10. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , ,

Schorsch Kamerun preist einen Supermarkt, Melissa Logan ein Industriebier und Kristof Schreuf einen Versanddienst, ein Schauer läuft einem über den Rücken. Diese per Video eingespielten Perlen der Songwriterkunst tragen die erste Hälfte des Abends, weil sie a) in ihrer textlichen wie musikalischen Scheußlichkeit an einen Autounfall auf der Gegenfahrbahn erinnern, b) ein Wiedersehen mit 21 einst geschätzten und mittlerweile ein wenig aus den Augen verlorenen Musikerpersönlichkeiten ermöglichen, c) im Arrangement eigentlich gar nicht mal schlecht klingen. Sie sorgen allerdings auch dafür, dass das Stück zur Nummernrevue verkommt: Man wartet, wer als nächstes auf der Leinwand erscheint und achtet überhaupt nicht mehr auf die Schauspieler.

Und das ist wirklich schade: Das sind ja keine besseren Statisten, das sind gestandene Darsteller wie Robert Stadlober und Pheline Roggan, die über weite Strecken auf der Bühne allein gelassen werden. Vor lauter Verzweiflung retten sie sich ins Bauerntheater, spielen gekünstelt Big Business und lassen ihre Figuren dabei hemmungslos in Richtung Karikatur rutschen (Roggan immerhin eskaliert apart zu Jens Rachuts Verpunkung einer Lebensmittelmarkt-Hymne).

Guilty Pleasures: Ich freue mich immer, wenn ich irgendwo, in einem Film, in einem Theaterstück, in der S-Bahn Pheline Roggan sehe. Das ist ungewöhnlich, weil Roggan in ihrer Mädchenhaftigkeit eigentlich gar nicht der Typ ist, für den ich ansonsten so schwärme, egal, ich mag diese Attitüde, das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken geben zu wollen. Wobei es natürlich bezeichnend ist, dass auch Roggan nicht dafür sorgen konnte, dass mir Thomas Ebermanns Satire „Der Firmenhymnenhandel“ auf Kampnagel halbwegs etwas sagte. Na, für einen freundlichen Verriss auf Nachtkritik hat’s gereicht.

31. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Da dreht sich der Spieß respektive Phallus um · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , ,

Es wird alles gut. Eine Welt, in der eine Band wie Boy Hits schreibt, eine Welt, in der Valeska Steiner und Sonja Glass zweimal kurz hintereinander Clubs in Hamburg wie in Berlin ausverkaufen, eine Welt, in der Gefühl ohne Gefühligkeit möglich ist wie im Boy-Debütalbum „Mutual Friends“, die kann nicht wirklich schlecht sein. Es wird alles gut, wirklich.

„Boy sind der derzeit wohl schönste lebende Beweis, dass sich Singer/Songwriter-Musik mit Tiefgang und eine Top-Ten-Platzierung in den deutschen Charts nicht ausschließen müssen“, schreibt Maike Schulz in der Berliner Zeitung. Kollegin Schulz ließ sich um den Finger wickeln, um den gleichen Finger, um den auch ich mich wickeln ließ. Vom Charme dieser, naja, Band, Sängerin Steiner und Bassistin Schulz plus vier Gastmusiker, die beim Konzert im Hamburger Knust einen guten Job machen, indem sie den auf Platte manchmal fast zu lieblichen Folkpop anschrägen, aufrauen, bis aus „Spätsommerpop“ (noch so ein Schulz-Zitat aus Berlin) frühherbstlich eingängiger Indiepop wird. Ach, ich will sie nicht mögen, aber ich muss sie mögen, diese Platte, die mich einwickelt, die meine Eintrittskarte in den Mainstreampop darstellt, ins Radiotaugliche (wobei Boy natürlich nicht im Radio laufen, weil, Radio ist noch viel schlechter als ich es darstelle. Im Radio läuft nichts, was auch nur annähernd unter Qualitätsverdacht stehen könnte.)
Denn Boy machen alles richtig. Angefangen beim Bandnamen, bei aller Niedlichkeit der beiden Köpfinnen: Eine Frauen-, naja, Mädchenband „Boy“ zu nennen, das beweist einerseits Chuzpe und andererseits einige Ahnung vom Stand der Genderdiskussion, zumal Boy ja nun wahrlich keine maskuline Musik machen, sondern, da dreht sich der Spieß respektive Phallus wieder um, protoweiblichen Folkpop.
Dann das Plattencover. Ein Schnappschuss: zwei Mädchen auf einer Couch, eine Clubsituation, eine scheint im Gespräch, die andere lässt einen Kaugummi platzen. Ein Bild, geprägt gleichzeitig von großstädtischer Langeweile, kindlicher Lust und hoher Konzentration: „Wie zwei Studentinnen auf einer schlechten Party, die darauf warten, dass endlich jemand anruft und sie abholt“, schreibt Kollegin Schulz.
Und schließlich Steiner und Glass selbst. Zwei Mädchen, naja, Frauen, die gecastet sind, aber quasi selbstbestimmt gecastet, also: Da haben sich zwei gefunden, die durchaus wissen, dass sie ein Modell darstellen. Nämlich, dass man gar nicht besonders jung sein muss, um als jugendlich durchzugehen (Steiner ist etwas unter, Glass etwas über dreißig, das ist wichtiger als es der optische Entwurf von Boy nahe legt). Es wäre sexistisch, Boy als „Mädchen“ zu bezeichnen, sie sind – Schanzenmädchen. Frauen, die eine Mischung aus Selbstbewusstsein, Unbekümmertheit, Lust, Nachdenklichkeit, Coolness und Ironie darstellen. Die Musikentsprechung dessen, was jemand wie Pheline Roggan im Schauspielbereich verkörpert. (Dass der Begriff „Schanze“ in diesem Zusammenhang für ein idealisiertes Viertel steht und nicht für die konkrete Hamburger Sternschanze, in der jedes Ideal längst yuppiefiziert wurde, dürfte klar sein, oder? Auch Boy stehen ja nicht für ein in der Realität vorkommendes Frauenbild, sondern für ein Ideal.)

Fehlt da noch was?

Ach ja, die Musik. Die ist natürlich nicht meine Tasse Tee, ich meine: radiotauglicher Indiefolkpop. Wobei auch der bei Boy so originell und charmant klingt, besser kriegt man es in diesem Genre wohl nicht hin. Manche Kritiker vergleichen „Mutual Friends“ mit Feist, aber das ist zu hoch gegriffen, Feist, das ist schon noch ein anderer Schnack (allerdings würde ich Boy durchaus zutrauen, in ein paar Jahren da aufschließen zu können). Bis dahin halten wir es mal so: „Mutual Friends“ ist schön, halbwegs eigenständig, eine CD, die ich immer wieder gerne höre. Und das Hamburger Konzert war eine einschränkungslos beglückende Erfahrung. (Der zweite Auftritt kommenden Sonntag im Knust ist ebenfalls ausverkauft, genauso wie der zweite Berliner Auftritt am Mittwoch im Festsaal Kreuzberg. Wer aber noch irgendwie eine Chance sieht, sich auf eine Gästeliste zu schmuggeln, der möge das tun. Er wird es nicht bereuen.)

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