Der vergangene Monat war hart für meine agnostische Weltsicht, inhaltlich. Zunächst schaute ich mir Fabian Hinrichs‘ Soloperformance „Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen“ am in Auflösung befindlichen Hamburger Schauspielhaus an, ein Stück, in dem der Starschauspieler nicht spielt, sondern ausschließlich predigt. Für Theater heute habe ich das Gesehene beschrieben (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Irgendwo zwischen evangelikaler Erweckungsästhetik, dem Patchworkglauben Neuer Religiöser Bewegungen, einer Art Theaterreligion und den „Liebe Gemeinde!“-Witzen des frühen Otto Waalkes jagt der gut einstündige Monolog durch spirituelle Bekenntnisse, salbungsvoll, immer im hohen, nur selten modulierten Ton, schlicht: unglaublich anstrengend. Nicht zuletzt für ein Publikum, dem der Bezug zum speziellen performativen Charme des religiösen Ritus fehlt.

Dann ins Thalia, in Luk Percevals Bearbeitung von Dostojewskis religiös durchsetztem Sinnsucher-Roman „Die Brüder Karamasow“. Ebenfalls für Theater heute habe ich mich dem Meatphysik-Overkill hingegeben:

Vor dem Thalia Theater toben die Vorbereitungen des Evangelischen Kirchentags. Aufgekratzte Christen spazieren durch die Hamburger Innenstadt, hoffnungsfroh, sicher im Glauben. Im Thalia hingegen ist nichts sicher. Da wird Glaube verworfen, neu aufgerollt, in Fanatismus gewendet und vor allem umfassend diskutiert: Als letzte große Premiere der Spielzeit inszeniert Luk Perceval Fjodor M. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“, der „das Ringen um Sinn und Moral“ ins Zentrum stellt, ein Ringen, das eigentlich die Paradedisziplin der Religion ist.

Dann war, der obige Textausschnitt deutet das schon an, Evangelischer Kirchentag in Hamburg. Meine Fremdheitsgefühle, meine Distanz habe ich versucht, auf Les Flâneurs zu verdeutlichen:

Es ist so eigenartig, Leute zu sehen, die wie selbstverständlich ihren Glauben nach außen tragen. Das passt nicht in mein Leben, und das passt nicht in diese Stadt, ich fühle mich unangenehm berührt. So ähnlich wie der durchschnittlich rechtsoffene Mitteleuropäer, der auf Urlaub durch Kreuzberg läuft, eine Frau mit Kopftuch sieht und sofort die osmanische Belagerung Wiens vor Augen hat. Mit dem will ich natürlich nichts zu schaffen haben, ich will tolerant sein, und, ja, ich will die Kirchentagschristen klaglos ertragen.

Und am Ende habe ich noch einen Fragebogen gemacht, fürs uMag, mit der sehr empfehlenswerten Hamburger Künstlerin Marijpol. Die hat einen spannenden Comic namens „Eremit“ veröffentlicht, der handelt von Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen können, und in was für moralische Zwiespälte die das stürzt. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so jenseitig weichgeklopft, ich hatte tatsächlich schon einen Ausweg aus dem Geraffel gefunden. Aber Marijpol konnte das Thema angenehm schnodderig zurechtrücken:

Der alte Mann will nicht sterben, aber er will bei seiner Frau bleiben, und die stirbt. Er hat eigentlich keine Alternative, oder?
Nein, er hätte früher mit seiner Frau reden sollen.

Hilft Religion in solch einer Situation?
Nicht, dass ich wüsste.

Und schon war alles wieder gut. Hauptsache Glauben.

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Mit Künstlern über Geld zu reden, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Künstler sind meist der Meinung, dass man als Journalist zu den Großverdienern zähle, zumindest zu den Leuten, die sich für ein bürgerliches Lebensmodell entschieden hätten und sich dieses Modell auch irgendwie leisten könnten, und, wer weiß, womöglich ist da sogar was dran, trotz Medienkrise und tarifflüchtigen Verlegern. Wer weiß, vielleicht leben Künstler und Journalisten wirklich in unterschiedlichen Wirtschaftswelten, aber um ehrlich zu sein, ich glaube nicht wirklich dran. In beiden Welten geht es recht dreckig zu, und über kurz oder lang wird es noch mehr Welten geben, in denen es ebenso dreckig ist. Ich plädiere eher für großflächige Solidarisierungsaktionen.

Ich habe vor Jahren schon einmal ein Interview mit dem Berliner Choreografen Jochen Roller fürs uMag geführt, schon damals ging es gar nicht primär um ästhetische Fragen, sondern um ökonomische (und wie die Ökonomie später wieder auf die Ästhetik durchschlägt, das ist ja klar). Gestern hatte Rollers neues Stück „Der Carpenter-Effekt“ auf Kampnagel Premiere, ein Stück, das er gemeinsam mit Mónica Antezana erarbeitet hat, und in dem beschäftigen sie sich mit genau dieser Frage: Was wird eigentlich aus der Kunst, wenn gar keine Mittel für die Kunst mehr da sind? Wie ich es fand, habe ich für die Nachtkritik beschrieben:

Dass freies Theaterschaffen ein hartes Brot ist, ist keine neue Erkenntnis. Wer sich die Zustände verdeutlichen will, kann sich in der Facebook-Gruppe „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“ umfassend informieren – Tänzer, Sänger und Schauspieler tauschen sich hier darüber aus, mit was für lächerlicher Entlohnung sie abgespeist werden, und obwohl das nach zwei, drei Kommentaren regelmäßig in übles Subventionstheater-Bashing ausartet, muss man festhalten, dass Honorare und finanzielle Ausstattung im Theater jeder Beschreibung spotten. Und natürlich kann man auch andersrum fragen: Braucht man denn wirklich viel Geld? Braucht man Bühnenbilder, braucht man Kostüme? Wofür hat man Phantasie?

21. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein paar abschließende Gedanken zum Hamburger Schauspielhaus · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

– Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

– Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

– 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

– 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens „Spielfeld“, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‚ „Ritt in die Sonne“. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). „Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen“, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

14. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Über das Recht des Sechzehnjährigen auf Geschmacksverwirrung · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Das Publikum kreißte und gebar: ein altbackenes Theaterstück. Bei der mehr oder weniger demokratischen Spielplanwahl am Hamburger Thalia wurde Friedrich Dürrenmatts Politkomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ in einem etwas undurchsichtigen Verfahren zum aufführenswertesten Stück der Spielzeit gekürt – und die arme Christine Eder musste es inszenieren. Dürrenmatt, mit dem habe ich eine Geschichte, ähnlich wie mit Woody Allen, Salvador Dalí und den Sisters of Mercy: Künstlern, die ich als junger Mensch toll und wichtig fand, was mir heute ein wenig peinlich ist. Muss es natürlich nicht sein, man hat als Sechzehnjähriger alles Recht auf Geschmackswirren, und es gibt ja auch wirklich schlechtere Dramatiker als Friedrich Dürrenmatt. Bloß aufführen, das muss man den alten Schweizer heute eigentlich wirklich nicht mehr.

Und was passiert, wenn man es doch macht, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Sätze wie „Der Westen hat die Freiheit verspielt, der Kommunismus die Gerechtigkeit“ mögen in Zeiten der Systemkonkurrenz ihre Relevanz gehabt haben, heute aber klingen sie hohl, selbst wenn der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawn im Programmheft nicht ungeschickt versucht, den Marxismus als Welterklärungsmodell zu retten.

Übrig bleibt ein, freundlich ausgedrückt, fragwürdiges Frauenbild: „Wer auf dich baut, wird untergehen!“, das ist, was diese zwar lächerlichen, aber dennoch von Idealen beseelten Männer zu ihrem Objekt der Begierde zu sagen wissen. Und übrig bleibt eine Regisseurin, die mit dem Stück fremdelt und die das minimalistische Bühnenbild nutzt, ihre bestens aufgelegten Darsteller Kabinettstückchen vollführen zu lassen: Geiße zuzuschauen, wie sie als neugieriges Zimmermädchen lauschend durch die Kulisse staubwedelt, ist jedenfalls ein großer Spaß.

Ich bin niemand, der es exzessiv treibt. Ich habe Kleinstadtjugend, Studium, Punkselbstverständnis, linkes Bewusstsein und Zeiten der Arbeitslosigkeit überstanden, ohne regelmäßig harte Drogen zu konsumieren, ich bin gleichzeitig nicht zum Propheten der Enthaltsamkeit geworden, ich finde das durchaus … nicht schlecht. Das ist das eine. Das andere ist natürlich: Ich bin nicht jede Nacht unterwegs, dazu bin ich wahrscheinlich zu faul, und ich behaupte, dass mein 40 Jahre alter Körper so etwas auch nicht mitmachen würde, wahrscheinlich ist da was dran. Aber manchmal eben dann doch, in Nächten, denen Tage folgen, an denen ich über meinen schmerzenden Kopf jammere, in Nächten, nach denen ich für lange Zeit überhaupt nicht mehr ausgehen will, weil ich denke: Ich packe das einfach nicht mehr.

Ich liebe diese Nächte.

Vielleicht liegt das ja daran, dass diese Nächte keine Selbstverständlichkeit sind für mich, Nächte, in denen ich trinke und laute Musik höre und auf einer Welle der hinreißenden Oberflächlichkeit in Bars geschwemmt werde, in denen ich noch nie war, in Bars, in denen ich immer weiter trinke, und irgendwann fange ich plötzlich wieder an, zu rauchen, meine Güte, Rauchen!, habe ich ja schon seit Monaten mehr gemacht. Und wenn ich halbwegs vernünftig bin, ziehe ich irgendwann die Reißleine, solange das Geld noch reicht für ein Taxi nach Hause. Leben als Nachteule, das ist mehr als das dumme, gedankenlose Feiern, das Pinnebeg und Tostedt Samstagabends auf den Kiez treibt, voller Hoffnung auf die Nacht aller Nächte, und wenn Pinneberg und Tostedt auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu dämmern beginnt, dass das heute nichts mehr wird mit einer irgendwie außergewöhnlichen Nacht, wenn sie kapieren, dass sie heute so ungeküsst bleiben werden wie immer, dann beginnen sie, aggressiv zu werden. Davon rede ich nicht.

Ich rede von der schönen Langeweile, während der man ins Gespräch kommt mit einer Frau, die man eigentlich uninteressant findet und plötzlich nicht mehr weiß, was an ihr eigentlich so uninteressant ist. (Dieser Moment als man überlegt: Ich fand den Menschen mir gegenüber doch immer fade, weswegen eigentlich? Und dann realisiert man, dass man nicht mehr verstehen kann, weswegen.) Ich rede von Worten die aus einem fließen, während laute, schöne Musik in einen fließt. (Ich kenne diese Musik überhaupt nicht, noch nie hat mir jemand gesagt, wie schön die ist!) Ich rede vom Ausklinken aus den Zwängen des Erwerbslebens, ich rede vom bewussten Sich-Untauglich-Machen. Von der Negation irgendwelcher moralischer Regeln: Ab heute gilt nur noch, was niemandem wehtut.

Und genau deswegen schmerzt es mich tatsächlich, dass Jorinde Dröse die Dramatisierung von Tino Hanekamps Ausgeh-Roman „So was von da“ am Hamburger Schauspielhaus sowas von in den Sand gesetzt hat. Genauer begründe ich das in der aktuellen Theater heute (Link nur für Abonnenten abrufbar):

An zwei Stellen gelingt es Dröse, sich von der Vorlage zu lösen. Einmal in einer Konzertszene, bei der die (ansonsten überraschend zurückhaltend eingesetzten) 1000 Robota im Hintergrund einen Song spielen, während auf der Bühne (Natascha von Steiger hat hier eine teils kaputte, teils versiffte, teils urgemütliche Klubsituation ge­staltet) eine ganz andere Aktion abläuft und der Text parallel eine dritte Bedeutungsebene aufmacht. Und dann in der Mitternachtsszene, als Nebelschwaden die Bühne verdunkeln. Man sieht nichts mehr, hört Oskar reden, die Band spielt eine sanfte Melodie: Das ist der Moment, an dem man sich küssen sollte.

P.S. Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey haben den Sammelband „Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs“ bei Edition Nautilius herausgegeben, den sie heute abend in der Bar Golem vorstellen. Kann ich nur empfehlen.

Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass niemand mehr ein Interesse haben dürfte, auf der Bandschublade einen Artikel zu Constanza Macras zu lesen – habe ich doch hier (wie anderswo) schon mehrfach beschrieben, wie toll ich die Berliner Choreografin finde. Allerdings darf ich schon noch erwähnen, dass ich Macras‘ explizit antinationalistischen Zugriff auf Tanz (dessen internationale Protagonistenschar häufig vergessen lässt, dass Internationalismus etwas ist, das man sich erarbeiten muss) extrem wichtig finde. Ich finde es wichtig, dass in ihrem neuen Stück „Distortion“ Brechts „Kinderhymne“ eine zentrale Rolle spielt, gerade in Zeiten, in denen der Alltagsnationalismus durch Bands wie Frei.Wild (die hier nicht verlinkt werden) wieder hoffähig gemacht wird, so hoffähig, dass ein Punkfestival wie das Leipziger With Full Force aus allen Wolken fällt, wenn es einen Proteststurm gibt, weil solch eine Band dort spielen darf.

Und wie ich „Distortion“, Macras‘ erste Zusammenarbeit mit der Hamburger HipHop Academy, nun fand, das habe ich für nachtkritik.de aufgeschrieben. Nur hier lesen muss man es nicht unbedingt.

Es beginnt mit einer starken Tanzsequenz. Während elektronische Klänge (Marc „Sleepwalker“ Wichmann von der HipHop Academy und Kristina Lösche-Löwensen von Macras‘ Berliner Compagnie Dorky Park) langsam an- und abschwellen, bewegen sich Körper wellenartig, schnelle Beats treiben die Tänzer an, bremsen sie aus, verzerren die Bewegungen. Ein paar klassische Breakdance-Moves gibt es auch, viel beklatschte Headspins, Windmills und Flares. Und als nach einer Weile mehrfach geloopte Textfragmente durch den Saal schallen, nimmt man die begeistert auf: Bedeutung! Inhalt! „Ich bin hier geboren/Ich habe einen deutschen Pass/obwohl ich nicht deutsch aussehe …“ versteht man und hat damit auch schon das Thema des Abends begriffen: Es geht um Identität, und zwar explizit auch um nationale Identität.

Ich möchte die Brüderle-Diskussion nicht noch einmal aufwärmen, das Meiste wurde schon gesagt, von Berufeneren, von Frauen, die selbst alltagssexistische Erfahrungen gemacht haben: Antje Schrupp hat einen klugen Text geschrieben, Littlejamie eine Twitterwall gebaut, Kiki das Thema ins Allgemeine gewendet, Ninia LaGrande wurde konkret. (Außerdem: So wichtig ich den Text von Laura Himmelreich finde über einen Abend, an dem sie als Journalistin vom FDP-Unsympathen Brüderle angezotet wurde – ausgerechnet vom Stern möchte ich mir nicht erzählen lassen, was Sexismus ist, Entschuldigung, Frau Himmelreich, nichts gegen Sie.) Das Thema ist auf dem Schirm, da muss nicht ausgerechnet ich noch meinen Senf dazu geben, einen Senf, der doch ohnehin nur die Wiederholung von Argumenten wäre, die schon längst gefallen sind.

Ich fange lieber einen ganz neue Diskussion an. Eine Diskussion, die auf den ersten Blick gar nicht soviel mit Brüderle zu tun hat: die Hassdiskssion, die sofort aufkommt, sobald ein Argument den Anschein hat, irgendwie „politisch korrekt“ zu sein. Das ist der zweite Feuilletonaufreger dieser Tage: dass der Thienemann Verlag aus den Kinderbüchern Otfried Preußlers die Begriffe „Neger“ und „wichsen“ (im Sinne von „prügeln“) streichen will. Da kommen dann all die Ratten aus ihren Löchern und behaupten, dass hier Zensur geübt werden würde, „Im Auftrag der Politischen Korrektheit“. Hallo! Es geht um Kinderbücher, in denen missverständliche Begriffe ausgetauscht werden (wer bitte denkt bei „wichsen“ heute noch an prügeln?), aber die tun so, als ob wir in Nordkorea leben würden! Weil sie der Meinung sind, es würden Sprachregeln existieren, die ihnen eine bestimmte Haltung vorgeben würden! Die gleichen Leute betonen dann, dass sie keinen „Tatort“ mehr schauen würden, weil ihnen dort nur „politisch korrekte Ideologie“ vorgesetzt würde (damit meinen sie: dass nicht in jedem Krimi der Ausländer der Täter ist), Ausnahme: der „Tatort“ aus Münster. Der nämlich sei „so herrlich politisch inkorrekt“. Mal ganz davon abgesehen, dass sich die gleichen Leute absolut verbitten würden, mit ihrer Terminologie perfekt in die Ideologie eines der bekanntesten deutschsprachigen Naziblogs (das hier aus gutem Grund nicht verlinkt wird) zu passen – was ist das eigentlich für eine politische Inkorrektheit, die beim Münsteraner „Tatort“ gepflegt wird? Eine Inkorrektheit, die viel damit zu tun hat, dass Personen ihre Machtposition ausleben. Der von Jan Josef Liefers gespielte Pathologe macht in jeder Folge mal mehr, mal weniger geschmacklose Witze über Ausländer, Behinderte, Realschüler. Und auch über Frauen, und da ist man wieder bei Brüderle.

Wenn Leute wie Brüderle „Herrenwitze“ über die Körbchengröße ihres Gegenübers machen, dann hat das nichts zu tun mit Sexualität, sondern mit Macht. Brüderle zeigt: Ich habe Macht über dich, deswegen reduziere ich dich auf deinen Brustumfang. Entsprechend gehen auch Argumentationen wie die, dass Brüderle doch nur ein verunglücktes Kompliment machen wollte, ins Leere: Ihm ging es gar nicht um die Frage, ob sein Gegenüber nun schöne Brüste hat oder nicht, er wollte keine Komplimente machen, er wollte nicht flirten, er wollte Machtverhältnisse klarstellen. Brüderle ist kein Casanova, der mit Frauen ein Spiel spielt, ein Spiel, bei dem immer auch eine Mitspielerin nötig ist, er ist ein Don Juan, dem es immer nur um die eigene Position geht, einer, der Frauen benutzt.

Und damit wären wir beim dritten Thema angelangt: Ich hätte mir ja gewünscht, dass Antú Romero Nunes‚ Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ am Hamburger Thalia Theater diese Thesen ein wenig aufnimmt. Hat sie nicht getan, schade. Wie die Premiere ansonsten war, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Erotik ist ein zweischneidiges Schwert, das hat man insbesondere am Thalia schon mehrfach durchdekliniert, zuletzt in einem abgründigen „Sommernachtstraum“ von Stefan Pucher. Dass die Grenzen zwischen Verführung, Anmache und Übergriff immer wieder neu verhandelt werden müssen, ist eigentlich auch ein Thema in „Don Giovanni“, nur interessiert es diese Inszenierung anscheinend nicht. Sicher, Don Giovanni ist bei Mozart ein Libertin, und Rainer Brüderle ist nur ein Liberaler, das ist ein Gegensatz, den man gar nicht unbedingt thematisieren muss, nur: Wer Don Giovanni bei Nunes ist, das bleibt im Dunkeln. Er ist der Typ, der irgendwie alle Frauen ins Bett bekommt, aber wie er das schafft, ach, whatever.

Ach, man möchte gar nicht aufhören, diese Körper zu bewundern. Wie Titania (Sebastian Rudolph) als streng geschnürter Engel der Dunkelheit über die Bühne schreitet. Wie der Knabe (Florian Weigel) goldenes Haar und goldenen Slip präsentiert. Und wie Marina Galic ganz reizend die Schenkel spreizt, ein Bild, so campy, als wär’s eine fotografische Inszenierung von Pierre et Gilles.

Man kann viel nachdenken über die subversive Kraft von Sexualität. Man kann konstatieren, dass es da etwas gibt, das den kapitalistischen Verwertungskriterien enthoben ist, etwas, das mit individueller Lust zu tun hat, etwas, in dem wir ein Selbst spüren und nicht die Auflöung im Kollektiv (einem Kollektiv, das man durchaus unter die Überschrift „Humankapital“ stellen darf). Man kann aber auch die Warenförmigkeit von Sexualität im 21. Jahrhundert betonen, den Markt der Körper, der eben auch eine Marktwirtschaft der Körper bedingt. (Eine These, die gerne von konservativen Moralisten wie Michel Houellebecq vertreten wird, weswegen sie mir nicht unbedingt sympathisch ist, falsch wird sie dadurch aber nicht.) Man kann viel darüber nachdenken, und am liebsten denke ich im Kino darüber nach, über diesen Querschnitt von Sexualität, Affirmation, Subversion, Hedonismus.

Eher selten denke ich im Theater darüber nach. Aber gestern hatte am Thalia Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ Premiere, in der Regie von Stefan Pucher, und der ist tatsächlich ein (meiner unbedeutenden Meinung nach) recht gelungenes Durchirren unterschiedlichster Aggregatzustände des Begehrens. Eine für meine Verhältnisse recht saftsatte Besprechung habe ich für die Nachtkritik geschrieben.

15. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Ästhetik des Scheiterns (6): Ein Pfund Fleisch/Blumenkohl · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Einmal erzählt Shylock, wie Antonio sein Vermögen gemacht habe: Antonio gab Kredite nach Afrika, damit die Afrikaner europäische Firmen beauftragen konnten, Infrastrukturprojekte zu stemmen. Das Geld blieb also in Europa, während Afrika immer mehr Schulden anhäufte, die dann mit Rohstoffen getilgt werden mussten – nur damit die Afrikaner am Ende auf ihren neu gebauten Straßen verrecken. Kapitalismus, wie ihn sich Klein-Erna vorstellt. Dass das System aber viel raffinierter ist, dass am Ende gar niemand mehr durchsteigt, wer jetzt warum welchen Gewinn macht, das ahnt dieses Stück nicht einmal.

Was gibt es zu erzählen, über die Premiere von Albert Ostermaiers „Ein Pfund Fleisch“ am Hamburger Schauspielhaus? Vielleicht dies: dass ich die Einordnung des Lyrikers Ostermaier unter die Dramatiker für ein großes Missverständnis halte. Und dass das Schauspielhaus allen Unkenrufen zum trotz immer noch dichte, konzentrierte Theaterabende zustande bekommt, selbst wenn die Vorlage nur naja ist. Und alles weitere steht bei der Nachtkritik.

+++

Ich mache derweil lieber noch eine kleine Ästhetik des Scheiterns. Blumenkohl mit Tomatenconfit und Oliven. Hmm.

Versuchsanordnung:

1. Zwei Esslöffel Olivenöl in einem großen Topf erhitzen, eine Zwiebel und vier Knoblauchzehen anschwitzen und die Hälfte von 750 g reifen Kirschtomaten dazugeben (im Rezept wurde sogar ein Kilo Tomaten verlangt, aber das erschien mir dann doch allzu tomatig). Ungefähr zehn Minuten erhitzen, immer wieder stark rühren, bis sich die Haut von den Tomaten löst, leicht zerdrücken. Eine halbe Tasse Wasser zugeben (das Rezept verlangte 100 ml, aber seit der Küchenrenovierung finde ich den Messbecher nicht mehr, es ist ein Kreuz!), mit Salz, 1 EL Honig und den Blättern einiger Zweige Thymian würzen.

2. Von einem mittelgroßen Blumenkohl die Blätter weitgehend abschneiden. Blumenkohl in den Topf legen, mit den restlichen Tomaten bedecken, aufkochen, rund 15 Minuten bei schwacher Hitze bissfest kochen.

3. Währenddessen 100 g Feta zerdrücken und mit 1/2 Bund Basilikum zerdrücken. Fertigen Blumenkohl mit Basilikumfeta und 100 g klein gehackten schwarzen Oliven bestreuen. Mit ein bis zwei Esslöffeln Olivenöl beträufeln und mit Basmatireis servieren..

Ergebnis: Ungewöhnlich lecker, das. Immer noch ziemlich tomatenlastig, ein Pfund hätte es auch getan, aber sonst: topp. Optisch allerdings nach einem Tag ein ziemlich unansehlicher, rot-weiß-grünlicher Matsch. Das Rezept empfahl als Beilage Quinoa, ich aber halte Quinoa für ein Verbrechen an der Kulinarik und hielt mich an den Reis. Eine gute Entscheidung.

02. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Warme Worte · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

„Und?“ fragt Nikolaj Iwanowitsch. „Langweilig!“ stöhnt Anna Petrowna, „Jetzt schon!“ Nach gerade mal fünf Minuten. Raffiniert nimmt Jan Bosse den Kritikern den Wind aus den Segeln, den Kritikern, die bemängeln, dass sein „Platonow“ am Hamburger Thalia durchaus Längen hat: Das hier ist Tschechow! Natürlich ist das langweilig, was erwartet ihr denn? Und immerhin ist das uferlose Frühwerk des erst 18-jährigen Dramatikers von über sieben auf gute vier Stunden zusammengekürzt, da braucht man sich wirklich nicht über Langeweile zu beschweren.

Das Thalia hat seine Spielzeit eröffnet, mit Jan Bosses „Platonow“, einem Schauspielerfest, das ich für die Nachtkritik besprochen habe. Das Thalia beging allerdings auch seinen 100. Geburtstag am aktuellen Standort, mit einem kurzen Senatsempfang inclusive warmer Worte der Kultursenatorin Barbara Kisseler, freundlich und unverbindlich. (Auf kulturnews.de habe ich kurz vom Empfang berichtet.) Man wünscht „Glückerfüllte nächste 100 Jahre“, haha!, man weiß natürlich, dass man viel wünschen kann, wenn man nicht in der Lage beziehungsweise nicht gewillt ist, diese nächsten 100 Jahre auskömmlich zu finanzieren (wobei ich Kisseler da nichts unterstellen möchte, ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern). Und dann eben „Platonow“, mitten in dieser sektseligen Wir-schätzen-uns-alle-über-die-Maßen-Stimmung! Ein Stück, in dem Langeweile, Überdruss, Ödnis blanken Hass und irgendwann auch Gewalt nach sich ziehen!

Und dafür mag ich das Thalia einfach: für diese Bereitschaft zum lächelnden Zerschmettern von Wohlbefinden bei gleichzeitiger staatstragender Seriosität.