25. Oktober 2014 · Kommentare deaktiviert für Skinheads · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , ,

In dem schraddeligen, kleinen Punk- und Ska-Laden, in dem ich mir neulich eine Ben-Sherman-Reisetasche gekauft habe und mich hinterher fragte, ob ich mit sowas womöglich Nazis unterstützt habe (habe ich nicht, ergaben meine Recherchen), in diesem Laden ist jetzt ein Frisör. „Wunderkopf“ heißt er, er ist stilvoll minimalistisch eingerichtet, ein sehr schöner Herr und eine ebenso schöne Dame umschwirren einen Kunden, was machen sie? Richten sie ihm die Haare, oder geben sie ihm nur das Gefühl, angenehm umschwirrt zu sein?

Ich will nichts dagegen sagen. Die beiden sehen toll aus, gerade in Bezug auf ihre Haare, und es ist gut, wenn Frisöre selbst schöne Frisuren haben, das ist so ein Vertrauensding. So toll würde ich auch gerne aussehen, vielleicht würde es klappen, könnte ich mir einen Besuch bei „Wunderkopf“ leisten, wer weiß, vielleicht könnte ich es mir leisten. Ich finde es ein wenig schade, eigentlich wollte ich mir vor dem Herbst noch ein paar neue Doc Martens kaufen, das geht jetzt nicht mehr, zumindest hier nicht. Ist aber im Grunde auch egal.

Nur die Skinheads, die zuvor im Punkladen rumhingen, für die ist der „Wunderkopf“ sicher nichts mehr.

16. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für Vergiss die Frisur. Vergiss die Klamotten. · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , ,

Im Kino gewesen, den wunderbaren norwegischen Film „Sønner av Norge“ von Jens Lien gesehen: Coming of Age, die Geschichte einer Punkjugend im Osloer Vorort, Ende der Siebziger. Was mich anfasst: Aus dem Vorort komme ich auch. Und als Punk verstand ich mich ebenfalls, als Jugendlicher, ach was, als Punk verstehe ich mich eigentlich immer noch. Wobei, was ist das eigentlich für mich, Punk?

Vergiss die Frisur. Vergiss die Klamotten. Punk ist jedenfalls nicht: eine Entscheidung bezüglich des Stylings.

Irgendwie Linkssein hilft. Ich meine, Punks sind von ihrem Selbstverständnis Anarchisten, da passt eine linke Agenda nicht wirklich zu. Andererseits: Solidarität, Antikapitalismus, Internationalismus, Multikulturalismus gehören schon irgendwo zum Punksein, und das sind ja wohl linke Werte. Man muss vielleicht nicht gleich in eine Partei eintreten, Kassenwart werden. Höhö, Punk-Kassenwart.

Und wo wir schon bei Ismen sind: Sexismus geht grund-sätz-lich gar nicht. Punk mag ästhetisch dem Bild einer harten Maskulinität nahestehen, Chauvinismus aber steht dem oben angedeuteten Linkssein von Grund auf entgegen. Im sexualpolitischen Sinne ist Punk für mich queer.

Musikalisch ist Punkrock natürlich eine recht öde Angelegenheit. Ästhetisch war die Verengung von Punk auf eine Musikrichtung eine Sackgasse, als ästhetische Bezüge sind mir viel wichtiger: Dada, Selbstironie, beißender Sarkasmus, ein spielerisches Anlehnen an DIY-Strategien. Mut, den Karren an die Wand zu fahren.

Punk ist antiautoritär. Was in der Konsequenz heißt: Punk kennt keine Stars, niemanden, zu dem ein Aufschauen lohnen würde. John Lydon: ein mäßig begabter Maler und Popmusiker, ein recht heller Kopf, jemand, mit dem ich gerne mal ein Bier trinken würde. Joe Strummer: ein verhinderter Rock’n’Roller, ein Sozialdemokrat, jemand, mit dem ich gerne mal über Widerstandsstrategien diskutieren würde. Helden sind das alles keine.

Widerstand. Ich rate vom offenen Kampf gegen das System ab: Das System ist grundsätzlich stärker, die haben auch die bessere Bewaffnung. Trotzdem, auf keinen Fall darf man sich mit dem System gemein machen. Die, die vom System ausgenutzt werden, bekommen mein Mitgefühl, die, die das System nutzen, die oben schwimmen, bekommen meine tiefe Verachtung. Sorry, mehr ist nicht drin.

Regeln brechen. Regelwerke sind das Gegenteil von antiautoritär. Diese Liste: ein Schwachsinn.

(Und jeder Punk, der mir sagt: Du gehörst nicht zu uns, der hat recht. Und gleichzeitig hat er unrecht. Denn Punk, das ist keine Gemeinschaft, zu der man gehören kann oder nicht. Punk führt seine eigenen Ausschlussmechanismen ad absurdum, wie Punk jeden Mechanismus abstößt. Gott, ist das schön.)

05. September 2010 · Kommentare deaktiviert für In Richtung Nordsee tröten · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Nachdem das Deutsche Schauspielhaus die Spielzeiteröffnung mit einer Art Jugendtheater ohne jugendlichen Appeal beging, zieht jetzt das Thalia nach und eröffnet mit, nunja, einer Art Puppentheater: Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun inszeniert ein eigenes Stück namens „Vor uns die Sintflut“. Und der Einstieg zeigt eben einen angelnden Seemann mit einem Sockenpuppen-Fisch, nicht uncharmant, aber auch ein wenig läppisch. Nun denn.
Im Vergleich zu früheren Theaterarbeiten Kameruns fällt auf, dass es eine echte Handlung gibt. Nämlich die: Eine Bordgesellschaft aus bohèmienhaften Künstlerexistenzen schippert auf einem Luxusliner über die Weltmeere, um das Seebegräbnis einer verstorbenen Operndiva zu begehen, während im Unterdeck Heizer (das Proletariat!) und Flüchtlinge (das unheimliche Andere!) vor sich hinvegetieren. Was mehr oder weniger originalgetreu die Handlung von Fellinis Film „E la nave va“ (1983) ist, im Programmheft nichtsdestotrotz als ureigene Schöpfung Kameruns bezeichnet wird. Dafür hören wir aber: Großartige Musik der All-Star-Band Die Vögel (Ja, König, Ja-Multitalent Jakobus Siebels, Goldene-Zitronen- und Stella-Mitglied Mense Reents sowie Sterne- und Goldene-Zitronen-Bassist Thomas Wenzel), einen sehr coolen Bühnehund, der eigentlich nichts macht außer hin und wieder von links nach rechts zu laufen und zu schnuppern, Schauspieler, die einem den Atem nehmen, so gut sind sie (Lisa Hagmeister!, Felix Knopp! Alexander Simon!), immer wieder gute, politisch scharfe Ideen, die die Geschichte davor abhalten, vollends ins Läppische zu rutschen. Also: alles gut?

Nö.

Weil „Vor uns die Sintflut“ nämlich trotz aller Mühen Ausstattungstheater bleibt, letztlich ohne politische Relevanz. Weil die Idee, in Fellinis Reisegesellschaft ein Symbol für die dekadente, abgehobene Upperclass zu sehen, nicht funktioniert: „E la nave va“ spielt zu Beginn des Ersten Weltkriegs, einer Zeit, in der man Künstler tatsächlich noch als Bohème sehen konnte, „Vor uns die Sintflut“ will mit Sarkozy- und Sarrazin-Zitaten aber ein Stück für 2010 sein, und 2010 stehen Künstler dem Prekariat näher als der Oberschicht. Währenddessen fahren vor dem Theaterzelt dröhnende Partyboote vorbei, währenddessen schauen wir in der Pause auf die Beachclubs am Elbufer, währenddessen trötet ein Kreuzfahrtschiff lustig in Richtung Nordsee davon und erinnert daran, wer heute eigentlich wirklich der Dekadente ist. Vor allem aber: Das Thalia hat seine Zelt-Dependance ausgerechnet auf einer Brachfläche in der Hafencity aufgebaut, dem Symbol eines gentrifizierten Eliten-Wohnviertels, abgehoben von der echten Welt. Das fröhlich auf der Thalia-Website als Produktionspartner genannt wird, Dankeschön auch.

Der taz vom Samstag hat Kamerun ein kluges Interview über die Verquickung von kommerziellen mit künstlerischen Interessen im Stadttheaterbetrieb gegeben. So klug, wie die Musik der Goldenen Zitronen, so klug wie Kameruns sonstige Theaterarbeiten. Und irgendwie hätte ich mir so etwas Kluges auch in der Hafencity gewünscht.

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