2014 war das Jahr, in dem ein paar Halbstarke sich die Worte „Sharia-Police“ auf die hässlichen Jacken schrieben, so durch Wuppertal zogen und Betrunkene, unverschleierte Frauen und andere unislamisch aussehende Menschen anpöbelten. 2014 war das Jahr, in dem die Medien das zum Anlass nahmen, über die angebliche Islamisierung in bergischen Provinzstädten zu berichten. 2014 war das Jahr, in dem weit weniger prominent berichtet wurde, dass sich alle Islamverbände in deutlichen Worten von dem Geschehen distanzierten. 2014 war das Jahr, in dem niemand auf die Idee kam, zu erwähnen, dass Halbstarke schon immer Leute anpöbelten, das ist nicht schön, aber anscheinend hat es was mit dem Alter zu tun.
2014 war das Jahr, in dem Lann Hornscheidt an der Berliner Humboldt-Uni über Gender als soziale Konstruktion forschte, zu dem Schluss kam, dass Kategorien wie männlich oder weiblich IN DIESEM PERSÖNLICHEN FALL untauglich seien und darum BAT, künftig nicht mehr als Professor oder Professorin sondern als Professx Hornscheidt angesprochen zu werden. Woraufhin sich ein Shitstorm über Hornscheidt ergoss, von Leuten, die die Prinzipien „Bitte“ und „Vorschlag“ nicht verstanden haben und behaupteten, ihnen werde verboten „Professor“ zu sagen.
2014 war das Jahr, in dem sich Matthias Matussek in der Welt als homophob outen durfte. 2014 war das Jahr, in dem Homophobie, Überheblichkeit und Menschenverachtung als legitime Stimmen im Konzert der Meinungen rehabilitiert wurden und nicht mehr als das, was sie jahrzehntelang zu Recht waren: verachtenswerte Dummheit.
2014 war das Jahr, in dem Linke wie Dieter Dehm und Sarah Wagenknecht auf angeblichen Friedensdemos und Montagsmahnwachen neben Rechtsradikalen wie Jürgen Elsässer und Ken Jebsen standen. Eine Querfront unter dem Banner der Solidarität mit Putins Russland.
2014 war das Jahr, in dem in Berlin angeblich der Weihnachtsmarkt verboten wurde, weil „die Muslime“ das so verlangt hätten. 2014 war das Jahr, in dem das dumme Deutschland nicht hören wollte, dass „die Muslime“ rein gar nichts verlangt hatten, sondern dass der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain schlicht keine religiösen Veranstaltungen mehr ausrichten wollte, namentlich kein offizielles Fastenbrechen.
2014 war das Jahr, in dem der alles in allem eher unlustige (was hier aber nicht das Thema sein soll) Kabarettist Dieter Nuhr von einem Osnabrücker Fitnessstudiobetreiber wegen „Beleidigung des Islams“ verklagt wurde, was Nuhr Gelegenheit gab, einen Angriff auf die Kunstfreiheit zu behaupten. Was Nuhr nicht sagte: dass das Angezeigtwerden zum täglichen Job eines guten Kabarettisten gehört (aber von gutem Kabarett weiß Nuhr ja ohnehin wenig, schon klar). Was Nuhr auch nicht sagte: dass das zuständige Gericht das einzig richtige machte und die Anzeige als offensichtlich unbegründet zurückwieß.
2014 war das Jahr, in dem in Sachsen und anderswo das wohlgesittete Bürgertum die zivilisierte Maske fallen ließ und sich als das entpuppte, was es schon immer war: hässlicher, dumpfer, ressentimentgeladener Faschismus, Hass auf alles, was anders ist, Hass auf Schwule, Muslime, Intellektuelle, Künstler, Hass auf Berlin, auf Ironie, auf Vielschichtigkeit und Uneindeutigkeit. 2014 war das Jahr, in dem SPD-Chef Siegmar Gabriel sagte, man müsse den Dialog suchen, man müsse die Ängste ernstnehmen, die Ängste der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, man müsse, kurz gesagt, Pegida auf Augenhöhe begegnen.

2014 war, um ehrlich zu sein, ein Jahr, bei dem ich froh bin, wenn es endlich vorbei ist. Wobei, es gibt eigentlich keinen Grund zur Annahme, dass 2015 besser wird.

21. Dezember 2014 · Kommentare deaktiviert für Zum Advent · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

Bald ist Weihnachten, und, nein, ich habe nicht wirklich was gegen Weihnachten. An Weihnachten trifft man Familie wieder, Menschen, die man schon länger nicht mehr gesehen hat, das ist schön. An Weihnachten isst man gut, und mit gutem Essen bekommt man mich ohnehin leicht. Und an Weihnachten schenkt man sich was, ich mag Geschenke, ich freue mich, zu sehen, dass da jemand an mich gedacht hat, und ich freue mich, wenn derjenige, an den ich gedacht habe, sich freut. Alles gut.
Aber Weihnachten ist auch was anderes. Weihnachten ist die christliche Adaption eines heidnischen Winterfestes, wir feiern: die Geburt des Heilandes, einen Grundmythos einer Religion. Mit der ich allerdings so meine Probleme habe. Nur mal zur Erinnerung, aus den aktuellen Nachrichten:

– Die Horrorgestalten, die gerade in Dresden als Pegida demonstrieren, bezeichnen sich explizit als „christlich“, auch wenn andere Christen empört sagen würden, dass die hier praktizierte Aufkündigung jeglicher Nächstenliebe ja wohl alles andere als christlich sei.
– Auch der politische Arm von Pegida, die AfD, ist zutiefst christlich geprägt. Parteigründer Bernd Lucke ist tiefgläubig, Rechtsaußen Frauke Petry ist sogar mit einem Pastor verheiratet.
– Das Christentum unterscheidet sich inhaltlich nur in Details von Islamismus und radikalem Judentum, gemein ist allen drei monotheistischen Weltanschauungen: Lustfeindlichkeit, Antiintellektualimus, Homogenitätsstreben, Ablehnung von allem Devianten, insbesondere im Bereich der Sexualität.
– Wer sind noch einmal die Leute, die in Baden-Württemberg gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ der Jugend auf die Straße gehen? Christen, Christen, Christen.
– Übrigens: Das Copyright auf strukturellen Kindesmissbrauch liegt immer noch bei der katholischen Kirche, nicht etwa bei Grünen oder Sexualreformern.
– Das Copyright für Glaubenskriege auch.

Ich meine ja nur. Feiert ruhig, ich feiere ja auch. Aber denkt doch mal darüber nach, mit wem ihr da im Chor singt, bei der Mitternachtsmesse.

17. Dezember 2014 · Kommentare deaktiviert für Dresden · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: ,

Und irgendwann muss sich die CDU dann schon fragen, warum sie damals mit Schill ins Bett stieg, warum sie sich im apokalyptischen Ton auf ihr christliches Wertesystem berief, warum sie einen Mike Mohring in ihren Reihen duldete, mit seinen „guten Kontakten“ zur AfD.
Und irgendwann müssen sich die Grünen fragen, waum sie immer wieder gemeinsame Sache machten mit dieser CDU, in Hamburg als Nachfolger Schills, im Saarland, in Hessen, irgendwann wahrscheinlich in Baden-Württemberg.
Und irgendwann muss sich die SPD fragen, weswegen sie glaubte, dass ein Thilo Sarrazin in ihren Reihen zu Hause sein könne. Und weswegen sie jahrelang die strukturellen linken Mehrheiten nicht nutzen wollte.
Und die FDP muss sich dann fragen, weswegen sie mit ihrem andauernden Gewäsch von der „Sozialdemokratisierung der Union“ die Tore nach rechts weit aufgerissen hat.
Und schließlich muss dich die Linke fragen, ob Montagsdemos und Lustfeindlichkeit und Putinbegeisterung tatsächlich linke Tugenden sind, Dieter Dehm, Sarah Wagenknecht.

Das muss man irgendwann schon fragen.