Aufmerksame Leser haben es schon mitbekommen: So wahnsinnig viel passiert gerade nicht auf der Bandschublade. Hin und wieder eine Fernsehkritik, mal eine Schnurre aus dem Alltag, mal eine Ausstellungsbesprechung, nichts, was einen wirklich bewegt. Irgendwie passieren mir gerade keine originären Sachen, Sachen, die ich hier und nirgendwo sonst unterbringen möchte, das ist ein wenig fristrierend, aber, gut, wenn es so ist, dann soll es so sein. Vielleicht bin ich des Bloggens ja auch gerade ein wenig überdrüssig, wer weiß? Ähnliches lässt sich auch über die Besucherzahl im Oktober sagen: Die riss einen nicht vom Hocker, obwohl, wenig Besucher waren es eigentlich auch nicht, es war, naja, okay. Durchschnitt. Geht so. Die Besucher, die immer noch vorbei schauen, weil sie Sophia Thomalla nackt sehen wollen oder wissen wollen, ob René Pollesch schwul ist, die ignoriere ich mittlerweile. Die gehen mir einfach nur noch auf die Nerven.

1. „melody kreiss“. Das ist tatsächlich der häufigste Suchbegriff des Monats. Nichts mit „nackt“, nichts mit „schwul“. Einfach nur die Suche nach Melody Kreiss, einer Drehbuchautorin, die den SWR-Tatort „Nachtkrapp“ verantwortet, und den habe ich auf der Bandschublade besprochen. Womöglich konnte ich ja tatsächlich einen Googler glücklich machen? Schön auch in diesem Zusammenhang die zweimalige Anfrage „wie kommt melody kreiss zu dem job?“ Hochgeschlafen, nehme ich mal an. So geht es doch zu, in diesen Kreisen.

2. „der sexuelle körper elfi fröhlich“. Ich verstehe nicht einmal annähernd, wie man auf diesem Weg auf der Bandschublade landen kann. Ich meine, Elfi Fröhlich ist eine Berliner Künstlerin, aber ich habe nie etwas über sie geschrieben. Ich vermute, es ist ein ganz ulkiger Google-Zufall, dass diese Wortkombination zu mir führt. Aber: Durch diese Anfragen wurde ich motiviert, nachzuschauen, wer Elfi Fröhlich überhaupt ist. Sieht interessant aus, was sie macht – Dankeschön also.

3. „beispiele für schlecht gemachte plakate“. Öhem. Also, in der Kultur-AG im AStA der Uni Gießen veranstalteten wir einmal einen Abend mit Filmen, Diskussionen und einem Auftritt der Straßenmusiker „Der wahre Helmut“, und dafür designten wir selbst ein Plakat. Mit Schreibmaschine, Tipp-Ex, Klebstoff und Schwarzweiß-Kopierer. Und weil es unter unserer Würde war, zu schreiben, was wir nun eigentlich planten, waren auf dem Plakat nur ein paar kryptische Daten zu sehen. Ich würde sagen: Das ist ein Beispiel für ein sehr schlecht gemachtes Plakat.

4. „stereo aktfotos“. Vielleicht ein wenig genauer? Ich vermute, es geht um Stereofotografie? Da gibt es sicher auch Aktfotos von, warum auch nicht? Nur hier leider nicht.

5. „ikue nakagawa“. Frau Nakagawa ist eine japanische Tänzerin, die ich vor Jahren in dem Stück „Libido Sciendi“ von Pascal Rambert beschrieben habe. Sicher, das war ein durchaus freizügiges Stück, das wahrscheinlich auch ein paar Voyeure anzieht, aber, mal ehrlich: Alles in allem war das eher randständiges Tanztheater! Ein Nischenthema! So viele Voyeure gibt es gar nicht, dass die alle nach Nakagawa suchen! Ich vermute, dass „Ikue Nakagawa“ auf Japanisch noch irgendetwas anderes bedeutet, irgendetwas Alltägliches, das in Japan ständig gegooglet wird. Und so landen immer wieder Japaner auf meiner kleinen Seite und verstehen nicht, was da geschrieben steht, in einer schwer verständlichen Sprache.

6. „blog schreiber lustig“. Also, da seid ihr hier eindeutig falsch.

7. „redakteursgehalt ippen zeitungen“. Das weiß ich nicht. Die Mediengruppe Ippen ist ja ein traditionsreiches Unternehmen, da nehme ich einfach mal ganz naiv an, dass die tarifgebunden sind. Andererseits hat Ippen in der Branche den Ruf, kein besonders arbeitnehmerfreundlicher Arbeitgeber zu sein, da könnte ich mir auch Tarifflucht vorstellen. Kurz gesagt: Ich habe keine Ahnung.

8. „isabelle helena das war echt ein sehr paradoxes wochenende! am freitag ist noch alles perfekt“. Das ist keine Suchanfrage, das ist eine Kurzgeschichte.

Also. Der September war ein ganz akzeptabler Monat, von den Besucherzahlen her. Ach, was soll die Koketterie: Der September war besucherzahlenmäßig ein toller Monat, hier, auf der Bandschublade. Was allerdings damit zu tun hatte, dass die „Tatort“-Saison begonnen hat: Die nach der Homepage häufigsten Zugriffe verzeichnete der Post „Der Betonfleck an der Förde“, der den großartigen Kieler Krimi „Borowski und der stille Gast“ behandelt. Das muss man leider so sagen: Abseits von den „Tatort“-Rezensionen ist die Bandschublade absolutes Nischenprogramm. Und jetzt? Schreibe ich ausschließlich über den „Tatort“, weil ich das große Publikum will? Schreibe ich überhaupt nicht mehr über den „Tatort“, weil mich das große Publikum anwidert? Oder wäre es vielleicht am Besten, wenn ich alles so lasse, wie es ist? Vielleicht.

1. „sophie rois nackt“ Ich zähle nicht mehr, wie häufig nach Brüsten, Titten, Busen der doofen Sophia Thomalla gesucht wird. Bei der Suche nach der nackten Sophie Rois hingegen drücke ich ein Auge zu, weil, da habe ich Verständnis für, wenn jemand diese tolle Schauspielerin nackt sehen möchte. Vor einem Monat habe ich auch ein paar Tipps gegeben, wo sich dazu Gelegenheit bietet.

2. „fabio mauri documenta“ Es gab eine ganze Reihe Künstlersuchen in Verbindung mit der documenta, die meisten in Bezug auf den 2009 gestorbenen Italiener Fabio Mauri. Wer das wohl sucht? Galeristen, die wissen wollen, wie über ihren Schützling berichtet wird? Kunststudentinnen, die zu faul waren, selbst nach Kassel zu fahren?

3. „sarah wagenknecht privat“ Ja, was wird da wohl sein? Voll die Schreckschraube, mit der man es keine fünf Minuten in einem Raum aushält? Voll die kluge Gesprächspartnerin, mit der man sich tagelang über Goethe, zeitgenössische Kunst und Geschlechterdekonstruktionen unterhalten kann? Voll die charmante Gastgeberin, die einen sa-gen-haften Marmorkuchen macht? Man weiß es nicht.

4. „schwul islam“ Das ist ein Thema, was mich auch mal interessieren würde. Darüber geschrieben habe ich allerdings nie etwas, was nachvollziehbar ist, weil ich hier absolut keine Ahnung habe. Falls jemand mehr weiß: Hier sind schon zwei, die sich über Infos freuen würden.

5. „katalanischer modernismus“ Da weiß ich durchaus was. Eine Stilrichtung in Architektur, Design und Kunst, die in Katalonien ziemlich viele Städte prägt und dort „Modernisme“ genannt wird. Andernorts heißt sie Art Déco oder Jugendstil, wobei diese drei Begriffe nicht deckungsgleich sind, aber parallel verwendet werden können. Wichtigstes Bauwerk ist die Basílica de la Sagrada Família in Barcelona von Antoni Gaudí.

6. „rene pollesch schwul“ beziehungsweise „devid striesow schwul“ Boah, Kinder, wird euch das nicht langweilig, langsam mal? Also, soweit ich weiß, der eine ja, der andere nein, um genaueres zu erfahren, solltet ihr einfach mal direkt fragen, die meisten Leute sind da ja nicht so etepetete und erzählen durchaus, was Sache ist. Traut ihr euch aber nicht, oder? (Ich will übrigens niemanden verurteilen, der auf die Frage „schwul oder nicht?“ eine eindeutige Antwort hat, allein: Spannender finde ich ja die Leute, bei denen die Antwort schillert, bei denen eben nichts eindeutig ist, Leute wie Jens Friebe, Andreas Spechtl, von mir aus auch Pollesch oder Striesow.) Ich beschäftige mich in der Regel auf fachlicher Ebene mit Leuten wie Striesow oder Pollesch, und weil auch das privateste Politisch ist, mag da nicht zuletzt Sexualität mit reinspielen – in der aktuellen theater heute bespreche ich die Premiere von Polleschs „Neues vom Dauerzustand“ am Hamburger Schauspielhaus (Link funktioniert nur für Abonnenten), und, doch, da geht es auch um Sex:

Die politische Schärfe früher Arbeiten wurde abgelöst von einem umfangreichen Liebesdiskurs, bei dem selbst klassische Pollesch-Slogans nicht mehr so zünden wie gewohnt. „Denkst du etwa, von einer 26-jährigen Großbusigen einen geblasen zu bekommen, wäre ein Vergnügen für mich?“, das ist auf den ersten Blick witzig und auf den zweiten ziemlich blöde, trotz der genderpolitischen Souveränität, mit der der Autor diesen Satz eine Frau sagen lässt.

7. „katzen hängen übern gartenzaun“ Ich möchte gar nicht wissen, was diese Suchanfrage motiviert hat. Aber Cat Content geht ja immer.

8. „nackte penisse auf der bühne“ Ich sah einmal ein Stück, in dem eine klagende „Wandermöse“ auftrat, gildet das auch?

Sophia Thomalla hat die Bandschublade gerettet. Okay, nicht wirklich, dieses nette, kleine Blog gäbe es auch ohne Sophia Thomalla. Aber von wegen Besucherzahlen war der Juni ein extrem schlechter Monat, was ich darauf zurückführe, dass alle Welt in der Sonne saß und nicht doof rumgoogelte, um dann auf der Bandschublade zu landen. (Sonne? Wo?) Es wären aber noch viel weniger hier gelandet, hätte es nicht zur Monatsmitte einen unglaublichen Run mit Suchanfragen gegeben, die in etwa so lauteten:

1. „sophia thomalla brust“, dicht gefolgt von „sophia thomalla titten“, „sophia thomalla busen“, „sophia thomalla brüste“, „sophia thomalla oberweite“, insgesamt rund 150 Queries. Was soll ich dazu sagen: Ja, Sophia Thomalla hat Brüste, wie wir alle wissen. Der Artikel, auf dem die ganzen Besucher am Ende landeten, hatte allerdings wenig mit diesen Brüsten selbst zu tun, sondern vor allem mit deren medialer Rezeption (außerdem war er auch schon vom April). Trotzdem, ich freue mich natürlich über Besuch.

2. „ficksäue“, immerhin auch stolze 17 Anfragen. Ich war ja immer der Meinung, das sei eine originäre Wortschöpfung von René Pollesch, weswegen ich auch die Kritik eines Stücks von besagtem Regisseur und Autor mit „Pollesch, ihr FICKSÄUE“ betitelt habe. Erst später habe ich erfahren, dass es auch eine Pornoserie mit diesem schönen Namen gibt. Ob die meisten Leser wohl nach Pollesch-Interpretationen gesucht haben, als sie „ficksäue“ googleten? Ich zweifle.

3. „devid striesow schwul“. Kam recht häufig, diese Anfrage. Keine Ahnung, da habe ich nie etwas drüber geschrieben, aber soweit ich weiß, hat dieser von mir durchaus geschätzte Schauspieler Frau und Kind. Aber das muss ja nichts heißen.

4. „tod eines handlungsreisenden klausner“. Wow, da wollte wohl wirklich jemand etwas über besagte Inszenierung am St.-Pauli-Theater erfahren! Ich verweise auf meine Besprechung auf der Nachtkritik.

5. „gut aussehende sexy junge schwule jungs küssen“. Da wünsche ich viel Spaß bei.

6. „sex – arabische brille“. Ich bin sowas von naiv, ich hatte ja keine Ahnung. Die arabische Brille ist, wenn ein Mann seinem Partner beziehungsweise seiner Partnerin, also: der aktive dem passiven Part die Hoden auf die Augen legt. Fertig. Was das bringen soll? Keine Ahnung, aber man muss auch nicht alles verstehen. Wer weiß, was die „Petersburger Schlittenfahrt“ ist? Das immerhin hätte ich beantworten können, wurde aber nicht gefragt.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. Hatte ich noch nicht, ich war schon froh, mit Stefan Pucher etwas anfangen zu können, von wegen ultrazeitgenössicher Regie, damals, Ende der Neunziger. Außerdem war Pollesch mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, nach seinem Studium bei Andrzej Wirth in Gießen, wie man hörte, machte er freies Theater in der hintersten pfälzischen Provinz, Frankenthal oder Pirmasens. M. aber war er aufgefallen, während des Studiums in den ausgehenden Achtzigern, als ich noch längst nicht in Gießen war.

Kurz darauf knallte mir Pollesch tatsächlich ins Gesicht, mit wildromantischen Textflächen: „Drei hysterische Frauen“ beim Praterfestival oder wie das hieß, 1998 an der Volksbühne, „Superblock“ am Berliner Ensemble, einem extrem musikalischen Text über die Klötzchenarchitektur am Potsdamer Platz, der natürlich nicht ahnen konnte, wie schlimm sich das alles tatsächlich entwickeln würde, „Heidi Hoh 3 – Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat“ am Frankfurter Mousonturm, ein Stück toller als das andere, großartige Schauspieler, eher sogar: Schauspielerinnen, die hochtourig schwer theoretische Textwasserfälle übers Publikum kippten, anstrengend, lustig, durchgedreht, immer wieder unterbrochen von Schreiattacken, ihr FICKSÄUE! Pollesch wurde wiederentdeckt von der damaligen Luzerner Intendantin Barbara Mundel, die Pollesch noch vom Studium kannte und ihn aus der einen Provinz Pfalz in die andere Provinz Zentralschweiz rettete. Und von Luzern aus ging es dann ganz schnell mit Polleschs irgendwie verspäteter Karriere: Als ich 2001 nach Hamburg zog, war er schon da und inszenierte am Schauspielhaus seine Soap „www-slums“.

Das war damals noch neu: die Erkenntnis, dass sich unter gut ausgebildeten, hoch mobilen, extrem anpassungsfähigen und technikaffinen, naja, Leistungsträgern eine Art intellektuelles Subproletariat herausbildete. Und vor allem, dass es ziemlich kompliziert werden dürfte, den möglichen widerständigen Charakter dieses High-End-Proletariats herauszukitzeln. Weil wir Leistungsträger der kreativen Klasse uns erfolgreich einreden ließen, dass es doch eine coole Sache sei, so ungebunden, selbstausbeuterisch, unterbezahlt zu werkeln, wie es im Künstlertum doch Usus ist! (Und weil Künstlertum das Coolste überhaupt ist, lässt sich das doch wunderbar ausweiten. Auf Journalisten, Werber, Sachbearbeiter, Busfahrer: alles Künstler! Alle glücklich, wenn sie ausgebeutet werden!) Ich fraß Pollesch-Stücke, „Smarthouse“ in Stuttgart, „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ am Hamburger Thalia, „24 Stunden sind kein Tag. Escape from New York“ an der Volksbühne, wo Pollesch bald die künstlerische Leitung des Praters übernahm, alle Stücke mehr oder weniger mit der gleichen These: Wie lässt sich, bitteschön, ein revolutionäres Subjekt konstruieren, wenn die Lebensumstände schon so entfremdet sind, dass man die Entfremdung als ganz natürlichen Zustand ansieht? Ich ignorierte, dass Polleschs politische Analyse oberflächlich blieb, in etwa auf dem Niveau Slavoj Zizeks, der ja ebenfalls mehr cool als gedanklich scharf ist, aber, hey!, was gibt es denn gegen Coolness einzuwenden? Ich ignorierte, dass Pollesch zumindest ein diskutables Autorenbild vor sich herzutragen schien, ein Autorenbild, das an einen Gottkünstler denken ließ, der seine Stücke grundsätzlich nicht zum Nachspielen freigab, weil niemand sie so gut inszenieren konnte wie der Meister selbst. (Dieses Bild wurde unfreiwillig revidiert durch den alles in allem misslungenen Episodenfilm „Stadt als Beute“, in dem Pollesch sich selbst spielte und dabei eine Art Einblick in das gab, was bei ihm Theaterproben sind: weniger ein Hinarbeiten auf eine Premiere zu, als ein kollektiver Diskurs, der sich eben nur in einer einzigen Inszenierung findet. Der Gedanke an eine Nachinszneierung dieser Stücke wäre entsprechend nicht defätistisch, aber doch ziemlich absurd.)

Spätestens ab „Fantasma“, 2008 am Wiener Burgtheater, hatte Pollesch dann seine Form gefunden: die durch den diskursiven Fleischwolf gedrehte Künstlertragödie. Der Künstler als tragischer Held des Neoliberalismus, sich fürs System aufopfernd: in „Mädchen in Uniform. Wege aus der Selbstverwirklichung“ am Hamburger Schauspielhaus oder in „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“ am Frankfurter Schauspiel tauchte er explizit auf, und man kam nicht umhin, hier René Pollesch zu sehen, wie er ein Stück nach dem anderen inszeniert, wie er Kritik am System übt und damit doch das System eigentlich stützt. „Ihr seid doch gar kein Chor, wie soll ich denn da eine Oper auf die Beine stellen?“, ruft Catrin Striebeck verzweifelt in der jüngsten Pollesch-Arbeit „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“, einer Coproduktion von Volksbühne und Hamburger Schauspielhaus. „Wir sind ein Netzwerk!“, antwortet der Chor.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. M., der als Redakteur beim Gießener Anzeiger arbeitete, erst in der Kultur, dann in der Politik, schließlich im Lokalen, sobald er sich in eine Redaktion reingearbeitet hatte, wurde er versetzt, M., der perfekte Arbeitnehmer, der Künstler, der selbstausbeuterische Selbstverwirklicher.

Man könnte jetzt erzählen, wie es war, gestern bei der Premiere von Herbert Fritschs „Raub der Sabinerinnen“ am Thalia Theater.
Man könnte erzählen, wie man diesem Stück überhaupt nichts abgewinnen konnte, einem Schwank, derb und laut, der seinen Reiz daraus zieht, die Grenzen zwischen dem Wohlgeordneten und dem Anderen, Ungezähmten erst leicht durchlässig zu machen, nur um sie dann umso strenger wieder hochzuziehen. Wie man solch einem Stück nichts abgewinnen konnte, aber dennoch den Hut ziehen musste vor dieser Inszenierung, dieser Inszenierung, die handwerklich perfekt war, alles ganz genau getimet, alles auf den Punkt, voller Freude am Spiel und Lust am lauten, hohen Ton.
Man könnte erzählen, dass es zwar eine allzu nahliegende Idee ist, den Satz „Ich höre meine Frau kommen!“ mit orgiastischem Stöhnen zu untermalen. Und dann, dass das egal ist, dass man nämlich Marina Galic noch nie so toll sah wie in dieser orgiastisch stöhnenden Rolle, Marianne, die es schafft, alle Sehnsucht auf ein wildes Leben an der Seite ihres (langweiligen) Mannes (Rafael Stachowiak) zu imaginieren, und zwar ohne die Gelegenheit zum Mienenspiel, weil nämlich die Maske Victoria Behrs alle Protagonisten zur starren Mimik zwingt. Und alle, ausnahmslos alle Darsteller meistern dieses Problem, großartig. Man könnte erzählen von einem Ensemble, in dem es keinen einzigen Ausfall gibt.
Man könnte erzählen, dass man sich erinnert, wie René Pollesch vor einigen Jahren Subversion und Politik im Boulevard entdeckte. Und dass man es ein wenig schade findet, wie Herbert Fritsch hier einen Schritt hinter Pollesch zurück geht, wie „Der Raub der Sabinerinnen“ nämlich kein Stück weit politisch ist und dass man diese Inszenierung auch nicht weiter denken kann, um irgendwo einen politischen Gehalt zu entdecken.
Man könnte erzählen, dass man es ein wenig doof fand und auch ein wenig langweilig, als Sebastian Zimmler als Papagei zum zehnten Mal gegen die Wand donnerte. Und dass man dann trotzdem wieder Tränen lachte, als er es auch noch ein elftes Mal machte, und ein zwölftes. Dass man sich irgendwann Sorgen machte um die körperliche Unversehrtheit dieses Ensembles, das zweieinhalb Stunden alles gab, seine Körper quälte, auf höchsten Touren, ohne Chance, auszubrechen.
Könnte man alles erzählen. Macht man ja auch, Rudolf Mast in der Nachtkritik, „das bereitet nicht nur ziemlich viel Spaß, sondern ist auch noch ziemlich wahr“ lobt er die Aufführung. Oder Werner Theurich, der auf SpOn mäkelt: „Eine halbe Stunde zu lang das Ganze. (…) Dennoch überbordender Beifall für alle Beteiligten, aber auch eine sanfte Erleichterung im Publikum, dass es nun mal gut war mit der Schmiere. Auch wenn’s noch so schön gekracht hat.“ Könnte man.

Man könnte sich aber auch auf das konzentrieren, was nach der Inszenierung kam. Man könnte sich auf den von Theurich erwähnten überbordenden Beifall konzentrieren, auf den Schlussapplaus, den Fritsch, das ist sein Markenzeichen, nicht nur wie üblich ordnet, sondern konsequent durchinszeniert. Fünf Minuten vielleicht, die viel über dieses Theater sagen, über dieses Theater, das gern mit Begriffen wie „wild“, „anarchisch“, „spielfreudig“ belegt wird. Der Applaus, das ist eigentlich der Moment, in dem die Schauspieler aus ihrer Rolle treten, die Maske abnehmen, das ist der Moment, in dem wir Karin Neuhäuser sehen und nicht mehr Theaterdirektorin Striese. Der Applaus, das ist der Moment, in dem wir eigentlich in Kontakt treten dürfen mit den Darstellern, das ist auch der Moment, in dem wir theoretisch unseren Unmut kundtun könnten: „Buh!“
Bei Fritsch können wir das nicht, weil die Darsteller hier in ihrer Rolle bleiben, über den letzten Vorhang hinaus. Bei Fritsch gibt es keine Kommunikationsmöglichkeit zwischen Publikum und Darstellern, weil die Darsteller gar nicht auftauchen: Auch während des Applauses bleibt Striese auf der Bühne, es läuft Musik, die Figuren tanzen, aber ob sich da jemand freut über dieses tosende Klatschen, das wissen wir nicht. Dieser durchinszenierte Applaus zeigt, dass das Theater des Herbert Fritsch in keiner Weise „wild“ oder „anarchisch“ ist, es ist im Gegenteil bis ins Letzte kontrolliert. Und auch irgendwo autoritär.
Und niemand sagt, dass das schlimm sein muss. Nur bedenken, das sollte man es.