Ich möchte die Brüderle-Diskussion nicht noch einmal aufwärmen, das Meiste wurde schon gesagt, von Berufeneren, von Frauen, die selbst alltagssexistische Erfahrungen gemacht haben: Antje Schrupp hat einen klugen Text geschrieben, Littlejamie eine Twitterwall gebaut, Kiki das Thema ins Allgemeine gewendet, Ninia LaGrande wurde konkret. (Außerdem: So wichtig ich den Text von Laura Himmelreich finde über einen Abend, an dem sie als Journalistin vom FDP-Unsympathen Brüderle angezotet wurde – ausgerechnet vom Stern möchte ich mir nicht erzählen lassen, was Sexismus ist, Entschuldigung, Frau Himmelreich, nichts gegen Sie.) Das Thema ist auf dem Schirm, da muss nicht ausgerechnet ich noch meinen Senf dazu geben, einen Senf, der doch ohnehin nur die Wiederholung von Argumenten wäre, die schon längst gefallen sind.

Ich fange lieber einen ganz neue Diskussion an. Eine Diskussion, die auf den ersten Blick gar nicht soviel mit Brüderle zu tun hat: die Hassdiskssion, die sofort aufkommt, sobald ein Argument den Anschein hat, irgendwie „politisch korrekt“ zu sein. Das ist der zweite Feuilletonaufreger dieser Tage: dass der Thienemann Verlag aus den Kinderbüchern Otfried Preußlers die Begriffe „Neger“ und „wichsen“ (im Sinne von „prügeln“) streichen will. Da kommen dann all die Ratten aus ihren Löchern und behaupten, dass hier Zensur geübt werden würde, „Im Auftrag der Politischen Korrektheit“. Hallo! Es geht um Kinderbücher, in denen missverständliche Begriffe ausgetauscht werden (wer bitte denkt bei „wichsen“ heute noch an prügeln?), aber die tun so, als ob wir in Nordkorea leben würden! Weil sie der Meinung sind, es würden Sprachregeln existieren, die ihnen eine bestimmte Haltung vorgeben würden! Die gleichen Leute betonen dann, dass sie keinen „Tatort“ mehr schauen würden, weil ihnen dort nur „politisch korrekte Ideologie“ vorgesetzt würde (damit meinen sie: dass nicht in jedem Krimi der Ausländer der Täter ist), Ausnahme: der „Tatort“ aus Münster. Der nämlich sei „so herrlich politisch inkorrekt“. Mal ganz davon abgesehen, dass sich die gleichen Leute absolut verbitten würden, mit ihrer Terminologie perfekt in die Ideologie eines der bekanntesten deutschsprachigen Naziblogs (das hier aus gutem Grund nicht verlinkt wird) zu passen – was ist das eigentlich für eine politische Inkorrektheit, die beim Münsteraner „Tatort“ gepflegt wird? Eine Inkorrektheit, die viel damit zu tun hat, dass Personen ihre Machtposition ausleben. Der von Jan Josef Liefers gespielte Pathologe macht in jeder Folge mal mehr, mal weniger geschmacklose Witze über Ausländer, Behinderte, Realschüler. Und auch über Frauen, und da ist man wieder bei Brüderle.

Wenn Leute wie Brüderle „Herrenwitze“ über die Körbchengröße ihres Gegenübers machen, dann hat das nichts zu tun mit Sexualität, sondern mit Macht. Brüderle zeigt: Ich habe Macht über dich, deswegen reduziere ich dich auf deinen Brustumfang. Entsprechend gehen auch Argumentationen wie die, dass Brüderle doch nur ein verunglücktes Kompliment machen wollte, ins Leere: Ihm ging es gar nicht um die Frage, ob sein Gegenüber nun schöne Brüste hat oder nicht, er wollte keine Komplimente machen, er wollte nicht flirten, er wollte Machtverhältnisse klarstellen. Brüderle ist kein Casanova, der mit Frauen ein Spiel spielt, ein Spiel, bei dem immer auch eine Mitspielerin nötig ist, er ist ein Don Juan, dem es immer nur um die eigene Position geht, einer, der Frauen benutzt.

Und damit wären wir beim dritten Thema angelangt: Ich hätte mir ja gewünscht, dass Antú Romero Nunes‚ Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ am Hamburger Thalia Theater diese Thesen ein wenig aufnimmt. Hat sie nicht getan, schade. Wie die Premiere ansonsten war, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Erotik ist ein zweischneidiges Schwert, das hat man insbesondere am Thalia schon mehrfach durchdekliniert, zuletzt in einem abgründigen „Sommernachtstraum“ von Stefan Pucher. Dass die Grenzen zwischen Verführung, Anmache und Übergriff immer wieder neu verhandelt werden müssen, ist eigentlich auch ein Thema in „Don Giovanni“, nur interessiert es diese Inszenierung anscheinend nicht. Sicher, Don Giovanni ist bei Mozart ein Libertin, und Rainer Brüderle ist nur ein Liberaler, das ist ein Gegensatz, den man gar nicht unbedingt thematisieren muss, nur: Wer Don Giovanni bei Nunes ist, das bleibt im Dunkeln. Er ist der Typ, der irgendwie alle Frauen ins Bett bekommt, aber wie er das schafft, ach, whatever.