09. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Why don’t you love me anymore? · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , ,
Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative: John Grant.

Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative: John Grant.

„Ich würde gerne deutsch können“, sagt John Grant, und man ist kurz überrascht, weil: Der kann doch deutsch, fast akzentfrei. Der kann so gut deutsch, wie man noch nie einen US-Amerikaner hörte, aber dann geht der Satz noch weiter: „wie Max Goldt.“ Grant kichert. „Ich find‘ den so geil.“ Und ich stehe verwirrt da, bei diesem eigenartigen Konzert, das nicht einmal ansatzweise das ist, was ich erwartet habe.

Eigentlich ist Grant ganz und gar nichts für mich. Ein Mittvierziger, der bislang klugen und in meinen Augen sehr, sehr langweiligen Alternative-Singer-Songwriter-Folk veröffentlichte, früher mit der in Denver (Colorado! Übelstes Redneck-Country, oder?) beheimateten Band The Czars, seit 2010 solo, ein Musiker, der so aussieht wie seine Musik, also Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative. Außerdem ein arger Authentizitäts-Overkill, mit dem man beim Erscheinen der aktuellen CD „Pale Green Ghosts“ zugeschüttet wurde: vom langjährigen Lebenspartner schmerzhaft verlassen! Umzug nach Reykjavik, in die Kälte! Und schließlich noch eine positive HIV-Diagnose! Meine Güte, der Arme! Man schaut das düstere Video zum Titelsong (der wenigstens nicht mehr folkig ist, sondern schwer elektronisch), da denkt man: Boah, den dunklen Hintergrund der Aufnahmen hat Grant aber ziemlich gut in seine Kunst übertragen bekommen!

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Und dann steht da ein Mann auf der Bühne des neu eröffneten (und über dessen Position zwischen Reeperbahn-Gentrifizierung und High-Class-Clubkultur man auch noch mal einen Artikel schreiben sollte) Mojo Club, ein Mann, der zwar auf der einen Seite genau so aussieht wie im Video, der aber gar nichts Cooles mehr an sich hat, sondern eher etwas gleichzeitig Würdevolles und Liebenswertes, wie er unbeholfen tanzt zu den Elektrobeats, die hier in einem so noch nicht gehörten Sound durch das Sichtbeton-Wunder der Clubarchitektur wummern. Man sieht einen Mann, der scherzt, der flirtet, der Zoten reißt, und nur kurz scheint durch, dass es hier immer noch einen ernsten Subtext gibt: „Your silence is a weapon/it’s like a nuclear bomb/it’s like the agent orange/they used to use in Vietnam“ singt Grant in „Vietnam“, was eben kein Protestsong ist, kein Antikriegslied oder gar, bei US-Provinzbewohnern kann man sich da ja nie ganz sicher sein, ein patriotisches Bekenntnis. Nein, es ist ein Lied über die Schlachtfelder im Beziehungsleben, das ist schon ziemlich heftig, und das macht auch kein charmantes Lustigsein zwischen den Songpausen wieder wett.

Der Auftritt ist, falls das hier nicht so richtig durchscheint, extrem gut. Mir gefällt Grant besser, wenn er knallhart elektronisch daherkommt, in „Pale Green Ghosts“ oder im populistischen „Sensitive New Age Guy“, aber die mit isländischen Elektromusikern aus dem GugGus-Umfeld aufgenommene Platte ist da nicht ganz konsistent, es gibt durchaus rührselige Balladen („Why don’t you love me anymore“, ein Flehen!), es gibt Grenzgänge zu Vaudeville, zu Indie-Crooning und eben weiterhin zum Folk, da kann ich immer noch nicht so richtig drauf, und in solchen Passagen fällt mir auch auf, was für ein unangenehmes Schicki-Publikum hier rumhängt, da mag doch was dran sein von wegen dass die Neueröffnung des Mojo-Club die radikal umgekrempelte Reeperbahn repräsentiert. Aber dann sagt Grant nochmal was Nettes, dann schaut er fies, dann bollern die Synthies los, und er spielt. Er spielt: „Blackbelt“, eine Abrechnung. Greatest Motherfucker that I’ll ever meet.

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Ich bin niemand, der es exzessiv treibt. Ich habe Kleinstadtjugend, Studium, Punkselbstverständnis, linkes Bewusstsein und Zeiten der Arbeitslosigkeit überstanden, ohne regelmäßig harte Drogen zu konsumieren, ich bin gleichzeitig nicht zum Propheten der Enthaltsamkeit geworden, ich finde das durchaus … nicht schlecht. Das ist das eine. Das andere ist natürlich: Ich bin nicht jede Nacht unterwegs, dazu bin ich wahrscheinlich zu faul, und ich behaupte, dass mein 40 Jahre alter Körper so etwas auch nicht mitmachen würde, wahrscheinlich ist da was dran. Aber manchmal eben dann doch, in Nächten, denen Tage folgen, an denen ich über meinen schmerzenden Kopf jammere, in Nächten, nach denen ich für lange Zeit überhaupt nicht mehr ausgehen will, weil ich denke: Ich packe das einfach nicht mehr.

Ich liebe diese Nächte.

Vielleicht liegt das ja daran, dass diese Nächte keine Selbstverständlichkeit sind für mich, Nächte, in denen ich trinke und laute Musik höre und auf einer Welle der hinreißenden Oberflächlichkeit in Bars geschwemmt werde, in denen ich noch nie war, in Bars, in denen ich immer weiter trinke, und irgendwann fange ich plötzlich wieder an, zu rauchen, meine Güte, Rauchen!, habe ich ja schon seit Monaten mehr gemacht. Und wenn ich halbwegs vernünftig bin, ziehe ich irgendwann die Reißleine, solange das Geld noch reicht für ein Taxi nach Hause. Leben als Nachteule, das ist mehr als das dumme, gedankenlose Feiern, das Pinnebeg und Tostedt Samstagabends auf den Kiez treibt, voller Hoffnung auf die Nacht aller Nächte, und wenn Pinneberg und Tostedt auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu dämmern beginnt, dass das heute nichts mehr wird mit einer irgendwie außergewöhnlichen Nacht, wenn sie kapieren, dass sie heute so ungeküsst bleiben werden wie immer, dann beginnen sie, aggressiv zu werden. Davon rede ich nicht.

Ich rede von der schönen Langeweile, während der man ins Gespräch kommt mit einer Frau, die man eigentlich uninteressant findet und plötzlich nicht mehr weiß, was an ihr eigentlich so uninteressant ist. (Dieser Moment als man überlegt: Ich fand den Menschen mir gegenüber doch immer fade, weswegen eigentlich? Und dann realisiert man, dass man nicht mehr verstehen kann, weswegen.) Ich rede von Worten die aus einem fließen, während laute, schöne Musik in einen fließt. (Ich kenne diese Musik überhaupt nicht, noch nie hat mir jemand gesagt, wie schön die ist!) Ich rede vom Ausklinken aus den Zwängen des Erwerbslebens, ich rede vom bewussten Sich-Untauglich-Machen. Von der Negation irgendwelcher moralischer Regeln: Ab heute gilt nur noch, was niemandem wehtut.

Und genau deswegen schmerzt es mich tatsächlich, dass Jorinde Dröse die Dramatisierung von Tino Hanekamps Ausgeh-Roman „So was von da“ am Hamburger Schauspielhaus sowas von in den Sand gesetzt hat. Genauer begründe ich das in der aktuellen Theater heute (Link nur für Abonnenten abrufbar):

An zwei Stellen gelingt es Dröse, sich von der Vorlage zu lösen. Einmal in einer Konzertszene, bei der die (ansonsten überraschend zurückhaltend eingesetzten) 1000 Robota im Hintergrund einen Song spielen, während auf der Bühne (Natascha von Steiger hat hier eine teils kaputte, teils versiffte, teils urgemütliche Klubsituation ge­staltet) eine ganz andere Aktion abläuft und der Text parallel eine dritte Bedeutungsebene aufmacht. Und dann in der Mitternachtsszene, als Nebelschwaden die Bühne verdunkeln. Man sieht nichts mehr, hört Oskar reden, die Band spielt eine sanfte Melodie: Das ist der Moment, an dem man sich küssen sollte.

P.S. Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey haben den Sammelband „Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs“ bei Edition Nautilius herausgegeben, den sie heute abend in der Bar Golem vorstellen. Kann ich nur empfehlen.

08. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für All Things Must Pass (George Harrison) · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Das Beatles-Museum Beatlemania auf der Reeperbahn muss schließen. Ich finde das schade, weil sich hier das Klischee bestätigt: Hamburg weiß nichts richtig anzufangen mit seinem kunsthistorischen Erbe. Dass die Beatles in Hamburg einst ihre Karriere begonnen hatten, wurde bislang dokumentiert durch a) eine Erinnerungsplakette im Hinterhof eines Rotlichtbetriebs b) einen städtebaulich misslungenen „Beatles-Platz“ mit einer ästhetisch jämmerlichen Figurengruppe sowie c) besagtes privat betriebenes Museum. Beziehungsweise: letzteres eben ab Monatsende nicht mehr. Okay, ich konnte mit dem Museum wenig anfangen, überhaupt waren die Beatles nie eine Band, die mich so wahnsinnig interessierte. Ich kapierte schon, dass die wichtig waren in ihrer Zeit, von wegen Auflösung der Grenzen zwischen E und U, Neudefinition von Geschlechterrollen, all das. Bloß war das alles nicht meine Zeit. Ich verstehe, wenn Hamburg sagt, na gut, so wahnsinnig stolz sind wir eben nicht auf die Jungs, als dass wir uns heute über sie definieren müssten, unser Flughafen heißt „Hamburg Airport“ und nicht „Beatles Airport“, das ist in Ordnung. (Der Flughafen Liverpools heißt Liverpool John Lennon Airport, „Above us only Sky“.) Habe ich nichts dagegen.

Aber worauf ist Hamburg stolz? Michel, Alster, Hafen, Hafen, Hafen. Kulturelles? Irgendwas? Nichts. Hamburg vermarktet sich als Musicalstadt, Hamburg vermarktet sich als Sportstadt, Hamburg vermarktet sich als Wirtschaftsmetropole. Dass es hier tolle Theater, Clubs, Museen, Galerien gibt, merkt man erst, wenn man sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Und diese Ignoranz der Stadt gegenüber allem Kulturellen ist es, die der Beatlemania angeblich das Genick gebrochen hat. „Heute müssen wir erkennen, dass trotz des durchgängig positiven Feedbacks unserer Besucher und der Medien, das Interesse an den Beatles in der Stadt, von der John Lennon sagt, dass er in ihr erwachsen geworden ist, nicht so groß ist, wie wir erhofft hatten“, beklagt Konzertverantstalter Folkert Koopmans, die treibende Kraft hinter dem Beatles-Museum, auf der Museumswebsite. Es gab Finanzierungsprobleme, das schon, trotzdem: Subventionen habe man keine gewollt, aber zumindest demonstrative Unterstützung durch die Stadt, vielleicht eine Bushaltestelle vor dem Haus, vielleicht eine Beschilderung in der S-Bahn, vielleicht eine bessere Sichtbarkeit im (grundsätzlich unübersichtlichen) Stadtportal. Bekamen sie nicht, wie übrigens die gesamte Kulturszene diese Unterstützung nicht bekommt.

Ich werde die Beatlemania nicht vermissen. Aber ich ärgere mich über die Ignoranz, mit der meine Wahlheimat der Kultur gegenüber tritt. Ein Gutes mag die Geschichte aber haben: die Erkenntnis, dass privat finanzierte Museen, Theater, Kulturproduktion zum Scheitern verurteilt sind. Ein Museum braucht Subventionen, jeder, der behauptet, er könne ohne Subventionen etwas Kulturelles aufziehen, der macht sich und anderen etwas vor. Wenn Politik und Gesellschaft das aus dem Beatlemania-Scheitern gelernt haben sollten, dann weine ich dem Ding keine Träne nach.

Nachdem ich aus Irland zurück war, hörte ich viel Folk. Folk, also, meist bärtige Männer mit Austikgitarre und Fiddle, hohe Stimmen, manchmal noch eine Mandoline, manchmal noch eine Rockband, immer das gleiche eigentlich. Trotzdem, ich hörte diese immergleiche Musik gerne, Bands aus Schottland, Bands aus der Bretagne, ich kaufte mir ein überteuertes Ticket fürs Irish Folk Festival und stellte recht schnell fest, dass diese Musik über einen Abend gestreckt doch recht eintönig daher kam, mal waren die Männer jünger, mal waren die Männer älter, mal goss ein billiger Synthesizer noch Orchestersoße über die Songs, mal säuselte eine bezopfte Frau noch ein paar Zeilen, was säuselte sie da? Sie säuselte, dass sie ihren Liebsten vermisse und ihm immer treu sein wolle.

Folk war, zumindest wie er bei mir ankam, eine stockreaktionäre Veranstaltung.

Nicht, dass diese Songs keine sozialkritische Komponente hatten, im Gegenteil. Sie kritisierten die Gegenwart dahingehend, dass die Moderne eine Zumutung sei und man sich entsprechend eine vormoderne Welt herbeifiedelte, eine Welt, in der die Mädchen bezopft sind und treu. Plötzlich sah ich die Menschen, die da links und rechts neben mir rhythmisch klatschten, mit anderen Augen: Was wollten die denn hier hören? Die wollten eine möglichst homogene Gesellschaft vorgespielt bekommen, eine Gesellschaft, in der es keine Migranten gab, keinen Gendertrouble und keine Schwulen, eine Gesellschaft, in der ein gütiger Autokrat die Geschicke lenkte und es Aggression ausschließlich in dem Sinne gab, dass man sich gegen verderbliche Einflüsse von außen wehren musste. (Und wenn sie gerade keinen Irish Folk hörten, packten diese Leute ihre Thermojacken ein und fuhren auf Urlaub nach Skandinavien, in nordische Länder, von denen sie annahmen, dass dort noch keine Vermischung, noch keine unübersichtliche Vielfalt existierte. Ich bin unfair, ich weiß.) Am Ende standen unsägliche ostdeutsche Mittelalterrockbands, Pagan Metaller, denen eine glaubhafte Abgrenzung nach rechts grundsätzlich schwer fiel. Ich wollte das nicht mehr hören. (Wobei mein Bann auch explizit linke Folkrockbands wie New Model Army oder die Levellers traf. Was allerdings egal war: Mochten diese Bands mich mit linken Texten kriegen, musikalisch blieb das weiterhin formelhaft.)

Solche Geschmacksurteile mögen zwar inhaltlich begründet sein – zu Ende gedacht stoßen sie an ihre Grenzen. Weil: Wenn man die Differenzen in einer Gesellschaft als wichtig ansieht, dann muss man die Ursprünge der Differenzen trotzdem kennen – weil sie ansonsten verschwimmen, zu einem großen, undifferenzierten Matsch. Die portugiesisch-angolanische Band Buraka Som Sistema versteht man in ihrer Hybridhaftigkeit nur, wenn man die musikalische Basis, den (süd-)afrikanischen Stil Kuduro kennt. Eine Musikerin wie M.I.A. ist reiz- und vor allem politisch wirkungslos, wenn man ihre Musik nicht als Amalgam globaler HipHop-Codes nachvollzieht.

Seit ein paar Jahren höre ich wieder Folk: Patrick Wolf, der die musikalischen Strukturen keltischer Folklore mit elektronisch erzeugten Sounds, vor allem aber dem Discokugel-Glamour der schwulen Subkultur gleichschaltet. Und seit kurzem Florence + the Machine. Bei denen man die Folkbasis kaum noch raushört, so massiv schichten sie Rock, Indie, Prog, vor allem aber Soul über ihre Songs. Und Soul, das ist in seiner Sehnsucht nach Transzendenz das absolute Gegenmodell zum Authentizitätsgehubere des Pop. In den besten Momenten klingen Florence + the Machine dann wie Kate Bush (deren Folkaspekte ich im Überdruss der dekonstruktivistischen letzten Jahre konsequent verleugnete), in den schlechten leider auch manchmal wie Enya.

Denn das muss man leider auch sagen, nach dem heutigen Konzert im hässlichsten Konzertsaal der gesamten Reeperbahn, der Großen Freiheit 36: Florence + the Machine mögen großartige Songs spielen, live sind sie anstrengend. Florence Welch ist humorlos. Florence Welch ist pathetisch. Florence Welch ist leider auch ein wenig tantig. (Das wallende Kleid, das sie trägt, tut ihr übriges: Man will diese wunderbar vielschichtig schillernden Lieder hören, aber man will nicht nach vorn zur Bühne sehen. Man will nicht sehen, wie sie ihr Gewand durch die Luft wirbelt, einen stechenden Blick auf ihren Harfenisten wirft und sich dann verbirgt, in Tüchern um Tüchern.) Dann macht ihr jemand aus dem Publikum einen Heiratsantrag, Gott, ein wenig peinlich ist das schon. Und dann kündigt sie schon den letzten Song an, „This is our last song for tonight, it’s called ‚No Light, no Light'“, die letzten Worte schreit sie, um beim Titel in ohrenbetäubendes Kreischen auszubrechen, dann wird es dunkel, und dann bricht das Schlagzeug los, abgründig und groß.

Und abgründig, das war Folk früher einfach nicht, nicht für mich.

[vimeo 32328419]

Ein einziges Mal in meinem Leben bin ich auf einem Junggesellenabschied. C. will heiraten, ich kenne C. flüchtig, aber A. ist eng mit ihm befreundet, und weil ich bei A. in Dortmund zu Besuch bin, fahre ich mit. Die Brüder von C.s Braut (die ich überhaupt nicht kenne) haben einen Abend organisiert, das heißt, wir treffen uns am Düsseldorfer Hauptbahnhof und spazieren in die Altstadt, vier Jungs, eine Frau. Eine Kneipe nach der anderen, Kneipen, so touristisch und gewöhnlich, dass ich nie einen Fuß in sie gesetzt hätte, wir trinken Altbier um Altbier, später dann eigenartige Schnäpse, wir lachen und wir sind wohl auch ein bisschen doof. Am frühen morgen nehmen A. und ich die erste S-Bahn zurück nach Dortmund, wir kichern, die Fahrt ist lang, ich überlege, ob es eine gute Idee wäre, sich in die Bahn zu übergeben, ich verwerfe die Idee, irgendwann zwischen Essen und Bochum schlafe ich ein. Ein schöner Abend.

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Junggesellenabschiede. Ich habe ja nie verstanden, was das soll, so: ein Abschied von einem Lebensabschnitt, bei dem man bewusst entschieden hat, dass er nichts mehr für einen wäre. Wenn man diesen Abschied so schlimm findet, dass man ihm biersatt hinterherweinen müsste, dann kapiere ich nicht, warum man ihn überhaupt aufgibt, aber vielleicht fehlt mir hier ja nur der Sinn für Tradition. Ich kapiere ja auch nicht, weswegen man als unverheirateter 30-Jähriger ausgerechnet den Rathausplatz fegen sollte.

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Wir sitzen in der Mutter, eine größere Gruppe. Es ist spät, es ist verraucht, wir rufen quer über den Tisch, was machst du am Wochenende? Kichern, Brüllen, wer will noch ein Bier? Wir unterhalten uns über: Sternzeichen, Wohnungseinrichtung, weswegen kleine Schwänze besser sind als große, wir sind unglaublich peinlich. Gegen halb drei reiße ich mich los, gerade noch rechtzeitig, ich radle durch St. Pauli, und als ich zu Hause ankomme, singt ein Vogel unterm Balkon ohrenbetäubend. Ein schöner Abend.

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Ich will nicht den abstinenten Moralisten raushängen lassen, aber irgendwo ist das schon eindeutig: Unter Alkohol wird man ganz klar unangenehm für seine Mitmenschen. Und gleichzeitig ist auch eindeutig: Unangenehm, das sind immer nu die anderen. Man selbst ist nicht unangenehm, man selbst ist auf eine möglicherweise etwas zu laute Weise gelöst. Knackpunkt.

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Die schöne, kluge Frau und ich nutzen die ersten Sonnenstrahlen des Jahres und fahren am späten Sonntagvormittag zur Strandperle. Und schon auf der Fähre fallen sie uns auf, vier rotgesichtige Jungs, eine Tusse auf hohen Absätzen, einer brüllt. Ihr Fotzen! Kaum schaffen sie es vom Fähranleger ans Ufer, sie torkeln, einer hängt sich an die Tusse, einer brüllt, ihr Fotzen!, einer starrt übers Geländer ins Brackwasser, seine Augen sind weit aus den Höhlen vorgetreten. Sie haben etwas rotes über die Gesichter geschmiert, zuerst denke, dass das Blut ist, aber anscheinend ist es eher Lippenstift, der Breiteste von den Vieren trägt ein Shirt, auf das ungelenk „S. + A. – Schluss mit lustig“ gekritzelt ist. Schluss mit lustig. Auf dem Strandweg überholen wir die Gruppe, ich habe ein wenig Angst vor ihnen. Als wir an der Strandperle angekommen sind, schnappen sich die schöne, kluge Frau und ich einen Tisch im Sand und zwei Kaffee und beobachten, wie sie uns nachfolgen. Nach zehn Minuten haben sie uns erreicht, aber sie bleiben nicht stehen, sie stolpern einfach weiter, still, mit leerem Blick, elbabwärts. In eine Richtung, in der eigentlich nichts mehr kommt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube: Der Abend war nicht wirklich schön.

Zu viele, zu lange Texte, zurzeit in der Bandschublade. Zum schönen, schweißtreibenden, sexy Konzert von Kele im Mondial gibts daher nur ein verwackeltes Handyfoto, obwohl man natürlich ziemlich viel sagen könnte über den Konsenskünstler Kele, der Indiegirls, Schwulenszene, Hipster und Musikfans, die die 80er noch erlebt haben, im Club versammelt. Ich mag aber nicht.


Ich war noch nie in einem New-Burlesque-Club. Das ist bemerkenswert, lebe ich doch in einer Stadt, die für sich in diesem Bereich eine deutschlandweite Vorreiterrolle reklamiert, andererseits: Was reklamiert Hamburg nicht alles für sich, vielleicht ist das ja auch nur Geschwätz, und die Clubs sind gefüllt mit hemmungslosem Feierpublikum, Touristenschwaden, die nackte Haut sehen wollen, wer weiß. Das Queen Calavera, angeblich der beste Burlesque-Laden der Stadt, sollte jedenfalls an Wochenenden gemieden werden, von wegen Touristen-, Pinneberger- und Alkopop-Horden. Aber ich kenne den Laden ja ohnehin nicht.

Was ich seit Freitag kenne, ist Katharina Bosses Fotoserie „New Burlesque“. Weil die 42-Jährige nämlich noch bis 15. Januar bei Robert Morat ausstellt, außer „New Burlesque“ auch noch ein paar Bilder aus der Serie „Portrait of the artist as a young mother“ sowie Blumenbilder, sehr weiblichkeitsmystisch die einen, sehr formalistisch die anderen, beides nicht wirklich was für mich. Berührt haben mich hingegen die „New Burlesque“-Bilder, in ihrer ultrakünstlichen Buntheit, in ihrer Ironie, in ihrer Feier des unauthentischen Körpers. Und hier muss ich ein wenig ausholen.
New Burlesque, das ist Striptease. Und auch wieder nicht. Striptease ist eine Dienstleistung, deren Ziel Erregung ist, also, Erregung eines primär männlich-heterosexuellen Publikums. New Burlesque versteht sich nicht als Dienstleistung, sondern als Lust an der Erregung. Der Tanz ist hier nicht in erster Linie zielgerichtet: Das Ziel im Striptease wäre, offen gesprochen, die Erektion des Betrachters, im New Burlesque geht es eher um einen Spaß auf beiden Seiten, der Zuschauer soll sich ebenso amüsieren wie die Tänzerin. Zudem findet New Burlesque zumindest im Idealfall nicht in der hochkapitalisierten Welt statt, in der Striptease oft zu Hause ist, die Tänzerinnen sind hier ihre eigenen Unternehmerinnen, die die Einnahmen entsprechend behalten. Außerdem gibt es ein paar signifikante ästhetische Unterschiede: Zwar ziehen sich auch Burlesque-Tänzerinnen aus, allerdings nicht völlig – die Brustwarzen bleiben bedeckt, der Slip bleibt an. Und schließlich zeichnen sich Burlesque-Tänzerinnen dadurch aus, dass ihre Körper nicht normiert sind: Sie sind zwar nicht grotesk überzeichnete Körper (wie man sie in manchen Nischenbereichen der Pornographie findet), sie sind aber auch nicht die in ein ganz festes Schema gepressten Hardbodies der gängigen Erotikindustrie. Es sind: Frauen, mit Brüsten und Schenkeln und Polstern an Stellen, an denen andere Frauen unter Umständen keine Polster haben. Was nicht zum Trugschluss verführen sollte, dass wir es hier mit echten, also: authentischen Körpern zu tun haben würden. Im Gegenteil bewegen wir uns in einer durch und durch künstlichen Welt, die Frauen sind stark geschminkt, gestylt, tragen Schuhe, bei denen jeder Orthopäde Weinkrämpfe bekommen müsste.
Dieses Spiel mit Unauthetizität auf der einen, Ablehnung von strengen Normierungen auf der anderen Seite betont Cécile Camart in ihrem Text zu Bosses Serie:

Die spezifische Besonderheit der Welt des Burlesque, so wie sie von zeitgenössischen amerikanischen Darstellern neu interpretiert wird und die Katharina Bosse uns vorführt, ist von Hause aus ein Paradox : das der Verfremdung, der Defokussierung, manchmal bis zur Unendlichkeit.

Das macht New Burlesque noch nicht zur explizit politischen Aktion. Das Verhältnis von New Burlesque zum Mainstream-Erotik-Entertainment lässt sich vielleicht besser mit dem von Twee-Pop zur Musikindustrie vergleichen: Twee macht Spaß, Twee steht irgendwie außerhalb der üblichen Pop-Hierarchien, Twee will aber nichts wirklich umstürzen. Und so wie es im Twee-Pop Bands wie die Puppini Sisters gibt, gibt es im New Burlesque dann eben auch Dita von Teese: den Absturz einer Subkultur in den absolut massentauglichen, vulgären und ästhetisch wie politisch vollkommen uninteressanten Mainstream. Der dann das Einfallstor bietet für die Pinneberger, die wochenends Burlesque-Clubs auf der Reeperbahn stürmen und Ärger machen, wenn zum Showende der Slip nicht fällt.

Aber Katharina Bosse fotografiert keine Dita von Teese. Katharina Bosse fotografiert Babette LaFave, Candy Whiplash und The World Famous *Bob*, US-Amerikanerinnen, in vollem Wichs, aber nicht auf der Showbühne, sondern in typisch amerikanischen Suburbs, auf Parkplätzen, in Vorgärten, in Einfamilienhäusern. Eine Bruchlinie, eine Irritation: der unauthentische Körper in der unauthentischen Idylle.

Die Abbildung zeigt Katharina Bosses Fotografie der Tänzerin Dirty Martini aus der Serie „New Burlesque“. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

01. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Flimmern, Flirren · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , ,

In einer gerechten Welt würde die wundervolle Berliner Band Klez.e nicht nur die klitzekleine Hamburger Prinzenbar füllen können, in einer gerechten Welt würden Klez.e in riesigen, ausverkauften Hallen spielen, und vor den Hallen würden Fans campieren, in der Hoffnung, einen Soundschnipsel abzubekommen. Aber wer möchte in einer gerechten Welt leben? In einer Welt, in der solch stille, flirrende Konzerte wie das gestrige nicht möglich sind, weil Hallen nicht auf Stille und Flirren ausgerichtet sind, sondern auf Überwältigung und Aufruhr?

(Dass es für Bands ein ökonomisches Problem darstellt, wenn nicht einmal die Prinzenbar ausverkauft ist, das ist mir auch klar und steht auf einem ganz anderen Blatt.)

[vimeo 5773397]