Angesichts dessen, wie begeistert ich allwöchentlich “Tatort”-Rezensionen poste, mag dieses Bekenntnis überraschen, aber: Eigentlich ist mir die “Polizeiruf 110″-Reihe der liebere Wochenendausklang. Die formalen Grenzgänge aus München, die harten Rostocker Krimis, die kaputte Menschen in einer kaputten Welt zeigen, die Filme aus einem Brandenburg, das hier als einziger, undefinierter Dorfraum gezeichnet wird – toll. Wobei meine Liebe zum “Polizeiruf” natürlich eine Liebe ohne Zukunft ist: “Polizeiruf 110″ ist anscheinend in der Fernsehkrimi-Hierarchie recht weit unten angesiedelt, weswegen kaum ein ARD-Sender sich den noch leistet. Der Hessische Rundfunk ist längst ausgestiegen, obwohl ich dessen erotische Rotweinträume aus Bad Homburg ganz originell fand, dito der WDR, der seine hochironischen Provinzkrimis durch seinen schwer klamaukigen Provinz-“Tatort” aus Münster ersetzte, dunkel erinnere ich mich, dass es einst sogar einen “Polizeiruf” aus Österreich gab, vorbei. Keine Ahnung, wie lange der Bayerische Rundfunk seine großartigen Münchner Krimis noch unter dem Label “Polizeiruf 110″ vermarktet, angeblich gibt es ja auch dort Absatzbewegungen.

Kein Grund, den “Polizeiruf” gut zu finden, sind in der Regel die Krimis aus Halle, verantwortet vom MDR, der bekanntermaßen auch die doofsten Beiträge zur “Tatort”-Reihe beisteuert. Die Krimis aus der Saalestadt sind, das muss man leider sagen, betuliche, konstruierte Whodunits, meist erbarmungswürdig gespielt, gedreht in einer Filmsprache, mit der ein Regisseur sich schon vor 20 Jahren bei “Derrick” blamiert hätte. Der “Polizeiruf 110: Bullenklatschen” allerdings geht einen Schritt weiter: Thorsten Schmidt (Regie) und Matthias Herbert beweisen, dass ästhetische Altbackigkeit Hand in Hand geht mit einer stockreaktionären Handlung.

Als hätte die Diskussion um Gentrifizierung und Stadtumwandlung nicht während der vergangenen Jahre ins Bewusstsein gebracht, dass Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Stadtraums kein genuin linkes Anliegen, sondern auch weit in linksbürgerliche Kreise anschlussfähig ist, wird hier ein Polizist auf einem gentrifizierungskritischen Hoffest erschossen, und die anwesenden Verdächtigen sind durch die Bank Klischeeautonome, biersaufende, irotragende Doofnasen, die geil aufs “Bullenklatschen” sind und ansonsten stumpf halbverdaute Kapitalismuskritik absondern. Die der gute Polizist natürlich problemlos kontert: “Du bist gar nicht alt genug, um zu wissen, was ein Unrechtsstaat ist!”, blafft Kommissar Schneider (Wolfgang Winkler) den Hauptverdächtigen (Sergej Moya) an, klar, der Demokratiefeind steht links, was vielleicht aus der Ost-Biografie des Kommissars verständlich ist, geäußert in der Nazihochburg Sachsen-Anhalt aber doch ein wenig übel aufstößt. (Außerdem, lieber MDR, Glückwunsch zur Chuzpe, solch einen Satz zu bringen, drei Tage, nachdem der Rechtsstaat in Frankfurt beim Auflösen der Blockupy-Proteste sein wahres Gesicht zeigte.) Doch, dieser Krimi ist zum Kotzen.

Am Ende war der Mörder natürlich keiner der Ultraautonomen, so leicht macht es sich dieser Krimi (dessen Drehbuchaufbau, das ist dann gleich nochmal eine Ecke perfider, das sonstige Halle-Niveau im Grunde übersteigt), dann doch nicht. Am Ende ist der Mörder ein armes Schwein, das eigentlich nur helfen wollte. “Warum?” fragt dessen Freundin unter Tränen, und man möchte eine Antwort finden, bloß, die einzige Antwort, die man findet, ist: “Hättet ihr euch eben nicht unter Autonomen rumgetrieben!” Man möchte ins Kissen beißen.

“Alles Verlierer!” rekapituliert Kommissar Schmücke (Jaecki Schwarz) die Protagonisten dieses finsteren Machwerks. Immerhin: Der MDR plant, Schwarz und Winkler demnächst in den Ruhestand zu schicken und die Hallenser Polizeiruf-Dependance zu schließen. Vielleicht gibt es Hoffnung.

(Olle Ost-Cops: Christian Buß auf SpOn. Hölle an der Saale: Matthias Dell im Freitag.)

18. März 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Heute abend gibt’s keine Sonntagabendkrimi-Rezension. Weil heute abend ein MDR-Polizeiruf kommt, aus Halle, “Raubvögel”, und das ist, nach allem, was man vorab gehört hat und was man von den Hallenser Krimis kennt, zu betulich für mich, tut mir leid.

Ich nämlich habe mich vom Betulichen konsequent wegbewegt. Ich gehe auch nur noch ins Kino, wenn das Blut meterweit spritzt, und DVDs leihe ich mir ausschließlich dann aus, wenn sie ohne Altersfreigabe sind (aber “strafrechtlich unbedenklich” sollten sie schon weiterhin sein, da bin ich ein Schisser). Was natürlich nicht stimmt, zuletzt war ich im Kino in Petzolds “Barbara”, da ist kein einziger Blutstropfen zu sehen, und trotzdem fand ich den Film ganz toll. Aber “Barbara” ist ja auch Kunst, da sehe ich drüber hinweg, wenn es gesittet zugeht – will ich mich aber unterhalten, dann spritzt und splattert es gerade gehörig. “Verdammnis”, ein Schauer. “Drive”, ein Zittern. Vorgestern “Headhunters”, ein norwegischer Film, der zum einen Auge reinlaufen würde und zum anderen wieder raus, würde dieser Film nicht gehörig unterhalten. Unter anderem mit dem Erschrecken davor, was gleich wieder heftiges zu sehen ist, eine Folterszene, ein eingeschlagener Schädel.

Gewalt im Kino fasst mich an, immer noch – und dieses Anfassen ist nicht unspannend. Gewalt fasst mich deutlich heftiger an als expliziter Sex, das ist interessant, weil (zumindest hier, in der westlich geprägten Kultur) eine Erektion immer noch eher Zensoren auf den Plan ruft als ein rausgerissenes Auge, und da fragt man sich natürlich schon: weshalb?

(Im realen Leben lehne ich Gewalt übrigens ab. Ganz grundsätzlich und ohne Diskussion.)

Strunks Erinnerungen an eine Siebzigerjahrekindheit zwischen Triebstau, trister Vorortenge und rockigen Ausbrüchen als Aushilfsmucker bei der „geil abliefernden“ Schützenfestkapelle „Die Tiffanys“ sind von berührender Genauigkeit. Zudem schafft es das neue Schauspielhaus-Ensemble, gerade die „Tiffanys“-Szenen erschreckend lebensecht zu gestalten, nicht zuletzt Stephan Schad gibt Bandleader Gurki mit triefender Öligkeit, der zwischen die endlosen Karnevalsschlager heimlich auch eine Zwo-Drei-Vier-Version von Slimes „Bullenschweine“ schmuggelt. Was man wahlweise als Subversion in der Mitklatschhölle lesen kann oder als resignatives „Ist doch eh’ alles wurscht“.

Die junge Welt hat meinen Artikel zu Studio Brauns “Fleisch ist mein Gemüse” am Deutschen Schauspielhaus hinter eine Paywall gesperrt. Ausgerechnet die alten Marxisten. Andererseits bedeutet Marxismus ja nicht, dass man seine Arbeit freigiebig verschenken sollte, oder? Vielleicht sollte ich mich einmal genauer mit Bezahlmodellen im Internet beschäftigen? Ich könnte den Text natürlich einfach hier ein zweites Mal veröffentlichen, ist mir aber auch zu blöde. Wen es interessiert, wie ich die Premiere fand (auf eine unbefriedigende Weise gut), der kann sich eigentlich auch das Printprodukt kaufen. Oder ein Online-Kurzabo abschließen. Oder er kann mich fragen, die Leute sollten ohnehin mehr miteinander reden, finde ich.

Außerdem lasse ich alle Fünfe grade sein und spare mir auch die mittlerweile ungute Tradition gewordene Kritik zum Sonntagabendkrimi. Der war gestern ein Polizeiruf 110 namens “Einer trage des anderen Last” und war ganz großartig, ich meine, Charly Hübner geht mit seinen 200 Pfund Lebendgewicht auf immer dünnerem Eis, Anneke Kim Sarnau fällt ins Koma, und die leider verstorbene Maria Kwiatkowski wird von sexy Hans Löw gefoltert, was will man denn mehr, an einem Sonntagabend?

(Seit ich neben meiner eigentlichen Arbeit auch noch für andere Medien schreibe, fühle ich mich ein wenig wie eine alles in allem glückliche Ehefrau, die sich heimlich anderen Männern hingibt, gegen gar nicht einmal so besonders viel Geld. Ich bin Catherine Deneuve in Belle de Jour, glam!)

22. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Ein paar Jahre spielte der WDR mit im “Polizeiruf 110″-Konzert. Zwischen 1995 und 2004 entstanden acht Krimis, die nicht nur in Bezug auf den Sendeplatz sondern auch inhaltlich die Vorläufer zu den heutigen “Tatort”-Folgen aus Münster waren: explizit provinziell, selbstironisch, mehr Krimikomödien als echte Krimis. Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Während der “Tatort” in einer zwar provinziellen aber dennoch realen Stadt (nämlich Münster) spielt, war der “Polizeiruf” mit den beiden Dorfpolizisten Sigi (Martin Lindow) und Kalle (Oliver Stritzel) in Volpe beheimatet, einem fiktiven Dorf im Bergischen Land, irgendwo zwischen Köln und Lüdenscheid – also im absoluten, metaphorischen Nirgendwo. Das machte es den Krimis leichter, die Grenzen der Realität hinter sich zu lassen, sorgte aber auch für die Gefahr der hemmungslosen Klamotte. Außerdem ließ dieser Kunstgriff die Geschichte von Sigi und Kalle verhältnismäßig schnell an ein Ende kommen: Dass in Münster immer mal wieder Verbrechen passieren, mag man ja noch glauben. Aber in Volpe? Einem Dorf von geschätzt vielleicht 15000 Einwohnern?

Wenn man sich jetzt, zehn Jahre später, noch einmal die vorletzte Volpe-Folge “Fliegender Holländer” anschaut, dann merkt man schon, wie stark der Zahn der Zeit an dieser Ästhetik genagt hat. Zwar spielen Stritzel und Lindow ihre Provinzler mit einigem Charme (überhaupt ist das eine erfrischend andere Herangehensweise, mal keine Kommissare ins Zentrum der Handlung zu stellen, sondern Streifenbullen), zwar traut sich Regisseur Ulrich Stark, die Krimihandlung (das LKA vermutet Drogenhändler in Volpe) immer wieder durch Abschweifungen auszubremsen. Was aber nicht darüber hinweg täuscht, dass einige Witze nicht mehr als Schenkelklopfer sind, dass insbesondere die Nebenrollen mehr als ungenau ausgeführt sind und nicht zuletzt dass die filmischen Mittel 2001 anscheinend noch erschreckend in der Fernsehkonvention gefangen waren.
Das aber ist egal, wenn man sich anschaut, wie Volpe (als eigentlicher Hauptdarsteller der WDR-Polizeirufe) gezeichnet wird: eben nicht als das schmucke Bilderbuchdorf als das Münster in den späteren “Tatorten” immer wieder auftaucht, sondern so hässlich wie es Dörfer und Kleinstädte hierzulande eben sind. Selbst Fachwerkhäuser wirken in Volpe nicht malerisch, sondern wie schnöde Zweckbauten, die vor allem der Durchgangsstraße im Weg stehen. Und am Ortsrand wartet das typische Gewerbegebiet mit den Würfelbauten, vordergründig modern, tatsächlich absolut reizlos. Und erst die Bewohner: Autoritätshörig buckeln alle vor den Dorfhonoratioren, alle saufen sie, alle haben sie Dreck am Stecken, und wenn davon was rauskommt, dann schmieren sie den Dorfbullen Kalle beziehungsweise vögeln ihn, also, die Frauen (dieser negative Charakterzug aus dem ersten Volpe-Krimi “1A Landeier” ist in “Fliegender Holländer” allerdings zum harmlosen Provinzcasanovatum abgeschliffen). Bei allem Humor zeigen die Volpe-Krimis eben auch die Abgründigkeit des Dorfes, eine Anlage, die der WDR Jahre später in der von mir schon einmal massiv empfohlenen Serie “Mord mit Aussicht” fortführte, diesmal allerdings in einem (ebenso fiktiven) Dorf in der linksrheinischen Eifel und nicht im rechtsrheinischen Bergischen Land.

“Fliegender Holländer” noch einmal gesehen zu haben, ist okay. Weil man aus diesem Film immer noch etwas mitnehmen kann, weil man immer noch etwas erfährt über das, was das Dorf so abschreckend, so eng, so gewalttätig macht. Es ist aber auch okay, weil man dadurch gnädiger wird gegenüber den Krimis der 2010er-Jahre: Man weiß, selbst der doofste Münsteraner “Tatort” wird filmisch nicht so schwach daherkommen wie dieser Krimi. Und einen Schlussgag wie das pseudolesbische Liebesspiel im Biobauernhof, nein, den würde man sich in Münster auch nicht mehr trauen. “Fliegender Holländer” sagt einem auch: Früher war nicht alles besser.