Es mag an meiner persönlichen Biografie liegen, dass ich hier überkritisch bin, aber: Ich kann mit dem „Tatort“ aus Stuttgart nichts anfangen. Schwaben, das wäre ja durchaus lohnendes Krimiterrain, dieser absurd weit verbreitete Wohlstand, der erkauft wurde durch eine massive Verhässlichung von Landschaft und Lebenswirklichkeit, durch eine extrem formierte Gesellschaft, die alles Abweichlertum bestraft, da ließe sich nachspüren, ob und wenn ja welche Kriminalität als Surrogat wirksam wird. Ein Regisseur wie Christian Petzold versuchte das einmal, in „Toter Mann“ (2001), einem ganz großen Film Noir, der einen wünschen ließ, dass Petzold vielleicht einmal einen „Tatort“ inszenieren würde, aber „Tatort“ und Petzold, das wird nicht passieren, das ist unter der Würde dieses Regisseurs. Wenigstens ein paar Abgründe zwischen Neckar und Donau aufdecken wollten die alten Stuttgarter Krimis mit Kommissar Bienzle (Dietz-Werner Steck), wobei die filmästhetisch so jenseits von Gut und Böse waren, dass man sie nicht guten Gewissens anschauen konnte. Die aktuellen Krimis hingegen sind filmisch halbwegs up to date, dafür hat man aber allen inhaltlichen Anspruch aufgegeben.

Das geht schon beim Ermittlerteam los. Richy Müller legt seinen Kommissar Thorsten Lannert überdeutlich als „Ich bin ein gebrochener Mann, aber gerade deswegen bin ich so sexy“-Klischee an. Und Jungkompagnon Felix Klare als Sebastian Bootz schmiert einen „Ich lebe eine total gleichberechtigte Ehe auf Basis traditioneller Familienwerte“-Schmonzes hin, dass man nicht anders kann, man muss diese Rolle als Propaganda für konservative Familienpolitik sehen: Hey, es ist okay, wenn der Mann arbeitet und die Frau zu Hause im Vorort bleibt! Solange man sich liebt! (Dass Bootz‘ Frau Julia in der aktuellen Folge „Tote Erde“ an einer schweren Krankheit leidet, nährte kurz die Hoffnung, dass die verehrte Schauspielerin Maja Schöne sich nicht mehr länger für solch einen reaktionären Schrott hergeben würde, aber: „Die Heilungschancen stehen nicht gut. Sie stehen sehr gut!“ heißt es am Ende. Geht anscheinend doch weiter. Naja, Schöne muss auch ihre Miete zahlen.) Außerdem gibt es eine Staatsanwältin (Natalia Wörner, die ist neu, bislang war das doch so eine Dunkelhaarige mit spanischem Hintergrund, gespielt von Carolina Vera, die allerdings einen ganz ähnlichen Frauentyp verkörperte: ultrakompetent und ultrasexy), die in ihrer ausgestellten Verliebtheit nicht so recht ins Schwäbische zu passen scheint: In Schwaben wird Sexualität schuldbewusst erduldet und nicht lustvoll gefeiert, wer so lebt wie diese Henrike Habermas (Drehbuchautor Wolf Jakoby und Regisseur Thomas Freundner bekommen einen doppelten Tritt gegens Schienbein fürs Ausdenken dieses Rollennamens), der bringt es in Stuttgart nicht einmal zur Rechtsreferendarin.

Der Fall jedenfalls ist so unübersichtlich wie blöde: Ein Politikwissenschaftsstudent („Powis, das sind die ganz Harten!“ sagt Lannert, eigenartig: Während meines gesamten Politikstudiums hörte ich noch nie die Abkürzung „Powi“, und als allzu hart empfand ich mich auch nicht, aber vielleicht ist das heute anders?) stürzt bei einer Protestaktion gegen Umweltsünder von einem Brückenpfeiler. Weswegen die Polizisten überhaupt nachprüften, ob bei diesem Absturz nachgeholfen wurde, ist nicht so ganz klar, jedenfalls sind sie erfolgreich: Der Ökoaktivist wurde mit einem Luftgewehr beim Klettern beschossen, außerdem hatte sein Körper so viel Schadstoffe intus, dass er ohnehin in Kürze gestorben wäre. Weiterhin treten auf: ein weiterer ganz harter „Powi“ (Philipp Quest), dessen etwas naive Ex-Ex sowie Ex des Toten (Paula Kalenberg), ein fieser Montenegriner (Ljubisa Lupo Grujcic), eine schwäbisch-indische Wahrsagerin (Katharina Heyer), Nichte eines ultrasympathischen, typisch-schwäbischen mittelständischen Unternehmers (Mark Waschke) auf dem Sprung zum Global Player, der Staatsanwältin Habermas vögelt (man sieht aber nur den Brustansatz). Es ist alles unglaublich verworren, Dreck beziehungsweise kontaminierte Erde am Stecken hat am Ende der vielleicht doch nicht so sympathische Habermas-Beschläfer, die eigentliche Mörderin war allerdings die wahrsagende Inderin, weil die nämlich mit einer Stiftung groß ins Ökogeschäft einsteigen wollte, was ihr die zwar harten aber alles in allem allzu idealistisch-naiven Powis kaputt gemacht hätten. Tja.

Und das ist inhaltlich so dünn, so grottig gespielt, so uncharmant und ohne Gespür für die Location gedreht, dass mir klar wird: Meine Biografie kann nichts dafür, dass ich die schwäbischen Krimis nicht mag. Die sind ganz schlicht schlecht.

(„Die Handlung dieses Krimis mäandert halt gar so klischeehaft dahin“: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. „Die SWR-Tatorte gehen runter wie totalrationalisiertes Weltraumessen„: Matthias Dell im Freitag. „Ab auf die Deponie damit“: Christian Buß auf SpOn. „Ein Brückenpenner kommt nicht vor im Tatort, wie auch Überraschendes nicht vorkommt„: Holger Gertz auf sueddeutsche.de. „Es gibt nichts Neues, nichts Erbauliches, kein Aha, sondern nur noch ein müdes: War eh klar„: der Wahlberliner. „Ein bisschen Mystik, ein bisschen politische Korrektheit, ein bisschen Korruption„: der Stadtneurotiker.)