohne auch nur annähernd Ahnung zu haben, was da eigentlich erwartet wurde: eine Kritik zu meinen laienhaften Versuchen als Schauspieler, in Kohouts „August August, August“ am Ulmer Jugendtheater Spielschachtel. Ein Empfehlungsschreiben meines Deutschlehrers. Ein dilettantischer Versuch einer Aufführungsanalyse.

Es war ein Desaster. Ich flog in der ersten Runde raus.

Worauf ich die Theaterwissenschaft sein ließ und mich für Literaturwissenschaft einschrieb. Ironischerweise landete ich zwei Semester später dennoch in Gießen, und weil die Theaterwissenschaftler fachfremd Seminare besuchen mussten, saßen ständig welche in den literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen, abschätzig beäugt von uns „echten“ Wissenschaftlern: „Drama, Theater, Medien“ (wie dder Studiengang zeitweise hieß), das waren doch diese Luftikusse, die irgendwie in Kunst machten. Mein Verhältnis zur Angewandten Theaterwissenschaft war indifferent. Einerseits war ich eifersüchtig, ich meine, das waren Studenten, die die Plätze besetzten, auf denen eigentlich ich sitzen wollte. Andererseits waren die meist auch ziemlich nett. Und hübsch. (Das mag weit hergeholt sein, aber ich glaube wirklich, dass die Theaterwissenschaftler hübscher waren als die Studenten der anderen Fachrichtungen. Das ging so weit, dass mir das Mensaessen in der benachbarten Uni Marburg nicht schmecken wollte – in Marburg konnte man keine Theaterwissenschaft studieren, weswegen dort ausschließlich unattraktive Menschen in der Mensa saßen.) Und drittens muss ich sagen, dass das, was dort am Institut künstlerisch passierte, wirklich recht interessant war. Natürlich war es auch so, dass in einer kleinen Stadt wie Gießen die Probebühne des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft unglaublich wichtig für das Nachtleben war, mit Performances, Partys, Konzerten. Mit anderen Worten: Ich hing da ständig rum.

Als ich in Gießen anfing, hatte der Institutsgründer Andrzej Wirth gerade die Uni verlassen und war ersetzt worden durch Helga Finter, eine spröde Person, die das Künstlerische im Vergleich zur Wissenschaft zu vernachlässigen schien, und gegen die es am Institut eine mächtige Oppositionsbewegung gab. Nichtsdestotrotz vergötterte ich Finter, weswegen ich mein eigenes Studium mit Finters Inhalten aufzuladen versuchte: Ich interessierte mich extrem für französischen Strukturalismus, für Körperkonzeptionen, für interdisziplinäre Fragen, und, hey!, Interdisziplinäres, das war doch genau mein Thema! Als Literaturwissenschaftler, der doch eigentlich Theaterwissenschaftler sein wollte. Durch die Hintertür kam ich also via Finter wieder ins Spiel. Seit 1999, also nach meinem Weggang aus Gießen, ist Heiner Goebbels Professor am Institut, der anscheinend dem Künstlerischen wieder mehr Raum gibt, allerdings muss man natürlich sagen: Unter Finter, also in der künstlerisch umstrittenen Zeit, machten Theaterleute wie She She Pop, Showcase Beat le Mot oder Rimini Protokoll ihre Abschlüsse, Theaterleute, die heute die internationalen Festivals prägen und so nicht zuletzt im Ausland das Paradebeispiel für deutsches Theater sind.

Und ich hatte schon Arbeiten von ihnen gesehen, als sie noch keiner kannte! Vor fünf Zuschauern! Auf der Gießener Probebühne!

Das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften hat meinen Blick aufs Theater geprägt, mehr als alle Castorf-Inszenierungen, die ich später begeistert verfolgt habe. Dieses konsequente: Leben als Basis fürs Theater nehmen. Dieses Bekenntnis zur Ironie. Diese Lust am intellektuellen Spiel. Diese Bereitschaft zum Dilettantismus, wenn nur das Endergebnis funktioniert. Dieser Tage feiert das Institut seinen 30. Geburtstag, ich sage dann mal: Herzlichen Glückwunsch. Und Danke.

15. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Ob es dem Tiger Spaß macht, wenn der Dompteur ihm den Kopf in den Rachen schiebt? · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

Meine kleine Wahlheimat startet eine Bundesratsinitiative. Es geht darum, dass die Haltung bestimmter Wildtiere im Zirkus nicht artgerecht sei und verboten gehöre, Anlass ist ein Gastspiel des Münchner Cirkus Krone, dessen Tierhaltung zwar laut Aussage der Lübecker Tierärztin Annette Oloffs in keiner Weise zu beanstanden sei (Bezahllink, dessen Paywall sich aber bekanntermaßen leicht umgehen lässt), der aber eben gerade verfügbar ist und deswegen jetzt als abschreckendes Beispiel dran glauben darf. Und grundsätzlich wäre ein Verbot von Wildtieren im Zirkus ja eine gute Sache.

Wäre es das? Vorsicht. Natürlich werden Tiere im Zirkus nie artgerecht gehalten, aber andernorts kümmert mich das auch wenig. Ich esse Fleisch, wenig zwar und nach Möglichkeit Bio, weiß aber auch, dass, um mit Karen Duve zu sprechen, auch Bioschweine nicht totgestreichelt werden. Es ist schlicht nicht artgerecht für ein Tier, zur Befriedigung meiner Triebe umgebracht zu werden, trotzdem nehme ich das hin. Und weiter: Mit eine der schönsten Freizeitbeschäftigungen ist für mich ein Spaziergang übers Hagenbeck-Gelände, und entgegen anders lautender Gerüchte bleibe ich auch dort nicht nur versonnenen Blicks vor dem Meerschweinchen-Gehege stehen. Für Giraffen, Schleiereulen und Orang Utangs aber ist ein Zoo auch kein artgerechtes Ambiente, mir egal, ich gehe dort gerne hin. Moralisch brauche ich aber keinem fröhlichen Zirkusbesucher mehr zu kommen, moralisch habe ich total abgewirtschaftet.

Also komme ich emotional. Ich mag es einfach nicht, im Zirkus. Als Kind ging ich da manchmal hin, aus irgendwelchen Gründen gab es verbilligte Tickets für Schulklassen, wenn ein Zirkus auf dem Messegelände in der Friedrichsau gastierte. Außerdem mochte meine Mutter das Zirkusambiente anscheinend, von Herzen, dazu später mehr. Auf jeden Fall gastierten ein-, zweimal im Jahr (eher kleine) Wanderzirkusse, und ich saß im Publikum. Und litt.
Es war heiß im Zirkuszelt. Es stank nach Sägespänen, nach Tier, nach Schweiß. Ich hatte zuvor Zuckerwatte gegessen, Cola getrunken, mampfte weiter Süßkram, mir war schlecht. Irgendetwas in mir befahl, dass ich mich freuen sollte, also freute ich mich. Und wurde enttäuscht. Artisten: langweilig, öde, nie fiel jemand vom Trapez, es war zum Einschlafen. Tusch! (Ich hasste diese Musik, immer zu laut, immer nervig, Tusch, Tä-Dää, dazu später auch mehr.) Tiernummern: würdelos. Ich wusste nicht, ob es dem Tiger womöglich Spaß machte, wenn der Dompteur ihm den Kopf in den Rachen schob, mir war aber klar, dass selbst wenn das Tier freiwillig mitmachen würde, diese Behandlung würdelos wäre für ein Tier. Wie wenn Paare sich in der Öffentlichkeit „Stinker“ und „Möschen“ nennen, die machen das ja auch freiweillig und mögen sich auch noch dabei, man selbst fühlt sich dennoch unwohl, wenn man das mit anhört. Tusch! Und schließlich die Clowns. Angst vor Clowns ist nicht originell, der Mediziner nennt diese Angst Coulrophobie. Ich aber hatte keine Angst, sie ödeten mich nur an, alle. Der Weißclown, der Pierrot: gotterbärmliche Kleinbürgermelancholie, blödsinniges Virtuosentum. Der Dumme August: derber Brüllhumor, immer auf Kosten der Schwächeren, das Prügeln des August ist das gewaltsame Wiederherstellen der autoritären Ordnung. Tusch! Tusch! Tusch!

Ein wenig verstehe ich den Reiz, den Zirkus ausüben kann. Also, ich ahne, dass der Zirkus eine Welt repräsentiert, die der bürgerlichen Welt entgegengesetzt ist, Freiheit, fahrendes Volk, „Kein Gott/Kein Staat/Keine Arbeit/Kein Geld“ (Jeans Team, „Das Zelt“). Das ahne ich, so, wie ich auch ahne, was Michail Bachtin meinte, als er über den Karneval als Fest der Entgrenzung und Umdeutung aller Werte schrieb. Also, theoretisch ahne ich das, sehe aber trotzdem keinen Grund, kommenden Winter nach Köln zu fahren und Karneval zu feiern. Auch glaube ich dass es dieses romantische Zirkusbild auf einem Missverständnis fußt, Antibürgerliches findet sich doch viel eher in Teilen der Theaterwelt, im Rotlicht, vielleicht auch unter Schaustellern. Aber doch nicht im streng hierarchischen Zirkus.
Eine meiner ersten Theaterrollen war der Stallmeister in einer Laienproduktion von Pavel Kohouts „August August, August“, einer bösen Satire auf vergebliches Reformbemühen im Stalinismus. Die Szenerie war ein Zirkus, die Handlung bestand darin, dass der Clown August gerne Direktor werden würde, alle an ihn gestellten Aufgaben auch brav löst, am Ende aber doch als Tigerfutter endet. Der Zirkus als Bild für eine diktatorische Gewaltherrschaft, in der sich nie etwas ändert: Das funktionierte gut, bei Kohout.

Nein, wenn man mich fragen würde, man sollte nicht die Wildtierhaltung im Zirkus verbieten, man sollte gleich den Zirkus als Ganzes verbieten. Zum Glück fragt man mich nicht.

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