Ich fand „Moonrise Kingdom“ ganz bezaubernd. Was nicht verwundert, als mittelalter Großstädter mit Sympathie für Hipstercodes, Begeisterung für alles übrige plattwalzende Ironie und Tendenz zur sentimentalen Retroästhetik bin ich sowas von Zielgruppe des Films von Wes Anderson, es wäre überraschend, wenn ich den Film nicht gemocht hätte. Eigentlich muss ich gar nichts mehr sagen über „Moonrise Kingdom“, zumal die geschätzte Katharina im aktuellen uMag auch eine kluge Annäherung an Regisseur und Werk geschrieben hat, der ich wenig hinzuzufügen habe, zumal Harald Mühlbeyer in der Filmgazette alles geschrieben hat, was über diesen Film zu schreiben ist. Ein guter Film, der mich mit einem Kloß im Hals in die Nacht entließ. Und dieser Kloß, über den möchte ich vielleicht doch noch ein wenig sagen.

Denn „Moonrise Kingdom“ spielt in einem Setting, das mir nicht so fremd ist wie die Glamour-TV-Wissenschaftswelt von „Die Tiefseetaucher“, das mir nicht so fremd ist wie das staubige Märchenindien von „Darjeeling Limited“. „Moonrise Kingdom“ spielt in einem Pfadfinderlager, und wer ein wenig mit diesem kleinen Blog vertraut ist, der weiß, dass meine Teenagerzeit als Pfadfinder immer wieder durchschlägt in mein heutiges Dasein, dass diese Zeit durchaus traumabelastet ist. Die Pfadfinder in „Moonrise Kingdom“ jedenfalls werden nicht grundschlecht gezeichnet, Jugendliche eben, und Jugendliche können fies sein, wobei gerade die hier sich nach einer gewissen Fiesheitsphase als sympathisch und hilfsbereit erweisen. Während die Pfadfinderleiter ebenfalls weniger bedrohlich sind als vielmehr hilflos: der eine ein trotteliger Schlaks (Edward Norton), bei dem man sich nicht vorstellen mag, wie die Klientel seines Brotjobs Mathelehrer mit ihm umspringt, der andere ein greiser Kriegsveteran (Harvey Keitel), den bei aller militärischen Autoritätspose hauptsächlich beschäftigt, dass er seine Medikamente rechtzeitig einnimmt. Bedrohlich wirken diese Figuren nicht, und wahrscheinlich war meine Pfadfindergruppe tatsächlich ein Sonderfall, ein Sonderfall mit charakterlich unzureichenden Führungspersönlichkeiten.

Und natürlich gibt es noch weitere Unterschiede. „Moonrise Kingdom“ spielt in den 1960ern in Neuengland, meine Pfadfindererfahrungen fanden hingegen in den 80ern in Süddeutschland statt. Formal ging es bei mir durchaus liberaler zu, es gab kein Strammstehen, kein „Yes, Sir!“-Gebrülle, kein Salutieren. Dafür aber diese hässlichen Hüte, Hemden und Halstücher, die bei uns antimilitaristisch harmlos „Kluft“ genannt wurden, in Wahrheit aber doch die Uniformen waren, als die sie in „Moonrise Kingdom“ unverblümt bezeichnet werden. Überhaupt spielt „Moonrise Kingdom“ den Charakter des Pfadfindertums aus, der bei uns jugendfreizeithaft verbrämt wurde: Pfadfinder, das sind hier wie dort Soldaten, Kindersoldaten. Okay, es sind harmlose Soldaten, vor denen sich eigentlich niemand zu fürchten braucht, spielende Kinder ohne funktionsfähige Waffen, angeleitet von traurigen, gutwilligen Losern, aber es sind dennoch: Soldaten. Die zwar nichts Böses tun, die allerdings dennoch die soldatischen Tugenden verinnerlicht haben: Fleiß. Gehorsam. Disziplin. Eine ekelerregende Welt.

Und der Kloß, den ich nach diesem wunderbaren Film im Hals spürte, der sagt mir: Du magst diese Welt verlassen haben, nach über 20 Jahren. Ganz hinter dir lassen wirst du sie allerdings nie können.

27. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Steffen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss
ist alle Wiederkehr,
die Zukunft liegt in Finsternis
und macht das Herz uns schwer.

(Pfadfinderabschiedslied, Text von Claus Ludwig Laue,
Melodie nach dem schottischen Volkslied „Auld Lang Sine“)

„Zahnwart?“ Keine Ahnung, wer der Mann ist, der mir hinterherruft, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof, beim Heimatbesuch in der kleinen schwäbischen Stadt. „Kennsch mich nimmer?“ Ich habe ihn nicht verdrängt, ich weiß wirklich nicht, wer mir da gegenüber steht. „Steffen.“ Steffen. Natürlich kenne ich Steffen noch, klar, er ist ein wenig breiter geworden, er trägt keinen Bart mehr, die Kassenbrille wurde ersetzt durch ein modisches Modell. „Wo hats dich hinverschlagen?“ Hamburg, murmle ich, es ist mir peinlich, dass ich ihn nicht erkannt habe.

Steffen heißt nicht Steffen. So wie niemand in diesem Text seinen wahren Namen trägt, auch „Zahnwart“ kannte damals noch keiner. Niemand soll sich auf die Füße getreten fühlen, von zuviel schmerzlicher Realität.

Steffen war ein Netter, vielleicht war Steffen sogar der einzige wirklich nette Pfadfinderleiter, damals, in den Achtzigern, beim katholischen Pfadfinderstamm in der kleinen schwäbischen Stadt. Rund 20 Jahre älter als wir, demnach Anfang, Mitte Dreißig, kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben, richtig erwachsen, aus der Perspektive eines Zwölfjährigen. Lustig, wenn er wollte, streng, wenn er musste, locker, wenn er durfte. Der perfekte Betreuer. Der mehr oder weniger seine gesamte Freizeit für die Pfadfinderei opferte, Steffen lebte alleine, besonders viele Freunde schien er nicht zu haben, also, Freunde, die keine Pfadfinder waren. Wir mochten ihn, eigentlich mochten ihn alle.
Irgendwann tauchte das Gerücht auf, dass Steffen schwul sei. Keine Ahnung, was da dran war, könnte gestimmt haben, könnte aus den Fingern gesaugt sein, könnte auch eine perfide Intrige gewesen sein. Auf jeden Fall war Steffens Karriere bei den Pfadfindern damit an ihrem Endpunkt angelangt, welche katholische Kleinstadtmutter würde ihre Kinder guten Gewissens mit so jemandem ins Zeltlager fahren lassen? Mich berührte das Thema weniger, ich hatte innerlich schon mit den Pfadfindern abgeschlossen, bald darauf auch formal meinen Austritt aus dem Stamm erklärt. Dass es mir um Steffen leid tat, war mir damals noch nicht klar.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass Steffens mögliche Homosexualität kein doofes Jugendlichengetratsche war. Das waren bewusst gestreute Gerüchte, und ich gehe davon aus, dass diese Gerüchte von Achim gestreut wurden. Achim, der Patriarch des Stammes, Vorsitzender, Gruppenleiter. Streng, selbstsüchtig. Voll Hass auf alles, was sein Selbstbild in Frage stellte: Frauen. Linke. Schwule. Künstler. Achim war damals um die Sechzig, alles lief darauf hinaus, dass über kurz oder lang sein Sohn Norbert die zentralen Positionen im Stamm übernehmen würde, bloß: Norbert war unbeliebt. Beliebt war Steffen. Der unverheiratete Steffen, der Steffen, der so gut mit den Jungs konnte. Der Steffen, der so einfach kaltzustellen war.

Jahre später erzählten mir meine Eltern, es habe diese Staffelübergabe tatsächlich gegeben, Norbert war Stammesvorsitzender, ein paar Monate lang, dann sei es zum Skandal gekommen. Große Mengen Geld seien veruntreut worden, im Zusammenhang mit der Insolvenz von Norberts Firma habe die Staatsanwaltschaft auch die Räume der Pfadfinder durchsucht, Norbert habe sich mit seinem Vater überworfen, der daraufhin die Macht wieder an sich gerissen habe. Achim leitet den Stamm immer noch, um die Achtzig dürfte er heute sein, er lebt zusammen mit einer ehemaligen Wölflingsleiterin, die seine Enkelin sein könnte, er ist unantastbar. Von Achim habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich ein Netzwerk aus bedingungslos solidarischen Jasagern aufzubauen. Bei den Pfadfindern habe ich gelernt, wie wichtig es ist, kritische Geister rücksichtslos wegzubeißen. Wenn man von Diktatoren spricht, die Macht abgeben und dennoch alle Fäden in den Händen behalten, dann spreche ich von Achim. Wenn man von Wladimir Putin spricht, dann spreche ich von Achim.

Zur Diskussion um Missbrauch in christlichen Jugendgruppen: Typen wie Steffen habe ich nie als irgendwie unangenehm empfunden. Was ich aber von Achim gelernt habe, das war Missbrauch. Wenn auch ohne jede strafrechtliche Relevanz.

„Bisch du noch häufig in der Stadt?“ fragt Steffen. Kaum, antworte ich. Ich will weiter, es ist mir unangenehm, mich zu erinnern, aber Steffen kommt ins Plaudern. „Ich hab ein kleines Häusle gekauft, droben, ganz in der Nähe vom Pfadfinderheim. Komm mal vorbei, wenn du magschd. Haschd du noch Kontakt zu den Leuten ausm Schdamm? Nächschdes Jahr ham mir Jubiläum. Haschd du Internet? Ich schreib dir mal die Adresse auf, da sind Fodos.“

Auf den Fotos ist Achim zu sehen, im Mittelpunkt. Grau ist er geworden, ansonsten sieht er aber immer noch so aus wie vor 25 Jahren. Auf einem erkennt man auch Steffen, halb abgeschnitten. Er lacht.