Die Nacht vor meinem 40. Geburtstag saß ich im Kino. In einem Zwergkino in der Lüneburger Altstadt, in dem „Medianeras“ lief, eine argentinische Romantic Comedy von Gustavo Taretto. „Medianeras“ zeigt zwei Menschen Anfang Dreißig, Mariana (Pilar López de Ayala) und Martín (Javier Drolas), die füreinander bestimmt scheinen und doch aneinander vorbei leben, in der Elf-Millionen-Einwohner-Stadt Buenos Aires. (Am Ende kriegen sie sich natürlich doch, das ist den Regeln des Genres geschuldet.)

Romantic Comedys interessieren mich eigentlich überhaupt nicht. Was mich an „Medianeras“ aber interessierte, war das Lebensmodell, das hier entworfen wurde: Mariana und Martín sind irgendwie im Leben angekommen, sie sind gut ausgebildet, sie Architektin, er Webdesigner, aber sie sind ganz und gar nicht gesettlet. Er arbeitet zwar in seinem Beruf, freischaffend und durchaus nicht ohne Erfolg (was er mit sozialer Inkompatibilität und einem Wust Neurosen bezahlt), sie aber dekoriert Schaufenster, weil Architektinnen nicht gefragt sind in einer Stadt, die Bauen nur als Fertigung von Gebäuden versteht. (Den so entstehenden architektonischen Wildwuchs setzt Taretto übrigens mehr als einmal nicht ohne Reiz in Szene.) Mit anderen Worten: „Medianeras“ zeigt kein Prekariat, „Medianeras“ zeigt Menschen, die irgendwo an den Randbereichen des Prekariats leben. Menschen, die über den Status der Existenzangst hinausgetreten sind, die aber sich dennoch durchwurschteln und auch keine Hoffnung haben, dass sich daran jemals etwas ändern dürfte. Entsprechend flüchten sie in ein Kinderverhalten: Martín in eine Angst vor allem und jedem, Mariana in den verzweifelten Versuch, die Welt durch Wimmelbilder in Kinderbüchern zu verstehen. (Einmal trägt sie ein ausgeleiertes Shirt, das ein verwaschenes Bild des Krümelmonsters ziert, das verdeutlicht diese Regression ins Kindliche sehr hübsch. Außerdem sieht es reizend aus, wie diese Schauspieler ohnehin immer ein ganz tolles Bild abgeben.)

Als der Nachspann schon läuft, nachdem sich das Paar gerade gefunden hat, sehen wir ein kurzes Goodie: Mariana und Martín als Paar, ein halbes Jahr später. Was machen sie? Kommen sie etwa an, im Leben? Bekommen sie Kinder, geben sie Partys, kaufen sie sich einen Kombi, ziehen sie an den Stadtrand? Nein: Sie drehen einen lustigen Youtube-Clip. Paaralltag.

Und während dieser lustige, traurige, charmante Film langsam an sein Ende kommt, wird mir klar: Das sind ja Leute wie ich. Leute, die die sie umgebende Welt, die Finanzkrise und die Dummheit und die alles erstickende ästhetische Anspruchslosigkeit zu Recht als Zumutung empfinden. Leute, die absolut nicht einsehen, was es bitteschön bringen soll, erwachsen zu werden. Leute, die gar keine andere Möglichkeit haben als halbwegs glücklich in den Tag reinzuleben (und die dabei wenigstens umwerfend gut aussehen). Eine Stunde später war es dann soweit: Ich wurde 40. Erwachsen wurde ich nicht.